DAS RÖNTGEN-MUSEUM IN REMSCHEID-LENNEP

DIE UNSICHTBARE SENSATION

Bei Führungen erfahren Besucher alles über die Röntgentechnik.
Bei Führungen erfahren Besucher alles über die Röntgentechnik.
Röntgenstrahlen sind unsichtbar, trotzdem haben sie uns eine verborgene Welt enthüllt. Es ist eine Welt voll erstaunlicher Kontraste, wie das Deutsche Röntgen-Museum in Remscheid-Lennep beweist. Vom Physiklabor bis hin zur Jahrmarktsbude erlebt man hier das faszinierende Panorama einer wissenschaftlichen Sensation mit all ihren aufsehenerregenden und manchmal auch kuriosen Folgen. Überall gibt es etwas zu entdecken und auszuprobieren. Man kann durch den "Zeittunnel" wandern, darf neugierig in fremden Schränken herumstöbern und sogar dreidimensionale Blicke in die Vergangenheit werfen. Natürlich erfährt man auch, wer eigentlich Wilhelm Conrad Röntgen aus Lennep war: Ein weltberühmter Physiker, der mit seiner großen Entdeckung nie Geld verdiente – und dennoch ein Vermögen verlor.

Es war eine Novembernacht des Jahres 1895, die die Welt verändern sollte. In seinem Würzburger Labor experimentierte Wilhelm Conrad Röntgen damals mit einer Kathodenröhre. Das ist eine Art Glaskolben, in dem ein Gasgemisch durch elektrische Entladungen zum Leuchten gebracht wird. Moderne Neonröhren arbeiten nach einem ähnlichen Prinzip. Röntgens Entdeckung war allerdings deshalb so aufregend, weil sie auch funktionierte, wenn man den Glaskolben lichtdicht abschirmte. Trotz einer Hülle, die jede Helligkeit verschluckte, begannen in der Nähe des Kolbens manche Materialien immer noch wie von Geisterhand zu schimmern – sie "fluoreszierten", ähnlich wie man es von vielen Zifferblättern kennt.

Faktor X
Die Physikerin Marie Curie trat ernsthaft für die Strahlendiagnostik ein.
Die Physikerin Marie Curie trat ernsthaft für die Strahlendiagnostik ein.
Doch damit nicht genug: Obwohl alles völlig dunkel blieb, "belichtete" die abgeschirmte Kathodenröhre sogar Fotoplatten und Fotopapier. Und was für seltsame Aufnahmen kamen da zum Vorschein. Neugierig legte Röntgen seine Finger auf eine Fotoplatte – als das Bild entwickelt war, zeigte es nicht das das Äußere, sondern das Innere der Hand: Der Forscher sah seine eigenen Fingerknochen!

Es gab keinen Zweifel: Von der Röhre ging eine rätselhafte Strahlung aus. Röntgen nannte sie "X-Strahlung". X stand für das Unbekannte. Paradoxerweise sollte dieses Unbekannte aber schon bald weltberühmt werden. Denn kaum hatte die Presse davon erfahren, verbreitete sich die Nachricht von der Strahlung, die viele lichtundurchlässige Materialien problemlos durchdrang, wie ein Lauffeuer. Die Lüftung eines wissenschaftlichen Geheimnisses eröffnete der Menschheit im wahrsten Sinne des Wortes ganz neue Perspektiven.

In einem Bus wurde die Röntgendiagnostik mobil eingesetzt und demonstriert.
In einem Bus wurde die Röntgendiagnostik mobil eingesetzt und demonstriert.
Ein wenig geheimnisvoll wirkt es auch heute noch, im Röntgen-Museum den schweren Vorhang vor dem abgedunkelten Raum beiseitezuschlagen, in dem der Versuchsaufbau von 1895 demonstriert wird. Während man sich in die Zeit vor über 100 Jahren zurückversetzt, kann es passieren, dass unversehens ein altertümliches Wandtelefon klingelt. Abnehmen ist erlaubt – im Hörer künden aufgeregte Stimmen vom Beginn der "Röntgenmania", die die Welt schon bald in ihren Bann ziehen sollte.

Röntgenstrahlen auf dem Jahrmarkt
Wilhelm Conrad Röntgens Name wurde so berühmt, dass man noch heute allgemein vom "röntgen" spricht, wenn es um Strahlendiagnostik geht. Innerhalb von wenigen Jahren prasselten auf den Forscher fast 40 wissenschaftliche Auszeichnungen ein. Die bedeutendste Ehrung erlebte Röntgen dabei in Stockholm, wo er 1901 den erstmals vergebenen Physiknobelpreis erhielt. Dem Festakt und seinen spannenden Hintergründen ist im Museum ein ganzer Raum gewidmet. Wer will, kann hier selbst ans Rednerpult treten – und vielleicht den Vortrag halten, den der öffentlichkeitsscheue Preisträger dem Nobelpreiskomitee Zeit seines Lebens schuldig blieb.

Röntgen, der 1896 auch Ehrenbürger seiner Geburtsstadt Lennep wurde, war sicherlich kein verkanntes Genie – ein manchmal milde belächeltes aber schon. Der berühmte amerikanische Erfinder Thomas Alva Edison bespöttelte den deutschen Professor, weil der auf sämtliche Patentrechte und die damit verbundenen Einnahmen verzichtete.

Im neuen Ausstellungsbereich wird mit einem nachgebauten Feldlazarett demonstriert, wie die Röntgenstrahlung zur Behandlung von Verwundeten in Kriegszeiten eingesetzt wurde.
Im neuen Ausstellungsbereich wird mit einem nachgebauten Feldlazarett demonstriert, wie die Röntgenstrahlung zur Behandlung von Verwundeten in Kriegszeiten eingesetzt wurde.
Edison selbst vermarktete die X-Strahlen hingegen jahrelang als Angebot für Schaulustige, die einen Blick in den eigenen Körper wagen wollten. Andere Veranstalter taten es ihm nach, und die neue Entdeckung entwickelte sich schließlich zur regelrechten Kirmesattraktion. Im Gewölbekeller des Museums kann man in die bizarre Welt der "Röntgenshows" eintauchen. Man hört dabei auch die Anekdote von der höchst praktisch denkenden Braut, die sich per Strahlendiagnose vom ordnungsgemäßen Innenleben ihres Zukünftigen überzeugen wollte. Doch solche und andere zeitgenössische Presseberichte offenbaren vor allem eins – eine gefährliche Naivität. Überdosierte Röntgenstrahlen können zu Verbrennungen, Organschäden und genetischen Veränderungen führen. Um 1900 bestrahlte man die Menschen trotzdem manchmal bis zu dreißig Minuten lang. Strahlenschutz war ein Fremdwort, und 1904 bezahlte das etwa Edisons Chefassistent mit dem Leben. Bei all dem blieb Röntgen der reine Wissenschaftler, der er war. Auf eine kommerzielle Verwertung seiner Entdeckung war er nicht angewiesen, denn als Erbe eines reichen Tuchhändlers besaß er bereits ein sehr großes Vermögen. Dass er es mitsamt der Nobelpreissumme in der beginnenden Inflation nach dem Ersten Weltkrieg verlor, gehörte zu den Ereignissen, die seinen Lebensabend überschatteten. Am heftigsten traf ihn der Tod seiner Frau Bertha, die 1919 nach fast fünfzig glücklichen Ehejahren verstarb.

Fotopionier in 3D
Vorbei war damit auch die Zeit der gemeinsamen Reisen in die Berge, die Röntgen liebte, obwohl er als Freizeitalpinist mit Hang zum Wagemut bisweilen in ziemlich prekäre Situationen geriet. Weniger gefährlich erscheint da schon seine Leidenschaft für die Fotografie. Röntgen besaß sogar eine stereoskopische Kamera für dreidimensionale Aufnahmen. Daher kann man den 1923 verstorbenen Forscher heute noch betrachten, als stände er lebendig da: Ein "Guckkasten" im Röntgen-Museum enthält zahlreiche seiner 3D-Fotos.

Durch alte Geräte und Praxiseinrichtungen wird man in die frühe Zeit der Röntgenbehandlung versetzt.
Durch alte Geräte und Praxiseinrichtungen wird man in die frühe Zeit der Röntgenbehandlung versetzt.
Das Röntgen-Museum in Remscheid-Lennep blickt auf eine lange Geschichte zurück, wurde es doch schon im Jahr 1930 gegründet. Es ist aber längst nicht mehr nur ein Museum, sondern auch ein Anlaufpunkt für die Wissenschaft. Überdies veranstaltet es Strahlenschutzlehrgänge. Seit 2005 befindet sich das Haus in einer groß angelegten Phase des Umbaus und der Neukonzeptionierung. Im Januar 2010 wurde der zweite Bauabschnitt eröffnet. Die Besucher erleben jetzt ein deutlich erweitertes Angebot und einen fesselnden Rundgang durch die Wissenschaftsgeschichte. Dabei wird übrigens auch an jene Zeiten erinnert, als es noch keine Röntgenstrahlen gab und der Blick in den menschlichen Körper buchstäblich noch blutige "Aufschneiderei" bedeutete.

An den zahlreichen aufgebauten Versuchen können sich Interessierte im Experimentallabor auf die Spuren von Röntgens ersten Tests begeben.
An den zahlreichen aufgebauten Versuchen können sich Interessierte im Experimentallabor auf die Spuren von Röntgens ersten Tests begeben.
Madame Curie
Die X-Strahlen revolutionierten die Medizin, aber sie entfalteten ihren Nutzen leider nicht immer im Zeichen des Friedens. Daran erinnert im Lenneper Museum ein nachgebautes Feldlazarett aus dem Ersten Weltkrieg. Hier begegnet man auch der ersten Frau, die – zwei Jahre nach Röntgen – den Physiknobelpreis erhielt. Gemeint ist die berühmte Strahlenforscherin Marie Curie. Während des Kriegs entwickelte sie mobile Röntgenstationen, die sie mit großem humanitärem Engagement teilweise selbst an die Front steuerte. Die "petites curies", wie diese Wagen genannt wurden, retteten vielen verletzten Soldaten das Leben. Die Weiterentwicklung und die vielen Anwendungsgebiete der Röntgentechnik bis in die Gegenwart hinein illustriert das Museum anhand zahlreicher historischer Medizinapparate, die durch moderne Multimedia-Installationen erläutert werden. Auch einen "Röntgenbus" der 60er-Jahre, wie er bei Tuberkulose-Reihenuntersuchungen eingesetzt wurde, kann man betreten – natürlich strahlungsfrei. Röntgenstrahlen haben nicht nur medizinische Bedeutung. Mit ihrer Hilfe lassen sich auch Kunstfälschungen erkennen, Materialien prüfen oder archäologische Objekte untersuchen, wie etwa die 900 Jahre alte peruanische Mumie, die dem Museum gehört. Was einmal mehr unterstreicht: Die X-Strahlen sind zwar unsichtbar, bringen aber trotzdem Licht in so manches Dunkel. Kein Wunder, dass das Röntgen-Museum zum kulturellen Leuchtturm für das Bergische Land geworden ist.
Ein X zwischen Tuch und Schiefer

Im "Sonic Chair" können die Besucher Multimedia-Informationen an einem schwenkbaren Bildschirm abrufen.
Im "Sonic Chair" können die Besucher Multimedia-Informationen an einem schwenkbaren Bildschirm abrufen.
Wilhelm Conrad Röntgen kam 1845 in der damals noch selbstständigen Kreisstadt Lennep zur Welt. Sein Elternhaus liegt nur etwa 150 Meter vom Röntgen-Museum entfernt. Die Familie wanderte kurz nach der Geburt des kleinen Wilhelm Conrad in die Niederlande aus. Der Vater war als Tuchhändler im Bergischen Land zu Wohlstand gekommen. Im Tuchmachermuseum kann man sich einen Eindruck davon verschaffen, was das Gewerbe für die Gegend einst bedeutete.

Auch ein Gang durch die idyllische Lenneper Altstadt mit ihren schieferverkleideten Häusern ist überaus lohnend. Erreicht man ein Haus, das scheinbar "angekreuzt" ist, so steht man vor dem Röntgen-Museum: Ein großes X symbolisiert dort die Entdeckung der Röntgenstrahlen. Nach wie vor sucht das Museum Förderer und Unterstützer, denn in einem dritten Bauabschnitt soll künftig noch ein weiteres Gebäude in die faszinierende Ausstellung miteinbezogen werden.

Stand der Angaben: Magazin der NRW-Stiftung 1/2010


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Für Mitglieder des Fördervereins ist der Eintritt ermäßigt.

Bei vielen Projekten erhalten die Mitglieder des Fördervereins vergünstigten Eintritt. [mehr]
Die NRW-Stiftung unterstützte auf Anregung der Freunde und Förderer des Röntgen-Museums den Ausbau des Deutschen Röntgen-Museums in Remscheid-Lennep, das seit Januar 2010 eine deutlich erweiterte Ausstellungs- und Veranstaltungsfläche hat. Ein weiterer Bauabschnitt ist für einen späteren Zeitpunkt geplant.

Googlemap aufrufenDeutsches Röntgen-Museum
Schwelmer Straße 41
42897 Remscheid
Telefon: 0 21 91 / 16 33 84
www.roentgenmuseum.de

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