GELÄNGEBACHTAL BEI MEDEBACH

RAUBWÜRGER – KEIN GRUND ZUM GRUSELN

Die Medebacher Bucht ist mit seinen  abwechslungsreichen Biotopen eine reich strukturierte Kulturlandschaft.
Die Medebacher Bucht ist mit seinen abwechslungsreichen Biotopen eine reich strukturierte Kulturlandschaft.
Die Raubwürger von Medebach und Winterberg tauchen in keiner Kriminalitätsstatistik auf. Beseitigen sie die Spuren ihres Tuns so gründlich, dass es nicht ruchbar wird? Ganz im Gegenteil: Nicht selten hängen sie sogar ihre Opfer ins Astwerk von Gehölzen. Aber keine Angst – der drosselgroße Raubwürger, Vertreter einer eher südlich verbreiteten Singvogelfamilie, hat es nur auf Käfer, Heuschrecken und Wühlmäuse abgesehen. Wer ihm bei einem Spaziergang im Sieger- oder Sauerland begegnet, darf sich freuen. Der Anblick des kontrastreich schwarz-weiß-grau gefiederten Jägers hat Seltenheitswert.

Neben vielen anderen seltenden Vogelarten brütet auch die hochgradig gefährdete Bekassine auf den Wiesen.
Neben vielen anderen seltenden Vogelarten brütet auch die hochgradig gefährdete Bekassine auf den Wiesen.
Am ehesten trifft man ihn noch in der Medebacher Bucht, einer reich strukturierten Kulturlandschaft im äußersten Osten unsres Bundeslandes. Hier leben 20 bis 25 Brutpaare der stark gefährdeten Art, mehr als die Hälfte des gesamten nordrhein-westfälischen Bestandes. In Verhalten und Ernährung erinnern die kontrastreich schwarz-weiß-grauen Vögel an kleine Greife wie den Turmfalken: Von einem Ansitz aus oder im niedrigen Rüttelflug beobachten sie den Boden unter sich, um plötzlich herunterzustoßen und ein ahnungsloses Tier zu packen. Raubwürger brauchen, ähnlich wie ihre kleineren Verwandten, die Neuntöter, sehr abwechslungsreiche Biotope: Magere Wiesen und Weiden, durchsetzt von einzelnen Baumgruppen, Hecken und Gebüschen. Auch größere Windwurfflächen in Wäldern sind geeignet, denn dort sind Mäuse, Eidechsen sowie größere Insekten häufig, und tote Äste oder Einzelbäume bieten ausgezeichnete Sitzwarten.

Neuntöter brauchen sehr abwechslungsreiche Biotope und fühlen sich deshalb in der Medebacher Bucht besonders wohl.
Neuntöter brauchen sehr abwechslungsreiche Biotope und fühlen sich deshalb in der Medebacher Bucht besonders wohl.
Zu den schutzwürdigen Flächen, wo der Raubwürger sein Wesen treibt, gehört das Gelängebachtal bei Medebach und die Wiesen "In den Irrgeistern" bei Winterberg-Grönebach. Dort brüten noch weitere Raritäten, wie die hochgradig gefährdete Bekassine und das Braunkehlchen, Charakterarten feuchter Wiesen und Flachmoore. Auch unter den Blütenpflanzen sind prominente Namen: Trollblume, Sumpf-Storchschnabel, Schmalblättriges Wollgras und der Fieberklee gehören dazu, eine Sumpfstaude mit weißen, fransig gesäumten Blüten und dreizähligen Blättern. Die genannten Talwiesen konnten mit Hilfe der NRW-Stiftung angekauft werden. Wegen ihrer geringen Ertragskraft waren sie von Verbrachung und Aufforstung bedroht. Wenigstens als Weihnachtsbaumkultur sollte auch die Feuchtwiese "Im Pitzfeld" nach dem Willen des Vorbesitzers noch herhalten, aber das hätte das Aus für Sumpfblutauge und Breitblättriges Knabenkraut bedeutet. Im tiefen Schatten von exotischen Blautannen wären die gefährdeten Wiesenpflanzen bald verkümmert.

Trollblume, Sumpf-Storchschnabel, Schmalblättriges Wollgras und Fieberklee sorgen für eine bunte Blütenpracht in den Biotopen.
Trollblume, Sumpf-Storchschnabel, Schmalblättriges Wollgras und Fieberklee sorgen für eine bunte Blütenpracht in den Biotopen.
Die Mahd des Grünlandes ist ein mühsames Geschäft, aber unverzichtbar für den Erhalt der Flora und Fauna. Die Mitarbeiter und ehrenamtlichen Helfer des Vereins für Natur- und Vogelschutz im Hochsauerlandkreis sind stolz, dass sie den jährlichen Schnitt gewährleisten können. Entweder übernehmen sie selbst die Pflege oder sie lassen die Flächen durch ortsansässige Landwirte naturschutzgerecht bewirtschaften. Nutzungsverträge mit Pächtern im Hochsauerlandkreis bestehen zur Zeit für 470 Hektar Grünland. Im Lauf der Jahre konnten die Landschaftsschützer das Mosaik von feuchten Talwiesen und Magerweiden zu einem regional funktionsfähigen Gesamtkonzept verbinden.

Die gute Zusammenarbeit mit den Landwirten hat Tradition in der Medebacher Bucht, und die Bestandszahlen von gefährdeten Vogelarten beweisen, dass die stetige Arbeit sich lohnt: 700 Brutpaare des Neuntöters, dazu stabile Populationen von Wachtel und Rebhuhn sind eine Bilanz, auf die andere Mittelgebirgsregionen nicht ohne Neid blicken. Und wenn der Raubwürger eines Tages doch zur Fahndung ausgeschrieben wird, dann nur, um seine Lebensbedingungen und Brutplätze noch wirksamer zu schützen ...


Kommentare

Sie haben dieses Projekt der NRW-Stiftung bereits besucht? Dann schreiben Sie uns, wie es Ihnen gefallen hat. Kommentar verfassen



Auf Antrag des Vereins für Natur- und Vogelschutz (VNV) kaufte die NRW-Stiftung in den vergangenen Jahren mehrere Feuchtwiesen und Magerweiden im Gelängebachtal bei Medebach und bei Winterberg-Grönebach. Das Gebiet wird heute von der Biologischen Station im Hochsauerlandkreis betreut, eine naturschonende Bewirtschaftung der ortsansässigen Landwirte sorgt zudem dafür, dass dort für viele gefährdete Tier- und Pflanzenarten ein geeigneter Lebensraum erhalten bleibt.

Googlemap aufrufenInformationen über das Gebiet gibt es bei der Biologischen Station im Hochsauerlandkreis, St.-Vitus-Schützenstr. 1 in 57392 Schmallenberg-Bödefeld, Telefon: 02977 1524 oder 02977 9390810 .
www.biostation-hsk.de

Bookmark and Share