AUSSTELLUNG "WIR RHEINLÄNDER"/KOMMERN

200 JAHRE RHEINISCHE GESCHICHTE

Der Kaberettist Jürgen Becker stand Pate für die Figur des mürrischen Soldaten.
Der Kaberettist Jürgen Becker stand Pate für die Figur des mürrischen Soldaten.
Muss man, um einen Rheinländer zu sehen, wirklich ins Museum gehen? Ja, wenn es zugleich ein Spaziergang durch die Geschichte sein soll, wie man ihn neuerdings im Freilichtmuseum Kommern machen kann. Hier gibt es seit kurzem eine komplette Ortschaft, in der der Zeitenwandel ganz einfach zum Straßenbild gehört. Wie Rheinländer früher lebten, lachten und litten, wie sie feierten und arbeiteten, das kann man dort Aug in Aug mit ihnen selbst erleben. Sogar den Kaiser aus dem fernen Berlin hat es in das rheinische Treiben gelockt – er ist eine von 240 lebensgroßen Figuren, die in Kommern Geschichte im menschlichen Maßstab präsentieren.


Handwerker und Honoratioren, Revolutionäre und Regierungspräsidenten, Militärs und Menschen aus dem "Milieu" – in Kommern erlebt man sie und andere inmitten ihres historischen Umfeldes. Mit der aufwändigen, in Wachs gegossenen Inszenierung von Geschichte geht das Museum nicht nur auf einen häufig geäußerten Publikumswunsch ein, es knüpft auch an den großen Erfolg der Ausstellung "Schöne Neue Welt – Rheinländer erobern Amerika" an. Doch wer sind eigentlich diese "Rheinländer", die schon einmal so viele Besucher ins Museum gelockt haben? In Kommern kann man in speziellen Inforäumen und an Computerstationen die Hintergründe der rheinischen Geschichte genauer kennenlernen und besser verstehen.

Auf der Suche nach dem Rheinland

Verblüffend echt wirken die Wachsfiguren der Ausstellung - wohl auch deshalb weil viele bekannte Gesichter für die Figuren Modell standen.
Verblüffend echt wirken die Wachsfiguren der Ausstellung - wohl auch deshalb weil viele bekannte Gesichter für die Figuren Modell standen.
Den Rhein gibt es schon seit Jahrtausenden – aber seit wann gibt es eigentlich das Rheinland? Und vor allem: Seit wann gibt es Rheinländer? Hielten sich die Kölner schon im Mittelalter für "rheinische" Frohnaturen? Empfanden Aachener, Bonner und Jülicher damals rheinländische Gemeinsamkeiten? Und wie stark empfinden sie sie heute? Im westfälischen Teil von NRW darf man über solche Fragen ruhig ein wenig lächeln, denn ein Westfalen-Bewusstsein gab es tatsächlich schon im Mittelalter. Der Kartäusermönch Werner Rolevinck schrieb 1474 sogar ein ganzes Buch "zum Lobe Westfalens". Er tat es mit Wehmut, weil er in einem Kloster fern seiner westfälischen Heimat lebte – im Rheinland, pardon: in Köln. Der Begriff Rheinland hat so seine Tücken. Im Mittelalter gab es zwar einen "rheinischen Städtebund", dem traten allerdings auch Städte wie Zürich, Regensburg und Lübeck bei – das ist nicht gerade eine geeignete Grundlage zur Erforschung rheinischer Mentalitäten.

Schlägt man im Brockhaus das Stichwort "Westfalen" auf, so erfährt man etwas über einen altsächsischen Volksstamm, unter dem Stichwort "Rheinländer" hingegen, dass es sich dabei um einen Gesellschaftstanz im 2/4-Takt handelt.

Soldaten, Revolurionäre und einfache Handwerker- sie alle leben in der "Rheinland-Ortschaft" zusammen.
Soldaten, Revolurionäre und einfache Handwerker- sie alle leben in der "Rheinland-Ortschaft" zusammen.
Vielleicht ist das Thema so schwierig, weil der Rhein nicht nur eine lange Geschichte hat, sondern auch selbst so lang ist – immerhin 1.320 Kilometer. Sicherlich, er entspringt in der Schweiz, aber wer würde rheinische Gemütslagen deshalb zwischen Alphörnern und Kuhglocken verorten? Nein, das Rheinland sucht man irgendwo zwischen "Rheinland- Pfalz" und "Nordrhein-Westfalen". Nur – warum ausgerechnet da? Die Antwort findet man in Kommern gewissermaßen im Vorübergehen. Auf 1.300 Quadratmetern durchschreitet man hier rund zwei Jahr- hunderte Geschichte, beginnend mit der französischen Besetzung der linksrheinischen Gebiete im Jahr 1794 und endend mit der Wirtschaftswunderzeit um 1960. Der Weg durchläuft neun historische Kapitel, vorbei an 50 Häusern und 240 wächsernen Persönlichkeiten. Er beginnt als schlichte Gasse und endet als moderne Asphaltstraße. Dazwischen liegen preußische Herrschaft, Revolution, Industrialisierung, Weltkriege und Diktatur, Nachkriegszeit und Aufbruch in bundesrepublikanischen Wohlstand.

Das Rheinland als Provinz

In der eher unscheinbar wirkenden Halle erwartet den Besucher ein beeindruckender Spaziergang durch die rheinische Geschichte.
In der eher unscheinbar wirkenden Halle erwartet den Besucher ein beeindruckender Spaziergang durch die rheinische Geschichte.
Es sind bewegte Zeiten, die man in Kommern vor Augen geführt bekommt, aber es hat auch Gründe, dass sie nur zwei Jahrhunderte umfassen: Zwar siedelten die Römer schon vor zweitausend Jahren am "Rhenus", der Begriff "Rheinland" aber erhielt einen enger umrissenen Sinn erst nach 1800. Zunächst die Franzosen, dann aber sorgten vor allem die Preußen für neue Weichenstellungen in einer zuvor territorial stark zersplitterten Gegend. Denn es war die preußische Rheinprovinz, die zur wichtigsten Grundlage des Begriffs "Rheinland" werden sollte. 1830 nahm sie endgültige Gestalt an und umfasste seitdem die Regierungsbezirke Koblenz, Trier, Köln, Aachen und Düsseldorf. Anders als in Westfalen war es also im Rheinland kein alter Volksstamm, der einer Landschaft seinen Namen aufprägte. Ein eher nüchterner Verwaltungsakt begann diejenigen zu "Rheinländern" zu machen, die zuvor ein solches Gemeinschaftsbewusstsein noch kaum gehabt und sich eher als Angehörige einzelner Städte und Territorien gefühlt hatten. Die Auseinandersetzung mit der preußischen Herrschaft, mit der man anfangs fremdelte, trug dabei auch ihrerseits zur rheinischen Selbstbesinnung bei. Sie bildet etwa eine der Grundlagen für den rheinischen Karneval, auch wenn das keineswegs mit scharfer Opposition verwechselt werden darf.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich die rheinische Gemeinsamkeit in den Köpfen der Menschen nicht gefestigt, sondern eher wieder verflüchtigt, wie Museumsleiter Dieter Pesch feststellt.

Ein Hauptgrund war die Teilung der alten Rheinprovinz, die sich in den Bundesländern "Rheinland-Pfalz" und "Nordrhein-Westfalen" spiegelt. In Kommern will man nun durch die neue Dauerausstellung wieder einen Impuls zur rheinischen Identitätsbildung geben – im Bewusstsein allerdings, dass letztere angesichts vielfältiger äußerer Einflüsse nicht zuletzt europäisch geprägt ist und dass es "den" Rheinländer schlechterdings nicht gibt. "Rheinisch ist, was sich dafür hält", dieses Fazit einer Podiumsdiskussion im Museum ist wohl selbst typisch rheinisch. Doch um zu wissen, was man von sich halten soll, muss man die eigene Geschichte kennen.

Die historische Kulisse besticht durch liebevollen Charme und detailgenaue Gestaltung.
Die historische Kulisse besticht durch liebevollen Charme und detailgenaue Gestaltung.
Museumsreif fühle sie sich eigentlich nicht, sagt die Schauspielerin Lotti Krekel. Im Museum befindet sie sich mittlerweile dennoch, und das nicht nur freiwillig, sondern auch in guter Gesellschaft. Vielen der 240 ausgestellten Wachsfiguren haben prominente Rheinländer ihr Gesicht geliehen. Ob Regierungspräsident Jürgen Roters, Schauspielerin Tina Ruland, Sportreporter Dieter Kürten oder die Kabarettisten Jürgen Becker und Konrad Beikircher – sie und viele andere hat der Restaurator Peter Weiß in Wachs modelliert. Und so wird mancher Museumsbesucher überrascht feststellen, dass ihm die Geschichte bisweilen bekannter vorkommt, als er selbst zu ahnen glaubte. Wie es sich für eine historische Ausstellung gehört, findet man natürlich auch Figuren nach geschichtlichen Vorbildern, Karl Marx etwa oder Adolf Kolping. Sogar die Häuser der Museumsstadt haben echte Vorbilder. Leider existieren sie in der Realität nicht mehr alle, denn insbesondere im Zweiten Weltkrieg wurde vieles von dem zerstört, was man in Kommern nun rekonstruiert hat.


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Die Nordrhein-Westfalen-Stiftung unterstützte die Einrichtung der Dauerausstellung "Wir Rheinländer" im Rheinischen Freilichtmuseum Kommern. Rund 250 Figuren zeigen an 50 nachgebauten Orten die wichtigsten Stationen aus 200 Jahren rheinischer Geschichte (siehe auch "Treffpunkt").

Googlemap aufrufenDie Ausstellung "WirRheinländer" befindet sich im LVR-Freilichtmuseum Kommern,
Auf dem Kahlenbusch,
53894 Mechernich-Kommern,
Telefon (0 24 43) 99 80 0.

Weitere Informationen unter: www.kommern.lvr.de

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