DIE WUPPERHÄNGE VON WITZHELDEN

UNBEKANNTES WUPPER-TAL

An den Talflanken und Bachtälern der Wupperaue brüten nicht weniger als 55 verschiedene Vogelarten.
An den Talflanken und Bachtälern der Wupperaue brüten nicht weniger als 55 verschiedene Vogelarten.
Niemand muss Angst haben, bei Witzhelden über die Wupper zu gehen. Der Abstecher auf eine der Brücken bei Glüder oder Wupperhof ist sogar ein besonders empfehlenswerter Einstieg, um sich von der landschaftlichen Schönheit dieses Talabschnitts zu überzeugen. Der Fluss, seine Ufer und die bewaldeten Hänge bilden ein landschaftliches Gesamtkunstwerk, und wer Zeit hat, folgt dem Fußweg, der auf halber Höhe am Berg entlangläuft. Der Pfad quert zwei Bachtälchen und gewährt malerische Ausblicke ins Tal der Wupper und auf die am Hang verstreuten Felsen.

In Kurven, auf und ab, führt der Pfad durch einen Mischwald aus Rotbuchen, Trauben-Eichen und Birken. Am Talgrund bilden Eschen und Schwarzerlen das mehrschichtige Laubdach. Unter Stechpalmenbüschen schimmert das frische Grün der Hainsimsen, Moospolster wechseln mit den Teppichen des Sauerklees und den fettig-glänzenden Blattbüscheln der Drahtschmiele. "In einigen Felsnischen gibt es auch den Prächtigen Dünnfarn", berichtet Jan Boomers. Er ist der Leiter der Biologischen Station Mittlere Wupper. "Das ‚Prächtige‘ im Namen ist allerdings ein bisschen irreführend", erläutert er, "in Deutschland bildet die Art keine richtigen Sprosse, sondern nur sogenannte Prothallien, die wie ein grüner Filz aussehen." Eigentlich liegen die Flächen südlich der Wupper jenseits von Boomers Revier, aber der Ökologe betrachtet die Wupperaue als Einheit: "Wir halten das wie die Vögel, die kehren ja auch nicht an der Kreisgrenze um."

Gut versteckt am Prallhang hat der Eisvogel seinen Brutplatz. Im sauberen Wasser der Wupper findet er reichlich Nahrung.
Gut versteckt am Prallhang hat der Eisvogel seinen Brutplatz. Im sauberen Wasser der Wupper findet er reichlich Nahrung.
Ein kaiserlicher Holzwurm
Der Wald beherbergt übrigens noch ein anderes Geschöpf, das mehr verspricht, als sein Aussehen hält. Es ist der "Kaiserliche Pochkäfer" (Hedobia imperialis). Seinen hoch gestapelten Namen erhielt der 4 mm kleine Krabbler nur deshalb, weil das Muster auf seinen Deckflügeln den Erstbeschreiber Carl von Linné an einen Adler mit halb geöffneten Schwingen erinnerte, und der war nun mal ein Symbol des Kaisers. Die Verwandtschaft des Käfers hat dagegen ein zweifelhaftes Image. Die Larven sind typische "Holzwürmer" und nagen, kaum dass sie aus dem Ei geschlüpft sind, lange, gewundene Gänge ins Holz.

Für Balken und Möbel interessiert sich Hedobia imperialis allerdings nicht. Er macht sich nur an feuchtem Totholz im Wald zu schaffen. Deshalb stellen Ökologen einem Wald, in dem der Pochkäfer und viele weitere "xylobionte" (von Totholz lebende) Arten vorkommen, ein gutes Zeugnis aus, denn ihr Vorhandensein ist ein Indiz für eine hohe Vielfalt und große Naturnähe.

Jan Boomers und Clarisse Zschernitz beim Rundgang durchs Betscheider Bachtal.
Jan Boomers und Clarisse Zschernitz beim Rundgang durchs Betscheider Bachtal.
Hinter eines Baumes Rinde...
Wie in Heinz Erhardts Gedicht von der Made finden vermutlich die meisten Käferlarven ein vorzeitiges Ende im Magen eines Spechts. In der Wupperaue, an den steilen Talflanken und in den kaum zugänglichen Bachtälern, brüten nämlich nicht weniger als 55 verschiedene Vogelarten, von denen mindestens sechs ihre Nahrung gezielt an den Stämmen und Ästen alter oder abgestorbener Bäume suchen. Die bunte Schar der Gefiederten und die Vielfalt der Insekten sind damit Ausdruck des gleichen Phänomens: Die Hänge nördlich der Ortschaft Witzhelden weisen eine abwechslungsreiche Mischung verschiedener Waldtypen auf - und es gibt dort kaum Störungen. Ursache ist die Steilheit des Geländes, wegen der große Teile des Waldes in den vergangenen Jahrzehnten gar nicht oder nur unregelmäßig bewirtschaftet wurden. In den 1990er-Jahren drohte dem Dornröschenwald allerdings ein jähes Erwachen. Gerade in einer Phase, als Naturschützer aus der Region den hohen ökologischen Wert des Talabschnitts erkannten, sollten die vielen kleinen Privatwaldparzellen in einem Flurbereinigungsverfahren neu geordnet und durch Forstwege erschlossen werden.

Unzerschnittene Quellbäche
Der Kleiber teilt sich mit mehreren Spechtarten und Baumläufer den Wald.
Der Kleiber teilt sich mit mehreren Spechtarten und Baumläufer den Wald.
Der Bau neuer Forstpisten und der häufigere Holzeinschlag hätten jedoch ein denkbar schlechtes Szenario für Waldbaumläufer, Kleiber und Schwarzspecht bedeutet. Auch Wanderer und Naturfreunde hätten dann von einem reizvollen Fußpfad auf eine geschotterte Waldstraße wechseln müssen - keine schöne Vorstellung für die Zukunft des Idylls an der Wupper. Um die Zerschneidung der vielen Quellbäche und der naturnahen Hangwälder abzuwenden, bot die NRW-Stiftung an, rund 40 Hektar des privateigenen Waldbesitzes zu erwerben. Das Amt für Agrarordnung Siegburg vermittelte Kauf und Tausch in dem schon laufenden Flurbereinigungsverfahren. Zusammen mit den benachbarten, bereits im Landeseigentum befindlichen Waldflächen bot sich dadurch die Chance, ein über 200 Hektar großes Waldnaturschutzgebiet zu schaffen - eine überaus positive Ausnahme in diesem Naturraum. Da der Prallhang der Wupper völlig unzugänglich ist, siedelte sich hier bald der Eisvogel an, und mittlerweile hat sogar ein Uhu die felsigen Waldpartien in sein Revier einbezogen.
Nicht Schlecht, der Specht

Wie ist es möglich, dass sich mehrere Spechtarten, dazu noch Kleiber und Baumläufer einen Wald teilen, ohne sich gegenseitig in die Quere zu kommen? Die Antwort: Jede Art hat Fähigkeiten entwickelt, die eine ernste Konkurrenz zwischen ihnen vermeidet: Der Schwarzspecht besitzt den kräftigsten Schnabel und ist in der Lage, Insektenlarven auch aus dicken Baumstubben zu meißeln. Seine Höhle zimmert er in alten Buchen oder Kiefern. Der Grünspecht sucht gern Nahrung am Boden, jagt mit Vorliebe Ameisen und baut seine Höhle oft in einem Baum, der außerhalb des dichten Waldes steht. Auch der spatzengroße Kleinspecht meidet den dichten Wald. Das Leichtgewicht erbeutet Spinnen und Insekten ohnehin eher an dünneren Ästen. So geht er auch seinem größeren Vetter, dem häufigen Buntspecht, aus dem Weg. Dieser ist der Allrounder und die häufigste Art der Familie. Dem Kleiber als Kletterkünstler stehen neben den Baumkronen auch die Unterseiten von dickeren Ästen für die Nahrungssuche offen. Zudem ist er ein halber Vegetarier. Bucheckern und Sämereien machen einen höheren Anteil seiner Nahrung aus. Statt selbst eine Höhle zu bauen, ist er meist "Nachmieter" der Spechte. Garten- und Waldbaumläufer schließlich sondieren mit ihren feinen Pinzettenschnäbeln die Ritzen in der Borke alter Bäume, wobei der Waldbaumläufer an den Stämmen, der Gartenbaumläufer eher im Geäst herumklettert. Ihre Nester bauen beide Arten gern in die Hohlräume hinter abgeplatzter Rinde.

Stand der Angaben: Magazin der NRW-Stiftung 2/2009


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Die NRW-Stiftung kaufte in den vergangenen Jahren rund 40 Hektar Wald, vor allem im Bereich des Betscheider Bachtals, der jetzt uneingeschränkt für die Ziele des Naturschutzes zur Verfügung steht.

Auf der linken Hangseite verläuft ein schmaler Wandersteig, der reizvolle Ausblicke in das tiefeingeschnittene Tal der Wupper bietet. Als Ausgangspunkt empfiehlt sich der kleine Ortsteil Glüder in Solingen. Hier kreuzt die Kreisstraße K4 zwischen Solingen und Witzhelden die Wupper.

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