HELLWEG-MUSEUM UNNA

DER GLANZ DES MITTELALTERS

Alte Pergamente dokumentieren die Bedeutung der Goldmünzen.
Alte Pergamente dokumentieren die Bedeutung der Goldmünzen.
Die westfälische Stadt Unna um das Jahr 1375. Ein Kaufmann zählt Gold. In fast 250 schimmernden Münzen spiegeln sich dabei weit verzweigte Geschäftsbeziehungen – Gulden aus Prag, Wien, Salzburg, Budapest und Lübeck, "goldene Schilde" aus Paris und Antwerpen. Ein seltener englischer "Noble" rundet die stolze Summe ab, ie nicht weniger als ein halbes Dutzend Bauernhöfe wert ist. Doch der Besitzer kauft nichts dafür. Um das Geld vor fremden Händen zu schützen, vergräbt er es – und nimmt das Versteck als Geheimnis mit in den Tod. Über ein halbes Jahrtausend ruht der Schatz in der Erde, bis man ihn bei Ausschachtungen in der Unnaer Altstadt 1952 zufällig zutage fördert. Es ist der größte mittelalterliche Goldmünzenfund Westfalens.

Für den damals dreizehnjährigen Werner Brinkmann war der Goldfund der Beginn einer lebenslangen Faszination, und ohne ihn wäre Nordrhein-Westfalen heute buchstäblich ärmer. Der Uhrmachermeister und Münzkenner ist seit fünfzig Jahren so etwas wie der gute Geist des Unnaer Goldes. Ein dringend benötigter guter Geist – denn der Schatz war bereits in mehrere private Hände zersplittert, als die Öffentlichkeit von ihm erfuhr. Die genauen Fundumstände ließen sich nicht mehr aufklären, und nur siebzig Münzen standen anfänglich für wissenschaftliche Untersuchungen zur Verfügung. Werner Brinkmanns beharrliches Engagement trug maßgeblich dazu bei, im Laufe der Jahre zahlreiche fehlende Stücke aufzuspüren. So wusste man 1986 bereits von 151 Exemplaren. 2005 tauchten dann überraschend weitere 89 bis dahin zurückgehaltene Münzen auf, die von der NRW-Stiftung erworben wurden.

Urkunde vom 23. April 1290 mit Ersterwähnung Unnas als<br />
Stadt und dem Stadtsiegel.
Urkunde vom 23. April 1290 mit Ersterwähnung Unnas als
Stadt und dem Stadtsiegel.
Zwischen Landfrieden und Seekriegen

Rheinland und Westfalen um 1375: Der verheerende "schwarze Tod", die Pest, liegt mittlerweile ein Vierteljahrhundert zurück. Die Machtkämpfe und blutigen Fehden der adligen Territorialherren hingegen reißen nicht ab. "Ein paar Tage hat der Frieden gehalten", spottet ein westfälischer Chronist über den kaiserlichen Landfrieden von 1371. Zum ersten Mal donnern in diesen Jahren zwischen Rhein und Weser sogar Geschützrohre – Feuerwaffen werden die Kriegsführung bald für immer verändern. Auch Wirtschaft und Politik befinden sich im Wandel. Die Hanse, das einflussreiche Interessenbündnis norddeutscher Handelsstädte, steht im Zenit ihrer Macht. 1370, wenige Jahre bevor der Unnaer Goldschatz vergraben wird, hat sie sogar den dänischen König militärisch bezwungen.

Doch neues Ungemach kündigt sich schon an. Irgendwo in Norddeutschland kommt in diesen Tagen ein Mann zur Welt, der zwanzig Jahre später mit seinen "Vitalienbrüdern" dem hansischen Seehandel heftig zusetzen wird: der legendäre Freibeuter Klaus Störtebeker. Die Hansestädte Westfalens stehen dem Seekrieg, wie er von den Küstenstädten forciert wird, eher ablehnend gegenüber. In der Tat bilden nicht Händel, sondern Handel, nicht Macht, sondern Märkte das eigentliche hansische Lebenselement. Seit die "Genossenschaft der Gotlandfahrer" um 1160 die Vermarktung von russischen Pelzen und flämischen Tuchen in die Hand genommen hatte, hat die Hanse das nördliche Europa in nie dagewesener Weise wirtschaftlich vernetzt. Westfälische Kaufleute waren daran maßgeblich beteiligt. Dafür, aber auch für grundlegende Neuerungen in den mittelalterlichen Zahlungsgewohnheiten, ist der Unnaer Münzschatz ein beredter Zeuge.

Goldene Schilde gehören zu den wertvollsten Stücken des Unnaer Münzschatzes, der im späten 14. Jahrhundert vergraben und erst rund 600 Jahre später wieder entdeckt wurde.
Goldene Schilde gehören zu den wertvollsten Stücken des Unnaer Münzschatzes, der im späten 14. Jahrhundert vergraben und erst rund 600 Jahre später wieder entdeckt wurde.
Seit dem 8. Jahrhundert waren in Europa silberne Pfennige die einzigen Münzen. Konkurrenz bekamen diese erstmals durch die Goldgulden, die die italienische Stadt Florenz 1252 prägte – die so genannten "Floreni" (daher die Abkürzung "hfl" für den holländischen Gulden!). Wer Gold verwendete, dem fiel das Bezahlen leichter. Kein psychologisches Wunder, sondern eine simple Gewichtsfrage: Anstelle der rund 250 Unnaer Goldstücke hätte man sieben bis achttausend Silberpfennige auf den Tisch legen müssen! Goldmünzen wurden zudem fast so etwas wie ein mittelalterlicher Euro, denn anders als die regionalen Pfennige fanden sie im Laufe des 14. Jahrhunderts unabhängig vom Prägeort Akzeptanz. Das Unnaer Gold spiegelt also auch den endgültigen Durchbruch einer münzgeschichtlichen Innovation.

Doch wie gelangte der Schatz ausgerechnet nach Unna? Es gab bedeutendere Städte zwischen Rhein und Weser, allen voran Köln, lange die mächtigste mittelalterliche Metropole Deutschlands. Oder die Reichsstadt Dortmund, deren Kaufleute eine herausragende Rolle im Fernhandel spielten. Sie importierten nicht nur Wachs und Pelze aus Russland, Heringe aus Norwegen oder Tuche aus Flandern, sondern auch Kunstwerke. Noch heute kann man in verschiedenen Dortmunder Kirchen mittelalterliche Altarwerke besichtigen, die aus den Niederlanden bzw. aus Antwerpen stammen. In den Hansekontoren Brügge und London nahmen Männer aus Dortmund führende Stellungen ein. Im 14. Jahrhundert liehen Kaufleute aus der Reichsstadt den englischen Königen zudem riesige Geldsummen. Familien wie Klepping und Sudermann waren federführend, als 1343 sogar die englische Krone an ein deutsches Händlerkonsortium verpfändet wurde.

Einen wirtschaftlichen Rückschlag brachte allerdings 1388/89 die große "Dortmunder Fehde", auch wenn es der Stadt dabei gelang, ihre politische Freiheit gegen die Grafen von der Mark und die Erzbischöfe von Köln zu behaupten. Nicht vergessen sollte man ferner Soest, das als Hansestadt Dortmund ernsthafte Konkurrenz machte. Doch auch wenn Unna sich mit diesen größeren Orten nicht messen konnte, so gab es im wahrsten Sinne des Wortes Verbindungen zu ihnen – z.B. den Hellweg.

Ein englischer "Noble" (l.) und ein Gulden aus der<br />
Pfalz Ruprecht.
Ein englischer "Noble" (l.) und ein Gulden aus der
Pfalz Ruprecht.
Auf der B1 ins Mittelalter

"Hellweg" – darunter versteht man heute vor allem eine Landschaft im Norden des Sauerlandes, zwischen Lippe und Haarstrang. Aber der Hellweg war ursprünglich tatsächlich ein Weg, eine mittelalterliche Straße. Wer heute auf der A 40 und der B 1 von Duisburg über Essen und Dortmund in Richtung Soest und Paderborn fährt, der bewegt sich trotz einzelner Abweichungen weitgehend auf der gleichen Linie wie Kaiser, Könige und Kaufleute des Mittelalters. Die B 1 folgt dem alten Hellweg, der bei Duisburg den Rhein berührte und dadurch eine direkte Verbindung auch nach Köln schuf.

Wolle, Getreide, Tuche, Pelze, Eisen, Wein und andere Güter wurden im Spätmittelalter auf dem Hellweg transportiert, er war Teil der nordeuropäischen Fernhandelsverbindungen. Zudem gab es hier auch mehrere mittelalterliche Salinen, weshalb man seinen Namen früher gern als "Hallweg", d. h. Salzweg, deutete – sprachlich unzutreffend, faktisch gerechtfertigt. Unna war dank des Hellwegs in den hansischen Handel nach Ost und West eingebunden. Seine wirtschaftlichen Beziehungen reichten von Flandern bis nach Reval, dem heutigen Tallinn in Estland. So hören wir 1385 beispielsweise, dass ein Unnaer Bürger in seiner Heimatstadt für eine Goldschmiedefamilie aus Reval Geld einzog. Auch wenn wir nicht konkret wissen, wer den Unnaer Goldschatz vergraben hat, allem Anschein nach war es ein Hansekaufmann, der gute Geschäfte gemacht hatte. Er vertraute der Erde einen erheblichen materiellen Wert an. Was 1952 an den Tag kam, ist jedoch vor allem ein unschätzbarer immaterieller Wert – die Möglichkeit, einen tiefen Blick in den Herbst des Mittelalters zu werfen. Wobei die Unnaer Münzen für ein ganz besonderes Schlaglicht sorgen: Werner Brinkmann versichert, dass sie seit ihrer Auffindung noch nie gereinigt wurden. Es ist der authentische Glanz des Mittelalters, den sie für uns bewahren.


Kommentare

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13.02.2013, Redaktion NRW-Stiftung

Vielen Dank für Ihre Anmerkungen zu dem Projekt. In der Tat sind die Projektbeschreibungen meist etwas länger aufgebaut. Speziell für Kinder/Jugendliche haben wir vor einiger Zeit die Seite www.nrw-entdecken.de gestartet. Hier sind allerdings bei weitem noch nicht alle Projektförderungen der NRW-Stiftung eingepflegt. Vielleicht trotzdem interessant für Sie zum Schauen.
12.02.2013, gies

Interessante und ausführliche Informationen. Als Dozentin kann ich hiermit Unterrichtsmaterialien selektieren.
Vielen Dank! Besonders schön wäre allerdings, wenn die Informationen kürzer und etwas \'spannender\"für Schüler direkt aufbereitet würden. Lehrer könnten Schüler, die ja weiger ausdauernde Leser sind und erst mal \"gelockt\"werden müsssen, direkt ins mit Aufgaben ins www schicken.
Trotzdem nochmals herzlichen Dank


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Für Mitglieder des Fördervereins ist der Eintritt ermäßigt.

Bei vielen Projekten erhalten die Mitglieder des Fördervereins vergünstigten Eintritt. [mehr]
Die Nordrhein-Westfalen-Stiftung erwarb einen großen Teil der Münzen des "Goldschatzes von Unna", der nun als Dauerleihgabe im Hellweg-Museum in Unna einen festen Platz in der neuen Museumsabteilung "Der Goldschatz von Unna" erhalten hat.

Noch bis vor kurzem wurde der Goldschatz von Unna auf engstem Raum in einer Wandvitrine ausgestellt. Als erster Schriftt einer geplanten Neugestaltung des Museums wir die Tematik des Schatzes nun in insgesamt drei Räumen des Erdgeschosses behandelt.

Im Jahr 2006 waren die Münzen aus dem Goldschatz auch Bestandteil der Ausstellung "Ferne Welten – Freie Stadt – Dortmund im Mittelalter", die ebenfalls von der Nordrhein-Westfalen-Stiftung unterstützt wurde.

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Burgstraße 8
59423 Unna
Telefon: 0 23 03 / 25 64 45
www.unna.de

Geschlossen: Montag, Dienstag.

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