RENATURIERUNG DER LIPPEAUE IM KREIS SOEST

AUF ZU NEUEN UFERN

Die Bestände des Laubfroschs, ...
Die Bestände des Laubfroschs, ...
Der Anblick begradigter Flüsse mit befestigten Ufern ist uns vertraut. Gewöhnungsbedürftig ist dagegen die Vorstellung, dass ein Fluss seinen Lauf selbst suchen darf und mehrmals im Jahr seine Aue überflutet. Gibt es für solche Wildnisse vor den Toren der Ballungsgebiete überhaupt noch Platz? "Ja!", lautet das einhellige Urteil von Fachleuten. An der Lippe im Kreis Soest können sich Besucher selbst ein Bild davon machen. Die renaturierten Flussabschnitte bieten nicht nur ein intensiveres Landschaftserlebnis, sondern sind ein unschätzbarer Gewinn für die gefährdete Tier- und Pflanzenwelt unserer Flussauen.

... der Knäkente...
... der Knäkente...
Um die Wiesen, Weiden und Äcker der Lippebauern vor Hochwasser zu schützen, hatte man bis vor 30 Jahren Dämme aufgeschüttet und die Uferböschungen mit Felsblöcken befestigt. Damit legte man aber nicht nur dem Wasser Steine in den Weg, sondern auch den Fischen. Früher hatten sie ihre Eier in den seichten Flutrinnen, den verkehrsberuhigten Nebenstraßen des Flusses, abgesetzt. Mit dem Uferverbau war der Zugang zu diesen sicheren Fortpflanzungsstätten plötzlich versperrt. An den Rückstauklappen der Nebenbäche und Gräben drückten sich Quappe, Hecht und Moderlieschen die Nasen platt. Statt der ursprünglich 30 Fischarten gab es hier irgendwann nur noch 15.

Fluss ohne Bettkante

Nur ein entfesselter Fluss kann seine Aue ständig verjüngen.
Nur ein entfesselter Fluss kann seine Aue ständig verjüngen.
War der Rückgang der Fische nur für Fachleute erkennbar, konnten das Ausbleiben der Uferschwalben und das Verstummen des Froschgequakes von jedermann bemerkt werden. Das änderte sich mit dem Jahr 1990: Seinerzeit entschloss sich die NRW-Stiftung, die Renaturierung ausgewählter Flussabschnitte zu unterstützen. Die fachlichen Grundlagen wurden von der "Arbeitsgemeinschaft Biologischer Umweltschutz im Kreis Soest", kurz ABU, und dem Staatlichen Umweltamt in Lippstadt erarbeitet. Birgit Beckers von der ABU erinnert sich an das Haupthindernis der Anfangszeit: "Es gab zwar sehr viele tauschwillige Eigentümer, aber als Folge der früheren Erbteilung brachte jeder oft nur winzige Flurstücke mit." Beim Amt für Agrarordnung war man mit solchen Problemen vertraut und löste sie zur Zufriedenheit aller Beteiligten. Nach dem Ankauf der Flächen durch die NRW-Stiftung bekamen die Landwirte neue Pachtverträge.

.. und der Gemeinen Keiljungfer haben wieder zugenommen, seit man der Lippe "freien Lauf" lässt.
.. und der Gemeinen Keiljungfer haben wieder zugenommen, seit man der Lippe "freien Lauf" lässt.
Nebenbäche erhielten ihr altes Bett zurück und neue Kleingewässer wurden angelegt. In der Disselmersch bei Lippborg ging man noch weiter: Dort schob man im Jahr 2005 ein Flutrinnensystem von 1.200 Metern Länge aus und trug die künstlichen Uferdämme an mehreren Stellen ab. Seither füllen sich die Senken in der Aue auch wieder bei kleineren Hochwassern. Durchschnittlich an 45 Tagen im Jahr herrscht dann freier Austausch zwischen der Lippe und ihren Nebenrinnen. Das wiedergeschaffene Standortmosaik bietet einer großen Zahl von Auenpflanzen und -tieren optimale Lebensbedingungen. Mindestens genauso wichtig wie die Reaktivierung der Aue war die Entfesselung der Ufer. Auf 4.000 Meter Länge befreite der Lippeverband die Uferböschungen von ihrem Steinkorsett. Im Nu entstanden wieder Steilabbrüche und Kolke, Flachwasserzonen und Sandbänke.


Vogelparadies Flussaue

Von der Aussichtskanzel am Anglerweg aus beobachten Birgit Beckers und Matthias Scharf die Tiere der Lippeaue.
Von der Aussichtskanzel am Anglerweg aus beobachten Birgit Beckers und Matthias Scharf die Tiere der Lippeaue.
Die Reaktion der Vogelwelt auf die Auentherapie war beeindruckend. Uferschwalben, die in den 1970er-Jahren verschwunden waren, brüten wieder regelmäßig in 70 Paaren, der Eisvogel kehrte in viele Abschnitte zurück und im Frühjahr und Herbst ist die Lippeaue wieder ein wichtiger Vogelrastplatz. "Auf den flach überstauten Ufern und Wiesen sind die Watvögel auf ihrem Zug nur so vom Himmel gefallen", erinnert sich Birgit Beckers. "An einem Tag hatten wir einmal 50 Waldwasserläufer gleichzeitig hier. Früher haben wir schon gejubelt, wenn es mal fünf oder zehn waren."

Neunstachliger Stichling, ...
Neunstachliger Stichling, ...
Die Akte "Renaturierung Disselmersch" ist aber noch nicht geschlossen. Ökologen und Wasserbauer haben sich eine weitere gemeinsame Aufgabe gestellt. Dadurch, dass man die Lippe vor Jahrzehnten begradigte und ihre Ufer befestigte, machte man sie auch schneller. Immer tiefer schnitt sie sich seither in den Auengrund ein und ließ den Grundwasserspiegel, der einst dicht unter der Oberfläche der Wiesen gelegen hatte, rapide sinken. Um den Teufelskreis der Tiefenerosion zu durchbrechen, will der Lippeverband Sand an den Ufern abgraben und im Flussbett verteilen. Durch diese Sohlanhebung wird die Fließgeschwindigkeit abnehmen. Mehr mitgeführtes Material kann sich absetzen und dem Gerinne seine alte Strukturvielfalt mit Seitenarmen und Sandbänken wiedergeben.

Planstelle für Hornochsen

... Hecht...
... Hecht...
Als Leitbild schwebt den Soester Naturschützern der Urzustand der Lippe vor, und zu diesem Szenario gehören auch große Huftiere wie Auerochse und Wildpferd. "Nur die konnten in den Auen waldfreie Teilflächen schaffen und erhalten", erläutert Matthias Scharf, ABU-Mitarbeiter seit der ersten Stunde, "und darauf sind viele Pflanzen und Tiere der Auen angewiesen." Da das Erbgut der wilden Vorfahren in einigen alten Nutztierrassen noch weiterlebt, konnten die vakanten ökologischen Planstellen von Auerochse und Wildpferd inzwischen wieder besetzt werden. In der Hellinghauser Mersch beispielsweise hatte die ABU mit einer kleinen Herde von Heckrindern ihre eigene Zucht begonnen. Heckrinder sind jedoch kleiner als ihre Ahnen. Um das XL-Format des Vorbilds Auerochse zu erreichen, kreuzte man Vertreter großer Rassen aus Südeuropa ein. Das Ergebnis sind die eindrucksvollen Taurusrinder. Rund ums Jahr weidet jetzt die 20-köpfige Herde Gräser oder Laubgehölze ab und lässt sich zum Wiederkäuen im Schatten der knorrigen Uferweiden nieder. Oft suchen Konikpferde, die jetzt ebenfalls hier leben, ihre Nähe. Koniks sind eine osteuropäische Kleinpferdrasse. Die Zebrastreifen an ihren Beinen sind noch heute sichtbare Zeichen ihrer Abstammung vom Wildpferd.

Auenblicke statt "Agrotonie"

... und Rotfeder sind nur drei von rund 30 Fischarten, die sich in der Lippe wieder wohlfühlen.
... und Rotfeder sind nur drei von rund 30 Fischarten, die sich in der Lippe wieder wohlfühlen.
Für einige Spaziergänger bedeutete es zwar eine Umstellung, dass sie ihren Hund anleinen mussten oder dass auf "ihren" Wegen plötzlich urige Horntiere Vorrang hatten. Mittlerweile sind Anwohner und Besucher aber durchweg begeistert von dem Bild, das sich ihnen an der Lippe bietet. Matthias Scharf freut sich über die Zustimmung, die das Projekt genießt: "Eine solche Auenwildnis mit großen Tieren ist doch etwas anderes als ein Maisacker." Konflikte gibt es allerdings immer wieder mit Kanufahrern: "Das hat im Lauf der Jahre stark zugenommen. Viele missachten die Regeln, die hier im Naturschutzgebiet gelten. Es kommt zum Beispiel vor, dass Leute auf einer Sandbank lagern und Feuer machen. Ein Eisvogel, der dort seine Röhre in der Uferböschung hat, verträgt das nicht; der gibt seine Brut auf."

Beim Storch kiebitzen

In der "Hellinghauser Mersch" können sich Konikpferde und Taurusrinder frei bewegen. Ihre historischen Vorbilder sind Wildpferd und Auerochse.
In der "Hellinghauser Mersch" können sich Konikpferde und Taurusrinder frei bewegen. Ihre historischen Vorbilder sind Wildpferd und Auerochse.
Dabei gibt es für Besucher unterschiedlichste Angebote, die neue Wildnis mit ihren Pflanzen und Tieren zu erleben: Man kann sich beispielsweise einer geführten Exkursion anschließen oder man bewaffnet sich mit einem Fernglas und erklimmt eine Aussichtsplattform. Von dort aus hat man freie Sicht auf Reiher, Wildenten und Gänse, ohne sie zu beunruhigen. Mit etwas Glück kommt einem auch eine jagende Rohrweihe vor die Linse. Von der Aussichtskanzel "Anglerweg" am Rand der Hellinghauser Mersch kann man sogar dem Weißstorch in den Horst "kiebitzen". "Der Ausdruck Vogelperspektive gilt hier im doppelten Sinn", sagt Birgit Beckers, "man sieht jede Menge Vögel und kann sich wegen des Überblicks selbst wie einer fühlen."

Stand der Angaben: Magazin der NRW-Stiftung 2/2008


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Im Auftrag der NRW-Stiftung hat das Institut für Kartographie und Geoinformation der Universität Bonn in Zusammenarbeit mit der Abteilung Geobotanik und Naturschutz zu diesem und weiteren Projekten der NRW-Stiftung ausführliche wissenschaftliche Informationen erstellt. Diese stellen die Flora und Fauna sowie die Vegetation des Naturschutzgebietes dar und setzen sich mit seiner Entwicklung, Pflege und Nutzung auseinander. [mehr]
Die NRW-Stiftung kaufte mit Unterstützung des Amtes für Agrarordnung Soest in den vergangenen Jahren rund 270 Hektar Land in der Disselmersch und der Hellinghauser Mersch im Kreis Soest für Zwecke des Naturschutzes. Betreut werden die inzwischen aufwendig renaturierten Gebiete von der Arbeitsgemeinschaft Biologischer Umweltschutz (ABU) im Kreis Soest e.V.

Googlemap aufrufenZu erreichen sind die Gebiete von Köln oder Düsseldorf über die A1 (A46 > A1) bis Kamener Kreuz, dort auf die A2 (Richtung Hannover) wechseln, auf dieser bis zur Ausfahrt Hamm-Uentrop. Von dort führt die L 822 (später B 475) in Richtung Soest direkt nach Lippborg (Disselmersch). Die B 475 quert vor Lippborg die Lippe. Ca. 500 Meter dahinter führt eine rechts abzweigende Straße am Südrand der Disselmersch entlang ab. Weiter entlang der Lippe Richtung Lippstadt liegt die Ortschaft Hellinghausen am Rande der Aue südlich der Lippe. Von Hellinghausen führen Spazierwege in die Hellinghauser Mersch.

Weitere Informationen unter: www.abu-naturschutz.de

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