NATURSCHUTZGESCHICHTE IN NORDRHEIN-WESTFALEN

IM DIENST DER NATUR

Fast 60 Jahre seines Lebens war Hermann Brombach (1922 – 2009) mit der Bayer AG verbunden und wirkte als engagierter Naturschützer in seiner Heimatstadt Leverkusen
Fast 60 Jahre seines Lebens war Hermann Brombach (1922 – 2009) mit der Bayer AG verbunden und wirkte als engagierter Naturschützer in seiner Heimatstadt Leverkusen
Das Bayer-Kreuz kennt jeder, der gelegentlich den Kölner Norden auf der A1 oder der A3 umfährt – der Name Hermann Brombach wird dagegen den wenigsten etwas sagen. Was beide miteinander zu tun haben? Nun, der Naturschützer und Vogelkundler Brombach sorgte dafür, dass die nächtliche Beleuchtung des Leverkusener Wahrzeichens im Frühjahr und Herbst für mehrere Wochen abgeschaltet wird. Vorher war sie eine Todesfalle für Tausende von Zugvögeln gewesen. Nachzulesen ist dieses Detail in einem biografischen Lese- und Handbuch über die Naturschutzbeauftragten, die im vergangenen Jahrhundert im Gebiet von Nordrhein-Westfalen tätig waren. Das Buch "Im Dienst der Natur" bezeugt all jenen die verdiente Anerkennung, die für den Naturschutz ihre ganze Freizeit – nicht selten viele Jahre – opferten.

Der Sauerländer Wilhelm Lienenkämper (1899–1965) kämpfte seit 1925 für die Popularisierung des Naturschutzes und setzte dabei auch auf die Medien Hörfunk und Film.
Der Sauerländer Wilhelm Lienenkämper (1899–1965) kämpfte seit 1925 für die Popularisierung des Naturschutzes und setzte dabei auch auf die Medien Hörfunk und Film.
Neben dem Werdegang Brombachs, der auf dem Bayer-Werksgelände Wanderfalken ansiedelte und sich in Leverkusen, Solingen und Köln über 50 Jahre lang für den Schutz seiner Umwelt einsetzte, sind in dem 2009 erschienenen Buch kurze Lebensläufe von 357 weiteren Personen zusammengetragen. Die Autoren, die Historikerin Almut Leh und der ehemalige Referatsleiter im Umweltministerium des Landes, Hans-Joachim Dietz, hatten sich nämlich die Aufgabe gestellt, all jene Personen zu würdigen, die den ehrenamtlichen Naturschutz im Gebiet unseres Bundeslandes prägten.

Intensive Recherchen waren notwendig, um die verstreuten Informationen zu dem genannten Personenkreis zu erschließen. Daneben beschreiben sie den Aufbau des nordrhein-westfälischen Naturschutzes vom Inkrafttreten des Reichsnaturschutzgesetzes im Jahr 1908 bis zu seiner Ablösung durch das nordrhein-westfälische Landschaftsgesetz 1975.

Mitarbeiter der Bezirksstelle Detmold im Jahr 1955 auf der Fähre Petershagen-Windheim.
Mitarbeiter der Bezirksstelle Detmold im Jahr 1955 auf der Fähre Petershagen-Windheim.
Der Zeugungsakt des Naturschutzes
Doch jedes Gesetz hat eine Vorgeschichte: Wo entstand der Gedanke, dass Pflanzen, Tiere und Lebensgemeinschaften Naturgüter sind, die es verdienen, um ihrer selbst willen erhalten zu werden? Und wer trug die Idee, Schutzgebiete einzurichten, ins Parlament? Das Buch kennt die Antwort: Es war der vor 150 Jahren geborene Breslauer Lehrer und Abgeordnete Wilhelm Wetekamp. Mit einer denkwürdigen Rede sorgte er im März 1898 für den entscheidenden Anstoß bei den Mitgliedern des preußischen Landtags.

Vorher war die Natur meist als unerschöpfliche Reserve betrachtet worden, in der man sich nach Lust und Laune bedienen konnte oder der man im Interesse des Gemeinwohls "etwas abrang". Der aus Lippstadt stammende Wetekamp vertrat dagegen die Ansicht, dass die Natur unter der fortschreitenden Kultivierung der Landschaft litt. Folgerichtig entwickelte er die Idee, Schutzgebiete einzurichten, die er "Staatsparks" nennen wollte. Sein Appell hatte Folgen, wenn auch zunächst sehr bescheidene. Die ersten Gesetze, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlassen wurden, gehörten nämlich eher in den Bereich Kosmetik, zielten sie doch darauf ab, der "Verunstaltung des Landschaftsbildes mit Reklameschildern" Einhalt zu gebieten.

Geheimrat Wilhelm Wetekamp
Geheimrat Wilhelm Wetekamp
Den ersten ernsthaften Schritt ging die Regierung erst, als sie im Jahr 1906 einen anderen Vordenker des Naturschutzes, Hugo Conwentz, beauftragte, eine staatliche Stelle für Naturdenkmalpflege einzurichten. Damit war die Sorge für gefährdete Lebensräume, Wildpflanzen und -tiere offiziell als staatliche Aufgabe anerkannt. Von der Geburt des amtlichen Naturschutzes zu sprechen, wäre keine Übertreibung, wenngleich das Kind kränkelte und nur langsam gedieh. Jahrzehntelang bekamen die Kreis- und Bezirksbeauftragten kein Geld dafür, wenn sie ihrem Auftrag nachkamen, Verwaltungsbeamte fachlich zu beraten, und in aller Regel durften sie ihre Kenntnisse ausschließlich in ihrer knappen Freizeit weitergeben.

Die Natur – ein Krämerladen?
Mancher Ehrenamtler hatte wegen seines Engagements berufliche Nachteile und musste sich nicht selten als Fortschrittsfeind beschimpfen lassen. Der westfälische Naturschützer Wilhelm Lienenkämper (1899–1965) prangerte diesen Missstand immer wieder an: "Wer eine staatliche Aufgabe verlangt, aber keine Mittel zu ihrer Bewältigung vergibt, handelt entweder nicht folgerichtig oder treibt Schindluder mit dem Idealismus der Einsatzbereiten." Lienenkämper selbst hatte schon früh die Berufung verspürt, "etwas zu unternehmen, damit aus der Natur kein Krämerladen werde". Dennoch vergingen Jahrzehnte, bis der Naturschutz hauptamtlich organisiert wurde: Erst in den 1960er-Jahren wurden die Naturschutzbeauftragten aus dem Landeshaushalt bezahlt.
Zufluchtsorte für Flora und Fauna

Mit 358 Kurzbiographien, 12 biographischen Porträts und rund 100 Fotos präsentiert das Buch das Leben und Handeln der Naturschutzbeauftragten.
Mit 358 Kurzbiographien, 12 biographischen Porträts und rund 100 Fotos präsentiert das Buch das Leben und Handeln der Naturschutzbeauftragten.
Im März 1898 entwickelte Geheimrat Wilhelm Wetekamp (Bild) vor dem preußischen Abgeordnetenhaus seine Ideen für Naturreservate: " ... Wenn etwas wirklich Gutes geschaffen werden soll, so wird nichts übrig bleiben, als gewisse Gebiete unseres Vaterlandes zu reservieren; ich möchte den Ausdruck gebrauchen: in ,Staatsparks‘ umzuwandeln – allerdings nicht in Parks in dem Sinne, wie wir sie jetzt haben, nämlich mit einer künstlichen Nachahmung der Natur durch gärtnerische Anlagen, sondern in Gebiete, deren Haupteigenschaft die ist, dass sie unantastbar sind. Dadurch ist es möglich, solche Gebiete, die noch im natürlichen Zustande sind, in diesem Zustande zu erhalten, oder auch in anderen Fällen den Naturzustand einigermaßen wieder herzustellen. Und zwar handelt es sich hier nicht allein um Waldgebiete, sondern auch um andere Bodenformen, wie Moore, Heiden u.s.w. Diese Gebiete sollen einerseits dazu dienen, gewisse Boden- und Landschaftstypen zu erhalten, anderseits dazu, der Flora und der Fauna Zufluchtsorte zu gewähren, wo sie sich erhalten können..."

Stand der Angaben: Magazin der NRW-Stiftung 3/2009


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Auf Anregung der Stiftung Naturschutzgeschichte unterstützte die NRW-Stiftung die
Herausgabe des Buches "Im Dienst der Natur – ein biografisches Lese- und Handbuch zur Naturschutzgeschichte in Nordrhein-Westfalen" von Almut Leh und Hans-Joachim Dietz.
Erschienen ist das Werk 2009 im Klartext-Verlag, Essen. 29,95 Euro, ISBN: 978-3-8375-0016-5
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