BAKELIT-MUSEUM UND SCHLEIPER HAMMER IN KIERSPE

BACKE, BACKE, BAKELIT!

Das Bakelit-Museum im Kiersper Amtshaus.
Das Bakelit-Museum im Kiersper Amtshaus.
Bakelit ist so hitzebeständig, dass es früher sogar Versuche gab, Feuerwehrhelme daraus zu fertigen. Das war aber kein Trost, als es im Oktober 2013 im Obergeschoss des Alten Amtshauses in Kierspe brannte. Zwar konnte das Feuer gestoppt werden, aber das Löschwasser lief durch die Decken und verunstaltete die Exponate im darunterliegenden Bakelit-Museum mit einem lehmigen Überzug. Außerdem spülte es so manches Inventaretikett weg. Es bedurfte vieler helfender Hände, um mehr als 2.000 Gegenstände auszulagern, zu reinigen und neu zu katalogisieren. Im April 2015 war es soweit: Das renovierte Bakelit-Museum konnte wieder eröffnet werden.

Der berühmte Tischapparat Siemens W 48, bei dem man den Hörer noch buchstäblich auf die Gabel legte.
Der berühmte Tischapparat Siemens W 48, bei dem man den Hörer noch buchstäblich auf die Gabel legte.
Wissen Sie, was ein Fetap ist? Der Ausdruck stammt aus der Zeit, als Telefone noch keine Displays, sondern Wählscheiben hatten und ihre Mobilität sich auf Flur oder Wohnzimmer beschränkte. Fetap, das war im Sprachgebrauch der Bundespost damals ein "Fernsprechtischapparat", im Gegensatz zum Fewa, dem "Fernsprechwandapparat". Stolz präsentierte man 1963 den Fetap 61, ein Gerät aus kieselgrauem Kunststoff. Doch in Millionen Haushalten sollte noch viele Jahre lang ein älteres Modell seinen Dienst tun, der W48 mit seiner geweihartigen Hörergabel. Er hatte noch keinen hellen Plastik-Look, sondern bestand aus schwarzem Bakelit – dem legendären Material aus den Pioniertagen der Synthetik.

Holz aus Blut

Ob Kaffemühlen, Radios oder Telefone: Bakelit® machte es möglich.
Ob Kaffemühlen, Radios oder Telefone: Bakelit® machte es möglich.
Der Name Bakelit geht auf den 1863 im belgischen Gent geborenen Leo Hendrik Baekeland zurück, der 1889 in die USA auswanderte und dort unter anderem mit Phenol und Formaldehyd experimentierte. Er war nicht der Erste, der das tat, aber der Erste, der dabei eine plastische Masse zur Industriereife
Mit Druck und Hitze wird Bakelit-Pulver geformt.
Mit Druck und Hitze wird Bakelit-Pulver geformt.
brachte. Ab etwa 1910 begann der Siegeszug des Bakelits, das vor allem als Isolator in der Elektrotechnik rasch Verbreitung fand. Es konnte den teuren Schellack ersetzen, der aus dem Sekret einer Schildlausart gewonnen wird und zu den frühen Kunststoffen zählt, die eigentlich "abgewandelte Naturstoffe" sind, ähnlich wie Produkte aus Zellulose und Kautschuk. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte man sogar Blut verwendet, um daraus mit allerlei Zusätzen "künstliches Holz" anzurühren.

Bakelit läutete als erster vollsynthetischer Kunststoff ein neues Zeitalter ein. Dieses erste massenhaft hergestellte Kunstmaterial überzeugte durch Hitze-beständigkeit, Unempfindlichkeit gegen Säuren und ausreichende Schlagfestigkeit. Da es kaum verrottete, nahm es allerdings auch ein Umweltproblem vieler späterer Kunststoffe vorweg. Farbenfroh war das Material nicht, meist kam es schwarz oder rotbraun daher, seltener dunkelgrün. Den Telefonapparat W48 gab es in den 50er-Jahren für statusbewusste Besitzer zwar auch in Elfenbeinweiß, aber in diesem Fall bestand er aus einem wesentlich weniger stabilen und ziemlich lichtempfindlichen Material namens Melaminharz.

Das Weltkunstharz

An den Staubsauger "Kobold" konnte man sogar Trocken-hauben anschließen – Loriot-Fans wissen Bescheid! Mit im Bild: Helmut Bremecker vom Heimatverein.
An den Staubsauger "Kobold" konnte man sogar Trocken-hauben anschließen – Loriot-Fans wissen Bescheid! Mit im Bild: Helmut Bremecker vom Heimatverein.
An eine bunte Plastikwelt, wie wir sie heute kennen, dachte man in der ersten Bakelit-Euphorie noch nicht. Man war begeistert von einem Material, aus dem sich unterschiedlichste Objekte herstellen ließen – Geschirr, Aschenbecher, Fahrradgriffe, Zigarettenspitzen und vieles mehr. Nicht zuletzt für die Gehäuse technischer Apparate war Bakelit bestens geeignet. Im Kiersper Museum gibt es eine repräsentative Auswahl davon: Radios, Haartrockner, Staubsauger, ja sogar eine Strickmaschine und einen kuriosen kleinen Rasierklingenschärfer. Das "Welt- kunstharz" war in der Tat ein Material für 1.000 Zwecke, wie es in der Werbung hieß. Im Design des Art déco der 20er- und 30er-Jahre spielte es auch seine modischen Qualitäten aus. Politisch wenig rühmlich war hingegen der Auftritt im Zusammenhang mit dem nationalsozialistischen "Volksempfänger", dessen Gehäuse ebenfalls aus Bakelit bestand.

Im Schleiper Hammer in Kierspe-Grünenbaum wurden Eisen und Bakelit® verarbeitet.
Im Schleiper Hammer in Kierspe-Grünenbaum wurden Eisen und Bakelit® verarbeitet.
Leo Baekeland hatte sich sowohl in den USA als auch in Deutschland das Patent für sein Phenolharz gesichert und in Erkner bei Berlin 1910 die Bakelite GmbH (später AG) gegründet. Er kooperierte dabei mit den im Ruhrgebiet ansässigen Rütgerswerken, weil dort große Mengen an Phenol als Abfallprodukt der Teerherstellung anfielen. Das Rohbakelit wurde in Form von Granulaten ausgeliefert. Ein bisschen wie beim Backen mit dem Waffeleisen konnte man daraus unter Hitzeeinwirkung in speziellen Pressen Gegenstände von nahezu beliebiger Gestalt herstellen. Nach der Aushärtung ließen sie sich nicht mehr verformen, denn Bakelit gehört zu den harten plastischen Massen, den Duroplasten. Den Unterschied zu den durch Wärme erweichbaren Thermoplasten verdeutlicht ein Klassiker unter den häuslichen Kleinkatastrophen: Seit Einführung des kieselgrauen Fetap in den 1960er-Jahren schmolz so manches Tischtelefon unter einer versehentlich zu nahe herangerückten Lampe dahin. Die alten Bakelitapparate wären dadurch nicht in die Knie zu zwingen gewesen.

Bakelit aus dem Sauerland

Unter Hitze und Druck entstehen an einer "Kniehebelpresse" Eierbecher.
Unter Hitze und Druck entstehen an einer "Kniehebelpresse" Eierbecher.
Im Jahr 1927 liefen Leo Baekelands Patente aus. Unter verschiedensten Handelsnamen kamen jetzt ähnliche Phenolharze auf den Markt, sodass Bakelit letztlich zu einer Marke unter vielen wurde. Die Zahl der Pressbetriebe steuerte in Deutschland vor dem Zweiten Weltkrieg auf ein halbes Tausend zu. Eine hohe Konzentration gab es im Raum Lüdenscheid/Kierspe. Allein in Kierspe unterhielten 36 Betriebe zeitweilig über 450 Pressen. Wer selbst einmal erleben will, wie das Granulat unter Hitze und Druck Form annimmt und die Luft dabei mit dem typischen Bakelitgeruch erfüllt, sollte den Schleiper Hammer in Kierspe-Grünenbaum besuchen. Es ist eigentlich ein Eisenschmiedewerk mit langer Tradition, das jedoch auch eine Bakelitabteilung besitzt. Mitglieder des Heimatvereins Kierspe zeigen hier bei Aktionstagen, wie an einer "Kniehebelpresse" zum Beispiel Eierbecher entstehen. Bis zu 500 Tonnen Druck konnten besonders starke Pressen entfalten, etwa um ganze Autoarmaturenbretter zu formen.

Live-Vorführungen im Schleiper Hammer zeigen den Besuchern, wie aus dem pulverförmigen Grundstoff verschiedene Gegenstände hergestellt werden.
Live-Vorführungen im Schleiper Hammer zeigen den Besuchern, wie aus dem pulverförmigen Grundstoff verschiedene Gegenstände hergestellt werden.
Auch die Ausstellung im Alten Amtshaus umfasst Kniehebelpressen, doch im Vordergrund steht hier eine eindrucksvolle Sammlung von Bakelitobjekten. Sie wurde von Karl-Heinz Vollmann zusammengetragen, ehemals Inhaber der Kunststoff-Fabrik Reppel & Vollmann. Der Heimatverein Kierspe hat das kleine, aber feine Museum 2003 mithilfe der NRW-Stiftung eingerichtet. Zu den Exponaten gehören auch DDR-Produkte wie das sogenannte Dux-Kino, ein handbetriebener Spielzeugprojektor. In der DDR verschwand Bakelit nicht so früh aus dem Produktdesign wie im Westen, wo seit den 1960er-Jahren neuartige Kunststoffe mitsamt ihren typischen Plastikfarben den Markt überschwemmten. Bakelit veraltete deswegen aber nicht im technischen Sinne: Bis heute werden Bauteile aus Phenolharzen im Innenleben elektrischer Apparaturen verwendet.

Fotos: Stefan Ziese
Kunstoffmuseen – virtuell und real

Selbst Radios konnten aus dem hitzebeständigen Bakelit® hergestellt werden.
Selbst Radios konnten aus dem hitzebeständigen Bakelit® hergestellt werden.
Nordrhein-Westfalen spielt in der Geschichte der Kunststoffe eine große Rolle. Auch die einst von Leo Baekeland in Erkner bei Berlin gegründete Bakelite AG fing nach dem Krieg in Iserlohn-Letmathe neu an. 2004 wurde das Unternehmen zusammen mit dem Markennamen Bakelit an eine US-Firma verkauft. Die beste Möglichkeit, in NRW Bakelitprodukte und ihre Herstellung kennenzulernen, bietet der Museumsdoppelpack aus Schleiper Hammer und Altem Amtshaus in Kierspe:
www.kierspe.de/heimatverein

Zwei weitere NRW-Museen seien hier genannt. Eins davon ist das aus einer privaten Sammlung hervorgegangene Kunststoff-Museum in Troisdorf (zwischen Köln und Bonn), das sich vor allem den Produkten des Dynamit Nobel Konzerns widmet:
www.kunststoff-museum.de

Eine besondere Rolle spielt der in Düsseldorf ansässige Kunststoff-Museums-Verein, denn das von ihm betriebene Deutsche Kunststoff-Museum hat kein festes Haus. Es existiert einerseits als virtuelle Ausstellung im Internet und gastiert andererseits mit Wanderausstellungen in der realen Welt:
www.deutsches-kunststoff-museum.de

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 2015/2


Kommentare

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05.03.2015, Joachim Geffers

Ich war leider noch nicht bei Ihnen, aber ich erinnere mich an zwei Becher aus Bakelit in wolkenbrauner Struktur, die mein Vater, Chemiker bei Bayer, für uns Kinder für die Schulspeisung mitgebracht hatte. Aus diesem Grund ist die tiefschwarze Farbe nicht die typische Bakelitfarbe.
MfG
Joachim Geffers


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Die NRW-Stiftung ermöglichte dem Heimatverein Kierspe die Einrichtung eines Bakelit-Museums im Alten Amtshaus, nach einem Brand wurde die Ausstellung neu präsentiert. Auch bei der Sanierung des Schleiper Hammers konnte der Verein auf die Hilfe der NRW-Stiftung setzen. Das Industriemuseum liegt in der Nähe und hat eine eigene Bakelitabteilung.

www.kierspe.de/heimatverein

Googlemap aufrufenBakelit-Museum
Altes Amtshaus
Friedrich-Ebert-Straße 380
58566 Kierspe
Telefon: 02359 3322
E-Mail: ulrich1finke@aol.com

Öffnungszeiten:
Mittwochs von 15 Uhr bis 18 Uhr und nach Vereinbarung.
Führung für Gruppen nach Vereinbarung.

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