FAMILIENPORTRÄT DER RIETBERGER

DER "TOLLE JOHANN" UND SEINE FAMILIE

Das Rathaus der Stadt Rietberg. Insgesamt gibt es dort über 60 liebevoll restaurierte Fachwerkhäuser.
Das Rathaus der Stadt Rietberg. Insgesamt gibt es dort über 60 liebevoll restaurierte Fachwerkhäuser.
Was zusammengehört, das soll man nicht auseinanderreißen, schon gar nicht auf so grausame Weise, wie es 1557 der gräflichen Familie von Rietberg geschah: Graf Johann II. von Rietberg geriet in Gefangenschaft, kehrte nie mehr zu seiner Frau zurück und sah auch seine beiden Töchter nicht aufwachsen. Doch zu allem Überfluss sollte sich die Familientragödie in der Kunst noch einmal wiederholen: Ein Unbekannter zersägte im 19. Jahrhundert ein wertvolles Familienporträt der Rietberger in drei Teile und trennte den Graf, seine Frau und seine Kinder auf diese Weise erneut voneinander. Erst 1989 konnte das Westfälische Landesmuseum in Münster das Bild aus dem Jahr 1564 wieder zu einem Ganzen zusammenfügen.

Das Gemälde der Grafenfamilie nennen Fachleute "eines der ungewöhnlichsten Bildnisse des 16. Jahrhunderts". Der bedeutende münstersche Künstler Hermann tom Ring (1521–97) hat darauf Johann von Rietberg zusammen mit seiner Frau Agnes und seinen beiden Töchtern Walburg und Ermengard verewigt. Ungewöhnlich ist an dem Bild fast alles, seine künstlerische Qualität, sein Schicksal und sogar sein Format, denn es ist nur 56 Zentimeter hoch, aber stolze 1,66 Meter breit. Ungewöhnlich ist aber auch die Geschichte hinter dem Bild: Denn als es 1564 entstand, lebte Graf Johann schon zwei Jahre nicht mehr. Die Hinweise darauf sind eindeutig. Der Graf hält eine Sanduhr mit Totenkopf und der Jahreszahl 1562 in der Hand – seine Frau trägt Witwen tracht.

EINE BURG WIRD BELAGERT

Johann von Rietberg, Herr über die kleine Grafschaft Rietberg im heutigen Kreis Gütersloh, wurde nur 38 Jahre alt. Seine Zeitgenossen nannten ihn den "tollen Johann" – wobei "toll" hier als "tollwütig" gedeutet werden darf. Denn ziemlich mutwillig war er 1556 u. a. in die benachbarte Grafschaft Lippe eingefallen. Doch diese gewaltsamen Übergriffe brachten den ganzen niederrheinischwestfälischen Reichskreis gegen ihn auf. Die Kreistruppen belagerten sieben Monate lang Johanns Burg. Dann musste er verletzt und halb verhungert klein beigeben. Den Rest seines Lebens verbrachte der tolle Johann in Gefangenschaft – bis 1560 in einer winzigen Kammer auf der Burg Büderich bei Wesel, später in Köln, wo er 1562 starb. Die entscheidende Rolle in dem Drama fiel nun seiner Frau Agnes zu. Während sich Johanns Gegner nicht darüber einigen konnten, was mit dem Besitz des entmachteten Grafen geschehen solle, setzte Agnes alles daran, die Grafschaft für ihre beiden Töchter Walburg und Ermengard zu sichern. Zwar war eine weibliche Erbfolge in Rietberg eigentlich nicht vorgesehen. Aber mit viel Kompromissfähigkeit – und ebenso vielen Kosten – erreichte Agnes dann doch ihr Ziel. Das Familienporträt gab die Gräfin in Auftrag, weil sie die Demütigung ihres Mannes nicht hinnehmen mochte. Die Welt sollte ihn als stolzen Adligen in Erinnerung behalten, der gegen seine Feinde einen heroischen Kampf hatte führen müssen wie einst Simson gegen den Löwen: Genau diese Szene ist in dem Gemälde auf der Spange seiner Hutfeder zu sehen. Aber auch an die Zukunft ihrer damals erst sieben und dreizehn Jahre alten Töchter dachte Agnes bei dem Bild. Walburg, die jüngere, hält auffälligerweise eine Nelke in der Hand, das Symbol für die Treue in einer Ehe: Offenbar sollte das kostbare Kunstwerk die Mädchen auch für zukünftige Heiratskandidaten interessant machen.

DIE FEHLENDEN HÄNDE

Das Porträt der Familie gräflichen Familie von Rietberg wurde im 19. Jahrhundert von einem Unbekannten zersägt und 1989 im Westfälischen Landesmuseum in Münster wieder zusammengesetzt.
Das Porträt der Familie gräflichen Familie von Rietberg wurde im 19. Jahrhundert von einem Unbekannten zersägt und 1989 im Westfälischen Landesmuseum in Münster wieder zusammengesetzt.
Nicht weniger abenteuerlich als das Leben der Menschen, die es zeigt, war das Schicksal des Gemäldes selbst. Irgendwann im 19. Jahrhundert geriet es auf unbekannten Wegen nach England. Ein geschäftstüchtiger Händler rechnete sich dort offenbar aus, dass drei Bilder mehr Gewinn versprachen als eins: So trennte er die beiden Töchter mit der Säge von ihren Eltern, und auch das Ehepaar wurde ebenso rücksichtslos "geschieden".

Lange waren alle drei Tafeln verschollen. Erst 1955 entdeckte der spätere Direktor des Westfälischen Landesmuseums, Paul Pieper, im englischen Kunsthandel überraschend den Teil mit den beiden Mädchen und konnte ihn nach Münster zurückholen. Bereits drei Jahre später gelang ihm das Gleiche mit Graf Johanns Bild. Doch es sollte noch volle dreißig Jahre dauern, bis bei einer Auktion in Monte Carlo schließlich auch das Porträt der Gräfin wieder auftauchte. Mit finanzieller Hilfe der NRW-Stiftung konnte die "Familienzusammenführung" 1989 nun endlich vollendet werden.

Doch Agnes war übel mitgespielt worden. Irgendjemand hatte ihr Porträt teilweise übermalt. Außerdem waren ihre Hände abgeschnitten worden, vermutlich um das Bild in einen kleineren Rahmen einfügen zu können. Die Übermalung konnten die Restauratoren entfernen, aber die Hände blieben verloren. Man sieht an ihrer Stelle heute nur noch eine neutrale Retusche. Und so hinterlässt uns Gräfin Agnes, die 1589 mit 58 Jahren starb, ein kaum lösbares Rätsel. Was mag sie in der Hand gehalten haben? Worauf zeigt ihr Mann? Welche Botschaft wollte sie damit an uns richten? Vielleicht werden wir es nie erfahren.
RIETBERG HEUTE

Die Stadt Rietberg, im südlichen Kreis Gütersloh am Übergang des Münsterlandes zum Paderborner Land gelegen, hat eine lange geschichtsträchtige Vergangenheit. Mit mehr als 60 liebevoll restaurierten Fachwerkhäusern gilt Rietberg vielen auch als "Stadt der schönen Giebel". 2008 ist die an der Ems gelegene, ehemalige Grafschaftsresidenz und "Landeshauptstadt", die von mehreren Naturschutzgebieten umgeben ist, Ausrichter der Landesgartenschau.

Auch die Rietberger haben bereits von der Nordrhein-Westfalen-Stiftung profitiert: Die NRW-Stiftung förderte vor einigen Jahren die Restaurierung wertvoller Wappenscheiben im Kreuzgang des Franziskanerklosters Rietberg.

DIE SCHATZTRUHE DER NRW-STIFTUNG

In loser Reihenfolge stellt die NRW-Stiftung in der Rubrik "Aus der Schatztruhe" diejenigen Gemälde vor, die sie in Kooperation mit bürgerschaftlichen Initiativen im Laufe der Jahre erworben hat. Viele davon sind heute in Museen und anderen Häusern zu sehen.

Stand der Angaben: Magazin der NRW-Stiftung 1/2008


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Für das "Familienporträt der Gräfin Rietberg" von Hermann tom Ring kaufte die NRW-Stiftung auf Anregung des Freundeskreises des Westfälischen Landesmuseums in Münster ein über viele Jahre verschollenes Teilstück, das in den 1980er-Jahren wieder auftauchte. Damit konnte das ursprüngliche Bildnis wieder zusammengeführt werden. Es ist heute im Landesmuseum am Domplatz in Münster zu sehen.

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