SCHMETTERLINGSFORSCHER IN NRW

VON SPANNERN, SPINNERN UND SCHWÄRMERN

Auf der Suche nach Erebia aethiops - Teilnehmer einer Schmetterlingsexkursion.
Auf der Suche nach Erebia aethiops - Teilnehmer einer Schmetterlingsexkursion.
Wenn Helmut Kinkler zum Korkenzieher greift, leitet er nicht unbedingt den Feierabend ein. Manchmal öffnet er einen Rotwein, um Schmetterlinge anzulocken. Viele Nachtfalter haben nämlich ein Faible für Vergorenes – und Kinkler hat ein Faible für die Falter. Der Chemotechniker im Ruhestand ist einer von zahlreichen Schmetterlingsfreunden, die ihre Freizeit der wissenschaftlichen Forschung widmen und Grundlagendaten für den Naturschutz sammeln, ganz ohne Bezahlung.

Der große Schillerfalter ist einer unserer schönsten Schmetterlinge.
Der große Schillerfalter ist einer unserer schönsten Schmetterlinge.
Bevor Kinkler sich im Dienst von Natur und Wissenschaft eine Nacht um die Ohren schlägt, braut er einen speziellen Köder-Cocktail: "Zum Rebensaft kommt ordentlich Zucker und ein Schuss Rum, dann quetsche ich noch eine überreife Banane dazu. Man kann auch Dunkelbier mit Sirup mischen." Wenn das faule Obst und der Wein eine duftend süße Wolke bilden, taucht Kinkler eine Kordel hinein und hängt die Köderschnur in einen Baum. In schwülen Sommernächten mit leichtem Wind muss er nicht lange warten. Mit der Taschenlampe geht er dann auf "Alkoholstreife" und protokolliert die geflügelten Gäste, darunter viele Eulenfalter. "Mich hat es schon vor 60 Jahren fasziniert, wenn im Spätsommer die überreifen Pflaumen vom Admiral besucht wurden." Die Faszination, die von den Edelfaltern, Eulen, Spannern, Spinnern und Schwärmern ausgeht, versuchen Kinkler und seine Mitstreiter von der Arbeitsgemeinschaft Rheinisch-Westfälischer Lepidopterologen auch Jüngeren zu vermitteln. Der Verein, der vor 80 Jahren gegründet wurde, hat zwar 300 Mitglieder, aber nur wenig Nachwuchs: "Wenn unsere Generation nicht mehr dabei ist, ist auch viel von unserem Wissen weg." Deshalb bietet die AG regelmäßig Exkursionen an. Ein Klassiker ist die Führung durch das Urfttal in der Eifel. Zu dessen Bekanntheit als Tagfalterparadies hat Kinkler maßgeblich selbst beigetragen. Den Anfang machte 1968 seine Entdeckung des Waldteufels (Erebia aethiops). Der seltene Schmetterling kommt in NRW nur dort vor. Er steht auf einer Artenliste, die mittlerweile 63 Tagfalterspezies umfasst: "Das Urfttal ist ein besonderes Vorzeige stück, und auf Initiative unserer AG hat die Gemeinde dort sogar einen Schmetterlingslehrpfad eingerichtet."

ALLER ANFANG IST BUNT

Die weingetränkte Köderschnur wirkt auf Eulenfalter unwiderstehlich.
Die weingetränkte Köderschnur wirkt auf Eulenfalter unwiderstehlich.
Besonders die auffälligen und großen Arten sind die häufigste "Einstiegsdroge" in die Lepidopterologie: "Mein Onkel hatte einige Tabakpflanzen, da hab ich mal einem prächtig gefärbten Falter bei der Eiablage zugeschaut." Ein Mitschüler, dem er davon erzählte, gab ihm das Buch "Schmetterlingskunde für Anfänger", und Kinkler erfuhr, dass er Arctia caja, den Braunen Bären, beobachtet hatte. Mit den Großschmetterlingen allein fühlte er sich aber bald nicht ausgelastet. Irgendwann lösten bei ihm auch diejenigen Tierchen großes Interesse aus, die von Laien etwas abfällig als kleine, braune Motten bezeichnet würden. Gerade bei denen sind nämlich noch Neuentdeckungen möglich. "Erstnachweis für die Bundesrepublik" oder "Wiederfund für das Arbeitsgebiet" heißt es dann in den Titeln der Aufsätze, die in der Fachzeitschrift "Melanargia" veröffentlicht werden. Und bei den Arbeitstreffen wird darüber diskutiert, welche Arten früher übersehen wurden und welche neu eingewandert sind: "Um solche Fragen zu beantworten, brauchen wir die Sammlungen. Wurde ein Fund konserviert, lässt sich das überprüfen, auch nach hundertfünfzig Jahren."

DIE SAMMLUNG – EIN KOLLEKTIVES GEDÄCHTNIS

Mit Schmetterlingsexkursionen werben die Schmetterlingsfreunde für ihre Sache.
Mit Schmetterlingsexkursionen werben die Schmetterlingsfreunde für ihre Sache.
Da Schmetterlinge empfindlich auf den Wandel ihrer Lebensräume reagieren, sind sie besonders gut geeignet, um schleichende oder abrupte Veränderungen der Landschaft anzuzeigen. "Viele Falter sind wegen der intensiven Landwirtschaft sehr selten geworden. Wir beobachten aber auch, dass Arten neu einwandern. Ein Beispiel ist der Eulenfalter Scotia puta. Er rückt jedes Jahr weiter nach Nordosten vor, ein Indikator für die Klimaveränderungen."

DIE AMATEURE LIEFERN PROFIWISSEN

Der Graubindiger Mohrenfalter, gerne auch Waldteufel genannt, wurde vom BUND Nordrhein-Westfalen zum Schmetterling des Jahres 2003 gewählt.
Der Graubindiger Mohrenfalter, gerne auch Waldteufel genannt, wurde vom BUND Nordrhein-Westfalen zum Schmetterling des Jahres 2003 gewählt.
Während Karikaturen oder Filme das Fangen und Bestimmen von Faltern gern als Steckenpferd schrulliger Außenseiter darstellen, handelt es sich in Wirklichkeit um wissenschaftliche Datensicherung. Das haben mittlerweile auch die Naturschutzbehörden eingesehen, die den Amateurforschern das Fangen von Belegexemplaren zeitweise sehr schwer machten. Inzwischen wird anerkannt, dass erst die Sammel- und Bestimmungstätigkeit der Amateure eine solide Wissensbasis für einen wirksamen Biotop- und Artenschutz schafft. Besonders deutlich wird das, wenn der amtliche Naturschutz bei den Hobbyforschern anklopft, um Informationen für die Erstellung Roter Listen abzufragen. Genau dafür eignet sich die Datenbank der ehrenamtlichen Schmetterlingskundler hervorragend. Schließlich haben sie seit Jahrzehnten präzise Beobachtungen gesammelt, mit denen sich Fundortkarten und Bestandstrends darstellen lassen. Nebenher fließen ihre Erkenntnisse in eine Buchreihe ein. Kapitel für Kapitel entsteht so "Die Lepidop terenfauna der Rheinlande und Westfalens".

Auch nächtliche Fangaktionen werden von den Schmetterlingsforschern durchgeführt.
Auch nächtliche Fangaktionen werden von den Schmetterlingsforschern durchgeführt.
Bei aller trockenen Wissenschaft empfinden die Falterfreunde doch stets Herzklopfen, wenn sie einen besonders seltenen Schmetterling beobachten. Der Schriftsteller Vladimir Nabokov, im Nebenberuf ebenfalls passionierter Lepidopterologe, beschrieb das so: "Es ist wie ein kurzes Vakuum, in das alles strömt, was ich liebe. Ein Gefühl der Einheit mit Sonne und Stein. Ein Schauer der Dankbarkeit ..."
WUSSTEN SIE SCHON ...

... dass es weltweit rund 180.000 Schmetterlingsarten gibt? Damit sind die Lepidoptera ("Schuppenflügler") nach den Käfern die zweitgrößte Insektengruppe. Nur ein Zehntel von ihnen sind Tagfalter.
... dass von den ca. 3.600 in Deutschland vorkommenden Arten in Nordrhein-Westfalen etwa 2.600, also fast 3/4 nachgewiesen sind?
... dass zahlreiche Tagfalter, z. B. Admiral, Kleiner Fuchs oder Tagpfauenauge "Vierbeiner" sind? Zum Sitzen benutzen sie nur ihre Mittel- und Hinterbeine. Die Vorderbeine sind zu kurzen "Putzpfoten" umgebildet.
... dass viele Nachtfalter die Ultraschallrufe von Fledermäusen hören können? Ihre Ohren sitzen seitlich über den Hinterbeinen. Gerät ein Falter in die Peilung einer Fledermaus, versucht er augenblicklich, im Sturzflug "abzutauchen".
... dass Tagfalter durch ihren unsteten Flug gut vor Vögeln geschützt sind? Im Sitzen sind meist nur die unauffällig gefärbten Unterseiten der Flügel sichtbar. Die meisten Nachtfalter sind auch oberseits tarnfarben: Viele imitieren rissige Borke oder welkes Laub. Manche Raupen sehen aus wie Ästchen, andere wie die Blütenstände ihrer Wirtspflanzen.

Stand der Angaben: Magazin der NRW-Stiftung 1/2008


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Die NRW-Stiftung unterstützte die Arbeitsgemeinschaft Rheinisch-Westfälischer Lepidopterologen e.V. mehrfach bei der Veröffentlichung schmetterlingskundlicher Fachliteratur.

Veranstaltungshinweise, Kontaktdaten und viel Wissenswertes über die heimische Schmetterlingswelt gibt es unter: www.ag-rh-w-lepidopterologen.de

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