DOBERGMUSEUM - GEOLOGISCHES MUSEUM FÜR OSTWESTFALEN-LIPPE

DAS MEER-DIMENSIONALE MUSEUM

Der Schädel des Zahnwals Eosqualodon<br />
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<small>(Foto: Werner Stapelfeldt)</small>
Der Schädel des Zahnwals Eosqualodon

(Foto: Werner Stapelfeldt)
Hätte der Schüler Paul Müller vom Realprogymnasium Bünde sich vor über 100 Jahren nicht an der Kopfbedeckung seines Lehrers Friedrich Langewiesche vergriffen, gäbe es vielleicht kein Doberg-Museum. Der übermütige Pennäler beschädigte den Hut des Pädagogen und wurde ertappt. Als Wiedergutmachung schenkte er der Schule die versteinerten Muscheln, Schnecken und Seeigel, die er ganz in der Nähe am Doberg gesammelt hatte. Lehrer Langewiesche akzeptierte die Entschuldigung und er nahm die Gaben des Pennälers zum Anlass, selbst am Doberg nach Fossilien zu suchen. Was er fand, machte den Doberg weltberühmt – und bildete den Grundstein für ein eigenes Museum.

Zwar waren die Mergelgruben bei Bünde schon seit Beginn des 19. Jahrhunderts unter Fossiliensammlern bekannt, aber was Gymnasialprofessor Langewiesche und andere Hobby-Paläontologen in den Folgejahren aus dem Sedimentgestein bargen, war eine Sensation: das Skelett einer Seekuh, den Schädel eines sechs Meter langen, delphinähnlichen Wals, Zähne gigantischer Haie und viele weitere Versteinerungen aus dem Ober-Oligozän, einem geologischen Zeitalter, das rund 30 Millionen Jahre zurückliegt.

Als Westfalen an der Küste lag

Die längst ausgestorbene Art, die in der damals tropischen "Ur-Nordsee" lebte.
Die längst ausgestorbene Art, die in der damals tropischen "Ur-Nordsee" lebte.
Damals reichte die Nordsee viel weiter nach Süden als heute. Auch im nördlichen Westfalen rauschten die Wellen. Über zehn Millionen Jahre lang lagerten sich Schlamm und Sand am Meeresboden ab und betteten dabei fast alle Tiere ein, die das tropische Randmeer bewohnten. Später hob sich der Boden und wurde festes Land. Während das weiche Gestein in den folgenden Jahrmillionen fast überall wieder abgetragen wurde, blieb es hier erhalten. Der Grund: Unter den fossilienreichen Sedimenten lag ein Salzstock. Weil dieses Fundament ausgewaschen wurde, versank das oligozäne Schichtenpaket "en bloc" im umgebenden Gestein und blieb so von der Erosion verschont. Dennoch wäre der flache Hügel beinahe von der geologischen Landkarte verschwunden. Der kalkreiche Doberg-Mergel wurde nämlich als Bodenschatz abgebaut – nicht wegen der Fossilien, sondern, weil er die Fruchtbarkeit der Ackerböden verbesserte. "Er wärmet und trocknet den nassen klebrichten Acker", wusste man schon vor 250 Jahren. Mit ihren Fuhrwerken holten die Bauern das bröselige Gestein und verteilten es wie Dünger auf ihren Feldern.

Bei Geologen weltweit ein Begriff

Der Doberg bei Bünde<br />
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<small>(Foto: Patrick Menzel / Neue Westfälische)</small>
Der Doberg bei Bünde

(Foto: Patrick Menzel / Neue Westfälische)
Die Wirkung hielt aber nicht lange vor, früher oder später waren die Äcker wieder "ausgemergelt". Das Wort, das früher einen mageren Boden bezeichnete, kennen wir heute nur noch in seiner übertragenen Bedeutung. Als allerdings die Funde von Seekuh und Zahnwal in der Fachwelt bekannt wurden, stoppte man den Abbau. Billiger Kunstdünger machte das mühsame Mergeln überflüssig. Schon 1912 wurde der "Schweizer Käse" namens Doberg als Naturschutzgebiet ausgewiesen, später auch noch als Bodendenkmal. Einen Adelstitel als geologischer Referenzort erhielt der Doberg bei Bünde im Jahr 1971: Er wurde zum Stratotypus des Oligozäns erklärt, weil die Schichtenfolgen aus dieser Epoche weltweit nirgends so vollständig und gut erhalten sind wie hier.

Raum und Zeit sind relativ

Fossile Ammoniten sehen aus wie Schneckenhäuser, sind aber Überbleibsel von Tintenfischverwandten.<br />
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<small>(Foto: Werner Stapelfeldt)</small>
Fossile Ammoniten sehen aus wie Schneckenhäuser, sind aber Überbleibsel von Tintenfischverwandten.

(Foto: Werner Stapelfeldt)
Doch zurück zur Fossiliensammlung, die nach und nach erweitert wurde und 1999 mit maßgeblicher finanzieller Unterstützung der NRW-Stiftung ihr eigenes Haus bekam. Baumängel machten zwischenzeitlich eine gründliche Sanierung des Doberg-Museums notwendig. Inzwischen sind seine "inneren Werte", die Dauerausstellung zur Bedeutung der Doberg-Schichten, wieder uneingeschränkt zugänglich. Im Parterre wurde die Ausstellungsfläche vergrößert und bietet zusätzlich Platz für attraktive Wechselausstellungen. Die auffälligste äußerliche Veränderung des Gebäudes ist ein 125 m langes umlaufendes Fenster, das vom Glaskünstler Bernd Fischer gestaltet wurde. Darin überlagern sich ein Bild unserer Milchstraße und die vielhundertfache Vergrößerung eines Mikrofossils. "Man sieht quasi gleichzeitig durch Teleskop und Mikroskop", erläutert Michael Strauß, der Leiter des Doberg-Museums. In der ge- meinsamen Projektion von etwas unfassbar Großem und etwas winzig Kleinem sieht er eine Analogie zu den zeitlichen Dimensionen: "Die Besucher kommen für ein paar Stunden ins Museum, aber sie sehen die Überreste von Organismen aus einem Zeitfenster von mehr als zehn Millionen Jahren – das ist ein ähnlicher Kontrast und ähnlich schwer vorstellbar.

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 2/2012


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Für Mitglieder des Fördervereins ist der Eintritt frei.

Bei vielen Projekten erhalten die Mitglieder des Fördervereins vergünstigten Eintritt. [mehr]
Die Nordrhein-Westfalen-Stiftung finanzierte maßgeblich den Bau des Doberg-Museums im westfälischen Bünde (Kreis Herford). Das Haus ist nach dem nahe liegenden Doberg benannt, einem Eldorado für Paläontologen, die dort unzählige steinerne Zeugnisse der Ur-Nordsee finden, die vor Millionen Jahren weitere Teile Norddeutschlands überflutet hat.

Googlemap aufrufenDas Dobergmuseum – Geologisches Museum für Ostwestfalen-Lippe – liegt auf der so genannten Bünder Museumsinsel, zusammen mit dem Deutschen Tabak- und Zigarrenmuseum und dem Heimatmuseum des Kreises Herford. Zum Ensemble der Gebäude gehören alte westfälische Fachwerkbauten ebenso wie moderne Architektur.

Dobergmuseum - Geologisches Museum für Ostwestfalen-Lippe
Fünfhausenstraße 8–12
32257 Bünde (Kreis Herford)
Telefon: 0 52 23 79 33 00
Internet: www.museum-buende.de

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