HEINE HAUS UND MEHR

BEI HEINE AN DER LÄNGSTEN THEKE DER WELT

Inmitten der lebhaft bunten Bolkerstraße steht das Heine Haus.
Inmitten der lebhaft bunten Bolkerstraße steht das Heine Haus.
In der Düsseldorfer Altstadt muss es schon vor gut 200 Jahren lebendig zugegangen sein. Jedenfalls hat es damals den jungen Harry Heine auf der Suche nach einem ruhigen Plätzchen von der heimatlichen Bolkerstraße regelmäßig fortgezogen. Dann eilte der Junge zum benachbarten Hofgarten, um dort ungestört den "Don Quixote" lesen zu können, wie er sich später in Paris erinnerte.

Im großen, lichtdurchfluteten Saal, der tagsüber zum Literaturcafé wird, können Besucher eine Pause einlegen und lesen.
Im großen, lichtdurchfluteten Saal, der tagsüber zum Literaturcafé wird, können Besucher eine Pause einlegen und lesen.
Die Bolkerstraße ist natürlich keinen Deut ruhiger geworden. Als eine Art Tor zur Altstadt macht sie gleich am Anfang dem Besucher klar, wer heute hier den Ton angibt: Fast Food und Steakhaus zur Rechten, Kebab und Irish Pub zur Linken. Nur ein gediegenes Haus mittendrin will nicht so recht zum konsequent bunten Erscheinungsbild passen: ein Buchladen mit schwerer Bronzeplakette über dem Eingang, die Heine abbildet und die das Bauwerk als Geburtshaus des Dichters ausweist. Am 13. Dezember 1797 soll Harry Heine hier das Licht der Welt erblickt haben. Beides ist – sagen wir es ein wenig rheinisch – nicht so ganz richtig. Denn bis heute sind weder Geburtstag noch Geburtsjahr historisch gesichert. Klarheit herrscht indes über die Stätte der bedeutsamen Niederkunft. Und das war nicht das schmuck ausgewiesene vordere Haus direkt an der Bolkerstraße, sondern ein angrenzendes Hinterhaus, das 1942 abbrannte. Von dem sind immerhin 80 Ziegelsteine übrig geblieben, eine stumme Zeugenschar, die – zum Sockel formiert – im hinteren Bereich des heutigen Heine Hauses die Dichterbüste tragen. Die kleine Spurensuche zu Heines Geburtsort hat uns an einen literarisch spannenden Ort geführt. Jetzt residiert hier das Buchhändlerpaar Rudolf Müller und Selinde Böhm mit ihrer "Literaturhandlung". Der Name ist so sympathisch eigensinnig wie die Stätte selbst. Ein schmaler, langer Raum führt den Gast etliche Meter an Bücherregalen vorbei, und wer es schafft, der Versuchung sofortiger Lektüre zu widerstehen, gelangt zu einem glasbedachten und säulenumstandenen Saal. Der wurde 2005 beim Umbau des Hauses der früheren Mata-Hari-Einkaufspassage abgerungen. Was entstanden ist, lässt sich eindeutig schwer sagen. Vielleicht ist es dies: Eine stimmungsreiche Stätte der Literatur, an der schon Nooteboom, Grünbein, Pastior, Bichsel, de Moor und viele andere gelesen haben. 120 Sitzplätze hat der Saal, und ein paar Stufen an der Längsseite des Raumes werden notfalls zusätzliche Ränge. Und wenn es bei Müller & Böhm so richtig voll wird, dann wandelt sich der vornehme Raum zur Arena der Erzähl- und Vortragskunst.

Eine stumme Bücherwand

Die stumme Bücherwand ist ein Denkmal für Dichtung.
Die stumme Bücherwand ist ein Denkmal für Dichtung.
Tagsüber wandelt sich der Saal zum Bistro, zu einem stillen Ort für Leser und jene, die als Käufer gekommen und Literaturstöberer geworden sind. Rote Sessel aus dem Fundus des Düsseldorfer Schauspielhauses wirken da wie die Zitate alter Kaffeehäuser. Dabei ist der Raum wie nebenbei auch ein kleines Museum – mit der Heine-Büste und der Installation "Bücher verwenden" von Suse Wiegand. Auf mehreren Regalbrettern zeigen uns dort die Bücher ausnahmsweise nicht ihren Rücken, sondern sind mit ihrem Blattschnitt zu sehen. Eine helle Wand ist entstanden. Und obwohl alles Literatur ist, bleiben die Titel der Werke unlesbar. Die stumme Bücherwand ist ein Denkmal für Dichtung – und vielleicht so etwas wie eine Grundsatzerklärung der beiden Buchhändler, die noch echte, also besessene Leser sind. Und die darum gemeinsam mit dem Förderverein des Heine Hauses (fast) jeden Autor ihrer Wahl nach Düsseldorf zu locken wissen. Das spektakulärste Kunstwerk aber ist eine einzige Buchseite, eine ziemlich große. Zwei mal drei Meter misst sie und will ein Extrakt aus Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften" sein. Eine Art ultimativer Text – sagt zumindest der, der jene denkwürdige Seite komponiert und fotografiert hat: der Düsseldorfer Andreas Gursky, einer der zurzeit wohl begehrtesten und teuersten Fotokünstler der Welt. Großzügig vermachte Gursky sein riesiges Musilfoto "Ohne Titel 12" dem Heine Haus als Dauerleihgabe. Das wiederum dürfte allein mit der angemessenen Versicherungssumme genug zu zahlen haben. Man muss nicht mehr – wie noch zu Heines Jugendzeiten – mit einem Buch unterm Arm in den Hofgarten eilen. Dafür lässt sich inmitten der Altstadt in der Bolkerstraße 53 eine neue, staunenswerte Erfahrung machen: wie es ist, bei Harry Heine an der längsten Theke der Welt zu sitzen.


Kommentare

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12.01.2014, solveig kukelies

.....diese buchhandlung mit literaturcafé ist eine wunderbare unterbrechnung inmitten der längsten theke der welt.......
solveig kukelies
(düsseldorfer stadtführerin)


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Auf Anregung der Heinrich-Heine-Gesellschaft erwarb die NRW-Stiftung mit der Stadt Düsseldorf das Heine Haus in der Düsseldorfer Altstadt, damit es als Literaturzentrum genutzt werden kann.

Das Haus befindet sich in der Bolkerstraße 53. Im oberen Bereich hat die Heinrich-Heine-Gesellschaft ihren Sitz. In Erdgeschoss befindet sich jetzt eine Buchhandlung, der Raum im hinteren Bereich wird u. a. für Veranstaltungen genutzt.

Heine-Haus
Verein zur Förderung des Heinrich Heine Geburtshauses (e.V.)
Bolkerstraße 53
40213 Düsseldorf
Telefon: 0211 / 31 12 522

Weitere Informationen zum Heine Haus unter www.heinehaus.de
mailto: info@heinehaus.de

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