NEUES AUS DEM NEANDERTAL

ZU HAUSE BEI HERRN METTMANN

Die Verwandtschaftsbeziehung des Homo neanderthalensis zum Homo sapiens sapiens sind bis heute nicht ganz geklärt.
Die Verwandtschaftsbeziehung des Homo neanderthalensis zum Homo sapiens sapiens sind bis heute nicht ganz geklärt.
Er kannte keine Schrift, aber er hat Geschichte geschrieben. Heutzutage findet man Bücher über ihn in allen großen Bibliotheken der Welt. Als Topstar der Evolutionslehre verkörpert der Neandertaler den Beginn eines neuen wissenschaftlichen Zeitalters.

Noch bevor Charles Darwin sein epochales Werk über die Entstehung der Arten veröffentlichte, trug die Entdeckung des Neandertalers vor 150 Jahren dazu bei, das Bild von der Herkunft des Menschen zu revolutionieren. In den letzten Jahren haben ihn spektakuläre Grabungserfolge einmal mehr in die Schlagzeilen gebracht und bei Mettmann, nahe der Stelle, wo man ihn 1856 fand, lädt seit zehn Jahren das Neanderthal Museum zur multimedialen Zeitreise durch die menschliche Evolution ein. Die Ausstellung wurde jetzt im "Jahr des Neandertalers" auf den neuesten Stand gebracht.

In den ersten Jahrzehnten nach seiner Entdeckung hielt man ihn für einen flachköpfigen Steinzeitgrobian mit Keule, gebücktem Gang und schwachem Verstand. Aber die Stimmen, die den Neandertaler zum affenähnlichen Halbmenschen erklären wollten, sind längst kleinlaut geworden, stattdessen trauen Wissenschaftler ihm selbst Stimme und sogar ein Sprachvermögen zu. Dass er ein Steinzeitmensch war, rechtfertigt jedenfalls keine voreiligen Schlüsse über seine Fähigkeiten. Denn die Steinzeit war es, in der sich die Menschen zu hochintelligenten Lebewesen entwickelten, die Werkzeuge herstellten, sich in sozialen Gruppen zusammenfanden, die ersten Kunstwerke schufen und irgendwann auch zu sprechen begannen.

Im Neanderthal-Museum erhält der berühmte Fund von 1856 ein Gesicht.
Im Neanderthal-Museum erhält der berühmte Fund von 1856 ein Gesicht.
Rund 2,5 Millionen Jahre vergingen über alldem. Die Neandertaler erlebten davon nur eine Teilspanne. Sie existierten einschließlich ihrer Vor- und Frühformen etwa 250.000 bis 30.000 Jahre vor uns heute. Als mit der Entdeckung der Metalle die Steinzeit ausklang, waren sie schon lange wieder verschwunden. Von Ackerbau und Viehzucht wussten sie noch nichts, sie lebten als Jäger und Sammler wie alle Menschen vor ihnen. Aber sie verstanden es, Werkzeuge und Jagdgerät zu benutzen, bestatteten ihre Toten, fertigten aus Tierhäuten Kleidung an und trugen Schmuckstücke aus Elfenbein. Möglicherweise verwendeten sie sogar Farbpigmente für ornamentale Malereien. Ihre wichtigste Fähigkeit indes bestand darin zu überleben – unter den harten Bedingungen des Eiszeitalters.

Eiszeit – das klingt nach ewiger unwirtlicher Kälte. Doch das Eiszeitalter war vor allem durch eine Abfolge starker Klimaumschwünge gekennzeichnet. Kalte Phasen wechselten sich dabei mit Wärmeperioden ab, den sogenannten Zwischeneiszeiten. Für Lebensformen, die auf bestimmte Umweltbedingungen spezialisiert waren, bedeuteten solche Veränderungen nicht selten das endgültige Aus. Anpassungsfähige und mobile "Alleskönner" hatten da bessere Chancen – wie der Mensch, der auf Herausforderungen umso flexibler reagieren konnte, je besser sein Verstand arbeitete. Die eiszeitlichen Klimaänderungen dürften die Auslese intelligenter Lebewesen also eher beschleunigt als behindert haben. Und beträchtliche Intelligenz besaßen die Neandertaler zweifellos, waren ihre Gehirne doch sogar größer als unsere eigenen. War der einstige Grobian also in Wirklichkeit ein Intelligenzbolzen?

Flachköpfe mit vielen Talenten

Neandertaler lebten etwa 250.000 bis 30.000 Jahre vor unserer Zeit.
Neandertaler lebten etwa 250.000 bis 30.000 Jahre vor unserer Zeit.
Die abschätzige Bezeichnung "Flachköpfe", die es im Jahr 2000 sogar auf die Titelseite des "Spiegels" schaffte, sagt über die Fähigkeiten der Neandertaler jedenfalls nichts aus. Stattdessen sorgen erstaunliche Funde bei den Wissenschaftlern immer wieder für Verblüffung. So kannten Neandertaler bereits das Birkenpech, eine Art steinzeitlichen "Alleskleber", der sich aus Birkenrinde gewinnen lässt – freilich nur unter Luftabschluss und bei gleichmäßiger Hitze. Die Neandertaler beherrschten dieses Verfahren, denn man hat zwei mindestens 45.000 Jahre alte Birkenpechklumpen an den altsteinzeitlichen Lagerplätzen von Königsaue in Sachsen-Anhalt gefunden. Wie die Neandertaler die Trockendestillation der Birkenrinde bewerkstelligt haben, das bleibt vorläufig ihr Geheimnis.

Neandertaler haben sich bis in den Nahen Osten und nach Westasien verbreitet, ihrem Ursprung nach aber waren sie echte "Europäer" – sogar mehr als wir selbst, denn die ersten Vertreter des "Homo sapiens sapiens", wie die Wissenschaftler uns heute nennen, kamen erst vor etwa 40.000 Jahren nach Europa. Einige Jahrtausende lang teilten sie den europäischen Boden mit dem "Homo sapiens neanderthalensis". Das rechtfertigt die neugierige Frage, ob sie sich mit ihm vielleicht sogar gepaart haben. Rein äußerlich spräche wenig dagegen, denn mochten Schädelform und Körperbau den Neandertaler insgesamt auch etwas gedrungen erscheinen lassen, ein gebückt gehender Tiermensch war er keinesfalls. Das hatte man zwar Anfang des vorigen Jahrhunderts aufgrund eines Skelettfundes aus La-Chapelle-aux-Saints behauptet. Bei dem Fund jedoch war schlicht übersehen worden, dass auch vorgeschichtliche Menschen schon von Arthritis geplagt sein konnten.

Gelungene Dermoplastiken vermitteln den Besuchern das Gefühl, ganz nah bei "Familie Neandertaler" zu sein.
Gelungene Dermoplastiken vermitteln den Besuchern das Gefühl, ganz nah bei "Familie Neandertaler" zu sein.
Neandertaler und anatomisch moderner Mensch hätten also theoretisch Gefallen aneinander finden können. Ein grundlegendes Intelligenz- oder Kulturgefälle als potenzieller Quell frustrierender Beziehungsprobleme bestand zwischen ihnen ebenfalls nicht. Die romantischen Aspekte etwaiger steinzeitlicher Anbandelungsversuche interessieren Wissenschaftler indes weniger als die nüchternen Fakten der Genetik: Wären Neandertaler und moderner Mensch zwei völlig eigenständige Arten gewesen, so hätten sie keine zeugungsfähigen Nachkommen hervorbringen können. Bei Vertretern zweier Unterarten – als die sie vielfach angesehen werden – wäre dies hingegen durchaus denkbar.

Verdrängt vom modernen Menschen?

Sicher scheint jedenfalls: Keinesfalls waren die Neandertaler unsere "Vorfahren" im Sinne einer Vorstufe zu unserer eigenen Entwicklung. Sie stellten vielmehr eine ebenbürtige Ausformung der Gattung Mensch dar. Warum sie trotzdem die Bühne des steinzeitlichen Weltgeschehens vor rund 30.000 Jahren verließen, daran scheiden sich derzeit noch die Expertengeister. Es geschah vielleicht, weil sie vom anatomisch modernen Menschen verdrängt wurden oder weil sie durch Vermischung in ihm aufgingen. In einer Hinsicht blieb das Ergebnis dabei dasselbe: Die Zukunft gehörte uns "Modernen". Ob wir besser damit umgegangen sind, als die Neandertaler es getan hätten, lässt sich nachträglich leider nicht mehr herausfinden.

Wie ähnlich uns der Neandertaler war, das ahnten nicht einmal diejenigen, die ihn zumindest als primitiven "Urmenschen" akzeptierten. Auch das waren freilich nicht sehr viele. Als Steinbrucharbeiter 1856 in der Feldhofer Grotte im Neandertal eine Schädeldecke und mehrere Knochen fanden, hielten sie den Fund für die Überreste eines Höhlenbären. Da die Betreiber des Steinbruchs aber Mitglieder eines naturwissenschaftlichen Vereins waren, zogen sie dessen Vorsitzenden zu Rate. Er hieß Johann Carl Fuhlrott und war von Beruf Realschullehrer. Dass er heute nicht vergessen ist, liegt an dem erstaunlichen Urteil, zu dem er damals kam. Was man ihm da vorlegte, hielt Fuhlrott für fossile Menschenknochen – für eiszeitliche Überbleibsel aus der Entwicklungsgeschichte des Menschen. Unterstützung erhielt er darin von dem Bonner Wissenschaftler Hermann Schaffhausen.

Zu welchen Intelligenzleistungen der Neandertaler fähig war, ist heute nicht mehr festzustellen.
Zu welchen Intelligenzleistungen der Neandertaler fähig war, ist heute nicht mehr festzustellen.
Den meisten Zeitgenossen gingen diese Schlussfolgerungen jedoch eindeutig zu weit. Sie sahen darin entweder eine simple Fehlinterpretation oder gar einen offenen Widerspruch zur biblischen Schöpfungsgeschichte. Die Redaktion der Zeitschrift, in der Fuhlrotts Überlegungen 1859 publiziert wurden, distanzierte sich vorsichtshalber sogleich vom Inhalt des Beitrags. Dabei war die Idee, dass die Lebewesen auf der Erde verschiedene Entwicklungsstufen durchlaufen hätten, damals durchaus nicht völlig neu. Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe beispielsweise war auf kaum eines seiner literarischen Werke so stolz wie auf die Tatsache, dass er als naturwissenschaftlicher "Quereinsteiger" 1784 den Zwischenkieferknochen beim Menschen entdeckt hatte – ein Beweis für unsere Verwandtschaft mit den Wirbeltieren.

Trotzdem galt die Auffindung eines fossilen Menschen im Jahr 1856 für die meisten, die davon erfuhren, nicht etwa als wissenschaftlicher Glücksfall, sondern eher als Provokation für die "Krone der Schöpfung". Der einflussreiche Wissenschaftler und Politiker Rudolf Virchow versuchte Fuhlrotts Auffassung mit der Behauptung abzutun, Knochen und Schädeldecke aus dem Neandertal seien keineswegs uralt, sondern lediglich die sterblichen Reste eines missgebildeten Menschen. Das behinderte lange die Verbreitung besserer Einsichten. So starb Johann Carl Fuhlrott 1877, ohne dass seine Leistung zu Lebzeiten allgemeine Anerkennung gefunden hätte.

Einsteigen in die Zeitmaschine und ferne Dimensionen der Menschheitsgeschichte entdecken.
Einsteigen in die Zeitmaschine und ferne Dimensionen der Menschheitsgeschichte entdecken.
Doch nur scheinbar sind die alten Kontroversen ein für allemal ausgestanden. Dass die Neandertalerforschung heutzutage wieder "topaktuell" ist, wie es der Direktor des Neanderthal-Museums in Mettmann, Professor Gerd-Christian Weniger, ausdrückt, hat eine ganze Reihe von Gründen. Dazu zählen auch neue Angriffe auf die Evolutionstheorie, die den alten teilweise ähneln. Der "Kreationismus", der die Lehren Darwins zugunsten einer wortwörtlichen Bibelauslegung ablehnt, findet seit einiger Zeit vor allem in Amerika viele neue Anhänger. Es gab dort sogar Versuche, ihn im Unterricht einzelner Schulen zu etablieren und die Evolutionstheorie aus dem Unterricht zu verbannen. Nach Auffassung der Kreationisten hat sich der Mensch nicht über Jahrmillionen entwickelt, sondern wurde als einzigartiges Wesen von Anfang an so geschaffen, wie er ist. Für einen ebenbürtigen Konkurrenten aus der Eiszeit ist in dieser Weltsicht kein Platz.

Kronzeuge der Evolution

Neandertaler nutzten unter anderem Speere und Keilmesser als Werkzeuge.
Neandertaler nutzten unter anderem Speere und Keilmesser als Werkzeuge.
Die Idee des Kreationismus sorgt teilweise für Kooperationen zwischen religiösen Fundamentalisten sehr unterschiedlicher Herkunft, etwa bei dem Versuch, diese Lehre mithilfe westlicher Finanziers sogar im Nahen Osten zu etablieren. Auch Europa ist betroffen. So findet man in Polen Beispiele für das Bestreben, den Darwinismus als Pseudowissenschaft abzutun und im Schulunterricht stattdessen die Auffassung zu verankern, alle Lebewesen seien vor 6.000 Jahren zugleich erschaffen worden. In Deutschland sorgte es für heftige Irritationen, als Medien jüngst über die Behandlung kreationistischer Inhalte an zwei hessischen Schulen berichteten. Gerade vor diesem Hintergrund aber wird der Neandertaler, wie es Professor Weniger formuliert, "wie bei seiner Entdeckung erneut zum Kronzeugen der Evolutionstheorie".

Vielleicht ließen sich hartnäckige Zweifler eher überzeugen, wenn von den Neandertalern mehr als nur Knochen und Gebrauchsgegenstände übrig geblieben wären. Doch im Gegensatz zu einem anderen prominenten Steinzeitmann, dem 1991 im Gletschereis der Alpen entdeckten "Ötzi", gibt es von ihnen keine Mumien. Freilich hat "Herr Mettmann", der Neandertaler, auch einige Zehntausend Jahre mehr auf dem Buckel als Ötzi, der "Moderne", der um 3200 v. Chr. lebte und dessen Kupferbeil schon vom
Übergang in die Metallzeit kündet.

Mag aber die Materialbasis der Neandertalerforschung auch oft buchstäblich "knochentrocken" sein, ihre Schlussfolgerungen sind es keineswegs. Es gab ihn tatsächlich einmal, den anderen "Europäer", der uns so erstaunlich ähnlich war. Und so hat es seinen guten Grund, wenn auf der alten Gedenktafel in unmittelbarer Nähe der Fundstelle im Neandertal nicht etwa an die Entdeckung des "Neandertalers" erinnert wird – sondern an die des "Neandertal-Menschen".
Neues Glück an alter Stelle – Funde aus dem Neandertal 1997–2000

Die erstaunlichen Ausgrabungserfolge, mit denen die beiden Archäologen Ralf W. Schmitz und Jürgen Thissen erstmals 1997 Wellen schlugen, erinnern fast ein wenig an den legendären Heinrich Schliemann. So wie der fest an das Troja Homers glaubte und seinen Dichter bei der Suche danach möglichst wörtlich nahm, so hielten sich auch Schmitz und Thissen eng an ihren "Klassiker": die Berichte Johann Carl Fuhlrotts. Genau 100 preußische Fuß südlich der Düssel in einer kleinen Felsbucht hätten die Knochen des Neandertalers 1856 gelegen, so stand bei dem zu lesen. "Und dort haben wir gesucht", geben Schmitz und Thissen lapidar zu Protokoll.

Die beiden Archäologen präsentieren einen Schädel aus dem Neandertal bei Mettmann.
Die beiden Archäologen präsentieren einen Schädel aus dem Neandertal bei Mettmann.
Ein paar Schwierigkeiten gab es dann doch. Da die Felswände der Düsselklamm schon im 19. Jahrhundert weggesprengt wurden, war auch die 20 Meter über der Talsohle gelegene Feldhofer Grotte verschwunden, auf die sich Fuhlrott bezog. Stattdessen suchten Schmitz und Thissen mit ihrem Team den Boden da ab, wo sie den Höhlenaushub vermuteten, den die Steinbrucharbeiter 1856 ins Tal geworfen hatten. Das Unglaubliche geschah tatsächlich. Kurz vor dem Ende einer zehntägigen Grabungskampagne fand sich unter einer Schuttschicht das erste fossile Knochenstück. Zwanzig wurden es dann insgesamt, von denen eines genau an das Knie von Fuhlrotts Neandertaler passte. Im Jahr 2000 kamen weitere fünfzig Knochenfragmente hinzu. Diesmal ließ sich ein Jochbein an die 1856 geborgene Schädelkalotte anfügen: Die Sensation war endgültig perfekt. Die Grabungen förderten noch etwas anderes zutage, was in der Berichterstattung über "den" Neandertaler meist zu kurz kommt: Knochenteile, die nach Expertenmeinung vom Skelett einer Neandertalerin stammen. Auch die Steinzeitgesellschaft war eben keine reine Männergesellschaft. Wenn man hört, dass schließlich auch noch der Milchzahn eines Kindes auftauchte, ist man vielleicht geneigt, an eine Art "Familiengrab" zu denken. Das männliche Skelett weist nach Radiokarbondatierungen aber ein Alter von etwa 40.000 Jahren auf, das weibliche ist 4.000 Jahre älter. Und dieser Altersunterschied wäre auch für eine Partnerschaft in der Altsteinzeit entschieden zu groß gewesen.
Evolution eines Museums

Das Museum im Neandertal war bis Mitte der 1990er-Jahre eine vergleichsweise bescheidene Einrichtung, eher versehen mit dem Charme eines verträumten Heimathauses als repräsentativ für die hochmoderne Neandertalerforschung. In dem alten Gebäude befindet sich heute die "Steinzeitwerkstatt", die Kindern und Erwachsenen Einblicke in prähistorische Handwerkstechniken vermittelt. Das neue Neanderthal-Museum hingegen, das mit Unterstützung der NRW-Stiftung erbaut und im Jahr 1996 eröffnet wurde, deutet schon rein äußerlich den Aufbruch in eine neue Ära an. Der futuristisch wirkende Bau scheint den Besucher wie eine riesige Zeitmaschine in ferne Dimensionen der Menschheitsgeschichte entführen zu wollen. Im Innern führt eine ansteigende Rampe über mehrere Stockwerke an Ausgrabungsfunden, szenischen Installationen, Multimediastationen und Kunstobjekten vorbei, die alle ein Thema verbindet – die menschliche Evolution. Kopfhörerstationen bieten die Möglichkeit, gesprochene Erläuterungen und Dialogszenen zu hören.

Die Neugestaltung der Ausstellung 2006 zum "Jahr des Neandertalers" fand über mehrere Monate hinweg parallel zum laufenden Betrieb statt. Neben optischen Verbesserungen – etwa bei der Farbgestaltung – ging es vor allem um eine grundlegende Überarbeitung des Informationsangebots nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft. Daneben laden auch neue Installationen zum Schauen und Erleben ein. Wer immer schon einmal den Kopf in eine steinzeitliche Höhle stecken wollte, kann es nun tun. Wobei das "Hineinstecken" wörtlich zu nehmen ist: Ein riesiger roter Hohlkörper schwebt über dem Betrachter, der seinen Kopf durch eines der Löcher in der Bodenplatte schieben muss, um im Innern Projektionen von Höhlenmalereien auf sich wirken lassen zu können.

Das Museum in Mettmann besitzt das weltweit größte Ensemble rekonstruierter Neandertaler. Ergänzt durch neue Figuren erlauben sie es nicht nur Erwachsenen, sondern auch Kindern, sich ein konkretes Bild von dem zu machen, was die Knochenfunde aussagen. Gerade für die Jüngsten soll das Museum ein besonderes Erlebnis sein. Da kann es schon einmal vorkommen, dass eine aufgeregte Kinderschar am Boden kauert und sich – selbstverständlich unter Aufsicht und kundiger Anleitung – daran versucht, die Kunst des Feuermachens ganz ohne Feuerzeug und Streichholz zu studieren. Und siehe da: Wenn Feuerstein und Pyrit nur geschickt genug aneinandergeschlagen werden, dann "funkt" es tatsächlich auf eindrucksvolle Weise.

Mehr als 1,8 Millionen Menschen haben das Neanderthal-Museum bereits besucht. Als Schnittstelle zwischen Öffentlichkeit und Wissenschaft sorgt es aber nicht nur für Wissensvermittlung, sondern engagiert sich auch in der Forschung. So zum Beispiel bei dem 2004 bis 2006 von der EU geförderten Projekt "The Neandertal Tools" – kurz TNT. Erstmals wurden dabei wichtige Neandertalerfossilien und Werkzeugfunde als virtuelle 3-D-Modelle digitalisiert, die hochpräzise Auswertungen erlauben. So entstand eine interaktive Onlinedatenbank, auf die Wissenschaftler aus aller Welt im Internet zugreifen können.

Warum der Neandertaler nicht "Neumannstaler" heisst

Joachim Neander - nach dem evangelischen Theologen und Kirchenlieddichter wurde das Neandertal benannt.
Joachim Neander - nach dem evangelischen Theologen und Kirchenlieddichter wurde das Neandertal benannt.
Neandertaler – die Bezeichnung klingt wie ein Synonym für prähistorische Vergangenheit. Doch ohne dass es viele wissen, hat sie eigentlich den Namen eines evangelischen Theologen und Kirchenlieddichters aus dem 17. Jahrhundert weltberühmt gemacht. Joachim Neander wurde 1650 in Bremen geboren, wo er 1680 auch starb. Sein bekanntestes Werk ist das Lied "Lobe den Herrn, den mächtigen König der Ehren".

Eigentlich hieß er Joachim Neumann, aber einer Mode folgend gab die Familie ihrem Namen ein antikes Gewand, indem sie ihn ins Griechische übertrug. 1674 wurde Neander Rektor der reformierten Lateinschule in Düsseldorf. In dieser Zeit zog es ihn häufig in ein zehn Kilometer entferntes Tal an der Düssel, das damals noch eine enge Kalksteinschlucht bildete: das "Gesteins". Hier suchte er Inspiration, ähnlich wie es später viele Düsseldorfer Maler taten. Es war dieses Tal, das zu seinen Ehren den Namen "Neandertal" erhielt. Vom wild-romantischen "Gesteins" mit seinen Höhlen und Grotten ist heute leider so gut wie nichts mehr übrig. Es fiel komplett jenen Abbauarbeiten zum Opfer, bei denen man 1856 auch auf die Überreste des "Neandertalers" stieß – der ohne die klassische Bildung des 17. Jahrhunderts heute vielleicht schlicht "Neumannstaler" hieße.


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Das 1996 eröffnete Neanderthal-Museum in Mettmann wurde von der NRW-Stiftung erbaut, die auch Eigentümerin des Gebäudes ist. Mehrfach unterstützte die NRW-Stiftung in den vergangenen zehn Jahren das Museum, u.a. bei der Gestaltung des Neandertaler-Fundortes nahe dem Museum. Gemeinsam mit den RWE, ebenfalls Partner der ersten Stunde, finanzierte die NRW-Stiftung die Aktualisierung der Museumsausstellung, die Ende 2006 neu eröffnet werden konnte.

Buchtipps:
Auffermann, Bärbel/Orschiedt, Jörg: Die Neandertaler – Auf dem Weg zum modernen Menschen,
Theiss-Verlag, Stuttgart, ISBN: 3-8062-2016-6
Horn, Heinz G.: Neanderthaler & Co.: Führer zu archäologischen Denkmälern im Rheinland,
Zabern-Verlag, Stuttgart 2006, ISBN: 3-8053-3603-9
Königswald, Wighard von: Lebendige Eiszeit, Theiss-Verlag, Stuttgart 2002, ISBN 3-8062-1734-3

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40822 Mettmann
Telefon: 0 21 04 / 97 97-0
www.neanderthal.de

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