ST. ANTONY HÜTTE IN OBERHAUSEN, LVR-INDUSTRIEMUSEUM

DIE WIEGE DER RUHRINDUSTRIE

Industriearchäologische Grabungen an der St. Antony-Hütte in Oberhausen, Stand Frühjahr 2007 (Foto: LVR-Industriemuseum)
Industriearchäologische Grabungen an der St. Antony-Hütte in Oberhausen, Stand Frühjahr 2007 (Foto: LVR-Industriemuseum)
Dicht unter der Erdoberfläche zwischen Oberhausen-Osterfeld und Sterkrade fand Münsters Domkapitular Franz Ferdinand von Wenge etwas Wertvolles: Raseneisenerz, einen Boden mit stark metallhaltigen Verfestigungen, aus denen Eisen gewonnen werden kann. Er analysierte den Standort genau: Holzkohle und Kalk, wichtig für den Betrieb einer Eisenhütte, konnten aus der Umgebung beschafft werden, ein Bachlauf war vorhanden, um über ein Wasserrad Energie zu gewinnen. Und so gründete ausgerechnet ein Geistlicher aus Westfalen die erste Eisenhütte im Ruhrgebiet.

Das Rheinische Industriemuseum am Oberhausener Hauptbahnhof (Foto: LVR-Industriemuseum)
Das Rheinische Industriemuseum am Oberhausener Hauptbahnhof (Foto: LVR-Industriemuseum)
Beim zuständigen Landesherren, dem Kölner Erzbischof, beantragte Franz Ferdinand von Wenge die Schürfrechte für das Raseneisenerz und die Bau- und Betriebsgenehmigung für eine Eisenhütte. Um die bürokratischen Prozesse zu beschleunigen, schickte er den Beamten in Bonn Münsterländer Schinken, die ihren Zweck nicht verfehlten.

Am 18. Oktober 1758 war es endlich soweit: Rot glühend floss das heiße Eisen aus dem Hochofen. "Nun iß endlich die hütte in ihre arbey, der liebe Gott gebe mir seynen seegen dazu", verkündete der Aufseher freudig seinem Chef. Neben dem neun Meter hohen Hochofen gehörten auch Gießereien und Formereien zu der Anlage. Pötte und Kanonenkugeln wurden in der Hütte hergestellt, aber auch Maschinen und Maschinenteile.

Der Peter-Behrens-Bau von 1925/26, Magazin des LVR-Industriemuseums, früher Hauptlagerhaus der Gutehoffnungshütte (Foto: LVR-Industriemuseum)
Der Peter-Behrens-Bau von 1925/26, Magazin des LVR-Industriemuseums, früher Hauptlagerhaus der Gutehoffnungshütte (Foto: LVR-Industriemuseum)
In den 1770er und 1780er Jahren wurden auch in den Nachbarstaaten Preußen und Essen Pläne zur Errichtung von Eisenhütten geschmiedet. 1782 nahm die Hütte "Gute Hoffnung" in Sterkrade, 1791 die Hütte "Neu-Essen" an der Emscher ihren Betrieb auf. Mit der "Hüttengewerkschaft und Handlung Jacobi, Haniel und Huyssen", aus der der heutige Weltkonzern MAN hervorgegangen ist, erfolgt 1810 der Zusammenschluss der drei Betriebe.

Digitale Rekonstruktionen zeigen das alte Werksgelände mit Hochofen, Kesselhaus und Gießerei in eindrucksvollen 3-D-Ansichten.
Digitale Rekonstruktionen zeigen das alte Werksgelände mit Hochofen, Kesselhaus und Gießerei in eindrucksvollen 3-D-Ansichten.
Nachdem der Hochofen auf St. Antony zum ersten Mal 1820 ausgeblasen wurde, erlebte die Hütte von 1827 bis 1843 noch einmal ein Comeback. Am 30. April 1877 wurde ihr Betrieb jedoch endgültig eingestellt. Ein Großteil der Gebäude wurde direkt nach der Stilllegung abgerissen, lediglich ein Werkstattgebäude sowie Schmiede und Lehmformerei nutzten Mitarbeiter des Konzerns in der Folgezeit als Wohnhäuser.

Die Geschichte der St. Antony-Hütte liest sich wie ein Wirtschaftskrimi. Blick in die 2008 eröffnete Ausstellung (Foto: LVR-Industriemuseum)
Die Geschichte der St. Antony-Hütte liest sich wie ein Wirtschaftskrimi. Blick in die 2008 eröffnete Ausstellung (Foto: LVR-Industriemuseum)
Heute kann man sich in einem eigens hergerichteten Industriearchäologischen Park wieder auf die Spuren der "Urhütte" des Ruhrgebietes begeben. Ende September 2010 sind die jüngsten Baumaßnahmen an dem Industriedenkmal abgeschlossen worden. Unter einem futuristischen Stahldach präsentiert das LVR-Industriemuseum bis zu 250 Jahre alte Überreste aus den Anfängen der Ruhrindustrie.

Eine futuristische Dachkonstruktion erstreckt sich jetzt über den LVR-Industriearchäologischen Park.
Eine futuristische Dachkonstruktion erstreckt sich jetzt über den LVR-Industriearchäologischen Park.
Über einen Steg werden die Besucher durch die Ursprünge der Eisen- und Stahlindustrie geführt. Moderne 3-D-Animationen und Schautafeln, die mit Unterstützung der NRW-Stiftung finanziert werden konnten, schlüsseln das Gemenge von Mauerresten, Fundamenten und Anlageteilen des ehemaligen Hüttenbetriebes überschaubar auf. Mit den Funden und Forschungsergebnissen aus der Grabung wurde bereits die Ausstellung "Wiege der Ruhrindustrie" im letzten verbliebenen Gebäude der Hüttenanlage, dem ehemaligen Kontor- und Direktorenwohnhaus, eingerichtet.


Hammer und Wiege

Frage: In welcher Wiege hat ein Dampfhammer Platz? Antwort: In Oberhausen, der "Wiege der Ruhrindustrie". Dort präsentiert das LVR-Industriemuseum in einer ehemaligen Zinkfabrik nicht nur einen zehn Meter hohen Dampfschmiedehammer, sondern auch viele andere Maschinen, die dem Begriff Schwerindustrie alle Ehre machen. Das LVR-Industriemuseum, das in insgesamt sechs rheinischen Städten vertreten ist, hat an seiner Zentrale in Oberhausen gleich mehrere Standorte. Die Spuren der ersten Eisenhütte im Revier lassen sich hier ebenso entdecken wie die älteste Arbeitersiedlung des Ruhrgebiets. Im Oberhausener Hauptbahnhof verbinden sich überdies Industriegeschichte und moderne Kunst.

Blick in den Eingangsbereich der ehemaligen Zinkfabrik Altenberg.<br />
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Bild: LVR-Industriemuseum
Blick in den Eingangsbereich der ehemaligen Zinkfabrik Altenberg.

Bild: LVR-Industriemuseum
Ein segelförmiges Edelstahldach überspannt den industrie-archäologischen Park an der ehemaligen St. Antony-Hütte in Oberhausen-Osterfeld. Es schützt den Ort, wo Mitte des 18. Jahrhunderts die Ruhrindustrie geboren wurde – damals in Form eines Hochofens, der noch mit Holzkohle arbeitete. Die St. Antony-Hütte wurde später Teil der Firma "Jacobi, Haniel und Huyssen" (JHH), was die Verbindung zu einem anderen historischen Ereignis herstellt. Denn JHH veranlasste 1846 den Bau der ersten Arbeiterkolonie im Revier. Die heute denkmalgeschützte Siedlung bekam den sprechenden Namen "Eisenheim". Als Schauplatz einer mehrteiligen Doku-Soap des WDR bescherte sie der Oberhausener Industriegeschichte vor einigen Jahren sogar TV-Ruhm.

Wie man Stahl zerreisst

Mitten im Getriebe des Oberhausener Hauptbahnhofs bietet der Museumsbahnsteig moderne Kunst und erinnert zugleich an vergangene Zeiten. Von hier sind es nur wenige Schritte bis zur ehemaligen Zinkfabrik Altenberge.<br />
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Bild: LVR-Industriemuseum
Mitten im Getriebe des Oberhausener Hauptbahnhofs bietet der Museumsbahnsteig moderne Kunst und erinnert zugleich an vergangene Zeiten. Von hier sind es nur wenige Schritte bis zur ehemaligen Zinkfabrik Altenberge.

Bild: LVR-Industriemuseum
Mitte des 19. Jahrhunderts begann mit dem endgültigen Übergang zum Steinkohlekoks der eigentliche Boom der Ruhrindustrie. Diese Geschichte erzählt das Industriemuseum in der ehemaligen Zinkfabrik Altenberg. Riesige Original-maschinen sind hier die Stars der Ausstellung, und es ist unmöglich, die monumentale Vielfalt der Formen und Konstruktionen nicht zu bewundern. Das ändert allerdings nichts daran, dass die dröhnende und glühende Welt all der Walzen, Fräsen und Öfen auch eine Welt der Abgase, Stäube und Unfallrisiken war. Gerade die Schwefelgase und Schwermetalle der Zinkproduktion machten oft schon Männer von Mitte vierzig zu Invaliden.

Die Oberhausener Ausstellung veranschaulicht auf über 3.000 Quadratmetern ein breites Spektrum der Industrie- und Sozialgeschichte an Rhein und Ruhr. Lebendige Anschaulichkeit ist dabei Trumpf: Regelmäßig wird zum Beispiel vor den Augen der Besucher Stahl zerrissen. Wem es gelingt, rund 150 Pkw an einem etwa zwanzig Zentimeter langen Stahlstab aufzuhängen, kann den Versuch zu Hause nachahmen. Im Museum bringt eine spezielle Materialprüfmaschine die notwendige Zugkraft dafür auf.

Mobil auf Schienen

Die archäologische Ausgrabung an der "Wiege der Ruhrindustrie" – der ehemaligen Eisenhütte St. Antony in Oberhausen-Osterfeld – gehört ebenfalls zum LVR-Industriemuseum. Zusätzlich informiert eine Ausstellung über die Geschichte von St. Antony.<br />
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Bild: Bernd Hegert
Die archäologische Ausgrabung an der "Wiege der Ruhrindustrie" – der ehemaligen Eisenhütte St. Antony in Oberhausen-Osterfeld – gehört ebenfalls zum LVR-Industriemuseum. Zusätzlich informiert eine Ausstellung über die Geschichte von St. Antony.

Bild: Bernd Hegert
Zugkräftig – das war auch die Eisenbahn ohne die es den "Kohlenpott" nie gegeben hätte. Eine riesige Krupp-Dampflok von 1942 unterstreicht das in der Ausstellung wirkungsvoll. Die Mobilität auf Schienen begann im Revier allerdings schon rund 100 Jahre früher. Daran erinnert das bewegliche Messingmodell einer "Teckel-Lok", der Urahnin aller Werkbahnen. Sie wurde von der schon erwähnten Firma JHH gebaut, die sich später unter dem Namen Gutehoffnungshütte zu einem der größten Montan- und Maschinenbau-Unternehmen der Welt entwickeln sollte.

Keinesfalls versäumen darf man den Museumsbahnsteig im Oberhausener Hauptbahnhof, der nur wenige Schritte entfernt ist. Bei Dunkelheit sorgen hier Leuchtbänder auf den Gleisen für bewegte Lichteffekte in wechselnden Farben. Ein historischer Zug mit Schlackewaggon und Roheisenmischwagen ist hingegen für immer angehalten worden.
Die Gestaltung des Museumsbahnsteigs folgt Ideen des Ateliers Stark, das (zusammen mit dem Atelier Tank-FX) auch den Verein Kultur im Turm e. V. (kurz: kitev) gegründet hat. In mehreren Geschossen des ehemaligen Wasserturms am Oberhausener Bahnhof hat die Initiative jüngst ein "Labor für ausgefallene Interventionen" eröffnet. Es geht um Kunstaktionen, die vom industriellen Umfeld beeinflusst sind und zugleich selbst darauf zurückwirken – so wie es auch beim Museumsbahnsteig der Fall ist.

Stiftungsmagazin 3/2013
Die Möllertraube und der Wein

Zugegeben – die meterhohe "Möllertraube" im LVR-Industriemuseum hat mit edlem Rebensaft nichts zu tun. Es handelt sich vielmehr um den aus Erz, Koks und Kalk zusammengebackenen Inhalt eines erkalteten Hochofens.
In Nierstein am Rhein aber gibt es tatsächlich ein Weingut, das nach der Oberhausener "St. Antony"-Hütte benannt ist!
Der Mutterkonzern Gutehoffnungshütte hatte es 1912 als Anhängsel einer Kalksteingrube erworben. Kurioserweise trennte sich das Unternehmen wenige Jahre später zwar von dem Kalkvorkommen, führte das Weingut jedoch weiter. Unter dem Namen St. Antony existiert es bis heute, auch wenn es inzwischen nicht mehr zu einem Konzern der Schwerindustrie gehört.

Stand der Angaben: September 2010


Kommentare

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Für Mitglieder des Fördervereins ist der Eintritt ermäßigt.

Bei vielen Projekten erhalten die Mitglieder des Fördervereins vergünstigten Eintritt. [mehr]
Die NRW-Stiftung unterstützte die Gesellschaft zur Förderung des Rheinischen Industriemuseums e. V. beim Kauf eines Modells der Lokomotive "Teckel" für das Museum und später auch bei der Erschließung der benachbarten archäologischen Grabungsstätte an der früheren St. Antony-Hütte für Besucher.

www.rim-oberhausen.de

Googlemap aufrufenSt. Antony-Hütte - LVR-Industriemuseum
Antoniestraße 32-34
46119 Oberhausen
Telefon: 0 22 34 / 9 92 15 55
www.industriemuseum.lvr.de

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