DIE "GALLEIEN" AN DER SCHWANENBURG

KLEVER PERSPEKTIVEN

Engagiert vor Ort: Hanns-Karl Ganser, Marco Wellmanns, Willibrord Jannsen, Gerlinde Semrau-Lensing, Paul Zegers, Werner van Ackeren und Klaus Brennecke.
Engagiert vor Ort: Hanns-Karl Ganser, Marco Wellmanns, Willibrord Jannsen, Gerlinde Semrau-Lensing, Paul Zegers, Werner van Ackeren und Klaus Brennecke.
Im 17. Jahrhundert schuf Prinz Johann Moritz von Nassau rund um die Residenzstadt Kleve weiträumige Parks und Gärten mit eindrucksvollen Wasserkünsten, lang gestreckten Alleen und grandiosen Sichtachsen. Dazu gehörte auch das sogenannte "Amphitheater" mit dem Prinz-Moritz-Kanal, das heute noch zu den bekanntesten Klever Sehenswürdigkeiten zählt. Doch von der tatsächlichen Ausdehnung des Gartenparadieses, die sich in der Landschaft manchmal nur noch erahnen lässt, hatten selbst die meisten Klever bislang kaum mehr einen Begriff. Zum Glück sorgt seit einigen Jahren der Arbeitskreis "Kermisdahl-Wetering" für neue Perspektiven – in der Landschaft und im Bewusstsein der Betrachter.

Die neue Brücke, die von Karla Hartwig gestiftet wurde.
Die neue Brücke, die von Karla Hartwig gestiftet wurde.
"Kermisdahl" nennt man den alten Rheinarm, der Kleve zusammen mit dem Flüsschen Wetering in einem Halbrund umfließt. Steht man auf dem Papenberg im Südosten der Stadt, so gleitet der Blick hinab auf die malerische Flussaue und über das "Freudental" hinweg – bis hin zur Klever Stadtsilhouette, die sich auf der gegenüberliegenden Anhöhe eindrucksvoll abzeichnet. Wäre die niederrheinische Landschaft tatsächlich überall so flach, wie man ihr nachsagt, so gäbe es dieses reizvolle Bild gar nicht. Aber Kleve liegt in hügeliger Umgebung, und einer Geländekuppe - der "Clive" bzw. dem "Kliff", auf dem es seine Anfänge nahm - verdankt es auch seinen Namen.

Die starke perspektivische Wirkung der Anlagen von Prinz Johann Moritz unterstreicht dieser um 1685 entstandene Kupferstich - auch wenn auf  dem Bild teilweise Wasserflächen versehentlich als Wege dargestellt sind.
Die starke perspektivische Wirkung der Anlagen von Prinz Johann Moritz unterstreicht dieser um 1685 entstandene Kupferstich - auch wenn auf dem Bild teilweise Wasserflächen versehentlich als Wege dargestellt sind.
Zu Lebzeiten von Johann Moritz von Nassau schoss am Fuße des Papenbergs eine künstliche Fontäne in die Höhe, davor schmückten fächerförmig angeordnete Wassergräben das Gelände, und eine Allee markierte die beeindruckende Sichtachse zur Stadt mit dem Turm der Schwanenburg als Fluchtpunkt. Das Barock liebte solche Blickachsen, die von einem "belle vue" (einem schönen Aussichtspunkt) hin zu einem "point de vue" (einem markanten Blickpunkt) verliefen. Johann Moritz ließ im Freudental sogar insgesamt drei solcher Alleen anlegen, von denen sich der heutige Name "Galleien" für das Gebiet herleitet.

Spitzenleistung der Europäischen Gartenkultur

Das neue Besucherleitsystem weist den Weg durch Landschaft und Geschichte.
Das neue Besucherleitsystem weist den Weg durch Landschaft und Geschichte.
Kein Zweifel: Hier hat man es nicht mit einer gesichts- und geschichtslosen "Grünanlage" zu tun, die Klever Anlagen gehörten vielmehr zu den Spitzenleistungen der europäischen Gartenkultur. Verständlich, dass Johann Moritz in seiner Traumlandschaft auch seine letzte Ruhestätte haben wollte. Daher stößt man noch heute unweit des Papenbergs auf das Grabmal des Prinzen: ein großes Mauerhalbrund, das mit antiken Gefäßen und Steindenkmälern geschmückt ist, dahinter eine schwere, gusseiserne Tumba.

So imponierend diese Grabanlage auch ist, noch vor Kurzem war es für den Betrachter praktisch nicht mehr möglich, den Zusammenhang zwischen ihr und der sie umgebenden Landschaft herzustellen. Nicht dass es in Kleve dazu an Expertenwissen gemangelt hätte. Erst 2005 wurde der Gartenhistoriker Wilhelm Diedenhofen u. a. für seine zahlreichen Beiträge zur Klever Park- und Gartenkultur mit dem "Rheinlandtaler" geehrt. Doch Kultur - und erst recht Gartenkultur - ist nicht nur eine Frage der Wissensvermittlung, sondern vor allem auch des Erlebens.

Besonderer Anziehungspunkt dabei: das prachtvolle Grabmal des Prinzen Johann Moritz.
Besonderer Anziehungspunkt dabei: das prachtvolle Grabmal des Prinzen Johann Moritz.
Dafür aber bot die in Vergessenheit geratene Landschaft am Kermisdahl denkbar schlechte Voraussetzungen. Die so wichtigen Aussichtspunkte waren überwuchert oder verschwunden, Wege teilweise nicht mehr passierbar oder gar nicht mehr vorhanden. Ja, sogar der Kermisdahl selbst war so verschlammt, dass er völlig zu verlanden drohte. Sollte Kleve ausgerechnet seine großartigsten Perspektiven aus den Augen verlieren? Um an dieser Misere etwas zu ändern, stellte Gerlinde Semrau-Lensing 2003 den Bürgerantrag, eine neue Fußwegverbindung von Kleve zum Moritzgrab zu schaffen und eine alte wiederherzustellen. Schon im November 2003 gründete sich der Arbeitskreis Kermisdahl-Wetering mit dem Ziel, dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen. Die Klever Forstverwaltung unter Hanns-Karl Ganser leistete dabei tatkräftige Unterstützung. Der vom Arbeitskreis erhoffte "Brückenschlag" hin zum Erbe von Johann Moritz wurde schließlich sogar höchst belastbare Realität – in Form einer Brücke über den Kermisdahl und die Wetering, die Karla Hartwig gestiftet hat.

Von Kleve nach Moyland

Über dreieinhalb Kilometer lang ist der Weg, auf dem man heute von der Klever Schwanenburg zu Fuß bis zum Papenberg wandern kann.
Über dreieinhalb Kilometer lang ist der Weg, auf dem man heute von der Klever Schwanenburg zu Fuß bis zum Papenberg wandern kann.
So entstand der dreieinhalb Kilometer lange "Prinz-Moritz-Weg", auf dem man heute von der Klever Schwanenburg zu Fuß bis zum Papenberg wandern kann. Von hier geht die Strecke als "Voltaire-Weg" noch sechseinhalb Kilometer weiter bis nach Schloss Moyland.

Für ihr Engagement, die historische Landschaft rund um Kleve neu ins Bewusstsein zu rücken, erhielt Gerlinde Semrau-Lensing 2010 den Wegweiser-Preis des Fördervereins der NRW-Stiftung.
Für ihr Engagement, die historische Landschaft rund um Kleve neu ins Bewusstsein zu rücken, erhielt Gerlinde Semrau-Lensing 2010 den Wegweiser-Preis des Fördervereins der NRW-Stiftung.
Doch um das Gartenreich des Prinzen Johann Moritz für die Menschen heute wieder erlebbar zu machen, braucht man nicht nur Wege, sondern auch Informationen, Markierungspunkte, Karten und Prospekte. Seit Mai 2010 informiert hier ein deutsch-englischsprachiges Besucherleitsystem, das durch die Unterstützung der NRW-Stiftung entwickelt wurde, mit Tafeln und Stelen über eine Kulturlandschaft und ihre Vergangenheit – über römische Siedlungsspuren und alte Torfstiche, über preußische Postrouten, barocke Alleen und über Kirchen und Adelssitze. Ein hochinteressantes Ziel, denn in dem Schloss, in dem Friedrich der Große 1740 mit dem Philosophen Voltaire zusammentraf, wird heute unter anderem die weltweit größte Sammlung von Joseph-Beuys-Werken gezeigt.
Der "Brasilianer" am Niederrhein

Mehr als dreißig Jahre lang lebte Prinz Johann Moritz von Nassau in Kleve – von 1647 bis zu seinem Tod im Jahr 1679. Gekommen war er als Statthalter des Kurfürsten von Brandenburg, dem das Herzogtum Kleve einige Jahrzehnte zuvor erblich zugefallen war. Obwohl Johann Moritz also eine wichtige politische Funktion hatte, blieb seine wahre Leidenschaft doch stets das "Bauen, Graben und Pflanzen" - die Entwicklung und Umsetzung kühner Garten- und Parkprojekte. Sein Beiname lautete "der Brasilianer", denn von 1637 bis 1644 war er als Gouverneur der niederländischen "Westindischen Compagnie" in Brasilien tätig gewesen. Dort hatte er vielerlei Erfahrungen auch mit der exotischen Pflanzenwelt machen können. Aber erst mit den Gärten und Parks rund um Kleve schuf er sein eigentliches Lebenswerk. Hier ließ er sich schließlich nahe des Papenbergs auch beisetzen. Das noch erhaltene Grabmal ist heute allerdings ein "Kenotaph" – eine Grabstätte ohne Leichnam. Denn schon sechs Monate nach seinem Tod wurde der Prinz nach Siegen in das Grabgewölbe des Hauses Nassau-Siegen überführt.

Stand der Angaben: Magazin der NRW-Stiftung 2/2008


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Die NRW-Stiftung unterstützt den Arbeitskreis Kermisdahl-Wetering im Klevischen Verein für Kultur und Geschichte e.V. bei der Pflanzung einer Allee im Landschaftspark Galleien und bei der Ausstattung von Wanderwegen mit Informationstafeln.

Googlemap aufrufenDie Galleien befinden sich südöstlich der Klever Schwanenburg. Empfehlenswert ist eine Tour vom Schloss Moyland durch die Galleien zum B.C.Koekkoek-Haus in der Klever Innenstadt.

www.kermisdahl-wetering.de

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