ARCHIV IM EDITH-STEIN-MUSEUM

ANNÄHERUNG AN EDITH STEIN

Das Edith-Stein-Archiv befindet sich im Kloster Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel e.V.
Das Edith-Stein-Archiv befindet sich im Kloster Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel e.V.
Welcher Weg mag der beste sein, sich Edith Stein zu nähern, mehr als sechs Jahrzehnte nach ihrem Tod – genauer gesprochen: nach ihrer Ermordung, ihrem qualvollen Sterben in einer Gaskammer des Vernichtungslagers von Auschwitz-Birkenau. Das war der 9. August 1942, an dem man Edith Stein – Jüdin und Christin, Philosophin und Ordensfrau – zu einer Nummer gemacht hatte. 44074 – auch in dieser Zahl spiegelt sich alle Menschenverachtung der Nazis. Ihre Mordtat machten sie zu einer Angelegenheit der Bürokratie. Die Ziffer aber hat das Gedenken an Edith Stein nicht auslöschen und ihr Angesicht nie verdecken können. Im Gegenteil: Papst Johannes Paul II. sprach sie 1998 in Rom heilig.

Ein Weg der Annäherung an die Heilige führt nach Köln in eine kleine Seitenstraße, die "Vor den Siebenburgen" heißt und in der der Kölner Karmel seine Heimstatt gefunden hat, jenes Konvent also, dem Edith Stein am 14. Oktober 1933 bei getreten ist. Die Klosterpforte ist eine unscheinbare Holztür, die die Spuren der Zeit wie eine Auszeichnung trägt. Man kann leicht vorbeigehen an dieser Tür, die mit Bedacht kein Interesse und keine Neugierde wecken möchte. Denn die Regeln der hinter dieser Pforte lebenden und arbeitenden Karmeliterinnen sind streng, nach wie vor geben neben der Arbeit Gebet, Klausur, Einsamkeit und Schweigen den Ablauf des Tages vor.

EINE NONNE JÜDISCHER ABSTAMMUNG

Schwester Dr. M. Antonia de Spiritu Sancto kümmert sich um das Erbe Edith Steins.
Schwester Dr. M. Antonia de Spiritu Sancto kümmert sich um das Erbe Edith Steins.
Die spirituelle Abgeschiedenheit von der Welt ringsum hat Grenzen; und die Berühmtheit Edith Steins scheint daran auch ihren Anteil zu haben. Schon der kleine Empfangsraum gleich hinter der Pforte gibt davon einen guten Eindruck: Edith Stein, wohin man blickt – auf Kerzen in allen Größen und unzähligen Postkarten, auf den Umschlägen ihrer vielen Bücher und jener Werke, die über sie geschrieben wurden. Edith Stein – eine Art spiritueller Popstar? Dieser zweifelhaften Popularisierung aber entzieht sich Edith Stein mit ihrem vielleicht bekanntesten Bild: Es zeigt eine Frau in der Ordens tracht der Karmelitinnen, zeigt eine verschlossene, undurchdringlich wirkende Nonne; sehr fern wirkt sie und abgewandt, besser wohl: in sich gekehrt. Keine Frage, die Entstehungszeit hat dieser Fotografie eine düstere Färbung gegeben. Sie entstand nämlich 1938, kurz vor Edith Steins Abreise ins limburgische Echt. Eine Flucht war es im Gewande der Übersiedlung, weil im sogenannten "Dritten Reich" die Nonne jüdischer Abstammung ihres Lebens nicht mehr sicher sein konnte.

DIE ZEIT IST GEGEN SIE

Während des Ersten Weltkrieges war Edith Stein ehrenamtlich in einem Lazarett tätig.
Während des Ersten Weltkrieges war Edith Stein ehrenamtlich in einem Lazarett tätig.
Doch die Sicherheit des Exils trügt, die Niederlande sind als Fluchtweg die falsche Richtung. Das Gesicht auf dem Foto scheint dies schon zu ahnen. Edith Stein kennt das Gefühl der Bedrohung: Noch vor ihrem Eintritt in den Orden der Karmelitinnen (der vollständige Name lautet: Orden unserer Lieben Frau vom Berge Karmel) warnt sie in einem Brief den damaligen Papst Pius XI. vor Christen- und Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten. Der Pontifex antwortete damals – mit einem Formschreiben.

Ihre Situation in Echt wird immer bedrohlicher, und so betreibt sie ihre Ausreise nach Amerika und in die Schweiz. Zu spät, die Zeit ist gegen sie. Ein mutiges Hirtenwort der niederländischen Bischöfe gegen die Verfolgung der Juden wird der Nonne schließlich zum Verhängnis. Denn die Nazis antworten den Bischöfen schnell und grausam – und verhaften im Juli 1942 alle nichtarischen Ordensleute. Es ist das Todesurteil für fast 700 Menschen. Unter ihnen Edith Stein. Am 2. August wird sie zusammen mit ihrer Schwester Rosa von der SS abgeholt, am 9. August werden sie ermordet. Aber ist dieses Foto, dieses Dokument ihres letzten Lebensabschnitts die angemessene Annäherung? Sie würde zumindest verschweigen, dass Edith Stein eine offene, sehr humorvolle Frau gewesen ist, wie Schwester Antonia von Nonnen erfahren hat, die Edith Stein noch persönlich kannten.

DAS ARCHIV: EINE SCHATZKAMMER

Jüdische oder christliche Märtyrerin? Edith Stein entzieht sich einer klaren Einordnung, was die Auseinandersetzung mit ihrer Person umso spannender macht.
Jüdische oder christliche Märtyrerin? Edith Stein entzieht sich einer klaren Einordnung, was die Auseinandersetzung mit ihrer Person umso spannender macht.
Schwester Antonia führt uns die Heilige näher an die Gegenwart heran. Dafür geht es nach dem Besucherzimmer durch einen kleinen stillen Innenhof in den Kreuzgang des Klosters und von dort in einen Nebenraum, der eigentlich eine Schatzkammer ist. Und die promovierte Theologin und Mitarbeiterin der Edith-Stein-Werkausgabe ist ihre "Hüterin". Sie leitet nämlich das hier untergebrachte Edith-Stein-Archiv, 25.000 Blätter, bewahrt und beschützt in einem großen Tresorschrank. Die Gefahr für den handschriftlichen Nachlass ist dennoch groß, durch den starken Säuregehalt des Papiers und das Ausblassen der Tinte. Die nur noch zart-braune Schrift eines Briefs macht das Problem augenscheinlich.
"Das war einmal ein kräftiges Blau", sagt Schwester Antonia und legt das Blatt wieder behutsam zurück in eine der zahlreichen säurefreien Archiv-Mappen. Jede Seite ist in diesen Schachteln noch einmal gebettet in alkalischen Zwischen blättern, damit die Säure nicht weiter durch das Papier wandern und weiteres Unheil anrichten kann.

Die Rettung der Originale ist ein Großprojekt der Zukunft, die Verfügbarkeit der Inhalte aber eins der Gegenwart. Mit einem besonders lichtschonenden Großscanner wird seit April Seite für Seite digitalisiert und auf diesem Wege ein Werk für die Forschung erschlossen, das sich mehr und mehr aufzulösen droht und damit dem Zugriff der Nachwelt zu entziehen scheint.

1922 wird die als Jüdin geborene Edith Stein getauft, 1933 tritt sie ins Karmeliterkloster in Köln-Lindenthal ein.
1922 wird die als Jüdin geborene Edith Stein getauft, 1933 tritt sie ins Karmeliterkloster in Köln-Lindenthal ein.
Dass diese Handschriften der "intelligenten Heiligen" überhaupt in Köln sind, ist ein kleines Wunder. Zunächst ist es der Geistesgegenwart einer Mitschwester damals in Echt zu verdanken, die kurz vor der Deportation Edith Steins die Handschriften in Kartoffelsäcke stopfte und diese dann bei einem Bauern versteckte. Das ging alles sehr schnell, ohne Plan und ohne Notizen. Und so musste nach Kriegsende erst einmal nach dem Bauernhof und dem Versteck gesucht werden. Eine Frage aber blieb auch nach dem Fund lange Zeit ungeklärt: Wem gehört der schriftliche Nachlass? Wie groß der "Diskussionsbedarf" in dieser Frage war, sieht man daran, dass erst 1992 die Hand schriften aus den Niederlanden wieder nach Köln kamen.

ALS 14-JÄHRIGE EINE ATHEISTIN

Edith Stein in der Ordenstracht der Karmelitinnen. Das Bild entstand 1938 - kurz vor ihrer Abreise ins limburgische Echt.
Edith Stein in der Ordenstracht der Karmelitinnen. Das Bild entstand 1938 - kurz vor ihrer Abreise ins limburgische Echt.
Eine späte Heimkehr, und auch sie ist ein Hinweis, dass Edith Stein keine leichte Heilige ist, keine, die sich allzu schnell vereinnahmen lässt. Doch keine Annäherung ist so schwierig wie jene, die über ihr Denken, ihre geistliche Herkunft führt. Bereits mit 14 Jahren bekannte sich die am 12. Oktober 1891 in Breslau geborene Jüdin dazu, Atheistin zu sein. Sie legt ihren Kinderglauben ab und gibt das Beten auf, "ganz bewusst und aus freiem Entschluss", wie sie später schreibt.

Ihr Denken aber bleibt ein permanentes Suchen nach Wahrheit. Und sie erkennt, dass der, "der die Wahrheit sucht, Gott sucht, ob es ihm klar ist oder nicht". Sie studiert bei Edmund Husserl Philosophie und wird vertraut mit seinem erkenntniskritischen Ansatz, sich der Welt und den Menschen ohne Vorurteile zu nähern, um dadurch die Phänomene selbst zu Wort kommen zu lassen. Sie promoviert 1916 mit einer Arbeit über das "Problem der Einfühlung", unterrichtet am Mädchenlyzeum in Speyer und lehrt am deutschen Pädagogik-Institut zu Münster. Ihr Lebensziel aber findet sie in der Biografie der heiligen Teresa von Avila, einem Buch, das sie in einer Nacht gelesen haben soll und das die Rastlose geistig zur Ruhe kommen lässt. 1922 wird sie getauft, 1933 tritt sie ins Karmeliterkloster in Köln-Lindenthal ein.
Im Kloster entsteht ein Ausstellungs- und Museumsbereich zu Edith Stein.
Im Kloster entsteht ein Ausstellungs- und Museumsbereich zu Edith Stein.
Teresa Benedicta a Cruce heißt sie nun, die vom Kreuz gesegnete Teresa. Der Name ist ein Bekenntnis; er deutet auch an, wie wichtig für sie die Kreuzestheologie ist, wie das Kreuz nach ihrem Verständnis ein Heilen durch Leiden meint. Genau darin sieht Edith Stein die praktizierte Nachfolge Jesu Christi, die ihr auf dem letzten Abschnitt ihres Lebensweges bewusst wird. Und ihr besonderer Stolz und ihre Zuversicht in aller Bedrängnis gelten ihrer jüdischen Herkunft. Ein Kreuz sei dem jüdischen Volk auferlegt worden, schreibt sie, und dass jene, die das verstünden, dieses Kreuz – im Namen aller – bereitwillig auf sich nehmen müssten. "Komm, wir gehen für unser Volk", sagt sie ihrer Schwester bei ihrer Verhaftung in Echt. Keine Frage: Dieses Volk ist das jüdische Volk.

EIN DENKEN OHNE SCHEUKLAPPEN

Einer Mitschwester Edith Steins ist es zu verdanken, dass es die Handschriften heute noch gibt: Sie stopfte sie vor ihrer Deportation in Kartoffelsäcke und versteckte sie bei einem Bauern.
Einer Mitschwester Edith Steins ist es zu verdanken, dass es die Handschriften heute noch gibt: Sie stopfte sie vor ihrer Deportation in Kartoffelsäcke und versteckte sie bei einem Bauern.
Ist Edith Stein nun eine jüdische oder christliche Märtyrerin? Die Frage wird seit der Seligsprechung gestellt und sie ist bis heute nicht verstummt. Der Papst selbst nannte sie 1987 sowohl eine "große Tochter des jüdischen Volkes" als auch eine "gläubige Christin". Es kommt wohl auch nicht so sehr darauf an, eine Entscheidung darüber zu fällen. Schon deshalb, weil Edith Stein für ein Denken ohne Scheuklappen steht, weil sie keine Grenze zwischen Theorie und Praxis kannte und für sie das Gebet Lebensvollzug bedeutete.

Zum Nachlass der Heiligen gehören rund 25.000 Foliohandschriften und ihre Briefwaage.
Zum Nachlass der Heiligen gehören rund 25.000 Foliohandschriften und ihre Briefwaage.
Viele Wege der Annäherung gibt es, und etliche führen ins Kloster, zur Pforte, dem Besucherzimmer und dem kleinen Innenhof, zum Kreuzgang und dem Archiv, das nur Forschern zu bestimmten Zeiten offen steht. Eine Heilige an der Stätte ihres Glaubens, und doch fast im Verborgenen. Das aber wäre auf lange Sicht so, als würde man Edith Stein zum Schweigen bringen. Das Kloster der Karmelitinnen wird kein Museum werden, aber bald – und das ist beachtenswert genug – einen etwa 40 Quadratmeter umfassenden Lesesaal für Studierende und Forscher mit einem kleinen Museumsbereich bekommen. Dort, wo jetzt noch ein Gärtchen für die Nonnen an der Pforte ist, soll mit Unterstützung der Nordrhein-Westfalen-Stiftung ein Ausstellungsbereich geschaffen werden – von der Straßenseite aus zugänglich und somit das Klosterleben nicht störend. Eine Dauerstellung soll das Leben und Denken der berühmten Nonne erzählen. Und wenn Schwester Antonia an der alten Mauer entlanggeht und erklärt, dass im kommenden Jahr an dieser Stelle der Durchbruch zum Magazin gemacht wird und dort das Leben der Heiligen auf einem Infoscreen gezeigt werden könnte, dann ahnt man, dass in Gedanken dieser noch unberührte Ort bereits jetzt ein neues Gesicht bekommen hat. Das Gärtlein wird teilweise erhalten bleiben und mit einer Edith-Stein-Skulptur für die Besucher zu einer Stätte der Meditation werden.

Der Kölner Karmel war für Edith Stein eine Erfüllung. "Ich bin an dem Ort, an den ich längst hingehörte", hat sie einmal gesagt. Mit dem kleinen Museum wird das Leben dieser großen Heiligen einen neuen Weg der Annäherung erfahren. Und vielleicht, so sagt es Schwester Antonia bei der Verabschiedung an der alten Pforte, wird dieser Ort dann auch zu einer "geistlichen Oase des Bistums".


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Die Nordrhein-Westfalen-Stiftung unterstützt das Kloster Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel e.V. bei der Herrichtung eines öffentlich zugänglichen Ausstellungs- und Museumsbereichs im Archiv des Kölner Edith-Stein-Museums. Dieser Besucherbereich entsteht in der Außenanlage des Klosters, er wird voraussichtlich im Sommer 2008 fertig sein.

Googlemap aufrufenDas Kloster Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel e.V. mit dem Edith-Stein-Archiv befindet sich in 50676 Köln, Vor den Siebenburgen 6. Edith Stein war von 1933 bis 1942 Mitglied des Klosters.

Weitere Informationen unter: www.edith-stein-archiv.de und www.edith-stein-stiftung.org
E-Mail: edith-stein-archiv@karmelitinnen-koeln.de

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