EISKELLER ALTENBERGE

DIE KUNST DES KÜHLENS

Untermieter: Der Eiskeller dient bedrohten Fledermausarten als Winterquartier.
Untermieter: Der Eiskeller dient bedrohten Fledermausarten als Winterquartier.
Mit Kühlschrank und Eisfach ist das heute eine Selbstverständlichkeit: gekühltes Bier oder die Möglichkeit, Lebensmittel lange zu lagern. Doch schon vor Beginn des vergangenen Jahrhunderts gab es groß dimensionierte Alternativen, die mit Natureis kühlten. Beispielhaft ist der Eiskeller in Altenberge, der vermutlich größte erhaltene "Kühlschrank" Europas, in dem die Winterkälte das ganze Jahr über gespeichert wurde. Besucher können jetzt den Keller besichtigen, der dank des Heimatvereins Altenberge komplett renoviert ist.

Mit Hilfe von Sägen und Eisharken bargen Arbeiter das Eis.
Mit Hilfe von Sägen und Eisharken bargen Arbeiter das Eis.
Als Temperaturen von 20 Grad unter Null keine Seltenheit waren, verdingten sich Landwirte, Kleinbauern und Handwerker im Winter noch bis in die 1920er Jahre als Eisbauern. An den kältesten Tagen im Jahr sägten sie dicke Eisbrocken aus zugefrorenen Flüssen. Wo der nächste Fluss zu weit entfernt war, "ernteten" sie das Eis von Teichen oder von eigens dafür gefluteten Wiesen. Mithilfe von Pflügen und mannshohen Sägen bargen sie die frostigen Blöcke und sammelten Treibeis mit Eisharken. Anschließend verluden sie ihre Ausbeute auf Pferdewagen und brachten sie in Eiskeller und -gruben.

Ab dem 17. Jahrhundert gab es die gemauerten Eiskeller, zunächst überwiegend in den höheren Gesellschaftsschichten – in Schlössern oder Klöstern. In milden Wintern musste das Eis per Schiff aus Skandinavien importiert werden. Wer keinen geeigneten Lagerraum besaß, füllte Gruben mit der kühlen Fracht und bedeckte diese mit Stroh – fertig war die "Eiß-Grube".

Modell des Eiskellers in Altenberge
Modell des Eiskellers in Altenberge
Um 1860 ließen sich die Gebrüder Beuing den überdimensionalen "Kühlschrank" für ihre Brauerei in Altenberge bauen. Beinahe wäre der Eiskeller, der während des Krieges als Schutzraum diente, in Vergessenheit geraten. Die Mitglieder des Heimatvereins verfolgten jedoch hartnäckig den Plan, die dunklen Gewölbe und deren Geschichte zu ergründen. Durch die kalten Kellergewölbe führen Gänge und Treppen über drei Etagen in einen acht Meter hohen, kirchenschiffartigen Raum hinab. In die zwei Öffnungen der Decke warfen die Arbeiter das klein gehackte Eis, das sich bis zu zwei Jahre in der Anlage hielt. Gleich drei solcher Eishallen bildeten den Eiskeller in Altenberge, dazwischen befanden sich die Gär- und Lagerräume für das Bier.

Die Erfindung technischer Kühlanlagen konnte das Natureis nur allmählich verdrängen. Noch um 1920 war Eissägen in Deutschland keine Seltenheit. 1922 wurde dann durch Erhitzen und Verflüssigen eines Wasser-Ammoniak-Gemischs der Grundstein für den modernen Haushaltskühlschrank gelegt. Doch erst ab 1950 setzte sich dieser flächendeckend durch – die Eiskeller hatten endgültig ausgedient.

"Eisscholle": Eingangsbereich zum Eiskeller in Altenberge
"Eisscholle": Eingangsbereich zum Eiskeller in Altenberge
Der Altenberger Eiskeller steht seit 1996 unter Denkmalschutz. Den Eingang bildet heute die "Eisscholle", ein moderner Ausstellungsbau, in dem die Besucher spannende Geschichten vom Kühlen erfahren. Doch das Zeugnis vergangener Zeiten erfüllt noch eine Funktion: In einer versteckten Ecke des Gewölbes überwintern Wasser-, Fransen- und Langohrfledermäuse. Diese stark gefährdeten Fledermausarten sind Spaltenflüchter, die sich in Ritzen und Löchern verstecken und nicht – wie andere Arten – kopfüber frei im Raum hängen. Die ortstreuen Tiere kommen jeden Winter wieder, so dass der Heimatverein diesen Bereich ab Oktober für Besucher sperrt. Die saisonalen Untermieter scheinen sich in diesem Fledermaus-Paradies sehr wohl zu fühlen:
Umso wichtiger ist es, dass der Eiskeller in Altenberge heute den Besuchern als Museum und Baudenkmal wieder offen steht. Zu schnell vergessen wären die Zeiten, in denen ein eisgekühltes Getränk noch harte Knochenarbeit bedeutete.


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Für Mitglieder des Fördervereins ist der Eintritt ermäßigt.

Bei vielen Projekten erhalten die Mitglieder des Fördervereins vergünstigten Eintritt. [mehr]
Die NRW-Stiftung hat den münsterländischen Heimatverein bei der Restaurierung des Eiskellers in Altenberge finanziell unterstützt. Der Heimatverein nutzt den ehemaligen Eiskeller der Brauerei Beuing heute als Museum.

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Gooiker Platz 7
48341 Altenberge
Telefon: 0 25 05 / 82 32 oder 82 33
www.heimatverein-altenberge.de

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