DENKMALPFLEGE-WERKHOF IN STEINFURT

DAS BAUSTOFF-ANTIQUARIAT

Günther Borowski (l.) und Andreas Fischer bieten Baustoffhandel und ländliches Idyll.
Günther Borowski (l.) und Andreas Fischer bieten Baustoffhandel und ländliches Idyll.
Moderne Baumärkte verkaufen Türen, Fenster oder Fliesen nach dem Supermarktprinzip: Vorrätig ist, was stark nachgefragt wird. Bei der Sanierung eines alten oder gar denkmalgeschützten Hauses verträgt sich die gängige Massenware allerdings selten mit dem historischen Flair der Architektur. Doch zum Glück zeigt der Denkmalpflege-Werkhof im münsterländischen Steinfurt, dass man auch auf alte Steine noch bauen kann. Zugleich schafft er dabei neue Fundamente für das Leben von Menschen in schwierigen sozialen Lagen.

Die Abfall- und Reststoffberge, die in Deutschland alljährlich in den Himmel wachsen, bestehen zur Hälfte aus Bauschutt. Leider landen aber nicht nur graue Mauern, sondern oft auch schöne alte Baukeramik, Klinker, Dachschindeln, Türen oder Verglasungen auf den Deponien – Materialien, die von der Denkmalpflege oder von Altbaubesitzern bisweilen händeringend gesucht werden. Umso einleuchtender ist die Idee des Denkmalpflege-Werkhofs: Er sammelt historisches Baumaterial, wie es beim Abbruch von mindestens fünfzig Jahre alten Gebäuden anfällt, bietet es zum Kauf an und entlastet so die Abfallhalden. Abbruch – dabei denkt man an das Wüten von Abrissbirnen und schweren Baggern. Ein geordnetes Baustoffrecycling versucht, Trümmerhaufen aber möglichst zu vermeiden. Stattdessen kann es Wochen oder sogar Monate dauern, um ein altes Bauernhaus oder eine alte Scheune Ziegel für Ziegel, Platte für Platte und Klinker für Klinker zu demontieren.

Der Denkmalpflege-Werkhof in Steinfurt ist wohl der ungewöhnlichste "Baumarkt" in NRW und ein Eldorado für Altbaubesitzer und Architekturliebhaber.
Der Denkmalpflege-Werkhof in Steinfurt ist wohl der ungewöhnlichste "Baumarkt" in NRW und ein Eldorado für Altbaubesitzer und Architekturliebhaber.
Eine Windmühle als Zwickmühle
Das Material wird von der Mannschaft des Werkhofs direkt vor Ort auf seine weitere Verwendbarkeit geprüft. Manchmal können 80 Prozent eines Gebäudes gerettet werden, wie Projektkoordinator Andreas Fischer zu berichten weiß, manchmal ist es auch nur ein einzelner Erker.

Hinweise auf interessante Objekte erhält der Werkhof durch seine Kooperation mit der Denkmalpflege und vielen anderen öffentlichen und privaten Partnern. Es war die zweihundert Jahre alte Windmühle Hollich bei Steinfurt, die den Anstoß zu dem Werkhof-Projekt gab. Denn als sich Steinfurter Heimatfreunde Mitte der 1980er-Jahre daran machten, das marode Bauwerk zu sanieren, wurde die Windmühle rasch zur Zwickmühle, weil sich zeitgerechte Baumaterialien wie Feldbrandsteine nicht so ohne Weiteres beschaffen ließen. Den Abbruch vermeiden, aber einen Stilbruch begehen? Als Lehre und Ausweg aus diesem Dilemma kam es 1989 zur Gründung des Vereins "Denkmalpflege Werkhof e.V.".

Und so reckt die Hollicher Mühle auch im 21. Jahrhundert noch ihre Flügel in den Himmel. Die Mühle liegt in der Nähe eines alten Bauerngehöfts, das als Standort und Materiallager des Werkhofs dient. Das Hofgebäude aus den 1920er-Jahren wurde dafür in jahrelanger Arbeit instandgesetzt, zusätzlich hat man ein Fachwerkhaus und ein altes Back- und Brauhaus auf das 1,8 Hektar große Hofgelände umgesetzt und saniert. Besucher sind herzlich eingeladen, teils unter freiem Himmel, teils in einem alten Stall nach Sandsteinplatten, Dachpfannen, alten Türen oder Beschlägen zu stöbern – ganz nach Bedarf und Interesse. Kompetente Materialberatung gibt es dabei direkt vor Ort.

Besucher können nach Sandsteinplatten, Dachpfannen, alten Türen oder Beschlägen stöbern - kompetente Beratung gibt es direkt vor Ort.
Besucher können nach Sandsteinplatten, Dachpfannen, alten Türen oder Beschlägen stöbern - kompetente Beratung gibt es direkt vor Ort.
Bausteine für Menschen
Bis nach Stralsund hat der Werkhof schon Material geliefert. Aber natürlich findet man die Spuren seiner Arbeit auch in der nahen Steinfurter Umgebung, etwa am ehemaligen Zisterzienserinnenkloster Gravenhorst in Hörstel. Der Werkhof ist aber nicht nur ein "Baustoff-Antiquariat", sondern zugleich auch eine soziale Einrichtung. Sie richtet sich an Menschen, die auf dem Arbeitsmarkt keine oder nur geringe Chancen haben und für die auch eine berufliche Qualifikation aus persönlichen Gründen oft unerreichbar bleibt. Mit Kombilohnmodellen und Brückenjobs, zum Teil finanziert aus dem EU-Sozialfonds, können sie auf dem Werkhof einen Teil ihres Einkommens selbst erwirtschaften – beim Fliesensäubern und Holzsortieren oder bei einfachen Aufräum- oder Packarbeiten, mit denen sich der Werkhof von anderen Betrieben beauftragen lässt.

Der Werkhof ist eine gute Idee, die sich längst schon weiterverbreitet hat. Ähnliche Einrichtungen gibt es auf der Wasserburg Liepen in Mecklenburg-Vorpommern und im thüringischen Stadtroda-Gernewitz. Alle drei Werkhöfe kooperieren miteinander. Und alle drei sorgen dafür, dass der Begriff "altes Haus" auch künftig als Kompliment aufgefasst werden darf.
Im Steinbruch der Geschichte

Die Wiederverwendung von Baumaterial hat eine Tradition, die Jahrtausende zurückreicht – mal mehr, mal weniger zur Freude der Historiker und Archäologen. Viele Gebäude Kairos wurden zum Beispiel aus den herabgeschlagenen Verkleidungen der ägyptischen Pyramiden errichtet, die heute daher gewissermaßen "nackt" vor uns stehen.

Auch die alten Römer betrieben ein eifriges Baustoffrecycling. So manches römische Grabmal, das wir heute bewundern, hat sich nur deshalb erhalten, weil es irgendwann im Fundament oder in den Wänden eines viel späteren Bauwerks vermauert worden ist. Bauelemente, die erkennbar aus einem anderen architektonischen Zusammenhang stammen, nennen die Fachleute "Spolien".

Stand der Angaben: Magazin der NRW-Stiftung 3/2009


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Die NRW-Stiftung hat im Hollicher Esch bei Steinfurt ein ehemals landwirtschaftlich genutztes Anwesen erworben und die Restaurierung bezuschusst. Es dient heute als Denkmalpflege-Werkhof. Von hier aus wurde mit Unterstützung der NRW-Stiftung auch die benachbarte Hollicher Mühle restauriert.

Googlemap aufrufenDenkmalpflege-Werkhof Steinfurt
Hollich 145
48565 Steinfurt
Telefon: 02551 70291-0
Fax: 02551 70291-18
info@denkmalpflege-werkhof-steinfurt.de

www.denkmalpflegewerkhof-steinfurt.de

Öffnungszeiten:
Mo. - Do.: 8-16.45 Uhr
Fr.: 8-13 Uhr
Von Mai bis September zusätzlich: jeden 1. Samstag im Monat von 14-17 Uhr

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