LAMBERTSMÜHLE BEI BURSCHEID

DIE LAMBERTSMÜHLE IM WIEHBACHTAL

Die fleißigen Hobby-Müller vor ihrem Prachtstück: Paul Kämper, Walter Freiwald, Klaus Hopstätter, Horst Schulten, Erhard Beckers, Armin Busch und Ole.
Die fleißigen Hobby-Müller vor ihrem Prachtstück: Paul Kämper, Walter Freiwald, Klaus Hopstätter, Horst Schulten, Erhard Beckers, Armin Busch und Ole.
Im Dezember 1956 geht der Müller und Bäckermeister Ernst Maibüchen zum Stauteich seiner Mühle hinauf, um den Zulauf zum Mühlgraben abzusperren. Soeben ist die Achse des altersschwachen Mühlrades gebrochen. Eine Reparatur lohnt nicht, zumal ihm nur noch wenige Bauern ihr Korn bringen. Der Weg wird ihm schwer. Maibüchen hat keinen Nachfolger und er ahnt, dass mit ihm die mehr als 400-jährige Tradition der Lambertsmühle zu Ende gehen wird. Aber es kommt anders. Denn heute, nach einem halben Jahrhundert Pause, dreht sich das Mühlrad wieder. Dank der Tatkraft eines rührigen Fördervereins können sich Schulklassen und Besuchergruppen in der Lambertsmühle über die Mühlentechnik und das alte bergische Handwerk informieren.

Vereinsmitglied Erhard Beckers macht auch als bergischer Schmied eine gute Figur.
Vereinsmitglied Erhard Beckers macht auch als bergischer Schmied eine gute Figur.
Den Grundstein für die Renaissance der Wassermühle hatte die Witwe Maibüchen noch selbst gelegt. In ihrem Testament verfügte sie, dass die Gebäude an die Stadt Burscheid fallen sollten, mit der Auflage, dort ein Heimatmuseum einzurichten. Doch als die Mühle 1993 verwaiste, erwies sich das denkmalgeschützte Erbstück eher als Zwickmühle. Zwar wollte niemand den letzten Willen der Müller missachten, aber die leere Stadtkasse ließ eine Restaurierung der Gebäude und die Einrichtung eines Museums zunächst nicht zu. Für die Menschen aus der Umgebung war die Lambertsmühle ein unveräußerliches Stück Heimat. Wer an Feiertagen zum Altenberger Dom spazierte, der nahm statt der Höhenstraße gerne den Weg durchs Wiehbachtal und kam so an dem idyllisch gelegenen Fachwerkbau vorbei. Um dem Verfall des Juwels zuvorzukommen und der Stadt aus der Klemme zu helfen, gründeten engagierte Burscheider Bürger deshalb 1995 einen Förderverein für die Lambertsmühle. Sie beschlossen, Zuschüsse einzuwerben, sich fachlichen Rat von Museums- und Denkmalexperten zu holen und in ihrer Freizeit selbst Hand anzulegen. Dadurch sah sich auch die Stadt Burscheid in der Lage, das schwierige Erbe anzutreten.

GESCHICHTE MIT MEHLSTAUB

In der ehemaligen Scheune, gegenüber vom Mühlenhaus, ist heute die Drechslerwerkstatt eingerichtet.
In der ehemaligen Scheune, gegenüber vom Mühlenhaus, ist heute die Drechslerwerkstatt eingerichtet.
Was seither mithilfe diverser Geldgeber, ortsansässiger Handwerker und in mehr als 16.000 Stunden ehrenamtlicher Arbeit geleistet wurde, lässt sich kaum aufzählen, geschweige denn im Detail schildern. Und auch wer die Mühle und ihre Nebengebäude besichtigt, bekommt davon nur eine vage Ahnung. Von der schweren eisen-beschlagenen Klöntür über die Holz- und Steinfußböden bis zu den "Kölner Decken" sieht alles aus, als sei die Zeit stehengeblieben. In Wahrheit haben die neuen Hausherren aufwendig restauriert und alles, was nicht grundsolide war, originalgetreu ersetzt. Wo immer möglich, kamen intakte Balken und Steine aus Abrissgebäuden zu neuen Ehren. Eine besondere Herausforderung war dabei die Sanierung des ehemaligen Stalles. Das Mauerwerk war nass und jegliche Isolierung fehlte. "Glücklicherweise haben wir containerweise alte Feldbrandziegel bekommen, sodass wir hochwertiges historisches Baumaterial hatten", berichtet Armin Busch, der unermüdliche Fördervereinsvorsitzende, "ich habe allerdings wochenlang nichts anderes gemacht, als den alten Mörtel abzuschlagen." Bei der Eindeckung des Daches griff man auf klassische Tonpfannen zurück, "mit Strohdocken drunter, damit der Wind keinen Schnee hineinwehen kann". Die Auflagen des Denkmalschutzes erfüllten die neuen Müller so mit Leichtigkeit.

MODERNSTE TECHNIK HINTER LEHM UND STROH

In der ehemaligen Scheune stehen alte Maschinen zum Dreschen und Reinigen von Getreide.
In der ehemaligen Scheune stehen alte Maschinen zum Dreschen und Reinigen von Getreide.
Andere Umbauten, wie die neue Gasheizung, bleiben dem Besucher verborgen. Auf die zukunftsweisende getrennte Abwasserentsorgung weist dagegen eine Infotafel hin. Während der Ablauf aus den Waschbecken, Duschen und Küchenspülen in einer Pflanzenkläranlage neben dem Haus gereinigt wird, sammeln sich Braun- und Gelbwasser – so die neutrale Bezeichnung für das, was die modernen Separationstoiletten abführen – in getrennten Speicherbehältern. Als Kompost und landwirtschaftlicher Flüssigdünger wandern die menschlichen Hinterlassenschaften später wieder in den natürlichen Kreislauf. Die alte Sickergrube wäre für das geplante Museum ohnehin viel zu klein gewesen. Außerdem war sie von den Vorbesitzern nach dem Ende des Mühlenbetriebs genau dort eingelassen worden, wo sich vorher das sechs Meter messende Wasserrad gedreht hatte, und das sollte nach dem Willen der Denkmalschützer selbstverständlich wieder an den alten Platz. Das Herzstück des oberschlächtigen Mühlrades, eine schwere hölzerne Achse, stellten die handwerklich geübten Hobby-Müller selbst her - vom Fällen der Eiche bis zum Einsetzen der Lager. Schon früher waren die Mühlenbesitzer wahre Alleskönner, sodass sie Reparaturen am Mahlwerk und Gebäude meist selbst durchführen konnten. Damit das Heimatmuseum seinem Anspruch gerecht würde, trug der Förderverein deshalb eine Holz- und Drechslerwerkstatt zusammen und richtete in der ehemaligen Scheune zusätzlich eine Sattlerei und Schuhmacherwerkstatt ein. Das i-Tüpfelchen aber ist die Schmiede. So freut sich Armin Busch heute regelmäßig über die begeisterten Gesichter der Schulkinder: "Wenn der Blasebalg bedient werden muss, dann stehen die Schüler hier Schlange!" In einer Kammer des Mühlengebäudes wurde schließlich noch ein alter Webstuhl aufgestellt, restauriert und wieder in Betrieb genommen. Ruth Schnitzler aus Waldbröhl webt daran zurzeit einen Wandteppich mit dem Burscheider Stadtwappen.

"... DANN ANTWORTEN SIE BITTE MIT JA"

Fünfeinhalb Meter Durchschnitt hat das neue Mühlenrad. Das Wasser fällt von oben darauf.
Fünfeinhalb Meter Durchschnitt hat das neue Mühlenrad. Das Wasser fällt von oben darauf.
Ein nach historischem Vorbild gebauter Backofen hat seine Bewährungsprobe schon hinter sich. Bis zum Jahr 1942 hatte der Müller der Lambertsmühle nämlich nicht nur Korn gemahlen, sondern auch Brot gebacken. "Wir haben sogar noch die alten Lieferbescheinigungen gefunden", erzählt Klaus Hopstätter, der sich um die schriftlichen Zeugnisse des Mühlenbetriebs kümmert. Manches dieser Dokumente soll noch in der Dauerausstellung "Vom Korn zum Brot" gezeigt werden, die im Obergeschoss entsteht. Darunter, im ehemaligen Stall, befindet sich der warme, rustikale Versammlungsraum, der auch für Seminare, Ausstellungen und Feiern zur Verfügung steht. So hat sich in Burscheid und Umgebung längst herumgesprochen, dass man in der Mühle auch stilvoll den Bund fürs Leben schließen kann. "Seit wir die alte Schmiede haben, könnte man jetzt sogar heiraten wie im schottischen Gretna Green – natürlich nach deutschem Eherecht." Wenn sich die Hochzeitsgesellschaft wohlgefühlt hat, gibt’s eine Spende für den Verein. Solche Zuwendungen sind hoch willkommen, haben die ehrenamtlichen Museumsbauer doch ständig neue Pläne ...
Als Erna Maibüchen ihr Testament machte, konnte sie nicht wissen, dass eines Tages ambitionierte Hobby-Müller wieder Wasser auf die Mühle leiten würden, sonst hätte sie auch Mühlenweiher und Mühlengräben noch selbst in eine Stiftung eingebracht.

WASSER AUF DIE MÜHLEN

Horst Schulten zeigt, wie früher der Schuster arbeitete.
Horst Schulten zeigt, wie früher der Schuster arbeitete.
Aus dem Stauteich war allerdings längst eine Fischzuchtanlage geworden und der Obergraben war halb verfallen. Die Vertreter des Fördervereins mussten lange und geduldig verhandeln, bis sie die ortsfremden Eigentümer zum Verkauf bewegen konnten. "Ohne den Teich und die Wasserrechte wären wir ja keine richtige Mühle, sondern nur ein Modell im Maßstab 1:1." Die Wasser- und die Naturschutzbehörde haben schon Zustimmung signalisiert. Dafür sind allerdings noch Auflagen zu erfüllen, denn seit 2001 steht das Tal unter Naturschutz. Beispielsweise sollen Fische den Bach ungehindert auf- und abwärtswandern können. Deshalb muss zunächst ein "Bypass" neben dem Stauwehr angelegt werden. Auch die Ufer des Mühlenteiches werden vor Erteilung der Wasserrechte noch renaturiert. Dass dabei wieder Hunderte von Stunden ehrenamtlicher Arbeit warten, kann die Burscheider Freizeit-Müller nicht schrecken. Schon mehrfach haben sie ihren grünen Daumen unter Beweis gestellt.

ROUTINIERTE GÄRTNER

In der Mühle wird altes Handwerk wieder lebendig.
In der Mühle wird altes Handwerk wieder lebendig.
So bepflanzten sie das flache Dach des schmalen Verbindungstrakts zwischen Mühle und Stall und setzten eine halb verfallene Bruchsteinmauer entlang der Waldböschung wieder auf. Aus ihren Fugen sprießen jetzt im Frühjahr Zymbelkraut, Günsel und Gänsekresse. Die schönste Augenweide aber ist der seit einigen Jahren in Kultur genommene Bauerngarten. Zwischen Dahlien und dicken Bohnen, Rübstiel und Ringelblumen werkelt dort der 83-jährige Walter Freiwald. Was der Garten an Salat, Obst und Gemüse abwirft, verteilt er unter die fleißigen Helfer des Fördervereins. "In Burscheid hatte ich früher auch einen Garten, jetzt mache ich mich eben hier nützlich."
ES KLAPPERT DIE MÜHLE ...

Obwohl sie nur einen Katzensprung neben der Autobahn A1 liegt, bietet die Lambertsmühle ein Idyll wie im Märchen. Einen schöneren Platz für ein Heimatmuseum kann es kaum geben.
Obwohl sie nur einen Katzensprung neben der Autobahn A1 liegt, bietet die Lambertsmühle ein Idyll wie im Märchen. Einen schöneren Platz für ein Heimatmuseum kann es kaum geben.
Das Kinderlied von der klappernden Mühle am rauschenden Bach ist fast so bekannt wie "Alle meine Entchen". Kein Wunder, stammen doch beide vom selben Dichter (Ernst Anschütz). Aber was klappert eigentlich bei einer Mühle, lose Holzbretter am Wasserrad oder wackelige Zahnkränze im Mahlwerk? Beides nicht. Geräuschquelle ist eine über den Mühlsteinen angebrachte Einlaufrinne fürs Getreide, die durch Eisennocken hin und her geschlagen wird. Dieser auch "Rüttelschuh" genannte flache Trichter lässt die Körner gleichmäßig ins "Läufer-Auge", die Mittelöffnung des oberen Mühlsteins, rieseln. Für die Wartung der Steine gab es übrigens einen eigenen Beruf, den des Mühlsteinschärfers. Er zog von Mühle zu Mühle und erneuerte mit Hammer und Picke die Furchen auf den Mahlflächen, wenn sie durch den Dauerbetrieb abgeschliffen waren. Bei Bedarf wuchtete er den Läuferstein anschließend noch aus, damit dieser wieder ganz gleichmäßig rotierte.
Bei der Restaurierung des Mahlwerks der Lambertsmühle fand man einen Zettel aus dem Jahr 1935, mit der Handschrift des Steinschärfers Paul Prüfer. Als man ihn entzifferte, wurde klar, weshalb der damals schon 80-jährige Steinmetz ihn versteckt hatte: Neben seiner Tagesleistung hatte er darauf eine abfällige Bemerkung über Adolf Hitler notiert.
ZUR GESCHICHTE DER LAMBERTSMÜHLE

"SEGNE UNSER THUN UND LASEN"

Im anliegenden Garten werden Obst und Gemüse angebaut.
Im anliegenden Garten werden Obst und Gemüse angebaut.
Im waldreichen Tal des Wiehbachs, im Unterlauf auch Wiembach genannt, liegt am Rande des Bergischen Landes die Lambertsmühle, bestehend aus Fachwerk-Haupthaus, Stall, Remise, Scheune und Mühlenteich. Urkundlich bezeugt ist die Mühle seit dem 16. Jahrhundert. Der Müller Lambert, nach dem sie benannt ist, wurde um 1570 geboren. Vermutlich ist der Betrieb aber viel älter, denn er gehörte als Bannmühle zum Lehen der Ritter von Landscheid, die bereits seit dem 13. Jahrhundert bei Burscheid lebten. Im Jahr 1766 wurde das Gebäude durch ein Feuer vollständig zerstört. Angeblich hatte ein Knecht den Brand gelegt, um die Magd, die ein Kind von ihm erwartete, zu töten. Eine alte, etwas eigenwillige Inschrift über der Haupttür zeugt vom Wiederaufbau im gleichen Jahr:
"Philip Klein und Anna Beckers Eheleute haben diese Mülle gekaufft und den Bau hiehin setzen lasen im Jahr 1766: Unsern Eingang segne Gott, unsern Aussgang gleichermaßen, segne unser täglich Brot, segne unser Thun und Lasen, segne uns mit seligem sterben, und mach uns zu Himmels Erben Amen"

Stand der Angaben: Magazin der NRW-Stiftung 1/2009


Kommentare

Sie haben dieses Projekt der NRW-Stiftung bereits besucht? Dann schreiben Sie uns, wie es Ihnen gefallen hat. Kommentar verfassen

21.08.2013, A. Meyer

Ich bin restlos begeistert von dem wunderschönen Bauerngarten! Man merkt, dass hier mit sehr viel Liebe gehegt und gepflegt wird. Ein Lieblingsort in NRW!!!

Bild: Ein Ort zum Verweilen



Druckversion  [Druckversion]
Für Mitglieder des Fördervereins ist der Eintritt frei.

Bei vielen Projekten erhalten die Mitglieder des Fördervereins vergünstigten Eintritt. [mehr]
Die NRW-Stiftung unterstützt den Verein zur Förderung der Lambertsmühle zu Burscheid e. V. bei der Restaurierung des Mahlwerkes und des Wasserrades sowie beim Erwerb und der Instandsetzung des Mühlenteichs und der Mühlengräben. Der Verein bietet regelmäßig Besichtigungen an.

Googlemap aufrufenLambertsmühle
Lambertsmühle 1
31599 Burscheid
Telefon: 0 21 74 / 8 94 53 42
www.burscheid.de (unter "Sehenswürdigkeiten")

Die Lambertsmühle liegt südwestlich von Burscheid im Wiehbachtal. Über die Autobahn A1, Abfahrt Burscheid, ist sie leicht zu finden, wenn man in Burscheid der Beschilderung folgt.

Bookmark and Share