FLACHS- UND VOLKSTRACHTENMUSEUM IN BEECK

LEIN, ABER FEIN

Auch traditionelle Geräte zur Verarbeitung des Flachs werden im Flachsmuseum ausgestellt.
Auch traditionelle Geräte zur Verarbeitung des Flachs werden im Flachsmuseum ausgestellt.
Wer früher am Niederrhein Flachs ernten wollte, musste nicht nur bis drei, sondern dreimal bis hundert zählen können: "Am hongeschte Daach siene, honget Stond em Jrongk, un honget Daach över de Jrongk!" ("Am hundertsten Tag säen, hundert Stunden im Grund und hundert Tage über dem Grund!"). So beschrieben die Bauern, wann ausgesät werden konnte, wie lange die Leinsamen keimten und zu welcher Zeit der reife Flachs zu ernten war. Der Heimatverein in Wegberg-Beeck hält die Erinnerung an diese Traditionen lebendig und präsentiert den Besuchern zwei reizvolle Museen zum Flachsanbau und zum Thema "Volkstrachten".

Die prächtigen Trachten und ihre Herstellung werden von Heinz Gerichhausen und anderen Mitgliedern des Fördervereins ausgestellt und lebensnah präsentiert.
Die prächtigen Trachten und ihre Herstellung werden von Heinz Gerichhausen und anderen Mitgliedern des Fördervereins ausgestellt und lebensnah präsentiert.
"Das Säen ging besonders gut von der Hand, wenn der Bauer vorher ein gut belegtes Speckbrötchen gegessen hatte. Dann rutschten die Leinsamen ganz gleichmäßig durch die fettigen Finger", erklärt Heinz Gerichhausen, Vorsitzender des Heimatvereins. "Außerdem durfte beim Säen nicht gesprochen werden. Um das nicht zu vergessen, nahm der Sähmann einen Zweig zwischen die Zähne." Anders als auf dem Feld wird im Flachsmuseum viel gesprochen – und zugehört. Besonders wenn die ehrenamtlichen Museumsführer den Kindern erzählen, wie "Stroh zu Gold" gesponnen wird. Aber auch die Erwachsenen staunen, wenn sie hören, dass Flachs und Edelmetall tatsächlich miteinander zu tun haben, zum Beispiel, weil die Münzsäcke der Banken traditionell aus Leinen genäht sind.

Diplom fürs Aufreissen der Klappe

In großen Glasvitrinen werden die Trachten wirkungsvoll präsentiert.
In großen Glasvitrinen werden die Trachten wirkungsvoll präsentiert.
Wer die Dreimal-hundert-Regel beherzigte und am 10. April, dem hundertsten Tag des Jahres, gesät hatte, musste Ende Juli den Flachs vom Feld holen. Die Kinder der Grundschule Beeck wissen heute, dass die alten Regeln immer noch taugen. Denn seit zwei Jahren wird wieder Flachs angebaut in Beeck und die Schüler helfen tatkräftig mit. Auch bei der Ernte machen sie sich nützlich. Das braucht Kraft, denn der Flachs wird mitsamt den Wurzeln "gerauft", damit die Fasern ihre volle Länge behalten. Sämtliche Schritte vom Flachs zum Leinen werden auch im Museum gezeigt. Am liebsten sehen es die Mitarbeiter des Heimatvereins, wenn die Besucher selbst einmal "die Klappe aufreißen" und dabei merken, wie anstrengend oder eintönig die Arbeit früher war. Das Klappeaufreißen ist durchaus wörtlich gemeint: An der "Braak", einem hölzernen Bock, muss die Brechlade weit geöffnet und mit Kraft nach unten geklappt werden, um die sperrigen Flachsstängel zu knicken und dann die hellen Fasern von den "Schäben" zu trennen. Jeder darf sich im Hecheln versuchen oder einmal Garn aufwickeln, möglichst ohne sich dabei zu verhaspeln. Am Ende gibt es dann ein "Flachsdiplom". Noch größere Aufmerksamkeit als mit ihrem Flachsmuseum erreichen die Beecker aber mit dem wiederbelebten Flachsmarkt. Immer am letzten Septemberwochenende ist ganz "Flasbeek" auf den Beinen, um zu schauen, zu reden und zu kaufen. 180 verschiedene Marktstände, überwiegendVertreter alter Handwerksberufe, nehmen daran teil und ziehen weit über 20.000 Besucher aus nah und fern an.

Nostalgisch, modern und unverwechselbar

Die Kleider wirken nur auf den ersten Blick bunt und beliebig - sie alle erzählen nämlich eine Geschichte.
Die Kleider wirken nur auf den ersten Blick bunt und beliebig - sie alle erzählen nämlich eine Geschichte.
Keine 25 Jahre alt ist das Flachsmuseum und doch hat es bereits eine steile Karriere vorzuweisen. Nach einem fünfjährigen Provisorium in der ehemaligen Schmiede Mühlenbroich zogen die Beecker 1988 mit ihrer Sammlung um. Das neue Domizil ist eine 300 Jahre alte Zehntscheune, die mit Spenden, Zuschüssen und viel Eigenarbeit umgebaut wurde. Trotz viel altem Holz und Backstein haben die Beecker Sammlungen ein fortschrittliches Innenleben. Das Museumsamt des Landschaftsverbandes Rheinland bescheinigte ihnen hohe technische und didaktische Standards und adelte sie durch Aufnahme in seine offizielle "Listen rheinischer Museen". Von der räumlichen Aufteilung über die Beleuchtung bis zur Präsentation – alles ist perfekt durchdacht, anschaulich, ästhetisch und unverwechselbar. Das Geländer an der Treppe ins Obergeschoss etwa gibt es auf der ganzen Welt nur hier. An den liebevoll geschmiedeten Leinpflanzen zwischen den senkrechten Streben stimmt jedes Detail. Der Beecker Kunstschmied Siegfried Ollig machte das einmalige Werk dem Museum zum Geschenk, kurz bevor er starb.

Sprechende Knöpfe und Halstücher

Nicht nur betrachten, sondern auch anziehen: Für Kinder gibt es im Beecker Trachtenmuseum Kindertrachten zum ausprobieren.
Nicht nur betrachten, sondern auch anziehen: Für Kinder gibt es im Beecker Trachtenmuseum Kindertrachten zum ausprobieren.
Schon seit 1992 gab es Überlegungen, ob und wie man zusätzlich eine private Trachtensammlung ausstellen könnte. Das Thema bot zwar viele Berührungspunkte, aber unter demselben Dach war kein Platz. Als die Stadt Wegberg sich bereit erklärte, die Sammlung zu kaufen und als Dauerleihgabe zur Verfügung zu stellen, taten die Beecker einen mutigen Schritt. Mit Spenden, Zuschüssen und einem Kredit kauften sie ein weiteres denkmalgeschütztes Haus, das ehemalige Bürgermeisteramt, und renovierten es von Grund auf. Neben zusätzlichen Fördermitteln und Erlösen aus dem Flachsmarkt flossen über 5.000 Stunden ehrenamtlicher Arbeit in das Projekt. Mehr als 400 davon leistete allein Heinz Tribull, Malermeister "im Unruhestand". Wie die Schaufenster eines großen Bekleidungsgeschäftes wirken die Vitrinen im Trachtenmuseum, wirkungsvoll arrangiert und zurückhaltend beschildert. Bunt und beliebig wirken die prächtigen Kleider nur auf den ersten Blick, doch alle erzählen eine Geschichte – man muss die Sprache der Kleider nur kennen. Dass die Zahl der Knöpfe darüber Auskunft gibt, wie "betucht" der Träger ist, leuchtet rasch ein, aber woran ist zu sehen, ob sich jemand für die Kirche oder eine weltliche Feier eingekleidet hat, ob die Person ledig oder verheiratet, katholisch oder protestantisch ist? Am Halstuch des Mädchens aus Hindeloopen in Friesland soll man sogar ablesen können, ob die Trägerin schon einem jungen Mann ihr Herz versprochen hat oder noch ungebunden ist.

Ist Spinnen Herzenssache?

Spinnen die? Und wie! - Besucher bekommen jeden Griff erläutert.
Spinnen die? Und wie! - Besucher bekommen jeden Griff erläutert.
Wer mit Gleichgesinnten zwei Museen erfolgreich aufbaut, muss sich fragen lassen, wo der erste "Leinsamen" in der eigenen Lebensgeschichte lag. Heinz Gerichhausen überlegt nur kurz: "Als ich 15 war, ist die Oma von meinem Freund aus dem Nachbarort Kipshoven gestorben, und da stellten die Leute ein altes Spinnrad auf den Müll. Als ich es sauber gemacht habe, kam da ein eingeritztes Herz zum Vorschein mit der Jahreszahl 1805." Auch wenn er nie erfuhr, wessen Liebe da verewigt worden war – ein solches Stück wegwerfen? Niemals! Zum ersten Spinnrad kamen bald weitere Gerätschaften, und zwanzig Jahre später wurde dann der Platz knapp im Haus Gerichhausen. Da es keine heimatkundliche Sammlung in der Nähe gab, beriet er sich mit Freunden. So wurde die Idee geboren, selbst einen Heimatverein und ein eigenes Flachsmuseum zu gründen. Das war 1982. Anfangs erntete man Skepsis. "Alles eine Nummer zu groß", bekamen die Initiatoren mehr als einmal zu hören. Das sagt heute niemand mehr. Gerichhausen und die anderen Vereinsmitglieder sind wie alle Beecker stolz auf ihre Museen und auf die vielen, oft sehr gut besuchten Veranstaltungen. 186 Termine waren es im Jahr 2006. Die klare Beschränkung auf Flachs und Trachten ist eines ihrer Prinzipien: "Alles was damit nichts zu tun hat, geben wir an andere Museen weiter. Im Gegenzug bekommen wir dann Ausstellungsstücke zu unseren Themen oder Spenden." Selbst Museumsprofis staunen, wie sachkundig, zielstrebig und gewissenhaft die Heimatfreunde den Ausbau ihrer Sammlungen betreiben. "Wir schauen uns halt überall die besten Ideen ab", verrät Gerichhausen schmunzelnd.
Lein - Ein 7.000 Jahre alter Klassiker

Zu Garben gebündelter Flachs
Zu Garben gebündelter Flachs
Nicht ohne Grund lautet der wissenschaftliche Name der Pflanze Linum usitatissimum, zu Deutsch der "Nützlichste Lein": Über Jahrtausende war er die wichtigste europäische Faserpflanze, die man für Kleidung, Bett- und Tischwäsche brauchte und aus der man Seile, Säcke und Segel fertigte. Die kürzeren Fasern, Werg genannt, dienten als Dichtmasse oder man stopfte sie als Polsterfüllung in die Matratzen. Selbst feinste strohige Abfälle wurden noch zum Feuermachen, als Einstreu oder für einen Schabernack benutzt: Bei Dunkelheit legte man damit eine Spur zwischen den Häusern heimlicher Liebespaare. So blieb nicht lange verborgen, wenn sich etwas "angesponnen" hatte. Die Leinsamen waren Lebens- und Heilmittel und lieferten die Grundstoffe für Farben, Fensterkitt und Fußböden (Linoleum). Überall an der Schwalm, dem Maas-Nebenfluss im deutsch-holländischen Grenzgebiet, klapperten die Wasserräder der Mühlen, die Öl aus den Leinsamen pressten. Außer vielen Redensarten tragen noch manche Dinge den Lein im Namen, auch wenn sie schon lange nicht mehr daraus bestehen: So blicken wir im Kino nach wie vor auf die Leinwand, und sowohl die Leine als auch die Linie gehen auf das lateinische Linum zurück. Mit dem Massenimport von Baumwolle aus Indien und Amerika gingen die bäuerlichen und handwerklichen Traditionen der Flachsgewinnung und Leinweberei drastisch zurück. Während früher jeder Bauer Kleidung aus Leinen trug, hat der Stoff heute das Image "schlicht, aber edel". Außer Kleidung und Wohntextilien werden allenfalls noch extrem stark beanspruchte Gewebe wie Feuerwehrschläuche, Geldsäcke und Rollobänder aus Flachs gefertigt.

Stand der Angaben: Magazin der NRW-Stiftung 2/2007


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Der Eintritt ist generell frei.

Bei vielen Projekten erhalten die Mitglieder des Fördervereins vergünstigten Eintritt. [mehr]
Die NRW-Stiftung unterstützte den Heimatverein Wegberg-Beeck bei der Einrichtung des Trachten- und des Flachsmuseums. Beide Museen, die ehrenamtlich vom Verein geleitet werden, liegen nah beieinander. Das Flachsmuseum wurde als besonders kindgerecht ausgezeichnet, das Trachtenmuseum ist barrierefrei und somit auch für Rollstuhlfahrer geeignet.

Googlemap aufrufenFlachsmuseum
Holtumer Straße 19 a
41844 Wegberg-Beeck
Telefon: 0 24 34 / 92 76 14
www.flachsmuseum.de

Das Volkstrachtenmuseum befindet sich gegenüber am Kirchplatz 7.

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