DAS WAAGEGEBÄUDE IN DÜSSELDORF

DIE JOCKEY-WAAGE AUF DEM GRAFENBERG

Katharina D. Werning auf der Waage: Mit fast 130 Siegen zählt die Dortmunderin zu den erfolgreichsten weiblichen Jockeys in Deutschland.
Katharina D. Werning auf der Waage: Mit fast 130 Siegen zählt die Dortmunderin zu den erfolgreichsten weiblichen Jockeys in Deutschland.
Wer als Jockey ein Galopprennen gewinnen will, der sollte zwar kein Blei in den Knochen haben, aber Blei im Sattel kann manchmal notwendig sein. Ist das Gewicht eines Reiters für sein Pferd eine allzu leichte Bürde, so darf er nach den Regeln nur mit bleiernem Ballast an den Start gehen. Daher gehören zum Galoppsport nicht nur dramatische Zieleinläufe, aufregende Wetten und fantasievolle Damenhüte – jede Rennbahn besitzt auch eine "Jockey-Waage". Auf der Düsseldorfer Galoppanlage im Grafenberger Wald ist noch heute ein stilvolles Waagegebäude in Gebrauch, das schon 1913 erbaut wurde und jetzt unter Denkmalschutz steht.

Die alte Waage auf dem Düsseldorfer Grafenberg ist ein herausragendes Beispiel für die Rennbahnarchitektur aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.
Die alte Waage auf dem Düsseldorfer Grafenberg ist ein herausragendes Beispiel für die Rennbahnarchitektur aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.
Seit 95 Jahren werden in der Alten Waage auf dem Grafenberg Jockeys gewogen. Berühmte Namen waren darunter, so der legendäre Brite Lester Piggott, der 1955 in Düsseldorf erstmals auf einer deutschen Rennbahn ritt. Im Alter von 56 Jahren gelang ihm ein spektakuläres Comeback, das ihn 1990 noch einmal in die Landeshauptstadt führte. Oder Harro Remmert, der 1975 in Düsseldorf den Deutschlandpreis gewann. Ein Jahr später erlitt er bei einem Rennen in Krefeld eine Querschnittlähmung, was ihn nicht daran hinderte, seinen weit über 500 Siegen als Jockey später noch weitere 1.000 als Trainer hinzuzufügen.

Das alte, stilvolle Waagegebäude der Düsseldorfer Galoppanlage im Grafenberger Wald. Dank der NRW-Stiftung ist es auch heute immer noch in Gebrauch.
Das alte, stilvolle Waagegebäude der Düsseldorfer Galoppanlage im Grafenberger Wald. Dank der NRW-Stiftung ist es auch heute immer noch in Gebrauch.
Sie und zahllose andere haben sich seit 1913 vor und nach jedem Rennen in der Alten Waage eingefunden. Irgendwann schien dem ehrwürdigen Gebäude all die Last aber zu viel zu werden. Feuchtigkeit bedrohte das Mauerwerk, die Elektrik sah bedenklich aus, das Dach war beschädigt. Doch zum Glück kam Hilfe, bevor es zu spät war. Nicht zuletzt dank der NRW-Stiftung präsentiert sich das Waagegebäude heute wieder in bester Verfassung. Die Jockeystube wurde bei der Sanierung mit einer Fußbodenheizung ausgestattet, und für die Reiter steht jetzt eine Sauna zur Verfügung. Nicht nur das Baudenkmal blieb so erhalten, auch seine zentrale Funktion im Rennbetrieb ging nicht verloren, denn Rennleitung, Presse und Sanitäter haben hier ebenfalls ihre Räume.

JEDES KILO ZÄHLT

Einige Ausstattungsdetails des Gebäudes stammen noch aus der Erbauungszeit der Waage. Gewogen wird heutzutage allerdings elektrisch.
Einige Ausstattungsdetails des Gebäudes stammen noch aus der Erbauungszeit der Waage. Gewogen wird heutzutage allerdings elektrisch.
Jedes Kilo weniger Sattellast kann bei einem Galopprennen einen Raumgewinn von einer ganzen Pferdelänge bedeuten. Ohne penible Gewichtskontrollen könnten die Reiter daher versucht sein, es ihrem Pferd gegen die Regeln buchstäblich ein wenig leichter zu machen. Dass sich die Jockeys "bei der Feststellung des Gewichts vor dem Abreiten gegenseitig zu bemogeln trachteten", beklagte man in Düsseldorf immerhin schon 1850. Und 1876 hieß es noch eindeutiger: "Der Reiter von Glückauf, als Zweiter eingekommen, ließ sich nicht zurückwiegen, da er vor dem Rennen das Blei weggeworfen hat."

Zwei Fachwerktribünen der 1909 eröffneten Rennbahn stammen von einem Reitgelände auf den Düsseldorfer Rheinwiesen, das leider einem Hafenausbau um Opfer fiel.
Zwei Fachwerktribünen der 1909 eröffneten Rennbahn stammen von einem Reitgelände auf den Düsseldorfer Rheinwiesen, das leider einem Hafenausbau um Opfer fiel.
Heutzutage kommen Unregelmäßigkeiten beim Wiegen zwar kaum noch vor, der Gang zum "Abwieger" ist für die Jockeys aber nach wie vor zwingend. Erst wenn es beim "Zurückwiegen" nach dem Rennen keine Beanstandungen gegeben hat, erfolgt die entscheidende Meldung: "Waage zu". Einsprüche sind jetzt nicht mehr möglich, und die Wettquoten können veröffentlicht werden. Zu guter Letzt finden auch die Siegerehrungen direkt vor der Alten Waage statt, die dafür mit ihrem blumengeschmückten Säulenvorbau, dem schmucken Dachaufsatz und den Sprossenfenstern eine ideale Kulisse bildet.

Von Ende März bis Mitte Oktober finden auf der Düsseldorfer Galoppanlage regelmäßig Rennen statt. Zusätzlich werden sachkundige Führungen über das Gelände angeboten.
Von Ende März bis Mitte Oktober finden auf der Düsseldorfer Galoppanlage regelmäßig Rennen statt. Zusätzlich werden sachkundige Führungen über das Gelände angeboten.
Galopprennen mit Vollblutpferden haben ihre Wurzeln im England des 18. Jahrhunderts. In Deutschland veranstaltete man sie 1822 erstmals in Bad Doberan an der Ostsee. In Düsseldorf gab es die erste große Rennveranstaltung 1836 – damals organisiert vom "Verein für Pferderennen zur Aufmunterung der Pferdezucht in den Provinzen Westphalen und der Rheinlande". Schon acht Jahre später wurde der Düsseldorfer "Reiter- und Rennverein von 1844" gegründet, bei dem von Anfang an sportliche Ziele im Mittelpunkt standen. Der Düsseldorfer Rennverein gehört damit zu den besonders traditionsreichen Sportvereinen Deutschlands und ist zugleich der älteste ununterbrochen existierende deutsche Reiterverein. Waren anfänglich ausschließlich Kavallerieoffiziere darin organisiert, konnten ab 1851 auch Zivilisten Mitglieder werden.

Jockey darf sich nur nennen, wer eine dreijährige Ausbildung absolviert und außerdem bereits 50 Klasse-A-Rennen gewonnen hat, d.h. Wettbewerbe mit einer Gesamtgewinnsumme von mindestens 2.000 Euro. Ansonsten ist man lediglich "Rennreiter".
Jockey darf sich nur nennen, wer eine dreijährige Ausbildung absolviert und außerdem bereits 50 Klasse-A-Rennen gewonnen hat, d.h. Wettbewerbe mit einer Gesamtgewinnsumme von mindestens 2.000 Euro. Ansonsten ist man lediglich "Rennreiter".
Von der landschaftlich so reizvollen Galoppanlage auf dem Düsseldorfer Grafenberg ahnte zu diesem Zeitpunkt noch niemand etwas. Sie wurde erst 1909 eröffnet, weil ein zuvor genutztes Reitgelände auf den Düsseldorfer Rheinwiesen einem Hafenausbau zum Opfer gefallen war. Zwei Fachwerktribünen der alten Reitbahn wurden zunächst einfach auf den Grafenberg versetzt. Nach und nach entstanden hier aber auch neue Bauwerke, angefangen mit der prachtvollen Waage aus dem Jahr 1913. Seit 1985 steht sie unter Denkmalschutz – eben - so wie das Haupttor und der "Totalisator", das alte Wettgebäude, die beide von 1914 stammen. Auch die Nebentribüne von 1920/21 gehört zum denkmalgeschützten Ensemble. Die moderne Haupttribüne hingegen entstand erst 1989.

Nicht selten bekommt man bei einem Rennen kunstvolle Damenhüte zu Gesicht. Besonders "gut behütet" ist die Rennbahn, wenn es um den hochdotierten "Preis der Diana" geht.
Nicht selten bekommt man bei einem Rennen kunstvolle Damenhüte zu Gesicht. Besonders "gut behütet" ist die Rennbahn, wenn es um den hochdotierten "Preis der Diana" geht.
Prominenz fand und findet man auf dem Grafenberg nicht nur im Sattel, sondern auch auf den Zuschauertribünen. Schauspielerin Veronica Ferres, Ex-Bundespräsident Richard von Weizsäcker, TV-Moderator Frank Plasberg – die Liste ließe sich leicht fortsetzen. 1956 war sogar der ehemalige britische Premierminister Winston Churchill zu Gast, dessen Bemerkung, alle Gauner seien auf der Rennbahn zu finden, aber nicht alle auf der Rennbahn seien Gauner, zu einem geflügelten Wort geworden ist. In Düsseldorf hatte Churchill übrigens Pech: Sein Schimmel "Le Pretendant" ging im Rennen ziemlich sang- und klanglos unter.

Kein Sieg ohne Gewichtskontrolle. Um einen möglichen Betrug auszuschließen, müssen die Jockeys sowohl vor als auch nach dem Rennen gewogen werden.
Kein Sieg ohne Gewichtskontrolle. Um einen möglichen Betrug auszuschließen, müssen die Jockeys sowohl vor als auch nach dem Rennen gewogen werden.
Trotz aller Prominenz – Berührungsängste vorm vermeintlich exklusiven Pferdesport sollte heutzutage niemand mehr haben. Nicht nur die Eintrittspreise (ab 5 Euro) sind eher maßvoll, die Rennbahn zeigt sich auch ausgesprochen familienfreundlich und bietet gerade Kindern viele eigene Spiel- und Beschäftigungsmöglichkeiten an. Und wer sich mit den oft verzwickten Abläufen auf einer Galopprennbahn ein wenig vertrauter machen möchte, für den gibt es an den Renntagen sogar sachkundige Führungen über das Gelände.

Pferderennen gehören zu den ältesten Sportarten der Menschheit. Auch heute erfreuen sie sich großer Beliebtheit.
Pferderennen gehören zu den ältesten Sportarten der Menschheit. Auch heute erfreuen sie sich großer Beliebtheit.
Rund 8.000 Besucher kommen heute durchschnittlich zu einem Renntag auf den Grafenberg. An Spitzentagen können es auch 20.000 Menschen sein. Dann prägen, wie man es von den englischen Vorbildern kennt, viele kunstvolle Damenhüte das farbenprächtige Bild. Besonders gut "behütet" ist die Rennbahn, wenn es um den hochdotierten "Preis der Diana" geht. An diesem Tag – einem der Highlights des internationalen Galoppsports – folgen viele Zuschauerinnen mit ihren Hutkreationen gerne der bekannten Regel "Wer wagt, gewinnt". Das gilt natürlich auch für siegeswillige Jockeys, wenngleich sie einen anderen Satz vielleicht noch ein wenig stärker beachten sollten: "Wer gewinnen will, muss auf die Waage."
JOCKEY-WAAGE DÜSSELDORF – DENKMAL MIT GEWICHT

Die Alte Waage auf dem Düsseldorfer Grafenberg ist ein herausragendes Beispiel für die Rennbahnarchitektur aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Sogar einige Ausstattungsdetails stammen noch aus der Erbauungszeit, z. B. die Kleiderkästen der Jockeys und die hölzerne Schranke, die den Wiegeraum teilt. Auch eine alte mechanische Standwaage ist noch vorhanden, die allerdings längst nicht mehr benutzt wird. Die Jockeys nehmen heute beim Wiegen auf einem Stuhl Platz, ihr Gewicht wird durch präzise Elektronik erfasst. Im Idealfall beträgt es weniger als 55 Kilo. Hinzu kommt allerdings die Ausrüstung, die immer mitgewogen wird.

Laien mag es auf den ersten Blick erstaunen, dass Jockeys einerseits ein möglichst geringes Körpergewicht anstreben, andererseits aber oft mit Blei im Sattel an den Start gehen müssen. Was nicht jedermann weiß – besonders erfolgreiche Pferde werden im Galoppsport durch Gewichtshandicaps bewusst ein wenig "gebremst". Die Faustregel dabei: Je mehr Siege ein Galopper in einer Saison errungen hat, desto höher seine künftige Sattellast. Es kann durchaus vorkommen, dass ein Pferd gegenüber seinen Konkurrenten mehrere Kilo Aufgewicht ins Ziel bringen muss. Durch den Gewichtsausgleich erhöhen sich die Gewinnchancen für schwächere Tiere und die Rennen werden spannender – nicht zuletzt für die zahlreichen Wettbegeisterten.

Anders lauten die Bestimmungen bei den sogenannten Zuchtrennen, deren Name daran erinnert, dass Galopprennen wichtige Auswahlkriterien für die Vollblutzucht liefern. In Zuchtrennen treten stets Pferde eines Jahrgangs unter gleichem Gewicht gegeneinander an. Einzige Ausnahme: Stuten werden um zwei Kilo geringer belastet als Hengste. Die besonders angesehenen und besonders seltenen "klassischen Rennen" zählen ebenfalls zu den Zuchtrennen. In Deutschland gibt es pro Saison nur insgesamt fünf dieser klassischen Wettbewerbe. Hauptmerkmal ist, dass ausschließlich dreijährige Pferde starten dürfen. Aufgrund dieser Altersbeschränkung kann jedes Tier eine klassische Prüfung – darunter das Deutsche Derby in Hamburg – nur ein einziges Mal in seinem Leben gewinnen. In Düsseldorf werden mit dem "Preis der Diana" und den "German 1000 Guineas" alljährlich gleich zwei klassische Rennen ausgetragen.

RITT DURCH DIE ZEITEN

Rund 45 Galoppanlagen gibt es in ganz Deutschland, davon allein sieben in NRW (plus vier Trabrennbahnen). Viele dieser Sportstätten entstanden noch vor dem 1. Weltkrieg, so die prachtvolle, 1912 im neoklassizistischen Stil erbaute Krefelder Rennbahn. Sie steht ebenso unter Denkmalschutz wie die Tribünen aus dem Jahr 1913 auf der Galopprennbahn in Dortmund-Wambel. Als einzigartiges Zeugnis für gründerzeitliches Bauen in einer Großstadt gilt die 1897 eröffnete Renbbahn in Köln-Weidenpesch. Auf dem komplett denkmalgeschützten Areal findet sich übrigens auch eine "Alte Waage": Dort dient sie heute allerdings als Restaurant.

Stand der Angaben: Magazin der NRW-Stiftung 1/2008


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Die NRW-Stiftung unterstützte auf Anregung des Bürger- und Heimatvereins Gerresheim die Restaurierung des alten Waagegebäudes auf der Düsseldorfer Galopprennbahn. Das klassizistisch anmutende, denkmalgeschützte Gebäude wurde 1913 in Betrieb genommen und dient als einziges Waagegebäude in Deutschland seit nunmehr fast 100 Jahren dazu, Jockeys samt Sattel und Ausrüstung vor und nach dem Rennen zu wiegen.

Googlemap aufrufenDie Galopprennbahn des Düsseldorfer Reiter- und Rennvereins von 1844 e.V. befindet sich an der Rennbahnstraße 20 in 40629 Düsseldorf. Von Ende März bis Mitte Oktober finden regelmäßig Pferderennen statt. Führungen über das Gelände sind nach Absprache sowie an Renntagen möglich. Weitere Informationen über: www.duesseldorf-galopp.de

Düsseldorfer Reiter- und Rennverein e.V. von 1844
Rennbahnstrasse 20
40629 Düsseldorf

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