STEINZEITWERKSTATT IN METTMANN

ZUM GEBURTSTAG IN DIE STEINZEIT

Bei ihr wird die Steinzeit zum unvergesslichen Erlebnis: Beate Schneider, die Leiterin der Steinzeitwerkstatt, im "Höhlenraum".
Bei ihr wird die Steinzeit zum unvergesslichen Erlebnis: Beate Schneider, die Leiterin der Steinzeitwerkstatt, im "Höhlenraum".
Vom hellgrünen Glasrund des Neanderthal Museums sind es nur wenige Gehminuten zum klassischen Fundort des Frühmenschen. Dennoch nehmen viele Schulklassen, Kinder- und Jugendgruppen den entgegengesetzten Weg, um vom Museumsparkplatz in die Vorgeschichte zu gelangen. Denn 400 Meter bachaufwärts liegt idyllisch am Ufer der Düssel die "Steinzeitwerkstatt Neanderthal". Unter sachkundiger Anleitung können Neugierige dort prähistorische Techniken ausprobieren - von der Felsmalerei über das Feuermachen bis zum Ledergerben.

Den Auftakt einer Geburtstagsfeier bildet heute ein kleiner Pirschgang durchs Tal der Düssel. Museumspädagogin Andrea Schneider mimt die Anführerin, erklärt Wildpflanzen, liest mit den Kindern Tierspuren und lässt Haselnüsse sammeln. Dass sie die erst vor 20 Minuten dort deponiert hat, muss ja niemand wissen. "Wer im Februar spätsommerliche Jäger- und Sammler-Atmosphäre zaubern will, darf auch ein bisschen nachhelfen", findet sie. "Für die Kleinsten ist Abwechslung gefragt, Wissenschaft allein reicht da nicht", erläutert die Leiterin der Museumspädagogik, Beate Schneider. "Die Kinder haben zum Beispiel noch keine Vorstellung von den Zeiträumen. Was sind 60.000 Jahre?"

Anfassen und ausprobieren - In der Steinzeitwekstatt experimentieren Kinder mit altertümlichen Geräten und erproben steinzeitliche Handwerkstechniken.
Anfassen und ausprobieren - In der Steinzeitwekstatt experimentieren Kinder mit altertümlichen Geräten und erproben steinzeitliche Handwerkstechniken.
Alles, was länger zurückliegt als die Kindheit der Großeltern, ist für sie eine Ewigkeit her. "Wenn wir den Vor- und Grundschülern etwas mitgeben, dann sind es Eindrücke, die sie durch Vergleich mit ihren Alltagserfahrungen gewinnen." Was die Leiterin der Steinzeitwerkstatt meint, wird klar, als sich die Geburtstagskinder im "Höhlenraum" versammeln und den Nuss- und Beeren-Imbiss eröffnen. "Was haben die Steinzeitmenschen denn wohl getrunken, Limo oder Cola?", fragt die Pädagogin in die quirlige Runde. Die Kinder stutzen und überlegen einen Moment. "Die hatten doch nur Wasser!", protestiert Geburtstagskind Nele fröhlich. "Möchtet ihr denn mal in einer Höhle wohnen?" "Nö, da isses doch kalt und dunkel." Offenbar wissen auch die 7-Jährigen die Segnungen der Zivilisation zu schätzen. Trotzdem sind sie mit Feuereifer bei der Sache, wenn sie die Fellweste überstreifen und sich mit den Materialien vertraut machen, die sie gleich im großen Werkraum bearbeiten werden.

GESCHICHTE SELBST GEMACHT

Mit allen Sinnen in der Steinzeit. Im Neanterthal Museum in Mettman werden Experimente groß geschrieben.
Mit allen Sinnen in der Steinzeit. Im Neanterthal Museum in Mettman werden Experimente groß geschrieben.
Im renovierten Museumsaltbau, der heute die Steinzeitwerkstatt beherbergt, geben sich Schulklassen und die Teilnehmer von Mitmach-Aktionen, Kindergeburtstagen und Workshops die Klinke in die Hand. 23.000 überwiegend junge Besucher kamen allein im vergangenen Jahr. Die Themen sind nicht auf den Neandertaler beschränkt. Sie reichen von den Handwerkstechniken der Altsteinzeit bis zum mittelalterlichen Bogenbau. Kinder und Jugendliche können je nach gebuchtem Programm mit eiszeitlichen Farbpigmenten malen, Muschel- und Specksteinschmuck anfertigen oder aus Holz, Stein klingen und Steinzeitkleber ein Messer herstellen. Hinter jedem Höhlen-Praktikum steht eine glaubwürdige Didaktik: Was sie selbst ausprobieren, das verstehen und behalten die Schüler viel leichter, ganz gleich ob sie Getreide zwischen zwei dicken Steinen mahlen oder ob jeder einen Lederbeutel näht, mit Knochennadel und Sehne. "Der Blick in die Vergangenheit muss nicht der Blick auf einen Bildschirm sein", klärt Beate Schneider auf, "in unserer Steinzeitwerkstatt entsteht Geschichte in den Händen jedes einzelnen Teilnehmers". Die sympathische Völkerkundlerin und Psychologin liebt die Arbeit mit den Besuchern. Routine will sie dabei nicht aufkommen lassen: "Jede Veranstaltung ist anders, und wir versuchen, uns auf Vorwissen, Geschick und Ausdauer jeder Gruppe einzustellen. Die Zeitreise soll schließlich Spaß machen!" In einem weiteren Schritt beginnen die Kinder und Jugendlichen, über ihr eigenes Verhalten nachzudenken, weil sie sehen, dass auch das Leben in der Steinzeit keineswegs planlos war. Im Gegenteil. Die Menschen mussten vorausschauend handeln, um ihre Lebensgrundlage zu sichern. So kommen Aspekte wie gesunde Ernährung und der Umgang mit natürlichen Ressourcen zur Sprache, ohne dass die "Anführer" besonders darauf hinwirken müssten.

WER HAT DEN BOGEN RAUS?

Schneiden, Bohren, Körnermahlen - alles in Handarbeit. Beim Kindergeburtstag basteln sich die Kleinen eigenen Schmuck oder backen Brot.
Schneiden, Bohren, Körnermahlen - alles in Handarbeit. Beim Kindergeburtstag basteln sich die Kleinen eigenen Schmuck oder backen Brot.
Dabei sind es keineswegs nur Schüler, die den Trip in die Vergangenheit antreten. Im Bogenbau-Workshop bei Dr. Johann Tinnes stehen an diesem Wochenende fast nur erwachsene Männer an der Werkbank. Mindestens einer von ihnen hatte im Familienkreis laut über sein Interesse nachgedacht. Das hatte Folgen: "Meine Frau hat mir den Kurs zu Weihnachten geschenkt", erzählt Hermann-Josef Isaiasz, "und jetzt baue ich meinen ersten richtigen Langbogen." Wie der aussehen soll, demonstriert Experimental-Archäologe Tinnes anhand eines Dutzend authentischer Nachbauten. "Die Originale waren meist aus Ulme, später auch aus Eibe – enorm bruchfest und doch elastisch. Eibe zu bearbeiten würde aber länger dauern als zwei Tage und käme deutlich teurer. Wir haben hier Rohlinge aus Hickoryholz. Dieses amerikanische Holz nimmt auch kleine Fehler nicht übel." Anleitungen haben die frühen Bogenbauer nicht hinterlassen, aber die archäologischen Funde erzählen recht genau von der Arbeitsweise der einstigen Benutzer. Um die notwendigen Fertigkeiten kennenzulernen, aber auch um die Mühsal erlebbar zu machen, ist Motorkraft in der Werkstatt tabu. Statt mit Bandsäge und Schwingschleifer wird ausschließlich mit Muskelkraft gearbeitet – Schweiß und Schwielen bleiben nicht aus. Wenn der Bogen für das Laienauge schon fertig scheint, beginnt die entscheidende Feinarbeit. Mit fachmännischem Blick prüft Kursleiter Tinnes die Symmetrie und markiert mit zusammengekniffenem Auge eine Stelle am Bogenbauch. "Hier ist er zu starr, da kannst du mit der Klinge innen noch einen Millimeter wegnehmen." Erst wenn der Bogen perfekt getillert ist und sich beim Aufziehen gleichmäßig krümmt, bekommen die "Freizeit-Neandertaler" ein anerkennendes "O.K.", und dann – endlich – dürfen sie hinaus zum Probeschießen...

Stand der Angaben: Magazin der NRW-Stiftung 1/2008


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Das von der NRW-Stiftung erbaute Neanderthal Museum in Mettmann wurde 1996 eröffnet. Mehrfach unterstützte die NRW-Stiftung auch danach das Museum, u.a. bei der Gestaltung des Neandertaler-Fundortes und bei der Herrichtung des alten Museumsgebäudes, das seit einigen Jahren als "Steinzeitwerkstatt" genutzt wird.

Googlemap aufrufenDie Steinzeitwerkstatt ist in dem alten Museumsgebäude untergebracht, das nur wenige Fußminuten vom neuen Museum entfernt liegt.

Neanderthal Museum
Talstraße 300
40822 Mettmann
Telefon: 0 21 04 / 97 97-0
www.neanderthal.de

Regelmäßig finden hier Kurse, etwa zum Bogenbau oder über Techniken vorzeitlicher Eisenverarbeitung, statt.

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