NEANDERTHAL MUSEUM METTMANN

ZU BESUCH BEI DEN FRÜHZEITMENSCHEN

Kalkabbau statt archäologische Ausgrabung: Neandertal in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
Kalkabbau statt archäologische Ausgrabung: Neandertal in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
Der wahrscheinlich berühmteste Nordrhein-Westfale lebte vor etwa 200.000 Jahren: der 1856 von Steinbrucharbeitern entdeckte und drei Jahre später durch den Elberfelder Naturwissenschaftler Johann Carl Fuhlrott als Frühmensch erkannte Homo sapiens neanderthalensis. Heute gilt er als Symbol der Evolutionsgeschichte des Menschen. Der Fundort, an dem vor wenigen Jahren weitere Knochen des "Neanderthalers" gefunden worden sind – in vergangenen Jahrzehnten zu einem Schrottplatz degradiert – ist nun zusammen mit dem direkt nebenan liegenden Neubaus des Neanderthal Museums Mettmann ein Anziehungspunkt geworden, an dem Besucher die Geschichte der Frühzeit hautnah erleben können.

"Zeitmaschine": Hinter den Museumsmauern führt ein 400-Meter-Pfad durch die Evolution des Menschen.<br />
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<small>(Foto: Stiftung Neanderthal Museum / Holger Neumann)</small>
"Zeitmaschine": Hinter den Museumsmauern führt ein 400-Meter-Pfad durch die Evolution des Menschen.

(Foto: Stiftung Neanderthal Museum / Holger Neumann)
"Ein Schrottplatz – das war ja wohl die Höchststrafe." Ralf W. Schmitz ist noch heute empört, wenn er an den ehemaligen Zustand des Fundorts zurückdenkt. Die seit 1997 vorgenommenen Neugestaltungen haben den Urgeschichtler vom Landschaftsverband Rheinland allerdings wieder mit dem Neanderthal versöhnt: "Eine gut gelungene, anschauliche Darstellung", urteilt Ralf Schmitz. Seit August 2002 ist die wiederentdeckte Fundstelle gesichert und für Besucher geöffnet. Seit 1996 gibt das nebenan gelegene Neanderthal Museum Einblicke in die Entwicklungsgeschichte des Menschen.

Boten aus der Altsteinzeit: die Funde der Feldhofer Grotte
Boten aus der Altsteinzeit: die Funde der Feldhofer Grotte
Das war nicht immer so: Erst 1997 gelang es Schmitz gemeinsam mit seinem Kollegen Jürgen Thissen, den Ort wiederzuentdecken, an dem die Reste des Homo sapiens neanderthalensis unter dem Schutt des jahrzehntelangen Kalkabbaus verborgen lagen. 1856 hatten Arbeiter beim Ausräumen der Feldhofer Grotte Skelettteile eines Menschen gefunden. Johann Carl Fuhlrott, ein Lehrer aus Elberfeld, identifizierte sie als Knochen eines Frühmenschen und beschrieb den Fundort. Doch die Grotte war durch den Kalkabbau bereits unrettbar verloren. Seither suchten Forscher im Neanderthal nach Überresten des Originalfundorts – an den falschen Stellen. Das Gelände, an dem die Schuttreste aus der Grotte tatsächlich lagen, wurde als Gewerbefläche genutzt.

Szenen aus der Eiszeit: plastische Rekonstruktion im Neanderthal Museum
Szenen aus der Eiszeit: plastische Rekonstruktion im Neanderthal Museum
Statt mit einer groß angelegten Grabung an der 1997 von Schmitz und Thissen wiederentdeckten Position nach weiteren Zeichen vergangener Zeiten zu suchen, wurde der Fundort bald darauf abgesichert und mit Hilfe der NRW-Stiftung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht: "Kommende Forschergenerationen sollen die Chance haben, bei zukünftigen Grabungen mit möglicherweise verbesserten Methoden frische Fundstücke zu bearbeiten", begründet Ralf Schmitz diese Entscheidung.

Zeitsprünge: Ein Weg mit Daten der Geschichte der Menschheit führt die Besucher zum neu gestalteten Fundplatz.
Zeitsprünge: Ein Weg mit Daten der Geschichte der Menschheit führt die Besucher zum neu gestalteten Fundplatz.
Nur fünf Minuten Fußweg von der Fundstelle entfernt liegt das Museum, dass die Geschichte jener Zeit lebendig werden lässt: Auf 1200 Quadratmetern Ausstellungsfläche, umgeben von einer mehrfach prämierten Architektur, ist Platz, um den langen Weg der Menschheit aus Afrika bis in die Gegenwart hinein aufzuzeigen. Das Museum präsentiert anschaulich die Forschungsergebnisse aus Archäologie und Paläoanthropologie, daneben lässt es aber auch andere Disziplinen zu Wort kommen, die an der Erforschung dessen, was den Menschen ausmacht, beteiligt sind. Die Besucher können hier "Hand anlegen" und in der Steinzeitwerkstatt urgeschichtliche Techniken selbst ausprobieren und Lebensformen hautnah kennen lernen.

Auch, wenn die Feldhofer Grotte, in der die Knochenstücke des Frühmenschen ursprünglich gefunden wurden, unwiderruflich zerstört wurde, so ist die Stelle, an dem weitere Überreste des Neanderthalers wieder aufgetaucht sind, heute eine erlebenswerte Museums- und Erinnerungslandschaft. Sie liegt 25 Meter unterhalb der Position, an dem vor 200.000 der berühmteste Nordrhein-Westfale der Neanderthaler seine letzte Ruhestätte fand – soviel Kalk wurde in den vergangenen hundert Jahren im Neanderthal abgebaut.


Dürfen wir Papa zu ihm sagen?

Manch einer glaubt noch immer, der vor etwa 30.000 Jahren ausgestorbene Neandertaler sei eine Art Halbaffe gewesen. Dabei konnte er in Wirklichkeit sprechen und war ein geschickter Handwerker. Dass er uns außerdem auch ziemlich ähnlich sah, zeigt das Neanderthal Museum in Mettmann mit eindrucksvollen Dermoplastiken. Könnten "Homo neanderthalensis" und "Homo sapiens" vielleicht sogar gemeinsame Nachkommen gezeugt haben? Möglich wären Seitensprünge zwischen ihnen jedenfalls gewesen, denn beide lebten in Europa und Asien mehrere Jahrtausende lang als Zeitgenossen. Trotzdem beharrten etliche Wissenschaftler bislang darauf: "No Sex with Homo sapiens."

Inzwischen deuten Ergebnisse des Max- Planck-Instituts für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig jedoch in eine ganz andere Richtung. Denn bis zu vier Prozent der Gene heutiger Europäer und Asiaten enthalten Spuren von Neandertaler-DNA! Nur für die afrikanische Bevölkerung gilt das nicht, denn die Vermischung fand nach der Auswanderung des Homo sapiens aus Afrika und vor seiner Ausbreitung in Eurasien statt. Und was bleibt von der Annahme, Neandertaler und moderner Mensch seien Vertreter zweier verschiedener Menschen-Arten gewesen? Nach gängiger Definition wären lebensfähige Nachkommen dann schließlich gar nicht möglich. Doch es gibt auch Forscher, die lieber den Begriff "Art" überdenken möchten.

Steinzeit-Clooney

Das Neanderthal Museum, das 2012 sein 75. Jubiläum feiert, konfrontiert das Publikum derweil auf verblüffend anschauliche Weise mit dem aktuellen Wissensstand. Seit Neuestem blickt uns im Museum "Mr. 4 Prozent" entgegen – ein Steinzeit-Clooney in edlem Zwirn, der lässig an einer Brüstung lehnt. Es ist eine weitere hyperrealistische Rekonstruktionsarbeit aus der Werk- statt der holländischen Präparatoren Alfons und Adrie Kennis. Sie unterstreicht: Der Neandertaler war uns wirklich fast zum Verwechseln ähnlich.

Das 1937 gegründete Neanderthal Museum in Mettmann erhielt 1996 mithilfe der NRW- Stiftung einen aufwendigen Neubau und zieht seitdem jährlich rund 170.000 Besucher an. Die NRW-Stiftung half vor einigen Jahren zudem, die Dauerausstellung zu aktualisieren und den Fundort nahe dem Museum für Besucher herzurichten.

Stiftungsmagazin 2/2012


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Die NRW-Stiftung finanzierte den Neubau des Neanderthal Museums in Mettmann, das 1996 eröffnet worden ist und mit seinem neuartigen multimedialen Konzept jährlich etwa 200.000 Besucher anzieht. Außerdem ermöglichte die NRW-Stiftung den Kauf eines ehemaligen Schrottplatzes in der Nähe des Museums, auf dem sich der Fundort der berühmten Knochen befand. Nach einem Architekturwettbewerb ist die Fundstätte neu gestaltet worden und seit Juli 2002 für Besucher öffentlich zugänglich. In den jahren 2006 und 2016 unterstützte die NRW-Stiftung maßgebilch die Überarbeitung der Dauerausstellung.

Googlemap aufrufenNeanderthal Museum
Talstraße 300
40822 Mettmann
Telefon: 0 21 04 / 97 97-0
www.neanderthal.de

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