DAS HERINGSFÄNGERMUSEUM IN PETERSHAGEN-HEIMSEN

IM LAND DER HERINGSFÄNGER

Das Museum besteht aus mehreren Gebäuden, dar- unter einem alten Kapitänshaus. <small>Bild: Stefan Ziese</small>
Das Museum besteht aus mehreren Gebäuden, dar- unter einem alten Kapitänshaus. Bild: Stefan Ziese
Man darf ruhig stutzen, wenn man im äußersten Nordosten von NRW an einem Wegweiser mit der Aufschrift "Heringsfänger-museum" vorbeikommt. Heringsfänger mitten im Binnenland? Sollte man da nicht eher an stürmische Salzwasserwogen und hochseetaugliche Schiffe denken? In der Tat – und trotzdem spinnt das ostwestfälische Museum im Petershäger Ortsteil Heimsen kein Seemannsgarn, wenn es behauptet, mitten im Heringsfängerland zu liegen. Denn der Landstrich an der mittleren Weser, nördlich von Minden, war einst die Heimat von Männern, die alljährlich in der Nordsee die Netze nach dem "Karpfen der Armut" auswarfen. Sie bildeten sogar einen Großteil der Besatzungen, die für die Fischereigesellschaften fuhren.

<small>Bild: Stefan Ziese</small>
Bild: Stefan Ziese
"Kennst Du die See, wo selten die Sonne lacht? Wo man aus Menschen Seeleute macht? Wo man vergisst Moral und Tugend? Das ist die Nordsee, das Grab meiner Jugend." So hat es jemand auf einen Ölrock geschrieben, der im Heringsfängermuseum gezeigt wird. Die düsteren Verse spiegeln die harte und gefährliche Arbeit auf einem Logger wider, einem Fangschiff. Viele Männer – oft noch nicht einmal 20 Jahre alt – fanden dabei tatsächlich ein nasses Grab. Doch ausgefahren waren sie natürlich nicht, um zu sterben, sondern ganz im Gegenteil, um ihr Überleben zu sichern, weil es zu Hause nicht genug Verdienst-möglichkeiten gab.

Vom Netz ins Fass

Eine neue Abteilung widmet sich den Gefahren auf See. <small>Bild: Stefan Ziese</small>
Eine neue Abteilung widmet sich den Gefahren auf See. Bild: Stefan Ziese
Begonnen hatte alles mit der "Hollandgängerei": Männer aus den ländlichen Unterschichten, die über wenig oder gar kein Land verfügten – Kleinstbauern, Tagelöhner und Knechte – gingen seit dem 17. Jahrhundert immer häufiger als saisonale Wanderarbeiter in die Niederlande, um sich als Torfstecher, Grasmäher oder Ziegelmacher zu verdingen. Nicht wenige heuerten auch auf den niederländischen Heringsfangschiffen an, den sogenannten "Buysen". Rund anderthalbtausend von diesen Vorläufern der Logger gab es in den Niederlanden um 1670. Der Hering war ein lukratives Geschäft, denn abgesehen vom "Stockfisch" – sprich: Trockenfisch, meist Kabeljau – war er der einzige Meeresfisch, der sich damals konservieren und ins Binnenland transportieren ließ. Im Museum wird detailliert erläutert, wie in der niederländischen Flotte die Heringsverarbeitung durch das Schlachten und Salzen direkt auf den Fangschiffen revolutioniert wurde: Dem Kehlschnitt mit dem "Kaakmesser" folgte unmittelbar das Herausziehen des größten Teils der Eingeweide. Dann wurde Salz über die Heringe geschaufelt, die man anschließend in Fässern verpackte. Im Gegensatz zur traditionellen schottischen oder norwegischen Methode, bei der die Tiere an der Luft erstickten und danach unausgenommen in die Fässer gelangten, sorgte dieses Verfahren für weißes, festes und haltbares Fleisch. Das Gütesiegel "seegekehlter und seegesalzener Hering" war noch im 20. Jahrhundert lange gebräuchlich.

DIE GROSSE DEUTSCHE HERINGSFISCHEREI

<small>Bild: Stefan Ziese</small>
Bild: Stefan Ziese
Im späten 19. Jahrhundert gingen die Männer aus dem Heringsfängerland immer seltener in Holland an Bord. Seit der Gründung des Deutschen Reichs von 1871 arbeiteten sie stattdessen meist für deutsche Fischereigesellschaften, die man unter dem Begriff "Große Deutsche Heringsfischerei" zusammenfasste und deren Haupthäfen Bremen-Vegesack und Emden waren. Erst in den Wirtschaftswunderzeiten nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es immer schwerer, Menschen aus dem Binnenland für die Fangreisen zu gewinnen. Kurios klingt heute eine Anzeige der ostwestfälischen Arbeitsämter von 1956: "Wer Lust zur Seefahrt hat und das weite Meer liebt, sollte Heringsfänger werden. Das ist zwar kein Beruf für Muttersöhnchen, aber er ist wie geschaffen für Jungen, die sich etwas zutrauen und in die Welt passen." Der Werbeeffekt blieb gering, zumal noch im gleichen Jahr der Untergang des Loggers "Adolf" mit 18 Todesopfern die Gefahren des Berufs erneut unterstrich. Das Heringsfängerland wurde allmählich Geschichte.
KATASTROPHEN AUF SEE

Ihre Schutzkleidung – das Ölzeug – mussten die binnen-ländischen Heringsfänger selbst finanzieren und an Bord mitbringen. In Petershagen gab es dafür sogar eigens Geschäfte. <br />
<small>Bild: Heringsfängermuseum Heimsen</small>
Ihre Schutzkleidung – das Ölzeug – mussten die binnen-ländischen Heringsfänger selbst finanzieren und an Bord mitbringen. In Petershagen gab es dafür sogar eigens Geschäfte.
Bild: Heringsfängermuseum Heimsen
Das 1981 eröffnete Heimatmuseum in Petershagen-Heimsen wurde 1985 zum Heringsfängermuseum erweitert. Für einen Besuch sollte man sich Zeit nehmen, denn die auf vier Gebäude verteilte Ausstellung ist umfangreich. Neben der Arbeit auf See werden auch Kultur und Leben in der Heimat der Heringsfänger vorgestellt. Seit 2013 gibt es zudem eine neue Abteilung zum Thema "Katastrophen auf See". Sie beschäftigt sich unter anderem mit den Schicksalen der über 500 Heringsfänger von der Mittelweser, die seit 1872 beim Untergang von mindestens 64 deutschen Loggern verschollen oder gestorben sind. Oft waren ganze Dorfgemeinschaften von solchen Unglücken betroffen, denn die Kapitäne rekrutierten ihre Mannschaften gern innerhalb einzelner Orte. Ein Albtraum spielte sich 1956 auf dem Logger "Adolf" ab: Der Kapitän wurde während eines Sturmes per Funk über den tödlichen Autounfall seiner Frau und seiner Schwägerin informiert. Er nahm umgehend Kurs auf den Hafen Vegesack, den sein Schiff, das offenbar von einer Riesenwelle getroffen wurde, aber nie erreichte.

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 2014/2


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Die NRW-Stiftung unterstützte den Verein Heringsfängermuseum Heimsen e. V. bei der Einrichtung der Ausstellungsräume und der Herausgabe eines Museumsbuches.

Googlemap aufrufenHeimat- und Heringsfängermuseum Heimsen
Am Mühlenbach 9
32469 Petershagen-Heimsen
Telefon: 0 57 68 / 94 18 55
www.heringsfaengermuseum.de

Das kleine Museum hat unregelmäßig geöffnet. Die genauen Zeiten erfahren Sie auf der Internetseite des Museums.

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