DAS KROSEWICKER FELD IM KREIS BORKEN

EINLADUNG ZUM KIEBITZEN

Die lange Federholle und eine kontrastreich gefiederte Brust sind der "Ausweis" des Kiebitz-Männchens.
Die lange Federholle und eine kontrastreich gefiederte Brust sind der "Ausweis" des Kiebitz-Männchens.
Wenn sich die "Flurbereinigung" früher ein Stück Landschaft vornahm und hinterher nichts mehr so war wie vorher,waren meist auch die Tage von Kiebitz und Knabenkraut gezählt. Im Krosewicker Feld bei Vreden, einem 45 Hektar großen Stück Kulturlandschaft im westlichsten Zipfel des Münsterlandes, war es genau andersherum. Dort schuf ein Bodenordnungsverfahren überhaupt erst die Voraussetzungen dafür, dass sich die längst verschwundene Flora und Fauna von Feuchtwiesen und Stillgewässern wieder einstellen konnte. Statt überdüngter Maisäcker und monotoner Intensivweiden herrscht dort heute bunte Vielfalt.

Auf dem Acker hätte das Sumpf-Johanniskraut keinen Lebensraum gehabt.
Auf dem Acker hätte das Sumpf-Johanniskraut keinen Lebensraum gehabt.

Man müsste einige Jahrzehnte zurückreisen, um einen Eindruck vom früheren Gesicht dieses Naturraums zu bekommen. Wo die Eiszeiten arme Sandböden und sumpfige Feuchtheiden hinterlassen hatten, fristeten die Menschen jahrhundertelang ein ärmliches Dasein. Erst seit den 1930er-Jahren wurden Moor und Heide großflächig in Weide- und Ackerland umgewandelt, wurden die nassen Böden drainiert und ihre Ertragskraft durch Düngung gesteigert. Damit stellte sich bei den Bauern ein bescheidener Wohlstand ein, doch jetzt verabschiedeten sich genau jene Pflanzen und Tiere, die auf die Abgelegenheit und Nährstoffarmut der Grenzertragsstandorte angewiesen waren. Und wenn sie irgendwo wieder auftauchten, dann in den Roten Listen gefährdeter Arten. Intensiv gedüngte Weiden und Maisäcker prägten seither das Bild des Krosewicker Felds – ein Stück ausgeräumtes Agrarland wie viele andere. In den 1990ern bot sich dort dem Naturschutz überraschend die Chance, zahlreiche kleine Parzellen unterschiedlicher Vorbesitzer aufzukaufen und durch freiwilligen Tausch mit Landwirten zu einer zusammenhängenden Fläche zu vereinigen. Die Biologische Station Zwillbrock entwickelte die Vision, die NRW-Stiftung stellte das Geld für den Grunderwerb bereit und das Amt für Agrarordnung Coesfeld vermittelte Kauf und Tausch im Rahmen eines Bodenordnungsverfahrens.

Wie Phönix aus der Gülle

Das Krosewicker Feldes ist ein gutes Beispiel für Neu- und Umgestaltung im Naturschutz.
Das Krosewicker Feldes ist ein gutes Beispiel für Neu- und Umgestaltung im Naturschutz.
Schon während der Zusammenlegung bekam die Biologische Station die Chance, das Gelände neu zu gestalten: Alte Drainagen wurde beseitigt, der nährstoffreiche Oberboden abgeschoben, man legte Kleingewässer an und pflanzte Hecken. Dr. Dietmar Ikemeyer, Mitinitiator des Projekts und Leiter der Biostation, erinnert sich: "Fremde Besucher mussten glauben, dass hier die Baustelle für irgendein Großprojekt entsteht – es sah wirklich so aus, als wollten wir die Landschaft komplett auf links drehen." Ikemeyer und seine Mitarbeiter wussten aber aus ähnlichen Projekten, dass in Sand und Lehm noch reichlich Pflanzensamen schlummerten, die durch das "Umkrempeln" des Bodens ihre lang ersehnte Chance bekämen. Bei leicht steigendem Grundwasserstand würden sie ideale Bedingungen finden, um genau die Lebensgemeinschaften zu bilden, die in der Umgebung so rar geworden waren. Welche Arten sich in den folgenden Monaten und Jahren aber genau einstellten, überraschte auch ihn: "Nach einiger Zeit haben wir zum Beispiel Pillenfarn und Sandbinse gefunden – das sind seltene Kostbarkeiten, auch wenn sie nicht spektakulär aussehen." In der Tat – wer sie nicht kennt, der würde die unscheinbaren Pflänzchen für schüttere Gräser halten, Fachleute aber gehen vor ihnen ehrfurchtsvoll in die Knie, natürlich auch, um die Raritäten formatfüllend
fotografieren zu können. Ähnlich selten, aber deutlich auffälliger ist der Igelschlauch, zumindest zur Blütezeit. Ihn aus der Froschperspektive zu fotografieren ist allerdings nicht zu empfehlen. Zum einen ist das Verlassen der Wege im Krosewicker Feld wie in jedem Naturschutzgebiet nicht erlaubt, zum anderen – und das dürfte auch notorischen Querfeldeingängern einleuchten – ist der Igelschlauch eine Sumpfpflanze. Wer vor ihm auf die Knie geht, könnte schnell bis zum Hals im Wasser hocken.

Schweres Gerät beim Bau eines Kleingewässers.
Schweres Gerät beim Bau eines Kleingewässers.
Ein Paradies für Vogelfreunde

Heute präsentiert sich das Krosewicker Feld als Mosaik von feuchten Wiesen und Weiden, gegliedert von Hecken und durchsetzt von mehreren Teichen und Tümpeln. Damit ist das Gebiet im Frühjahr und Sommer ein lohnendes Ziel für diejenigen, die Natur in bunter Mischung und ohne Nebengeräusche lieben. Von den umlaufenden Wegen aus hat man die Chance, interessante Pflanzen, Insekten und besonders Vögel zu beobachten. Mit einem Fernglas "im Anschlag" kann man den Kiebitz bei seinem Balzflug sehen oder die Schafstelze, die von einem Weidepfahl aus ihr Revier überblickt. Besonders morgens bietet das Gebiet hervorragende Gelegenheit, den Stimmen vieler verschiedener Vogelarten zu lauschen. Vom Balztriller des Zwergtauchers über die imitationsreichen, lauten Gesänge von Gelbspötter und Sumpfrohrsänger bis zum quiekenden Kontaktruf der Wasserralle. "Eine solche Vielfalt unterschiedlicher Biotope in direkter Nachbarschaft ist ganz ungewöhnlich für unseren Raum", so Ikemeyer, "und wer es gern noch lebhafter und etwas exotisch mag, der kann ja anschließend noch die Flamingo-Kolonie im Zwillbrocker Venn besuchen."

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 1/2011


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Im Auftrag der NRW-Stiftung hat das Institut für Kartographie und Geoinformation der Universität Bonn in Zusammenarbeit mit der Abteilung Geobotanik und Naturschutz zu diesem und weiteren Projekten der NRW-Stiftung ausführliche wissenschaftliche Informationen erstellt. Diese stellen die Flora und Fauna sowie die Vegetation des Naturschutzgebietes dar und setzen sich mit seiner Entwicklung, Pflege und Nutzung auseinander. [mehr]
In den Jahren 1992 und 1993 wurden größere Flächen im Krosewicker Feld erworben. Seit 2001 befindet sich das ganze Gebiet (45 ha) im Besitz der NRW-Stiftung. Das Gebiet wird von der Biologischen Station Zwillbrock e.V. betreut. Diese übernahm auch die Planung und Umsetzung der Maßnahmen.

Googlemap aufrufenDas Krosewicker Feld nordwestlich von Vreden ist eine noch junge Naturschutzfläche im Kreis Borken. Hier erwarb die NRW-Stiftung seit 1992 rund 45 Hektar Land, die von der Biologischen Station Zwillbrock zu einem struktur- und artenreichen Reservat für viele gefährdete Pflanzen und Tiere entwickelt wurden. Besucher haben die Möglichkeit, dieses und andere Gebiete im Kreis Borken im Rahmen geführter Exkursionen kennenzulernen.

Termine und Themen bietet die Biologische Station Zwillbrock:

Biologische Station Zwillbrock e.V.
Zwillbrock 10
48691 Vreden
Telefon: 02564 9860-0
Telefax: 02564 9860-29
info@bszwillbrock.de
www.bszwillbrock.de

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