MUSEUM FÜR KINDHEITS- UND JUGENDWERKE

JUGEND-STILE IN HALLE

Museumsleiterin Ursula Blaschke und der Kunstexperte Adolf Eickhorst.
Museumsleiterin Ursula Blaschke und der Kunstexperte Adolf Eickhorst.
"Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne …" heißt es in einem Gedicht von Hermann Hesse. Nicht alle Anfänge sind jedoch so faszinierend wie die ersten Schritte zu einem großen Lebenswerk. Im westfälischen Städtchen Halle bei Bielefeld zeigt das "Museum für Kindheits- und Jugendwerke bedeutender Künstler" frühe Bilder von Pablo Picasso, August Macke, Paul Klee, Hannah Höch und vielen anderen berühmten Namen. Die einzigartige Sammlung beweist: Genie kündigt sich oft schon im Kindergartenalter an.

Kleine Knirpse malen gerne bunte Bilder. Aber können sie auch "Werke" hervorbringen? Museumsgründerin Ursula Ruth Blaschke trifft eine klare Unterschei dung: Die "Keimlinge großer Kunst", die man in Halle sieht, sind keine normalen Kinderbilder, sondern vor allem Zeugnisse außergewöhnlicher Begabung. Es ist der früh entwickelte Drang zu bewusster Gestaltung, der sie kennzeichnet. Selbst Motive, die ganze Lebenswerke durchziehen, können dabei schon auftauchen – Stierkampfszenen beim neunjährigen Picasso etwa oder die charakteristischen überdimensionierten Köpfe bei Paula Modersohn-Becker. Besonders verblüffend: Paul Klee brachte seine für ihn so typische "Strichtanne" bereits als Dreijähriger erstmals zu Papier.

Kindheitsbild von Ernst Fuchs.
Kindheitsbild von Ernst Fuchs.
Nicht nur die Musik, auch die bildende Kunst kennt offenkundig ihre "Wunderkinder". Der 1995 verstorbene Hamburger Künstler Horst Janssen beispielsweise ging schon mit zwölf Jahren so versiert zu Werke, als habe er bereits Jahrzehnte am Zeichentisch verbracht. Und ein großformatiger Frauenakt des erst 15-jährigen Kurt Schwitters strahlt bereits die ganze gestalterische Sicherheit eines Erwachsenen aus. Dennoch – das Museum in Halle will keine Leistungsschau kindlicher Kunstrekorde inszenieren, sondern vor allem den Sinn des Betrachters für die Eigenarten großer künstlerischer Lebenswerke schärfen. Mit seinen vielen pädagogischen Angeboten nimmt es Kinder dabei konsequenterweise auch als Museumsbesucher ernst.

FUNDORT SCHLAFZIMMER

Kindheitsbild von August Macke.
Kindheitsbild von August Macke.
Untergebracht ist die vor genau 20 Jahren eröffnete, weltweit einzigartige Sammlung in einem verwinkelten mittelalterlichen Gebäude am historischen Kirchplatz der 20.000-Seelen-Stadt Halle. Mit der oft mehr anstrengenden als anregenden Atmosphäre großer Kunsthallen hat die "Kunst in Halle" wenig gemein. Zum Glück: Kaum irgendwo anders kommen so unterschiedliche Künstler dem Besucher so zwanglos nahe, erlebt er ihre Werke doch nicht als abgehobene "Kulturgüter", sondern als lebendigen und oft auch humorvollen Ausdruck einer menschlichen Entwicklung.

In zwei Jahrzehnten unermüdlichen Einsatzes hat Museumschefin Ursula Blaschke bereits zahlreiche Kostbarkeiten aus Kindheitstagen heben können – manche davon auf Dachböden oder in den Schlafzimmern der Künstlererben. Von anfänglicher Abweisung oder gar regelrechten Hinauswürfen hat sie sich dabei nie abschrecken lassen. Und so ist die Liste der in Halle gezeigten Künstler längst ebenso lang wie erlesen: Albrecht Dürer, Caspar David Friedrich, Otto Dix, Ernst Ludwig Kirchner, Oskar Kokoschka, Salvador Dalí, Ernst Fuchs, Irene Müller – die Reihe ließe sich fortsetzen.

Das Museum will vor allem den Sinn des Betrachters für die Eigenarten großer künstlerischer Lebenswerke schärfen.
Das Museum will vor allem den Sinn des Betrachters für die Eigenarten großer künstlerischer Lebenswerke schärfen.
Einen Schwerpunkt der Ausstellung bilden westfälische Maler wie Peter August Böckstiegel und Hermann Stenner. Auch der im sauerländischen Meschede geborene August Macke zählt dazu. Schon als Zwölfjähriger zeichnete er brillante Karikaturen, von denen eine zum Markenzeichen des Haller Museums geworden ist. Mit gekonnten Strichen bannt sie die Rutschpartie eines Reiters über den Rücken seines bockenden Pferdes aufs Papier: Es ist noch nicht ganz der "Blaue Reiter" – die Künstlervereinigung, deren Mitglied Macke später wurde –, aber immerhin schon ein Reiter, dem einige blaue Flecken drohen...

KINDER DER KUNST

Kindheitsbild von Paul Klee.
Kindheitsbild von Paul Klee.
Pablo Picasso starb 1973 im hohen Alter von 91 Jahren – der sechs Jahre jüngere August Macke hingegen fiel bereits 1914 als 27-jähriger Soldat im Ersten Weltkrieg. Er teilte dieses Schicksal mit dem westfälischen Expressionisten Hermann Stenner, der nur 23 wurde. Nicht immer erlauben die in Halle gezeigten Kindheits- und Jugendbilder den Vergleich mit einem Spät- und Alterswerk. Bisweilen machen sie nur umso stärker fühlbar, dass manches hoffnungsvoll begonnene Kapitel der Kunstgeschichte nie ganz zu Ende geschrieben wurde. Umgekehrt hängen gereifte Künstler häufig dem Ideal kindlich-unbekümmerten Beginnens nach. Paul Klee etwa behauptete einmal, die Bilder seines kleinen Sohnes Felix seien besser als seine eigenen. Und Pablo Picasso wird der Satz zugeschrieben: "Als ich 14 Jahre alt war, konnte ich malen wie Raffael. Es kostete mich ein ganzes Leben, um zeichnen zu lernen wie ein Kind."


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03.06.2012, Jos, Hal

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Bild: Hal Jos, 1951 "Junge Krähen" Bleistift auf Papier - eigentlich war es nur eine einzige Krähe, die aus dem Nest gefallen war und danach von mir mit Erfolg gepflegt wurde



Auf Anregung des Vereins Museum Halle/Westfalen e.V. erwarb die NRW-Stiftung fast 180 Grafiken aus der über Jahrzehnte zusammengetragenen Sammlung und stellte sie dem "Museum für Kindheits- und Jugendwerke bedeutender Künstler" in Halle als Dauerleihgabe zur Verfügung. Diese Kinder- und Jugendwerke stammen fast alle aus dem ersten Viertel des 20. Jahrhunderts.

Googlemap aufrufenMuseum für Kindheits- und Jugendwerke
bedeutender Künstler
Kirchplatz 3
33790 Halle (Westfallen)
Tel.: 05 20 1 / 1 03 33
www.museum-halle.de

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