STEINBRUCH HELMKE

DIE "DOLOMITEN" VON ISERLOHN

Mitten im Industrierevier, am Stadtrand von Iserlohn ragt der Steinbruch Helmke in den Himmel.
Mitten im Industrierevier, am Stadtrand von Iserlohn ragt der Steinbruch Helmke in den Himmel.
Wenn man im Sommer in der Mitte des Steinbruchs Helmke steht, kommt man sich vor wie in den Dolomiten. Steil ragen die von Blaugras und krüppeligen Bäumchen bewachsenen Kalkfelsen auf, und zu Füßen des Betrachters liegen ausgedehnte Magerrasen mit Enzianen und Golddisteln. Man mag kaum glauben, dass man am Ortsrand von Iserlohn steht, mitten in einem Industrierevier und nur wenige Kilometer vom Ruhrgebiet entfernt.

In den Felsspalten unter der Hangkante haben Dohlen ihre Quartiere. Jetzt zu Beginn der Brutzeit renovieren sie ihre Nester vom Vorjahr und bringen mit Flugspielen neuen Schwung in ihre Partnerschaften. Den ungewöhnlichen Lebensraum verdanken sie dem Menschen. Viele Jahrzehnte lang hatten die Rheinisch-Westfälischen Kalkwerke an der Talflanke des Lennetals Karbonatgestein abgebaut. Der Kalk wanderte als Zuschlag in die Hochöfen, und die Hänge bei Letmathe-Genna wurden zu einer bizarren Felslandschaft.

Vom Korallenroff zur Bauschuttdeponie

Im Spätsommer schmücken Tausende von Fransenenzianblüten den Steinbruch.
Im Spätsommer schmücken Tausende von Fransenenzianblüten den Steinbruch.
Entstanden waren die Gesteine einst in einem tropischen Flachmeer. "Vor 390 Millionen Jahren hätten wir hier auf einem Korallenriff gestanden, zwischen lauter bunten Fischen", erläutert Heinz Kirchheiner, "später hat sich der Meeresboden gehoben und wurde zum Festland." Seit einem halben Jahrhundert kommt der 75-jährige Iserlohner immer wieder hierher, um zu schauen, wie sich das Paradies aus zweiter Hand entwickelt. Die Inventur zwischen Felswänden, Pioniergehölzen und Magerrasen zeigte, dass hier Dutzende von Vogelarten brüten, darunter Raritäten wie Steinschmätzer, Kleinspecht und Turmfalke. Regelmäßig werden die Tümpel von Ringelnatter und Geburtshelferkröte aufgesucht.

Eine Liste von über 250 Arten von Farn- und Blütenpflanzen beweist, dass der Helmke-Steinbruch den natürlichen Sauerländer Felsbiotopen in puncto Artenreichtum kaum nachsteht. Dennoch hatte die Sicherung für den Naturschutz lange auf sich warten lassen. Ein Entsorgungsunternehmen wollte dort eine Anlage zum Kompostieren von Rindenabfällen errichten. Und viele Jahre wurde die Sohle des Steinbruchs als Baustofflager und Abladeplatz für Schutt und Schrott missbraucht.

Auch der Uhu hat jetzt Ruh

Wie für disen Pinselkäfer bietet der Steinbruch Helmke eine Heimat für viele Tiere und Pflanzen.
Wie für disen Pinselkäfer bietet der Steinbruch Helmke eine Heimat für viele Tiere und Pflanzen.
Um ein Haar wäre dieser wertvolle Lebensraum für Fransenenzian und Bienenragwurz kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen geopfert worden, doch die Naturschützer bekamen Rückenwind von der Iserlohner Bürgerschaft. In einer Unterschriftenaktion des Heimatvereins Letmathe und des Naturschutzbundes NABU sprachen sich 5.000 Anwohner für den Erhalt als Naturschutzgebiet aus. "Als der Steinbruch 1985 schließlich unter Schutz gestellt wurde und die gewerbliche Nutzung vom Tisch war, konnte der Förderverein Naturschutz Märkischer Kreis die naturschutzfachlich wertvollsten Teile des Steinbruchs kaufen", so Dieter Schmidt vom dortigen Förderverein. Ein kräftiger finanzieller Zuschuss von der NRW-Stiftung, viele Einzelspenden und der Sachverstand engagierter Naturschützer hatten dazu beigetragen.

Mit dem Erwerb war es allerdings nicht getan. Die fachliche Betreuung wurde dem Naturschutzzentrum Märkischer Kreis übergeben, Müll und Schrott wurden abgefahren, der Kalkschutt planiert. Ein Zaun um das 15 Hektar große Gebiet verhindert neue illegale "Nutzungen" und garantierte dem Uhu, der mittlerweile ins Lennetal zurückgekehrt war,einen störungsfreien Horstplatz. Nur außerhalb der Brutzeit werden jetzt Gehölze zurückgeschnitten, um den offenen Charakter der Felskulisse zu erhalten. Unverzichtbare Landschaftspfleger sind zudem die Schafe, die im Auftrag des Naturschutzzentrums die Magerrasen im Steinbruch abweiden.

"Ich geh im Wald"

Für das Braunauge ist der Tisch im Sommer reich gedeckt.
Für das Braunauge ist der Tisch im Sommer reich gedeckt.
Das Engagement des Iserlohners Heinz Kirchheiner und seiner Verbündeten vom Förderverein Naturschutz Märkischer Kreis reicht schon viele Jahre zurück. Wenn er als Junge das Haus verließ und die Eltern ihn fragten, wohin er wolle, hieß es nur "Ich geh im Wald". Den Tieren in der Natur nachzuspüren fand er viel spannender als mit Freunden um die Häuser zu ziehen. Mit 15 Jahren kaufte er sich den ersten Fotoapparat, später dann eine kleine Filmkamera. Was er draußen entdeckte und geduldig beobachtete, wollte er aber auch anderen Interessierten zeigen. Im Rahmen von Lichtbildervorträgen und Führungen gibt er seine Begeisterung und seine Kenntnisse seither an die Iserlohner weiter. Und das geht am besten bei einer sommerlichen Exkursion: "Kommen Sie doch mal mit …"
Geheimnisvolle Geräusche

Geburtshelferkröten sind im Steinbruch Helmke Zuhause.
Geburtshelferkröten sind im Steinbruch Helmke Zuhause.
Wenn in milden Frühjahrsnächten die Zivilisationsgeräusche aus dem Lennetal verstummen und die schroffen Wände des ehemaligen Steinbruchs in ein fahles Mondlicht getaucht werden, lässt sich manchmal ein feines Klingen vernehmen, so als würde jemand mit einem Hämmerchen vorsichtig auf den Fels schlagen. Was ist die Quelle der geheimnisvollen Geräusche? Sind es fallende Wassertropfen in einem vermauerten Stollen? Heinz Kirchheiner kennt die Urheber: "Das ist die Steinklinke", verrät er, "so heißt bei uns im Sauerland die Geburtshelferkröte." Die nur vier Zentimeter kleinen Männchen rufen die Weibchen zur Paarung. Nach der Eiablage streift das Männchen die Eischnüre des Weibchens über seine Hinterbeine und trägt sie drei bis fünf Wochen mit sich herum. Erst wenn die Kaulquappen ihre Eihüllen fast sprengen, entlässt das Männchen sie in einem der Tümpel.

Stand der Angaben: Magazin der NRW-Stiftung 1/2009


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Die NRW-Stiftung unterstützte den Förderverein Naturschutz Märkischer Kreis maßgeblich beim Kauf des Steinbruchs Helmke im Iserlohner Stadtteil Lethmate. Die Volkshochschule Iserlohn (VHS) bietet regelmäßig geführte Exkursionen in dieses Gebiet an, in dem man eine erstaunliche Artenvielfalt beobachten kann.

Der stillgelegte Helmke-Steinbruch in Letmathe/Genna ist als Naturschutzgebiet ausgewiesen und kann nur bei einer geführten Exkursion betreten werden.

www.natur-mk.de
extranet.iserlohn.de/kurse/webbasys

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