NATURWALDZELLEN IN NORDRHEIN-WESTFALEN

DER URWALD VON MORGEN

Abgestorbene Bäume bieten Lebensräume für zahlreiche Pilzarten.
Abgestorbene Bäume bieten Lebensräume für zahlreiche Pilzarten.
Urwälder in Nordrhein-Westfalen? "Nur eine Frage der Zeit!", sagen Waldökologen. Wälder ganz ohne Spuren menschlicher Einflussnahme gibt es bei uns derzeit zwar nicht, aber unsere Urenkel werden sie, wenn es gut läuft, an mindestens 74 Stellen wieder bestaunen können. Um dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen, wurden während der vergangenen 35 Jahre im ganzen Land sogenannte Naturwaldzellen ausgewiesen, repräsentative Waldbestände, in denen der Mensch nur beobachtet, aber nicht mehr eingreift.

Wissenschaftliche Neugier war das Motiv für die Einrichtung der Tabuflächen. Wo die Säge für immer schweigt und kein Waldarbeiter mehr Setzlinge pflanzt, lässt sich das natürliche Konkurrenzverhalten der Bäume ebenso studieren wie die unbeeinflusste Abfolge von Wachstum, Alterung, Zerfall und Verjüngung. Mit dem Laissez-faire gibt das Land NRW zugleich Vorbilder für den Biotop- und Artenschutz im Wald, denn besonders alte und abgestorbene Baumveteranen bieten Lebensräume für Totholz bewohnende Pilz- und Tierarten, die im Wirtschaftswald kaum zum Zuge kommen. Dabei haben sie in unseren mitteleuropäischen Waldökosystemen unbestritten altes Heimatrecht.

Alter und Tod gehören dazu

Der Ästige Stachelbart sieht einer Koralle ähnlich. Es ist ein Pilz, der sich auf Totholz schnell einfindet.
Der Ästige Stachelbart sieht einer Koralle ähnlich. Es ist ein Pilz, der sich auf Totholz schnell einfindet.
Nahezu alle nordrhein-westfälischen Wälder sind durch Holzproduktion und andere Nutzungen seit Jahrhunderten mehr oder weniger stark verändert worden. Vor einigen Jahren noch war Kahlschlagwirtschaft und flächiges Aufforsten mit schnellwüchsigen Arten die Regel. Heute gewinnt der "naturnahe Waldbau" an Boden, doch Jahrhunderte alte Baumriesen, stehendes oder liegendes Totholz großer Dimensionen sind immer noch Raritäten im deutschen Wald. Der Anblick alter, abgestorbener Bäume in einem gesunden Wald erscheint daher vielen Menschen als unnormal. Dabei gehören Alters- und Zerfallsphase genauso zum natürlichen Lebenslauf eines Waldes wie Verjüngung und Zuwachs. Wissenschaftler möchten deshalb gerne mehr über die natürlichen Entwicklungsprozesse unserer Wälder erfahren. Welche Baumarten sind unter den jeweiligen Boden- und Klimabedingungen am stärksten? Wie groß und wie alt werden sie? Dulden sie Konkurrenz? Wächst eine neue Generation synchron heran oder entsteht ein buntes Durcheinander unterschiedlicher Altersstufen? Wie reagiert der Wald auf außergewöhnliche Witterungsereignisse oder Schädlingsbefall? Oder wie wird eine vom Sturm gerissene Lücke wieder besiedelt, und was passiert mit den vielen Kubikmetern Holz nach dem Tod eines Baumes? Fragen gibt es mehr als genug.

Abwarten und zuschauen

Typisch für Naturwaldzellen ist auch der Ziegelrote Schwefelkopf.
Typisch für Naturwaldzellen ist auch der Ziegelrote Schwefelkopf.
Bei ihrer Beantwortung müssen sich die Naturwaldforscher in Geduld üben. Jeglicher Eingriff unterbleibt. Nur Zuschauen ist erlaubt. Das heißt jedoch nicht, dass in den Waldreservaten pausenlos observiert wird. Es reicht, den Ausgangszustand durch eine große Inventur festzuhalten und diese alle zehn Jahre zu wiederholen. Auf vorher eingemessenen Dauerquadraten werden sämtliche Pflanzen nach Arten und Mengen bestimmt. Alter und Größe der Einzelbäume werden ebenso dokumentiert wie die Anteile an Totholz, die sie hinterlassen. Der Vergleich solcher Momentaufnahmen liefert nach einiger Zeit Trends und dient dazu, Veränderungen vorherzusagen. Um den Einfluss des Wildes abschätzen zu können, sind in vielen Naturwaldzellen einzelne Teilflächen umzäunt. Der Vergleich zwischen innen und außen verrät oft selbst dem Laien, wo das Reh steht. Zurzeit gibt es in Nordrhein-Westfalen 74 Naturwaldzellen mit einer durchschnittlichen Größe von 21,3 Hektar. Die kleinste ist 1,4 Hektar, die größte 109,8 Hektar groß. Ihre Gesamtfläche beträgt 1.575 Hektar (15,75 Quadratkilometer). Das sind gerade einmal 0,17 Prozent – also weniger als ein Fünfhundertstel der nordrhein-westfälischen Waldfläche. "Im Vergleich mit den anderen Bundesländern sind unsere Flächen eher klein", stellt Uta Schulte, die Fachfrau für Naturwaldzellen bei der Landesanstalt für Ökologie, Bodenordnung und Forsten, fest. "Wir hoffen, dass wir manche Naturwaldzellen noch vergrößern oder arrondieren können." Zufrieden ist sie dagegen mit der "Repräsentanz": "Die einzelnen Wuchsgebiete mit ihren unterschiedlichen Höhenlagen, Boden- und Klimaverhältnissen sind mittlerweile sehr gut vertreten, praktisch alle nordrhein-westfälischen Waldtypen sind dabei, auch die seltenen."

Schätze wachsen im Verborgenen

Der Hirschkäfer findet in Naturwaldzellen reichlich Nahrung.
Der Hirschkäfer findet in Naturwaldzellen reichlich Nahrung.
Ein solcher Sonderstandort ist beispielsweise der Arsbecker Bruch, ein Erlensumpfwald dicht an der niederländischen Grenze bei Wegberg. Mit 50 Hektar gehört er zu den größeren Waldreservaten. Und er ist etwas Besonderes: "Wegen des sumpfigen Torfbodens sind manche Bereiche völlig unzugänglich" – ungestört können sich Schwarzerlen und Moorbirken entwickeln. Im träge fließenden Bach spiegeln sich die düsteren Erlenstämme, dichter Bewuchs von Wasserminze und Sumpfschwertlilie säumt die Ufer. Auf den höher liegenden Partien des Arsbecker Bruchs wachsen prächtige Stieleichen und Buchen, von denen die dicksten schon über 170 Jahre alt sind.

Forschen mit langem Atem

Auch die Hornissen sind ein Zeichen für das Natur belassene Waldökosystem.
Auch die Hornissen sind ein Zeichen für das Natur belassene Waldökosystem.
Uta Schulte kennt alle nordrhein-westfälischen Waldreservate aus eigener Anschauung, auch den Birken-Bestand im Brachter Wald, der das Zeug zum "trockenen Birken- Stieleichen-Wald" hat: "Da tut sich schon richtig was. Überall kommt jetzt die Eiche hoch – besonders innerhalb des Zauns." Die Wissenschaftlerin weiß jedoch, dass Änderungen nicht endgültig sein müssen. "Manchmal stellt sich so etwas als Fluktuation heraus, deshalb brauchen wir einen langen Atem." Die Ökologen, die heute die "Urwälder von morgen" untersuchen, werden die Beantwortung vieler Fragen nicht mehr selbst erleben, denn im Wald gehen die Uhren langsamer. "Ich kenne eine Naturwaldzelle, da ist in den vergangenen 30 Jahren genau eine Buche umgefallen, ansonsten sind die Bäume nur dicker geworden", berichtet Uta Schulte. Besonders da, wo bis vor kurzem noch Förster die Geschicke des Waldes steuerten, ist die Neugier auf das freie Spiel der Kräfte groß. Zum Beispiel am "Hermannsberg" bei Lage im östlichen Teutoburger Wald. Für die vorläufig letzte Naturwaldzelle wurden dort vor einem Jahr 80 Hektar ausgewählt. Der dortige "wärmeliebende Platterbsen-Buchenwald" besitzt einen hohen landschaftsästhetischen Reiz. Nur die übersandeten Böden am Hangfuß tragen noch höhere Anteile von Nadelbäumen. Forstamtsleiter Ulrich Lammert ist gespannt: "Ich wüsste zu gern, ob sich die Bestände aus Fichten und Buchen hier auf Dauer von selbst entmischen oder ob es auf eine Koexistenz hinausläuft. Die Kronen der Rotbuchen schatten ziemlich stark, normalerweise bekommen andere Gehölze dann Probleme, aber die Sandböden sind der Buche vielleicht zu arm ..."

Totholz steckt voller Leben

Liegendes Totholz ist feuchter als stehendes. Die Besiedlung durch Pilze und Moose verläuft dann besonders rasch.
Liegendes Totholz ist feuchter als stehendes. Die Besiedlung durch Pilze und Moose verläuft dann besonders rasch.
Die besondere Aufmerksamkeit der Forscher gilt den Uraltbäumen mit ihren Mulmhöhlen und Pilzkonsolen, stehenden oder liegenden Baumruinen, die im aufgeräumten Försterwald Mangelware sind. Schon die ersten Untersuchungen zeigten die wichtige Rolle der Pilze beim Totholz-Recycling. Mit ihrer besonderen Enzym- Ausstattung können sie die für fast alle Tiere unverdauliche Holzsubstanz Lignin und die Zellulose aufschließen – Zunderschwamm und Stachelporling sind also Schlüsselorganismen im wahrsten Sinne des Wortes, die als Türöffner für die überaus artenreiche Totholzfauna lebensnotwendig sind. Erscheint die Zahl der Moose, Flechten und Pilze schon beachtlich, so ist das Heer der höhlen- und totholzbewohnenden Tierarten kaum noch überschaubar. Dabei sind Grauspecht, Waldkauz und Bechsteinfledermaus nur die auffällige, aber winzige Spitze der Nahrungspyramide. Erst Lupe und das "Gewusst-wo" ermöglichen einem den Blick auf das Fußvolk aus Käfern, Hautflüglern, Pilzmücken, Milben und Asseln. Manche Pioniere schaffen mit ihren Bohrlöchern erste Eintrittspforten in die Stämme, andere nutzen solche Gänge und Höhlen als Brutkammern, wieder andere ernähren sich von den Hinterlassenschaften der Erstbesiedler oder weiden die Pilzmyzelien von den Wänden der Gangsysteme. Nicht zu vergessen die räuberischen Arten und Parasiten, die zwischen den Abfallverwertern wie Maden im Speck leben. Aufstieg und Niedergang der Xylobionten – so heißen die Totholzbewohner unter Fachleuten – folgen einem ungeschriebenen Fahrplan und wiederholen sich in jedem Stamm. Besonders die enge ökologische Bindung mancher Käfer an großvolumiges Totholz macht sie zu echten "Urwaldzeigern". Viele von ihnen nehmen allerdings in den Roten Listen der gefährdeten Arten traurige Toppositionen ein, denn auf die gesamte Waldfläche bezogen sind ihre Bestände klein und isoliert. Denn die Requisiten, die sie benötigen, sind in den normalen Forsten einfach zu selten. Das wird sich nur dann zum Besseren wenden, wenn in unseren Wäldern mehr Totholzinseln und höhlenreiche Uraltbäume geduldet werden.

Alte Bäume braucht das Land

Die Naturwalszelle Arsbecker Bruch in Wegberg gehört der NRW-Stiftung.
Die Naturwalszelle Arsbecker Bruch in Wegberg gehört der NRW-Stiftung.
Anders als manche Vorhaben, die kaum die nächste Legislaturperiode erleben, ist das Naturwaldzellen-Programm langfristig angelegt. Es startete im "Europäischen Naturschutzjahr" 1970. Die Idee war allerdings älter. Schon um 1900 lenkte der schwäbische Geograf und Altmeister der Vegetationskunde Robert Gradmann die Aufmerksamkeit auf "... ein Gelände, das es wert wäre, zur Erhaltung oder Wiederherstellung des Urzustandes der Nutzung entzogen und in besonderen Schutz genommen zu werden". Die Forschung kam später ins Spiel: Waldreservate als Vergleichsobjekte der Vegetationskunde einzurichten, diesen Vorschlag machte 1934 der Bonner Forstwissenschaftler Herbert Hesmer. Erst 41 Jahre später wurden in Nordrhein-Westfalen die ersten zwölf Naturwaldzellen ausgewiesen, bis 1980 waren es 50, seitdem kam im Schnitt eine weitere pro Jahr dazu. Auch wenn die ältesten Waldreservate in NRW also gerade einmal ihren 35. Geburtstag begehen, sind ihre Bäume doch meist deutlich älter: 150-jährige Buchen und 200- jährige Eichen sind in vielen Flächen eher Regel als Ausnahme. In der Naturwaldzelle Littard bei Rheurdt am Niederrhein besaßen die ältesten Eichen sogar schon 55 Jahresringe, als 1813 die besiegten napoleonischen Truppen nach Frankreich zurückmarschierten – sie sind also rund 250 Jahre alt. Das mag sich zwar nach einer halben Ewigkeit anhören, vergleicht man diesen Zeitraum aber mit der natürlichen Lebenserwartung, dann hat beispielsweise eine 200-jährige Eiche das biologische Alter eines etwa 35- jährigen Menschen. In Naturwaldzellen haben Eichen die Chance, 500 Jahre oder älter zu werden.

Mehr Urwald für morgen

Wenn man zu den Naturwaldzellen noch den neuen Buchenwaldnationalpark Eifel hinzurechnet, sind in NRW etwas über 1,26 Prozent der Waldfläche aus der forstlichen Nutzung genommen. Das ist vielen Naturschützern zu wenig. Ihre Forderungen gehen dahin, ein Zehntel der Waldfläche der Natur zu überlassen, zum Beispiel könnte man im Staatswald überall dort, wo die Forstwirtschaft nicht mehr lohnt, sie ganz einstellen. So könnten in Wäldern, die allen Bürgern von NRW gehören, neue Urwälder von morgen entstehen
Käfersuche mit Endoskop

Der Eremit oder Juchtenkäfer (Osmoderma eremita) gehört zu den seltensten Käfern Nordrhein-Westfalens.
Der Eremit oder Juchtenkäfer (Osmoderma eremita) gehört zu den seltensten Käfern Nordrhein-Westfalens.
Er riecht nach Schuhleder, macht aber nur kurze Ausflüge und lebt zurückgezogen. Den Eremit oder Juchtenkäfer (Osmoderma eremita) gibt es nur dort, wo alte und tote Baumriesen Tradition haben. Da solche Lebensräume heute fast fehlen, gehört das 30 Millimeter lange Urwaldrelikt zu den seltensten Käfern in NRW. Dr. Martin Sorg, Insektenkundler aus Krefeld, entdeckte kürzlich ein unbekanntes Vorkommen. Mit Endoskop und Fingerkamera konnte er die "Klause" des Eremiten und weitere potenzielle Wohnbäume auskundschaften, ohne sie zu beschädigen. Die NRW-Stiftung hatte den Entomologischen Verein Krefeld schon vor mehreren Jahren bei der Anschaffung dieser optischen Geräte unterstützt. Die Informationen werden jetzt genutzt, damit der Lebensraum des Eremiten und anderer Totholzbewohner wirkungsvoll geschützt werden kann.
Wussten Sie schon ...

  • dass Stieleichen auf guten Böden über 40 Meter hoch werden können? Solche Riesen sind oft 250 Jahre alt. Das Dickenwachstum kann sich aber noch mehrere hundert Jahre fortsetzen. Sobald die Stämme aber von innen her hohl werden, wird eine sichere Datierung anhand der Jahresringe schwierig. Auch wenn manche Fremdenverkehrsorte mit "1.000-jährigen Eichen" werben, sind als Höchstalter bisher nur knapp 600 Jahre verbürgt.
  • Naturwaldzellen sollten nicht betreten werden - zum Schutz der Tiere und wegen des Unfallrisikos für den Menschen.
    Naturwaldzellen sollten nicht betreten werden - zum Schutz der Tiere und wegen des Unfallrisikos für den Menschen.
  • dass Rotbuchen 300 Jahre alt, 2 Meter dick und 40 Meter hoch werden können?
    Ähnliche imposante Exemplare gibt es bei Esche, Bergulme, Bergahorn und den Lindenarten.
  • dass Rotbuchen im Wirtschaftswald durchschnittlich nach spätestens 140 Jahren gefällt werden, Stiel- und Traubeneichen nach etwa 180 Jahren?
  • dass ein Hektar Wirtschaftswald durchschnittlich 3 bis 5 Kubikmeter Totholz enthält, ein gleich großer Naturwald aber 50 bis über 200 Kubikmeter?
  • dass in einem Buchenwald mit natürlichem Totholzanteil allein zwischen 40 und 80 verschiedene holzbesiedelnde Pilze vorkommen? Im Durchschnitt leben in den nordrhein-westfälischen Naturwaldzellen jeweils ca. 50 Arten von Holzpilzen.
  • dass von den etwa 4.800 Käferarten, die in Nordrhein-Westfalen nachgewiesen sind, fast 1.000 an Totholz gebunden sind? Allgemein gilt im Wald, dass jede fünfte Organismenart direkt oder indirekt auf Totholz angewiesen ist.


Kommentare

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Die Nordrhein-Westfalen-Stiftung kaufte in den vergangenen Jahren an drei Orten Grundstücke, die heute als Naturwaldzellen ausgewiesen sind: Diese Stiftungsflächen liegen im Arsbecker Bruch in Lage im Kreis Heinsberg, auf dem Hermannsberg in Lage im Kreis Lippe und in der Nähe des ehemaligen Munitionsdepots im Brachter Grenzwald in Brüggen-Bracht (Kreis Viersen). Insgesamt gibt es in NRW heute 75 Naturwaldzellen.
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