SOESTER GRÜNSANDSTEIN-MUSEUM

GRÜN WIE DIE WIESE

Das Modell der mittelalterlichen Baustelle "Wiesenkirche" gehört zu den Attraktionen im neuen Grünsandstein-Museum in Soest.
Das Modell der mittelalterlichen Baustelle "Wiesenkirche" gehört zu den Attraktionen im neuen Grünsandstein-Museum in Soest.
Städtisches Grün – darunter versteht man normalerweise Parkanlagen, Straßenbäume, Rasenflächen und Blumenbeete. In der westfälischen Stadt Soest grünt aber nicht nur die Vegetation, grün sind hier auch viele Mauern, Häuser und Kirchen. Das ungewöhnliche Kolorit stammt aus keinem Farbtopf, sondern es ist die natürliche Färbung eines einzigartigen Baumaterials: des Soester Grünsandsteins. Seit Herbst 2006 lässt sich die spannende "Spur der Steine" im Grünsandstein-Museum verfolgen.

Das Grünsandsteinmuseum steht auf dem Gelände der Wiesen-Bauhütte.
Das Grünsandsteinmuseum steht auf dem Gelände der Wiesen-Bauhütte.
"Unter diesen Gesprächen waren sie zu einem geräumigen Wiesenplatze gekommen, welcher aber gleichwohl noch innerhalb der Ringmauern der Stadt lag. Auf demselben erhob sich eine alte gotische Kirche, grün wie die Wiese." – Der Dichter Karl Immermann machte 1838 die Stadt Soest zu einem der Schauplätze seines satirischen Romans "Münchhausen". Er schilderte den Ort mit spitzer Feder als ein verschlafenes Nest voll "verwitterndem Gemäuer", in dem sogar die Bewohner "menschlichen Ruinen" glichen. Und dennoch beflügelte gerade Soest mit seinen großen mittelalterlichen Bauten – wie der erwähnten "Wiesenkirche" – nicht nur Immermanns Fantasie. Hatte die Stadt doch einst zu den mächtigsten Mitgliedern der Hanse gezählt und Mitte des 15. Jahrhunderts sogar den unerhörten Schritt gewagt, sich von ihrem Stadtherrn, dem Kölner Erzbischof, loszusagen. Aus wohlerwogener Berechnung: Die Herzöge von Kleve-Mark hatten den Soestern mehr Freiheiten versprochen. Das war der Anlass zur berühmten "Soester Fehde", die die Menschen zwischen Rhein und Weser nicht weniger als fünf Jahre lang in Atem hielt.

Soest widerstand seinen Feinden. Mehrfach hatten sie seine Mauern vergeblich belagert – Mauern von eigenartiger grünlicher Färbung. Dass es sich bei diesem Farbton um eine Laune der Natur handelte, die bis in die Zeit der Dinosaurier zurückreicht, davon konnten allerdings weder die mittelalterlichen Belagerer der Stadt noch ihre Verteidiger etwas ahnen. Erst die moderne Wissenschaft hat Licht in dieses vorzeitliche Dunkel gebracht.

Wie kommt die Farbe in den Stein?

Die Soester Kirche St. Maria zur Wiese ist eine der bedeutendsten Kirchenbauten Westfalens.
Die Soester Kirche St. Maria zur Wiese ist eine der bedeutendsten Kirchenbauten Westfalens.
Die Entstehungsgeschichte des Soester Sandsteins begann vor rund 90 Millionen Jahren, in einem Erdzeitalter, das man "Kreide" nennt. Damals, als es noch über 20 Millionen Jahre bis zum Aussterben der Dinosaurier dauern sollte, bedeckte ein Meer große Teile Westfalens. In ihm wurden nach und nach sandige und schlammige Sedimente abgelagert, die sich in einem unendlich langsamen Prozess allmählich zu Stein verfestigten. Für die grüne Farbe der Gesteinsschichten im Raum Soest sorgte dabei ein besonderes Mineral, das "Glaukonit". Unzählige sandkorngroße Glaukonitteilchen sind im Grünsandstein eingebunden – je mehr, desto kräftiger ist der Farbton.

"Glaukos" ist der Name einer antiken Meeresgottheit, das griechische Wort bedeutet aber zugleich auch "bläulich glänzend". Und tatsächlich wirkt Glaukonit blaugrün, wenn es viel Eisen enthält. Bei einem hohen Aluminiumgehalt hingegen sieht es eher gelblichgrün aus. Durch Verwitterung entstehen weitere Farbtöne, denn das Material wird dabei zu Brauneisen umgewandelt, wodurch sich die unregelmäßigen, fleckigen "Goldflächen" bilden, die man an vielen Soester Mauern sehen kann. Streng wissenschaftlich müsste man übrigens sagen, dass diese Mauern aus einem "sandhaltigen Glaukonitkalkstein" bestehen. Aber das darf man ruhig den Experten überlassen – wie etwa Jürgen Prigl, dem Dombaumeister an der Wiesen-Bauhütte.

Durch Verwitterung können im Stein unregelmäßige, fleckige "Goldflächen" entstehen.
Durch Verwitterung können im Stein unregelmäßige, fleckige "Goldflächen" entstehen.
Mit der Soester Kirche St. Maria zur Wiese ist Prigl einer der bedeutendsten Kirchenbauten Westfalens anvertraut. Wer hierhin kommt, sollte nicht versäumen, auch einen Blick auf das berühmte "westfälische Abendmahl" zu werfen – ein Glasfenster aus dem 16. Jahrhundert, das Jesus und seine Jünger vor einem mit Schinken, Schweinskopf und Bierkrug gedeckten Tisch zeigt. Doch schon am Außenbau der Wiesenkirche fallen dem heutigen Besucher mindestens zwei Dinge sofort ins Auge – zum einen natürlich die ungewöhnliche Farbe des Bauwerks, zum anderen die unübersehbaren Gerüste der Restaurateure. Schon seit fast zwanzig Jahren läuft die Sanierung der Wiesenkirche, und bis zum Abschluss der Arbeiten werden wohl noch weitere zwanzig vergehen. Gibt es hier vielleicht deshalb so viel zu tun, weil der Grünsandstein als Baumaterial einfach zu "mürbe" ist, wie es schon Karl Immermann andeutete: "Teils war schon die Farbe des Sandsteins, wie sie bezeichnet worden, äußerst eigen; teils aber hatte auch die Natur ihr willkürliches Spiel mit dem lockeren und mürben Material getrieben, und in dem reichen Pfeiler- und Schnitzwerk, an den Kanten und Ecken durch Regenschlag und Nässe ganz neue Figurationen hervorgebracht." An dem Zitat ist durchaus etwas Wahres. Trotzdem sind seitdem über 150 Jahre vergangen, und die Wiesenkirche steht immer noch. Jürgen Prigl sieht die Dinge mit den Augen des Fachmanns. Wie bei anderen Materialien komme es auch beim Grünsandstein vor allem auf eine sachgerechte Behandlung an, erläutert der Dombaumeister. Insbesondere das Eindringen von Feuchtigkeit durch Ritzen und Spalten gilt es zu verhindern. Dann lässt sich der grüne Sandstein – außer in besonderen Problembereichen wie den Türmen – auch heute noch zur Erneuerung eines alten Bauwerks wie der Wiesenkirche einsetzen.

Steinmuseum im Fachwerkgebäude

Dombaumeister Jürgen Prigl kennt die Abbaugebiete und Produktionsstätten des Grünsandsteins.
Dombaumeister Jürgen Prigl kennt die Abbaugebiete und Produktionsstätten des Grünsandsteins.
Der Soester Dombauverein schlug zwei Fliegen mit einer Klappe, als er sich vor einigen Jahren eine alte Fachwerkscheune auf dem Gelände der Wiesen-Bauhütte zum Museumsstandort erkor. Dadurch erschien nicht nur eine Erweiterung des Soester Kulturangebots möglich, gleichzeitig winkte auch der schon ziemlich maroden Scheune endlich Rettung. Die NRW-Stiftung griff dem zwar "steinreichen", aber deshalb noch lange nicht im Geld schwimmenden Verein bei seinen Plänen gern unter die Arme. Schließlich ist der Grünsandstein ein einzigartiges Material, das nur im Raum rund um Soest – etwa zwischen Unna und Anröchte – ganze Stadt- und Ortsbilder nachhaltig prägt.

An mehreren Stellen in der Region um Soest wird Gründsandstein abgebaut und weiterverarbeitet.
An mehreren Stellen in der Region um Soest wird Gründsandstein abgebaut und weiterverarbeitet.
Trotzdem – ein Museum für Steine, ist das nicht geradezu der Inbegriff der Trockenheit? Keineswegs. Das neue Museum ist zwar tatsächlich ein "Lapidarium" – eine Steinsammlung, aber es bietet auch einen spannenden Rundgang durch die Erd- und Kulturgeschichte. Im Untergeschoss wird der Besucher zunächst mit der Geologie, den Fundorten und der heutigen Verwendung des Grünsandsteins bekannt gemacht. Eindrucksvoll sind vor allem die Zeugnisse für die maritime Herkunft des Steins: Es sind Haifischzähne, Ammoniten, Seeigelund viele andere Fossilien, die dem Museum von engagierten Hobbygeologen zur Verfügung gestellt wurden. Die beiden oberen Ausstellungsetagen konzentrieren sich hingegen auf Architektur und Steinmetztechniken. Hier lässt sich zusätzlich ein kurzer Film starten, der den Hintergrund der "steinernen Geschichte" auf leicht fassliche Weise erzählt. Nicht zuletzt für Kinder interessant ist das eindrucksvolle Modell der mittelalterlichen Baustelle "Wiesenkirche" im Dachgeschoss des Museums. Und da eine bestimmte Frage wohl nicht nur aus dem Kindermund unvermeidlich sein dürfte, sei hier abschließend gleich die Antwort gegeben: Nein, die Kirche hat den Namen nicht wegen ihrer grünen Farbe, mag er auch noch so gut dazu passen. Dieser Name geht vielmehr auf die ursprüngliche Geländesituation an ihrem Standort zurück: "St. Maria in pratis" – "St. Maria in den Wiesen".
Grün und Blau

Grün-blaue Schichten im Sandstein
Grün-blaue Schichten im Sandstein
Wer von Soest in den Nachbarort Anröchte fährt – vielleicht sogar bei einer organisierten Fahrradexkursion auf den Spuren des Sandsteins –, der kommt bei dem Örtchen Klieve an einer auffälligen grau-grünen Steinsäule vorbei. Sie zeigt an, dass hier einer der Steinbrüche liegt, in denen man heute noch den "Anröchter Dolomit" gewinnt – so ein gebräuchlicher, geologisch allerdings nicht korrekter Handelsname für den Grünsandstein. Viele der Quader im Steinbruch wirken allerdings eher bläulich als grün. Das ist aber keine Unregelmäßigkeit, sondern hängt mit dem Anteil des farbgebenden Glaukonits zusammen. Der schwankt je nach Tiefe der Gesteinsschicht. Die untere "Grüne Werksteinbank" weist etwa 18 Prozent Glaukonit auf, die obere "Blaue Werksteinbank" hingegen nur 12 Prozent. Grünsandstein ist vielseitig verwendbar. Er liefert hervorragende Fassadenverblendungen, Fußböden oder Treppenstufen. Da man ihn sehr glatt polieren kann, eignet er sich auch für Badezimmerausbauten. Die "Anröchter Stone Group", die Verkaufsagentur der Anröchter Steinbaubetriebe, exportiert das Material weltweit. Neben den Anröchter Abbauten gibt es etwa zehn Kilometer weiter südöstlich Lagerstätten des sogenannten "Rüthener Grünsandsteins". Er ist weniger kalkhaltig und besitzt eine besonders gute Beständigkeit gegen Wind und Wetter. Deshalb kommt er unter anderem auch bei der Restaurierung der Soester Wiesenkirche zum Einsatz.


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Der Eintritt ist generell frei.

Bei vielen Projekten erhalten die Mitglieder des Fördervereins vergünstigten Eintritt. [mehr]
Das Grünsandstein-Museum in Soest

PDF (2,5 MB)
Seit Jahrhunderten prägt der "grüne Stein der Börde" die Baukultur in der Region um Soest. Die NRW-Stiftung unterstützte den Dombauverein Maria zur Wiese in Soest bei der Einrichtung eines Grünsandstein-Museums. Das Museum ist in einer alten Fachwerkscheune gleich neben der Kirche untergebracht, die aus Grünsandstein erbaut wurde und als eine der schönsten Hallenkirchen Deutschlands gilt.

Googlemap aufrufenGrünsandsteinmuseum
Walburgerstraße 56
59494 Soest
Telefon: 0 29 21 / 1 50 11
www.gruensandsteinmuseum.de
www.bauhuette-wiesenkirche.de

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