TEXTILSTADT WÜLFING IN DAHLERAU

IM TAL DER TUCHE

In der Wupperortschaft Dahlrau entstand im 19. Jahrhundert eine eigene Stadt um die von Johann Wülfing gegründete Tuchfabrik.
In der Wupperortschaft Dahlrau entstand im 19. Jahrhundert eine eigene Stadt um die von Johann Wülfing gegründete Tuchfabrik.
Dahlerau an der Wupper um 1900: Der Lärm in der Weberei ist ohrenbetäubend. Für die Arbeiter, die hier Tag für Tag an den mechanischen Webstühlen stehen, sind Gehörschäden fast unausweichlich. Angetrieben wird die rasende und ratternde Maschinerie über Wellen und Riemen von einer 400-PS-Dampfmaschine, für deren Druck die Heizer im Kesselhaus sorgen. Harte Arbeit für weiches Tuch: Bei der Firma Wülfing wird sie schon seit 1816 geleistet. Das Unternehmen ist eine der größten Textilfabriken Deutschlands und zugleich eine Welt für sich, mit Arbeiterwohnungen, Läden, Post und eigenem Bahnhof. 1996 endete die Tuchproduktion in Radevormwald-Dahlerau, aber Besucher finden auch heute noch in der "Textilstadt Wülfing" viel Stoff – zum Schauen und Staunen.

Die Dampfmaschine ist das Herzstück der ehemaligen Tuchfabrik. Sie ist 1891 von der Augsburger Maschinenfabrik geliefert worden.
Die Dampfmaschine ist das Herzstück der ehemaligen Tuchfabrik. Sie ist 1891 von der Augsburger Maschinenfabrik geliefert worden.
Wozu braucht eine Tuchfabrik eine Buchbinderei? Wolfgang Masanek weiß es: Der Textilingenieur hat mehr als 30 Jahre in Dahlerau gearbeitet – unter anderem in der sogenannten Dessinatur. Dort entwarfen zweimal jährlich Textildesigner (Dessinateure) die ungeheure Anzahl von 1.000 neuen Gewebemustern für die Frühjahrs-
und Herbstkollektionen – fein säuberlich dokumentiert in vielen dickleibigen Musterbüchern voller Stoffproben, die in
der werkseigenen Buchbinderei gebunden wurden. Hilfswerkstätten wie die letztere sind bezeichnend für den industriellen Mikrokosmos, den die Fabrik in Dahlerau bildete und zu dem auch Schreiner, Schlosser, Schmiede und Klempner gehörten.

Die Fäden der Geschichte

In der Musterweberei sind eine Zwirnmaschine, Handschärrahmen, Spulmaschine und andere Textilmaschinen zu sehen.
In der Musterweberei sind eine Zwirnmaschine, Handschärrahmen, Spulmaschine und andere Textilmaschinen zu sehen.
Nicht nur die Betriebsstätten, auch das Wohnen und Arbeiten bildeten in Dahlerau eine räumliche Einheit. Anders als ihren Produkten, die in alle Welt exportiert wurden, blieben den Wülfing-Beschäftigten weite Wege zumeist erspart. Nach und nach bildete sich um das Werk ein komplettes Lebensumfeld. Schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts gab es in der Fabriksiedlung nicht nur einen Arzt, einen Kindergarten, ein Konsumgeschäft und eine Post, sondern darüber hinaus auch eine Schlachterei und eine zentrale Badeanstalt mit Duschen und Wannen. Ein überdurchschnittliches Maß an sozialer Verantwortung ließ die Firmenleitung auch beim vergleichsweise großzügig bemessenen Wohnraum für die Arbeiterfamilien erkennen. Wenn man die Einwohner Dahleraus früher manchmal sogar die "Leute aus den Herrenhäusern" nannte, so ist das zwar nicht wörtlich zu nehmen, es drückt aber doch die Unterschiede zur oft qualvollen Enge anderer Arbeiterwohnungen des 19. Jahrhunderts aus. Das älteste erhaltene Bauwerk in der Textilstadt ist das 1836 errichtete und später erweiterte Hauptgebäude, in dem sich heute das Wülfing-Museum befindet. Letzteres ist noch im Aufbau, doch spannender könnte auch kein "fertiges" Museum sein. Eine abenteuerliche Welt aus riesigen Sälen, nostalgischen Winkeln und imposanten Maschinen erwartet den Besucher.

Im Museum Textilfabrik Wülfing erwarten den Besucher  imposante Maschinen und versteckte Schätze.
Im Museum Textilfabrik Wülfing erwarten den Besucher imposante Maschinen und versteckte Schätze.
Dazwischen bilden Faser- und Stoffproben, Spezialgeräte, Arbeitstische, Musterbücher, Fotos und Dokumente eine ebenso bunte wie lehrreiche Szenerie. Keinesfalls versäumen sollten Besucher einen Blick nach draußen, auf den von historischer Industriearchitektur gesäumten Wuppergraben, der mitten durchs Firmengelände führt. Wer sich ausruhen will, kann seinen Kaffee im ehemaligen Websaal nehmen, während Souvenirjäger eher im "Dom", der einstigen Elektrozentrale mit hoher Decke und großem Bogenfenster, auf ihre Kosten kommen werden – hier befindet sich der Museumsshop.

Dem 1997 gegründeten Museumsverein, zu dessen Mitgliedern viele ehemalige Wülfing-Mitarbeiter wie Wolfgang Masanek gehören, ist es maßgeblich zu verdanken, dass das historische Juwel an der Wupper
für die Öffentlichkeit gerettet wurde. Kaum zu ermessen ist das ehrenamtliche Engagement, das hier beim Sanieren, Ordnen und Dokumentieren von fast 200 Jahren Industriegeschichte geleistet wurde und wird. Spätestens im repräsentativen Dampfmaschinensaal, dem Herzstück und der Kraftzentrale der Fabrik, dürften auch hartgesottene Museumsmuffel ins Schwärmen geraten: Die zweizylindrige Anlage ist die größte Dampfmaschine des Bergischen Landes, ein Kraftprotz mit Maximalleistungen von über 400 PS. Das metallene Schmuckstück von 1891 bietet blank geputzt auch ein ästhetisches Erlebnis, dem sich wohl niemand entziehen kann.

Neues Leben für eine Alte Fabrik

Die Vorsitzende des Johann Wülfing & Sohn Museums e.V., Rosemarie Kötter (Mitte), ist gern dabei, wenn Besucher durch die ehemalige Fabrik geführt werden.<br />
Die Vorsitzende des Johann Wülfing & Sohn Museums e.V., Rosemarie Kötter (Mitte), ist gern dabei, wenn Besucher durch die ehemalige Fabrik geführt werden.
Es war die Wasserkraft der Wupper, die die schon 1674 in Lennep gegründete Firma Johann Wülfing & Sohn 1816 in die "Dahleraue" lockte. Damals gab es hier wenig mehr als ein stillliegendes Hammerwerk, das die Frma ankaufte. Mitte des 19. Jahrhunderts ber arbeiteten bereits 450 Menschen in ahlerau, die Zahl stieg später auf rund 1.000 an. In den 20er-Jahren waren es 120 Webstühle, an denen das weltweit bekannte "Wülfingtuch" produziert wurde. Auch in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg ging die Erfolgsgeschichte weiter. Bis zu 3,6 Millionen Meter Tuch verließen die Fabrik pro Jahr. Doch die Krise der deutschen Textilindustrie machte zuletzt auch vor dem schmiedeeisernen Werkstor am Wuppergraben nicht Halt. 1996 musste der Betrieb wegen zu hoher Produktionskosten schließen, der größte Teil des Maschinenbestands wurde nach China verkauft. Zurück blieb ein in Deutschland einzigartiges Gebäudeensemble. Als Zeuge der vielfältigen Industriegeschichte des Bergischen Landes ist es auch ein Glanzlicht der "Regionale 2006", mit der das Städtedreieck Remscheid/Solingen/Wuppertal sich als Lebens-, Wirtschafts- und Kulturregion präsentiert. Gerade dies sollte aber daran erinnern: In Dahlerau gibt es ein Museum, aber der Ort ist kein Museum. Die Gebäude aus Bruchstein und Ziegeln, die Hallen mit den typischen sägezahnartigen Sheddächern, die Schornsteine und Werkstätten, die stählerne Brücke – all dies war nicht nur bis 1996 buchstäblich noch "in Betrieb". Längst haben sich hier von der Motorradwerkstatt bis zum technischen Dienstleister zahlreiche neue Gewerbe angesiedelt. Und natürlich sind auch die eindrucksvollen alten Häuser nach wie vor bewohnt.

Die Welt der Tuche ist alles andere als "trockener Stoff", die Textilstadt Wülfing beweist es. Viel gäbe es noch zu erzählen – über Turbinen, Generatoren und die Frühzeit der Elektrifizierung, über die werkseigene Schwebebahn und natürlich über die Menschen, die hier lebten und leben. Viel besser aber ist es, sich sein eigenes Bild zu machen. Dafür, dass dem Besucher nicht ausgerechnet in einer Textilfabrik der rote Faden verloren geht, sorgen die freundlichen Museumsmitarbeiter mit kompetenten Führungen und unterhaltsamen Schilderungen aus der Praxis.


Kommentare

Sie haben dieses Projekt der NRW-Stiftung bereits besucht? Dann schreiben Sie uns, wie es Ihnen gefallen hat. Kommentar verfassen

12.08.2013, Günter Lehn

Nach langen Jahren mal wieder dort gewesen und begeistert von den Neuerungen und dem Ausbeu des Museum. Schön, dass das der Nachwelt erhalten bleibt. Als Technikfan war die Dampfmaschine mit dem Generator natürlich mein Highligth...
Einige Schilder mehr für einen \"Rundgang\" wären Wünschenswert.
Hervorzuheben sind die sehr freundlichen Mitarbeiter, und die bergische Waffel mit Kirschen war sehr lecker.
Weiter so.....

Bild: Gut geschmiert....



Druckversion  [Druckversion]
Für Mitglieder des Fördervereins ist der Eintritt ermäßigt.

Bei vielen Projekten erhalten die Mitglieder des Fördervereins vergünstigten Eintritt. [mehr]
Wülfing Museum

PDF (5,6 MB)
Auf Anregung des "Fördervereins Industriemuseum" unterstützt die Nordrhein-Westfalen-Stiftung die Einrichtung der ehemaligen Textilfabrik Wülfing in Radevormwald als Museum.

Googlemap aufrufenWülfing-Museum
Am Graben 4-6
Radevormwald-Dahlerau (Oberbergischer Kreis)
Telefon: 0 21 91 / 66 69 94
www.wuelfing-museum.de

Bookmark and Share