BAUMHAUS NEUENBEKEN BEI PADERBORN

KLASSENZIMMER IN LUFTIGER HÖHE

In einem "grünen" Klassenzimmer sind die Bänke und Tische natürlich aus Holz.
In einem "grünen" Klassenzimmer sind die Bänke und Tische natürlich aus Holz.
Tagein, tagaus im gleichen Klassenraum Unterricht zu haben, kann auch begabte Schüler und motivierte Pädagogen irgendwann langweilen. Für Abwechslung im Schulalltag der Kinder von Neuenbeken sorgt jetzt ein Tapetenwechsel besonderer Art. Vor den Fenstern des neuen Klassenzimmers wiegen sich die Baumkronen im Wind, und in der "Tapete" aus Eichen- und Buchenlaub turnen die Vögel herum. Das Baumhaus Neuenbeken, von dem aus die Schüler die Natur kennenlernen können, steht nämlich am waldreichen Hang des Ziegenbergs.

Vom hölzernen Podest am oberen Rand einer Schneise blickt man über die grünen Höhen zum Naturpark Teutoburger Wald/Eggegebirge. Acht Meter hoch thront das Holzhaus mit seiner dem Bekebachtal zugewandten Seite über dem Waldboden, an der Hangseite sind es immerhin zweieinhalb Meter. Wie es sich für ein richtiges Baumhaus gehört, ist es mit den lebenden Bäumen - in diesem Fall Eichen - verbunden. Sein Gewicht ruht jedoch auf Stelzen, die mit Punktfundamenten im Boden verankert sind. Gebaut wurde nur mit Lärchen- oder Eichenholz. Die Stadtförsterin machte den Neuenbekern die Stämme zum Geschenk, als Orkan Kyrill für ein Überangebot gesorgt hatte. Auch der Transport zwischen Wald und Sägewerk verursachte keine Kosten.

HOCHSITZ FÜR 30 KINDER

Die Senioren des Ortes vor "ihrem" Baumhaus.
Die Senioren des Ortes vor "ihrem" Baumhaus.
Die Landwirte des Ortes transportierten das Bauholz. Der in luftiger Höhe errichtete "Hochsitz" ist allerdings nicht einfach zusammengenagelt wie die Hütten auf einem Abenteuerspielplatz. Ein Statikerbüro führte Planung und Bauzeichnung aus, und im Sommer und Herbst 2008 verbauten Handwerker und Dutzende freiwilliger Helfer nach und nach 30 Tonnen Material: Balken und Bretter, 14.000 Schrauben, die Dacheindeckung, Regenrinnen, Tür und Fenster. Die Inneneinrichtung wurde klassischen Schulbänken nachempfunden und bietet 28 Kindern Platz.

DER WEG IST EIN ZIEL

Auch fürs Baumhaus gilt die Schulpflicht. Damit das neue Klassenzimmer nicht "unbeschult" dasteht, übernahm die Stadt Paderborn die Trägerschaft und ordnete es der Grundschule Neuenbeken zu. Dort stimmt man jetzt die Terminwünsche ab. In den Genuss des alternativen Naturkundeunterrichts sollen nämlich nicht nur die Neuenbeker Kinder kommen. Auch die anderen Schulen der Stadt und des Kreises Paderborn sind eingeladen, das grüne Klassenzimmer zu nutzen.

Schon der Weg von Neuenbeken zum Baumhaus über den Bekebach und durch den Mischwald bietet reichlich biologisches Anschauungsmaterial und reizvolle Naturerfahrungen. Der Standort des Traumhauses ist so ausgewählt, dass man in unmittelbarer Umgebung fast alle heimischen Waldbäume findet. "Praxisnäher und konkreter als hier kann man nicht unterrichten", findet auch Friedhelm Förster, pensionierter Grundschullehrer aus Neuenbeken, "und mit 15 Wegminuten von der Grundschule hat das neue Klassenzimmer genau die richtige Entfernung." Außerdem betrachten die Neuenbeker Kinder den Wald am Ortsrand schon lange als ihr Revier. Mit einem echten Förster und ihrem Lehrer gleichen Namens haben sie vor einigen Jahren seltene Eiben gepflanzt. Einen Waldlehrpfad war das Geschenk, das die Vereine des Dorfes der Grundschule zum 50-jährigen Jubiläum machten.

RÜSTIGE RENTNER ERFÜLLEN KINDERTRÄUME

Das Baumhaus Neuenbeken ist ein Klassenzimmer der besonderen Art.
Das Baumhaus Neuenbeken ist ein Klassenzimmer der besonderen Art.
Das Baumhaus wurde, wie in Neuenbeken bei Großprojekten üblich, unter der Federführung der "Arbeitsgemeinschaft der Vereine Neuenbeken" errichtet. Bauherr war die Neuenbekener Abteilung des Eggegebirgsvereins, die sich zusammen mit dem Ortsvorsteher und der Arbeitsgemeinschaft um Baugenehmigungen, Zuschüsse und Bauabwicklung kümmerte. Die Senioren des Dorfes legten derweil Hammer, Säge und Schraubendreher bereit. Dass der Kindertraum nicht als Luftschloss verpuffte, sondern Realität wurde, verdanken die Neuenbeker vor allem der Energie ihrer alten Herren. 2.600 Arbeitsstunden investierten sie als Eigenleistung in den Bau des Holzhauses. Honorar gab es für die Zimmermanns- und Ausbauarbeiten nicht – das war Ehrensache.

Ortsvorsteher Helmut Pütter sieht in dieser Solidarität das eigentliche Erfolgsgeheimnis: "Unser Geschäftsmodell zeichnet sich dadurch aus, dass niemand ein Geschäft macht, aber alle Beteiligten stolz und zufrieden sind." In Neuenbeken hat sich das schon bei mehreren anderen Projekten bewährt. Und das Durchschnittsalter der Senioren, die regelmäßig mitgearbeitet haben, liegt immerhin bei rund 68 Jahren. "Das kann sich doch sehen lassen, oder?"

Stand der Angaben: Magazin der NRW-Stiftung 1/2009


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Die Nordrhein-Westfalen-Stiftung unterstützt die Arbeitsgemeinschaft der Vereine Neuenbeken bei der Errichtung eines Baumhauses, das von den Grundschulen der Stadt Paderborn als "grünes" Klassenzimmer für den Naturkundeunterricht genutzt werden kann. Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft und besonders die Senioren des Dorfes erstellten das massive Haus mit einem hohen ehrenamtlichen Einsatz.

Googlemap aufrufen33100 Paderborn, Stadtteil Neuenbeken
Horner Hellweg 100 (am sog. Ziegenberg)

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