AUF DEN SPUREN DER RINGELNATTER

SCHUPPIG, SCHEU UND SCHUTZBEDÜRFTIG

Wenn sich die Schlange tot stellt, lässt sie sich geduldig handhaben.
Wenn sich die Schlange tot stellt, lässt sie sich geduldig handhaben.
Wie die Ringelnatter zu ihrem deutschen Namen kommt, darüber streiten die Gelehrten: Heißt sie so, weil sie gern zusammengeringelt in der warmen Sonne liegt oder weil die weißgelben "Mondflecken" hinter ihrem Kopf wie ein Ring oder ein Krönchen aussehen? Der wissenschaftliche Name Natrix natrix ist dagegen eindeutig. Er bedeutet "Schwimmerin". Tatsächlich bewegen sich Ringelnattern im Wasser äußerst gewandt, zum Beispiel bei der Jagd nach Fröschen und Fischen.

Wer es nicht selbst gesehen hat, glaubt nicht, dass sich eine daumenstarke Ringelnatter eine Erdkröte einverleiben kann, die mehr als doppelt so dick ist wie sie selbst. Ihre Kieferknochen sind nur locker miteinander verbunden und mit Geduld und Spucke schiebt sich das Schlangenmaul millimeterweise über die lebende Beute. Das Einzige, was die Kröte dagegen tun kann, ist tief Luft zu holen und sich aufzupumpen. Doch die Natter hat den längeren Atem ...

So bedrohlich Schlangen auf manche Menschen wirken, die Ringelnatter hat keine Giftzähne, ist völlig harmlos und wird selbst häufig Opfer räuberischer Tiere. Für Graureiher oder Schwarzmilane ist sie ein leckerer Happen und an Land reicht das Spektrum der Feinde vom Igel bis zum Wildschwein. Ihre einzige "Waffe" ist das übelriechende Sekret ihrer Analdrüsen. "Wenn man das an den Händen hat, kann man sich beliebig oft waschen und trotzdem geht der Gestank frühestens nach zwei Tagen weg", berichtet Michael Stevens, Mitarbeiter der Biologischen Station Neuss, aus eigener Erfahrung.

"In die Enge getrieben können Nattern auch ihren Kopf aufrichten und hörbar zischen. Da geht jeder auf Abstand, obwohl es ja eine leere Drohung ist." Fühlt sich die Natter noch immer angegriffen, wirft sie sich auf den Rücken, verrenkt das weit aufgerissene Maul, lässt die Zunge heraushängen und stellt sich tot. "Tiere, die es auf lebende Beute abgesehen haben, verlieren dann meist das Interesse", weiß der Zoologe. Die geschilderten Abwehrtechniken helfen der Ringelnatter vielleicht gegen Marder und Fuchs, aber nicht gegen die Zerstörung ihrer Auen-Lebensräume. In einigen Teilen unseres Landes ist die Ringelnatter deshalb bereits vom Aussterben bedroht. Die Dormagener Naturschützer, die ihre Station im Kloster Knechtsteden haben, wollen sie davor bewahren.

Durch die Zerstörung ihrer Auen-Lebensräume ist die Ringelnatter in einigen Teilen unseres Landes bereits vom Aussterben bedroht.
Durch die Zerstörung ihrer Auen-Lebensräume ist die Ringelnatter in einigen Teilen unseres Landes bereits vom Aussterben bedroht.
Dazu müssen sie aber mehr über ihre Ökologie wissen und experimentieren deshalb mit so genannten Schlangenbrettern. Die halbmetergroßen Holz- und Blechplatten heizen sich in der Sonne leicht auf und bilden für die Reptilien einen attraktiven Aufenthaltsort, so dass man sie trotz ihrer versteckten Lebensweise dort gezielt nachweisen kann. So fanden die Biologen die Nattern am häufigsten dort, wo Verstecke, sonnige Plätze und Tümpel eng benachbart waren. "So eine Stelle gibt es hier gleich außerhalb der Klostermauern. Da finden wir unsere ,Hausschlange’, die wir oft unseren Gästen zeigen."

Anwohner, Förster und Waldarbeiter unterstützen die Mitarbeiter der Biologischen Station nach Kräften. Sie melden jede Natternbeobachtung und klären Unwissende darüber auf, dass die Tiere wehrlos und schutzbedürftig sind. Ein besonders zuverlässiger Helfer ist der Dormagener Josef Mauth, der sich seit acht Jahren über regelmäßige Ringelnatter-Besuche in seinem Garten freut. "Hier in der Nachbarschaft wissen die Leute inzwischen alle, dass ein naturnaher Gartenteich und ein Komposthaufen angewandte Natternhilfen sind", erzählt er begeistert.

Kinderstube im Kompost

Die Ringelnatter ist harmlos. Ihre einzige Waffe – ein übelriechendes Sekret ihrer Analdrüsen – hält sich allerdings hartnäckig auf der Haut.
Die Ringelnatter ist harmlos. Ihre einzige Waffe – ein übelriechendes Sekret ihrer Analdrüsen – hält sich allerdings hartnäckig auf der Haut.
Etwa mit vier Jahren werden die Schlangen geschlechtsreif. Einige Wochen nach der Paarung im Frühsommer suchen die Weibchen Haufen aus verrottendem Laub und Gras für die Eiablage. Allein die Sonne und Abwärme der Fäulnisprozesse "bebrüten" die 10 bis 30 Eier, die etwa die Größe von Taubeneiern haben. Nach vier bis zehn Wochen, im Spätsommer, ist der Nachwuchs schlupfreif. Mit dem Eizahn, einem kleinen Zacken an der Oberlippe, schneiden die kaum bleistiftgroßen Minischlangen dann ihre Eihüllen von innen her auf. "Das erste Lebensjahr ist eine kritische Phase", weiß Michael Stevens, "da brauchen sie Kaulquappen oder junge Molche. Wenn es nicht genügend Tümpel mit solchen Kleintieren gibt, verhungern sie."

Verteufelt und verehrt

Da auch Misthaufen hervorragende Eiablageplätze sind, fand man Ringelnattern früher öfter in Hausnähe oder bei den Stallungen. Im Volksmund hießen sie daher mancherorts auch Kuhschlangen. Man erzählte sich, dass sie den Kühen die Milch aus dem Euter saugen und dichtete der Ringelnatter alles Böse an. "Die Menschen tödtet sie allein durch ihren giftigen Blick" und "... harte Steine zerbricht sie einfach durch den Athem, der aus ihrem Halse kommt", schrieb beispielsweise Conrad von Megenberg im 14. Jahrhundert in seinem "Buch der Natur". Dabei gibt es kaum Zweifel, dass er von der harmlosen Ringelnatter sprach: "Sie wird einen halben Fuss lang und ist auf dem Kopf weiss gefleckt, grade als ob sie mit einer Krone geziert sei ...".

In einigen Gegenden galt das Töten der "Hausunke", so der alte Name der Ringelnatter, dagegen als Frevel. Man glaubte, dass sie direkt mit den verstorbenen Ahnen in Verbindung stände. Das Bild der zutraulichen Schlange, mit deren Wohl das Schicksal der Hausbewohner verknüpft war, wurde auch von den Gebrüdern Grimm im Märchen von der Unke überliefert.
Wussten sie schon...

  • ...dass Ringelnattern jedes Jahr sechs Monate Winterruhe halten? In dieser Zeit liegen sie reglos in einem Versteck unter Steinen oder Totholz und warten auf die Frühlingssonne.

  • ...dass Ringelnattern und andere Schlangen weder Ohröffnungen noch ein Trommelfell besitzen? Dennoch hören sie selbst schwache Erschütterungen wie Schritte auf dem Boden. Das ist der Grund, weshalb sie schon flüchten, obwohl wir noch viele Meter entfernt sind.

  • ...dass Ringelnattern ihre Partner und Beutetiere mit dem Geschmackssinn orten? Mit ihrer gespaltenen Zunge nimmt die Schlange flüchtige Stoffe aus der Luft auf und identifiziert sie in einer Vertiefung im Gaumen. Erst im Nahbereich orientiert sie sich zusätzlich durch das Bewegungssehen.

  • ...dass die Ringelnattermännchen, so wie alle Schlangen und Echsen, einen Y-förmigen Penis haben? Von diesem Doppelorgan, das sonst in einer Hauttasche verborgen ist, benutzen sie bei der Paarung immer nur eine Hälfte. Zahlreiche Widerhaken sorgen für einen innigen Kontakt mit dem Natternweibchen.

  • ...dass das schwarz-weiße Bauchmuster bei jeder Ringelnatter etwas anders aussieht? Mit diesem "Barcode" lässt sich jedes Individuum unterscheiden.

  • ...dass Schlangenhaut zwar sehr dehnbar ist, aber nicht mitwächst? Das alte "Natternhemd" wird mehrmals im Jahr abgestreift. Indem das Tier langsam zwischen Gestrüpp und Gras hindurchkriecht, entledigt es sich der Pelle wie eines Strumpfes, der schließlich "auf links gedreht" zurückbleibt.


Kommentare

Sie haben dieses Projekt der NRW-Stiftung bereits besucht? Dann schreiben Sie uns, wie es Ihnen gefallen hat. Kommentar verfassen

11.10.2014, Magdalena

Muss ein Referat über die Ringelnatter halten. Diese Seite hat mir sehr geholfen.

Ich kann sie nur weiterempfehlen!


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Die NRW-Stiftung förderte eine Untersuchung der BUND-Kreisgruppe Wuppertal über die Ökologie der Ringelnatter. Sie unterstützte außerdem die Biologische Station im Rhein-Kreis Neuss, die im Kloster Knechtsteden in Dormagen ihren Sitz hat und zurzeit das letzte größere Vorkommen der Ringelnatter in der Region erfasst.

Das Haus der Natur – Biologische
Station im Rhein-Kreis
Neuss e.V. befindet sich
im Kloster Knechtsteden
in 41540 Dormagen,
Telefon: 02133 50230.
Weitere Informationen unter: www.biostation-neuss.de

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