WESTFÄLISCHES GLOCKENMUSEUM GESCHER

MIT DEM GUMMIHAMMER DURCHS MUSEUM

Das man mit einem Hammer gegen die Glocken haut, gehört hier zum guten Ton.
Das man mit einem Hammer gegen die Glocken haut, gehört hier zum guten Ton.
Besucher mit einem Hammer in der Hand sind in Museen normalerweise ungern gesehen. Doch keine Regel ohne Ausnahme: Im Westfälischen Glockenmuseum gehören Gummihämmer ganz einfach "zum guten Ton". Kinder und Erwachsene dürfen damit Glocken unterschiedlicher Größe und unterschiedlichen Alters auch selbst zum Klingen bringen. Vor allem die geheimnisvolle Wasserglocke sorgt dabei für kribbelnde Spannung, die so schnell wohl niemand vergessen wird.

Nicht nur in den Innenräumen werden Glocken ausgestellt, auch unter freiem Himmel geht das "Klangerlebnis" weiter.
Nicht nur in den Innenräumen werden Glocken ausgestellt, auch unter freiem Himmel geht das "Klangerlebnis" weiter.
Eine Glocke, die auf dem Kopf steht, sieht fast aus wie eine große Metallschüssel. Füllt man sie mit Wasser, so erhält man eine "Wasserglocke" – und fragende Gesichter von Museumsbesuchern. Doch zum Glück gibt es den Gummihammer. Sobald man die Glocke damit anschlägt, ertönt nicht nur ihre Stimme, zugleich überzieht sich auch die Wasseroberfläche mit einem faszinierenden geometrischen Muster: Der Glockenton wird sichtbar! Wer jetzt noch seine Hand ins Wasser taucht, erlebt gleich eine weitere Überraschung. So heftig vibriert es im kühlen Nass, dass man fast meinen könnte, "unter Strom" zu stehen.

Im Glockenmuseum lassen sich unterschiedlichste Glocken besichtigen.
Im Glockenmuseum lassen sich unterschiedlichste Glocken besichtigen.
Kein Zweifel, das 1980 eröffnete und in ganz NRW einzigartige Glockenmuseum im münsterländischen Gescher ist der Idealfall "interaktiven" Erlebens. Jahrhunderte alte Ausstellungsstücke, die sich anderswo meist nur in Vitrinen betrachten lassen, kann man in Gescher auch hören, anfassen und spüren. Ja, sogar als "Carilloneur" darf man sich versuchen – als Musiker an einem "Carillon", einem Turmglockenspiel. Doch Vorsicht: Selbst zaghaft intonierte "Alle meine Entchen" entfalten darauf eine ziemlich ohrenbetäubende Wirkung.

"Fest gemauert in der Erden steht die Form aus Lehm gebrannt"
In der Museumslandschaft Gescher gibt es neben dem Glockenmuseum noch viele weitere Attraktionen, wie z. B. das Torfmuseum.
In der Museumslandschaft Gescher gibt es neben dem Glockenmuseum noch viele weitere Attraktionen, wie z. B. das Torfmuseum.
Das Glockenmuseum macht Geschichte zum klangvollen Erlebnis. Aber wie entstehen "glockenreine" Töne eigentlich? Am Anfang steht die Gussform – "die Form aus Lehm gebrannt", wie Friedrich Schiller einst dichtete. Eigentlich sind es drei Lehmformen: der innere "Kern", der äußere "Mantel" und die dazwischenliegende "falsche Glocke". Letztere entspricht exakt der späteren Metallglocke. Der dreifache Lehmaufbau wird durch Brennen gehärtet. Danach kann man den Mantel abheben und die "falsche Glocke" entfernen.

Bronzegießer stellten neben Glocken auch Kanonen her, wie das Kanonenrohr aus dem 17. Jahrhundert demonstriert.
Bronzegießer stellten neben Glocken auch Kanonen her, wie das Kanonenrohr aus dem 17. Jahrhundert demonstriert.
Anschließend setzt man den Mantel wieder auf und gießt heiße Bronze in den so entstandenen Hohlraum – die echte Glocke nimmt Form an. Diese Glockenform muss vor dem Guss genau berechnet werden, um die gewünschte Tonhöhe auch tatsächlich zu treffen. Nachträgliches "Stimmen" ist kaum möglich, und nur der seit Jahrhunderten angesammelte Erfahrungsschatz der Glockengießer kann Fehlgüsse verhindern. In Gescher blickt man dabei auf eine lange Tradition zurück. Noch heute ist hier die Firma "Petit & Gebr. Edelbrock" tätig. Der Gießer Alexius Petit war schon Ende des 18. Jahrhunderts nach Gescher gekommen – nicht zuletzt weil die örtlichen Lehmvorkommen gute Voraussetzungen für den Glockenguss boten.

1.000 Jahre alter Klang
Besucher des Museums können viele interessante Details über Glocken erfahren.
Besucher des Museums können viele interessante Details über Glocken erfahren.
Besonderer Stolz des Glockenmuseums ist das mit finanzieller Unterstützung der NRW-Stiftung rekonstruierte Geläut der ehemaligen Stiftskirche in Vreden. Aufgrund von Ausgrabungsfunden und langjähriger Spezialforschung ist es dabei gelungen, vier Glocken aus dem 9. Jahrhundert in ihrer typisch frühmittelalterlichen "Bienenkorbform" nachzugießen. Ein Klang aus dem
ersten Jahrtausend n. Chr. wurde so am Beginn des dritten Jahrtausends wieder lebendig!

Ein Bild an der Wand erinnert an die Bronzegießer, die die Glocken herstellten.
Ein Bild an der Wand erinnert an die Bronzegießer, die die Glocken herstellten.
Natürlich gibt es nicht nur Kirchenglocken. Das Glockenmuseum präsentiert daher auch Haus-, Hof-, Tier- und Schiffsglocken in beträchtlicher Anzahl und mit interessanten Detailinformationen. So müssen Schiffsglocken laut Vorschrift eine Mindestlautstärke von 110 Dezibel erreichen – selbst inmitten eines Rockkonzerts wären sie damit noch problemlos hörbar. Kein Wunder angesichts all dieser tönenden Vielfalt, dass das Glockenmuseum längst aus allen Nähten zu platzen droht. Eine von der NRW-Stiftung geförderte zusätzliche Halle schafft da Abhilfe und sorgt für noch größere Resonanz – bei den Glocken und natürlich auch beim Publikum.
Museumslandschaft Gescher

Ein Denkmal, das an die Bronzegießer im Dorf Gescher erinnert.
Ein Denkmal, das an die Bronzegießer im Dorf Gescher erinnert.
Das Glockenmuseum ist nur eins von mehreren Museen, die Gescher zu einem lohnenden Ausflugsziel machen. In unmittelbarer Nähe befinden sich das Kutschenmuseum, das Imkereimuseum und der "Muse umshof auf dem Braem", der die Lebens- und Arbeitsweise auf dem Lande um 1920 lebendig werden lässt. Im Ortsteil Hochmoor wartet darüber hinaus eine echte Rarität auf die Besucher. Wo andere ländliche Ge meinden meist nur über ein Dorfmuseum verfügen, kann man hier ins "Torfmuseum" gehen. Was im ersten Moment vielleicht kurios klingen könnte, ist in Wirklichkeit ein spannender Beitrag zur Umwelt-, Landschafts- und
Wirtschaftsgeschichte. Denn die Trockenlegung und der Abbau von Mooren spielte für die Entwicklung der münsterländischen Kulturlandschaft eine große Rolle – schon der Ortsname "Hochmoor" weist darauf hin.

Stand der Angaben: Magazin der NRW-Stiftung 3/2008


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Für Mitglieder des Fördervereins ist der Eintritt frei.

Bei vielen Projekten erhalten die Mitglieder des Fördervereins vergünstigten Eintritt. [mehr]
Die NRW-Stiftung unterstützte das Westfälische Glockenmuseum in Gescher (Kreis Borken) beim Nachguss von vier Bronzeglocken aus dem 9. Jahrhundert, außerdem beteiligt sie sich an der Erweiterung des klangvollen Spezialmuseums, das man am besten bei einer Führung kennenlernt.

Googlemap aufrufenWestfälisches Glockenmuseum
Lindenstraße 2
48712 Gescher
Telefon: 0 25 42 / 71 44
www.gescher.de

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