HEIDSCHNUCKEN-SCHÄFEREI IN DER SENNE

NATURSCHUTZ UNTERM UNION JACK

Berg-Sandglöckchen, eine von über 800 Farn- und Blütenpflanzen der Senne.
Berg-Sandglöckchen, eine von über 800 Farn- und Blütenpflanzen der Senne.
Wenn in der Stapeler Heide eine Gruppe Infanteristen im Kampfanzug aus dem Gebüsch bricht, beschränkt sich die "Manöverkritik" der Schafe auf ein kurzes Blöken und einige Schritte seitwärts. Die Heidschnucken kennen den Anblick der Uniformierten und widmen sich rasch wieder ihrer Lieblingsnahrung: Besenheide, Birke und Bentgras.

Fenster in eine andere Zeit

Lange bevor die moderne Landwirtschaft dem Senne-Idyll einen Einheitsstempel auf drücken konnte, belegten die Militärs Ende des 19. Jahrhunderts große Teile des Gebietes. Dadurch blieb in den Truppenübungsplätzen "Senne" und "Stapel age" eine historische Kulturlandschaft erhalten, die man sonst nur von alten Fotos kennt: halboffene Zwergstrauchheiden, großflächige, von flachen Dünen durchsetzte Sandmagerrasen, lichte Kiefernwäldchen, klare Bäche und Heidemoore. Nirgendwo in Nordrhein-Westfalen gibt es ein bedeutenderes Ensemble von Natur schätzen. Sie entwickelten sich auf den nährstoffarmen, sauren Sanden, die am Ende der vorletzten Eiszeit dort abgelagert worden sind. Die Bodennutzung war durch Schafweide und Plaggenwirtschaft geprägt. Einen ähnlichen Effekt wie das Schälen der Böden oder die Weide wirtschaft hatten später die Heidebrände, die durch den militärischen Übungsbetrieb entfacht wurden. Sie drängten den sich aus breitenden Kiefernwald immer wieder einmal zurück. Die Feuer bedeuteten allerdings ein unkalkulierbares Risiko.

Voraussetzung: Bleifrei

Die Heidschnucken bleiben ganzjährig im Freien und werden auch von Borstgras und Besenheide satt.
Die Heidschnucken bleiben ganzjährig im Freien und werden auch von Borstgras und Besenheide satt.
So einigten sich in den 1980er-Jahren die britischen Platzherren mit den Mitgliedern der "Arbeitsgruppe Landschaftspflege und Artenschutz e.V." (ALA), dass der offene Charakter der Landschaft mit schonenden Mitteln erhalten werden sollte. Gemeinsam begann man, den Gehölzaufwuchs auf den Flächen zu beseitigen, die für den Naturschutz besonders wertvoll sind. Doch für Handarbeit war das Gebiet zu groß. Der Wettlauf gegen Birke und Kiefer war nur mithilfe einer genügsamen Schafherde zu gewinnen. "Vor 20 Jahren haben wir mit zwölf Heidschnucken angefangen", berichtet Dr. Gerhard Lakmann, heute wissenschaftlicher Leiter der Biologischen Station Paderborner Land. "Über hundert Senne-Begeisterte haben in der Startphase Schafpatenschaften übernommen, sodass wir rasch eine große Herde aufbauen konnten."

Das Experiment "friedliche Koexistenz" klappt seither vorbildlich – dank gegenseitiger Rücksicht und täglicher Absprachen. So geht die Herde im Sommer schon im ersten Morgengrauen in die Heide. Wenn um neun Uhr die Schießübungen beginnen, müssen die Schnucken die Schusslinie geräumt haben. Hinter einem mobilen Zaun widmen sie sich der Verdauung. Ab 16.30 Uhr dürfen sie dann eine zweite Mahlzeit einnehmen. Der winterliche Kurztag reicht dagegen nur für einen Weidegang. Jeden Morgen erkundigt sich die Schäferei deshalb bei der britischen Range Control, wo die Luft garantiert "bleifrei" bleibt, und nur dorthin darf die Herde ziehen. "Die Schäfer sind absolut zuverlässig", lobt Major Martin G. Waters von den britischen Streitkräften die Zusammenarbeit. "In 20 Jahren wurde noch kein einziges Schaf totgeschossen – ich glaube, es ist nur einmal eines gestorben, weil ihm ein Stück Holz auf den Kopf gefallen ist."

Abschreckung gegen Zicken-Krieg

Der Tag von Schäfermeisterin Renate Rieger hat 16 Stunden. Die Pause gibts nur fürs Foto.
Der Tag von Schäfermeisterin Renate Rieger hat 16 Stunden. Die Pause gibts nur fürs Foto.
Heute bilden 450 Mutterschafe den Stamm der Herde. Gemeinsam mit ihnen werden acht Böcke gehütet, aber erst im Herbst und nur für wenige Wochen. Sie kennen ihre Aufgabe. Die herbstlichen Flitterwochen bieten Gewähr, dass alle Lämmer im zeitigen Frühjahr zur Welt kommen. Geburtshilfe müssen die Schäfer nur bei wenigen Tieren leisten. Wenn die geburtenstarken Wochen beginnen, werden angehende Muttertiere vorübergehend im Stall einquartiert. Dort lassen sie sich mit ihren Lämmern besser auf die Rückkehr ins Gelände vorbereiten. Zusammen mit den Schnucken sind auch knapp 20 Ziegen unterwegs. Im Gegensatz zu den Schafen richten sie sich gern an jungen Bäumen auf und ziehen die Zweige herunter. Auf diese Weise ergänzen sich beide Arten bei der Landschaftspflege. Zickiges Betragen wie Hörnereinsatz gegen Lämmer duldet Renate Regier, die Schäfermeisterin, nicht. "Wer sich nicht benimmt, fliegt raus", sagt sie freundlich lächelnd. Was das genau bedeutet, beantwortet sie mit der Aufzählung der Produkte, die man ab Hof kaufen kann: Neben Fellen, Schnuckenfleisch und –salami und herzhaften "Heideknackern" ist nämlich auch Ziegenmettwurst im Angebot. Die Drohung scheint zu wirken. Schafe und Ziegen sind lammfromm.

Die Kenner der Senne könnten sich keine bessere Schäferin vorstellen, denn das Hauptaugenmerk der diplomierten Biologin und erfahrenen Tierwirtin giltnder Erhaltung der Heide. Die Heidschnucken -Schäferei hat sich inzwischen zu einem bedeutenden Publikumsmagneten in der Senne-Region entwickelt. In jedem Jahr besuchen mehrere Tausend Besucher die Heidschnucken, insbesondere zur Lammzeit im März und April oder am Tag der offenen Tür jeweils Ende August, dem sogenannten "Heideblütenfest".

Starke Persönlichkeiten

Das Militär achtet bei seinen Übungen darauf, dass weder Zivilisten noch Schafe zu Schaden kommen.
Das Militär achtet bei seinen Übungen darauf, dass weder Zivilisten noch Schafe zu Schaden kommen.
Bei einer Zahl von fast 900 Schafen, Muttertieren und Lämmern, kann man nicht jedes Tier wiedererkennen, aber einige besondere Persönlichkeiten bleiben im Kopf. "Es sind zum Beispiel immer dieselben, die das Schlusslicht bilden, wenn wir weiterwollen", erklärt Schäfermeister Markus Laabs. Er kann den notorischen Trödlern aber durchaus gute Seiten abgewinnen: "Wenn die da sind, wissen wir, die Herde ist vollzählig." Trotzdem kann es im Sommer einmal vorkommen, dass ein Schaf unbemerkt den Kontakt zu den Artgenossen verliert. "Die laufen dann von allein die Pferchplätze ab, bis sie die Herde gefunden haben." Sind Schafe dafür nicht zu dumm? "Keine Spur, unsere Schafe merken sich sogar die Wege, die wir nur einmal im Jahr gehen, und wenn ich irgendwo ungewohnt abbiege, dann bleiben sie erst mal stehen, als wollten sie fragen: ,Da lang – bist Du sicher?’".

Wer feststellen möchte, was dran ist am Kinderbuchklischee des Schäferberufs, kann sich die Arbeit bei Schäferpaar Markus Laabs und Renate Regier gerne anschauen, oder besser noch, ehrenamtlich helfen. "Hier ist immer etwas zu tun, und natürlich sind auch wir fremdbestimmt", fasst die geduldige Schäferin die Tätigkeiten zusammen, "aber den Tagesablauf diktieren hier garantiert die vierbeinigen, keine zweibeinigen Schafe."
Soldaten in der Senne

Marschieren in der Natur - Soldaten bei einer Übung.
Marschieren in der Natur - Soldaten bei einer Übung.
Die Anwesenheit von Soldaten in der Senne, dem größten Heidegebiet Nordrhein-Westfalens, reicht 125 Jahre zurück. 1881 errichtete das Erste Westfälische Husaren-Regiment Nr. 8 einen Kavallerie-Exerzierplatz. Konkurrierende Nutzungsansprüche gab es wegen der armen Sandböden kaum. Im 20. Jahrhundert wurde das Areal mehrfach vergrößert und kam nach dem Zweiten Weltkrieg als Truppenübungsplatz unter britisches Kommando. Heute ist der Standort Senne ein reiner Schießplatz: Die etwa 20 kürzeren oder längeren Freiluft-Schießstände sind wie die Speichen eines Rades um den Platz angeordnet, die befestigten Anlagen nehmen aber nur etwa fünf Prozent der Gesamtfläche von 113 Quadratkilometern ein. Abwechselnd mit den britischen Streitkräften üben hier wochenweise auch andere NATO-Soldaten. Im Zentrum und zwischen den Schießbahnen, also im weitaus größten Teil des Gebiets, erstreckt sich ein weitläufiges Mosaik aus offener Heide, Sandmagerrasen und Kiefernwald. Aus Sicherheitsgründen wird stets von außen in Richtung Zentrum geschossen. Von zweim alten Durchgangsstraßen aus, die an manchen Wochenenden geöffnet sind, haben Besucher Einblick in die Sennelandschaft. Die Straßen dürfen aber auf keinen Fall verlassen werden. Das bei Augustdorf gelegene, fünfeinhalb Quadratkilometer große Sperrgebiet "Stapelage" ist ein Panzer- und Infanterie-Übungsplatz ohne Schießbahnen. Hier werden die Heidschnucken gehütet, wenn der Hauptplatz längere Zeit gesperrt ist.
Wussten Sie schon...

Eine Schäferin bei der Herde. Der Naturschutz ist daran interessiert, dass die offene Heidelandschaft erhalten bleibt.
Eine Schäferin bei der Herde. Der Naturschutz ist daran interessiert, dass die offene Heidelandschaft erhalten bleibt.
… dass bei den Heidschnucken beide Geschlechter Hörner tragen? Dick und schneckenartig gewunden sind sie aber nur bei den Böcken.
… dass Heidschnucken, weil sie sich viel bewegen, ein dunkles, fettarmes und besonders delikat schmeckendes Fleisch besitzen?
… dass die wilden Ahnen der Heidschnucken Mufflons waren, die heute noch auf Sardinien und Korsika leben?
… dass Schnuckenlämmer stets schwarzgelockt geboren werden und erst mit einem Jahr das hellgraue Fell der Erwachsenen bekommen?
… dass die Wolle der Heidschnucken zwar gut wärmt, sich spinnen und stricken lässt, aber recht kratzig ist? Deshalb wird sie fast nur für grobe Gewebe wie Teppiche verwendet.

Stand der Angaben: Magazin der NRW-Stiftung 3/2007


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Für die Arbeitsgruppe Landschaftspflege und Artenschutz (ALA) e.V. baute die NRW-Stiftung am Rande des Truppen- übungsplatzes Senne bei Hövelhof einen Heidschnuckenstall, in dem etwa 1.000 Tiere unterkommen können. In der Heidschnucken-Schäferei befindet sich auch ein Informationsraum. Außerdem unterstützte die NRW-Stiftung die Aus- stellung zum Thema Naturschutz und Militär auf dem Truppenübungsplatz, die im Prinzenpalais in Bad Lippspringe zu sehen ist.

Googlemap aufrufenEinen Eindruck von der Schönheit und ökologischen Bedeutung der Senne können Besucher in den Randgebieten wie im Naturschutzgebiet Moosheide bekommen, das Zentrum der Senne ist wegen der militärischen Übungen und der Blind- gängergefahr für die Öffentlichkeit gesperrt. Eine informative Ausstellung über Naturschutz in der Senne gibt es jedoch im Prinzenpalais in Bad Lippspringe.

Heidschnucken-Schäferei der ALA
Sennestraße 233
33161 Hövelhof
(nahe dem Eingang zum Truppenübungsplatz)
Tel.: 05257 6933
Web: www.biologische-station-paderborner-land.de
E-Mail: renateregier@t-online.de

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