AUSSTELLUNG "WIR SIND PREUSSEN - ALS NRW NOCH PREUSSISCH WAR"

WIR SIND PREUSSEN

Das Kriegsportrait zeigt Kaiser Wilhem II.
Das Kriegsportrait zeigt Kaiser Wilhem II.
Bei dem Wort "Preußen" denken viele Menschen vor allem an Pickelhauben und militärischen Drill. Doch man sollte den Blick auch auf Kirchen und Kanäle, auf Fabriken und Fußballvereine, auf Parks, Gärten und sogar auf Narrenkappen richten. In NRW hat die preußische Herrschaft so viele und so allgegenwärtige Spuren hinterlassen, dass sie uns oft kaum noch bewusst sind. 2009 aber gibt es Gelegenheit, die Wahrnehmung für die Zeit "als Nordrhein-Westfalen noch preußisch war" auf erlebnisreiche Weise zu schärfen - beim Besuch der gleichnamigen Ausstellung an den beiden Standorten des NRW-Preußen-Museums Wesel und Minden.

Kronprinz Friedrich von Preußen trug schon als Junge die Uniform des Kadettenkorps.
Kronprinz Friedrich von Preußen trug schon als Junge die Uniform des Kadettenkorps.
In NRW marschieren Woche für Woche die Preußen – zum Glück nur, wenn Fußballvereine wie Preußen Münster oder Borussia Mönchengladbach in Richtung gegnerisches Tor stürmen. Dass Borussia die lateinische Form des Wortes Preußen ist, hat sich dabei so mancher Fußballfreund sicher nie klar gemacht. "Borussisch" gibt sich aber auch die deutsche Fußballnationalmannschaft, läuft sie doch bis heute bevorzugt in den Farben der preußischen Flagge auf: weiß und schwarz.

"Fusslümmelnder" Adel
Das bildungsbürgerliche Latein und die preußische Optik sind Relikte aus der Frühzeit des Kickens, als Fußball entgegen einer weit verbreiteten Auffassung
noch keineswegs ein Arbeitersport war. Die "englische Fußlümmelei" infizierte Ende des 19. Jahrhunderts vielmehr zuerst junge Leute aus dem Bürgertum und sogar aus dem Adel: Gleich mehrere preußische Prinzen waren begeisterte Fußballanhänger.

Das Portrait zeigt Friedrich I, König von Preußen.
Das Portrait zeigt Friedrich I, König von Preußen.
Eine Brücke nach Preußen
Der Sohn Kaiser Wilhelms II., Kronprinz Wilhelm, rief mit dem 1909 erstmals ausgetragenen "Kronprinzenpokal" sogar den frühesten deutschen Fußball-Pokal-Wettbewerb überhaupt ins Leben. Doch auch abseits von Elfmeterpunkt und Torjubel kann man den Spuren Preußens in NRW heute ganz einfach nachgehen oder sogar bequem nachfahren. Zum Beispiel, indem man – zu Fuß oder per Eisenbahn – die Kölner Hohenzollernbrücke überquert. Die gewaltige Eisenfachwerk-Konstruktion wurde 1907–1911 unter Wilhelm II. errichtet, dem letzten preußischen Monarchen aus der Dynastie der Hohenzollern. Und kaum hat man die Brücke verlassen und ist die wenigen Schritte hinüber zum Kölner Dom gegangen, begegnet einem das Haus
Hohenzollern schon wieder: Denn der Dom wurde zwar bereits 1248 begonnen, aber erst 1880 vollendet – mit tatkräftiger Unterstützung der preußischen Monarchie.

Dieser preußische Reichstaler ist mehr als 250 Jahre alt und stammt aus der königlichen Münzstätte in Kleve.
Dieser preußische Reichstaler ist mehr als 250 Jahre alt und stammt aus der königlichen Münzstätte in Kleve.
Zugegeben – eine mit preußischen Reiterstandbildern geschmückte wilhelminische Eisenbahnbrücke muss nicht jedermanns Sache sein. Wer es lieber paradiesisch-grün mag, dem sei daher stattdessen ein Besuch der barocken Gartenanlagen im niederrheinischen Kleve empfohlen. Das malerische Gelände mit dem "Amphitheater" ist der eindrucksvolle Überrest eines einstmals noch weit größeren Gartenreiches, das Prinz Johann Moritz von Nassau anlegen ließ, als er im 17. Jahrhundert in Kleve Statthalter der Kurfürsten von Brandenburg war.

Brandenburg? Richtig: Die Kurfürsten von Brandenburg begründeten 1701 das Königreich Preußen. Sie hatten aber schon 1609 im Rheinland und in Westfalen bedeutende Herrschaftsgebiete geerbt, was auch erklärt, warum man 2009 in Nordrhein-Westfalen auf "400 Jahre Preußen" zurückblickt, obwohl es die preußische Monarchie erst rund 300 Jahre gibt. Wer präzise sein will, spricht daher am besten von 400 Jahren brandenburg-preußischer Geschichte in NRW.

Auf der kolorierten Radierung ist Minden mit Blick auf die Porta Westfalica zu sehen.
Auf der kolorierten Radierung ist Minden mit Blick auf die Porta Westfalica zu sehen.
Kleve, Hamm, Bielefeld
Kleve war zusammen mit Hamm und Bielefeld eine der drei Hauptstädte jener rheinisch-westfälischen Territorien, die 1609 an Brandenburg fielen: das Herzogtum Kleve, die Grafschaft Mark und die Grafschaft Ravensberg. 1648 kam auch noch Minden hinzu. Und schließlich wurde 1815 – als Ergebnis der Neuordnung Europas nach dem Sturz Napoleons – fast das gesamte heutige Nordrhein-Westfalen preußisch. Nur das kleine Fürstentum Lippe mit der Stadt Detmold blieb selbstständig.

Viele Rheinländer und Westfalen hatten anfangs Schwierigkeiten mit der preußischen Herrschaft. Besonders im rheinischen Karneval wurde es daher bald populär, Preußen zu verspotten. Die 1823 gegründeten Kölner "Roten Funken" etwa parodierten das preußische Militärzeremoniell. Doch auch der Karneval blieb nicht auf Dauer antipreußisch. Das beste Beispiel dafür sind die 1870 in Köln gegründeten "Blauen Funken", die sich in ihrem Auftreten bewusst an der Feldartillerie Friedrichs des Großen orientierten – und damit die Preußenbegeisterung am Vorabend der Gründung des Deutschen Reiches von 1871 verkörperten.

Bestickte Epauletten zierten die Uniformen hoher preußischer Beamter.
Bestickte Epauletten zierten die Uniformen hoher preußischer Beamter.
Bergische Pickelhaube
Es gäbe noch viel zu erzählen, vom Mittellandkanal zum Beispiel, vom berühmten Freiherrn vom Stein auf Schloss Cappenberg oder vom Ende des unter den Nationalsozialisten gleichgeschalteten Staates Preußen – ein Ende, das offiziell gerade einmal 62 Jahre her ist, denn der Alliierte Kontrollrat verfügte es erst 1947. Gründe genug also, um in Wesel oder Minden mehr über die wechselseitigen Beziehungen zwischen Preußen und seinen westlichen Provinzen an Rhein und Weser zu erfahren. Und was die berühmt-berüchtigte Pickelhaube angeht – ihr Prototyp ist überraschenderweise ein "NRW-Produkt": Der Unternehmer Wilhelm Jaeger fertigte ihn zu Beginn der 1840er-Jahre in seiner Metallwarenfabrik in Elberfeld an.

Stand der Angaben: Magazin der NRW-Stiftung 2/2009


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Die NRW-Stiftung hat die Gesellschaft zur Förderung des Preußen-Museums e.V. finanziell bei der Realisation der Ausstellung "Im Westen viel Neues - Als Nordrhein-Westfalen noch preußisch war" im Preußen-Museum Wesel unterstützt.

Googlemap aufrufenInfos zum Gesamtprojekt "Wir sind Preußen. Die preußischen Kerngebiete in NRW 1609-2009": www.1609-nrw.de

Preußen-Museum Nordrhein-Westfalen
An der Zitadelle 14-20
46483 Wesel
Tel.: 0281 / 33 99 60
www.preussenmuseum.de

Preußen-Museum Nordrhein-Westfalen
Simeonsplatz 12
32427 Minden
Tel. 0571 / 83 72 8-0 und 0571 / 83 72 8-24 (Kasse)
www.preussenmuseum.de

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