TRAGALTÄRE IM DIÖZESANMUSEUM

EIN KÜNSTLERISCHES LICHT IN FINSTERER ZEIT

Gut 900 Jahre ist der Tragaltar alt, den Rogerus von Helmarshausen für den Paderborner Dom schuf.
Gut 900 Jahre ist der Tragaltar alt, den Rogerus von Helmarshausen für den Paderborner Dom schuf.
Als finstere Epoche wird das Mittelalter nicht umsonst bezeichnet. Brutale Machtkämpfe zwischen Kaiser und Kirche bestimmten in Europa das Leben im 11. Jahrhundert. Ohne Skrupel intrigierten und mordeten beide Parteien im so genannten Investiturstreit um das Recht, Bischöfe einsetzen zu dürfen. Schon immer waren aber gerade die düstersten Zeiten auch Hochzeiten des künstlerischen und geistigen Schaffens. Auch im ausgehenden 11. Jahrhundert flackert mit dem Benediktinermönch Rogerus von Helmarshausen ein solches Licht in der Dunkelheit. Mit seinen Tragaltären schuf Rogerus zwei prachtvolle Kunstwerke, die ihresgleichen suchen und im Sommer 2006 Kernstücke einer großen Ausstellung in Paderborn sind.

Prachtvoll ist die Stirnseite des Dom-Tragaltars, die den Heiligen Kilian, Christus und den Heiligen Liborius zeigt.
Prachtvoll ist die Stirnseite des Dom-Tragaltars, die den Heiligen Kilian, Christus und den Heiligen Liborius zeigt.
Im harten Winter des Jahres 1077 hatte Heinrich IV. den sprichwörtlich gewordenen Gang nach Canossa angetreten. "Bald krochen sie auf Händen und Füßen vorwärts", berichtete Lampert von Hersfeld von der Überquerung der Alpen, die den Kaiser vor die Fluchtburg Papst Gregors VII. führte. Auf Knien flehte er dort seinen Widersacher um die Aufhebung des Kirchenbannes an, um seinen Thron zu retten. "Canossa 1077 – Erschütterung der Welt" ist denn auch der Titel der Ausstellung, die unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Horst Köhler steht und sich über drei Museen erstreckt.

Rogerus von Helmarshausen gilt mit Rainer von Huy als erste namentlich bekannte Künstlerpersönlichkeit des Mittelalters. Die von ihm gefertigten Altäre, die zur Sammlung des Diözesanmuseums Paderborn gehören, sind im Rahmen der Ausstellung nicht nur als Kunstwerke, sondern auch wegen ihrer politischen Bedeutung interessant. Den Paderborner Dom-Tragaltar, das einzige Werk, das Rogerus sicher zugeschrieben werden kann, hatte Bischof Heinrich II. von Werl gestiftet, um zu zeigen, wie viel Gutes die dem Kaiser – statt dem Papst – treuen Bischöfe vollbringen. So hat sich der Stifter auf dem mit Silberblech, Kupfer und Goldfiligran beschlagenen und mit Halbedelsteinen besetzten Eichenholz-Altar denn auch selbst verewigen lassen.

In vergoldetem Kupfer sind die filigranen Darstellungen auf dem Abdinghofer Tragaltar gearbeitet.
In vergoldetem Kupfer sind die filigranen Darstellungen auf dem Abdinghofer Tragaltar gearbeitet.
Politisch unverfänglicher aber dafür um so prachtvoller ist der Tragaltar des Benediktinerklosters Abdinghoff geraten. In vergoldetem Kupfer sind hier meisterhaft gearbeitete Szenen aus dem Leben und Martyrium der Heiligen Felix und Blasius dargestellt. Obwohl sie nur die Größe eines Schuhkartons haben, zählten die Tragaltäre im Mittelalter als vollwertige Altäre, nicht zuletzt, weil in ihrem Inneren oft Reliquien von Heiligen aufbewahrt waren.

Die Restauration der Altäre im Zuge der Ausstellungsvorbereitungen war dringend nötig, denn im Zweiten Weltkrieg wurden beide Stücke beschädigt. Aufwändig wurden die Altäre mit Unterstützung der NRW-Stiftung zunächst untersucht und anschließend wiederhergestellt. Umfangreiche Forschungen zu Leben und Werk des Rogerus von Helmarshausen wurden ebenfalls angestellt, darunter eine Neubearbeitung der Rogerus zugeschriebenen Schrift "schedula diversarum artium", dem ersten großen Kompendium künstlerischer Techniken im Mittelalter. Gemeinsam mit diesen Erkenntnissen bilden die in neuem Glanz erstrahlenden Tragaltäre einen der Fixpunkte der Canossa-Ausstellung, in der es vor mit Gold und Edelsteinen besetzten Exponaten nur so strahlt und funkelt, dass vom finsteren Mittelalter fast keine Rede mehr sein kann.


Kommentare

Sie haben dieses Projekt der NRW-Stiftung bereits besucht? Dann schreiben Sie uns, wie es Ihnen gefallen hat. Kommentar verfassen



Druckversion  [Druckversion]
Im Rahmen der Paderborner Ausstellung "Canossa 1077" wurden die beiden Tragaltäre des Rogerus von Helmarshausen, zwei der Kernstücke der Schau, restauriert und eingehend untersucht. Die Arbeiten wurden mit Mitteln der NRW-Stiftung finanziert.

Diözesanmuseum Paderborn
Markt 17
33098 Paderborn

Weitere Informationen unter www.canossa2006.de und www.erzbistum-paderborn.de/museum/

Bookmark and Share