REFORMATIONSJUBILÄUM 2017

DAS LUTHERJAHR IN NRW

Ein Portrait aus dem Luther-Forum in Gladbeck, das die NRW-Stiftung auch fördert.
Ein Portrait aus dem Luther-Forum in Gladbeck, das die NRW-Stiftung auch fördert.
Jahrelang zählte eine rückwärts laufende Uhr im Lutherforum Gladbeck die Tage bis zum Lutherjahr 2017. Nun ist es soweit: Die Reformation feiert ihren 500. Geburtstag. Nordrhein-Westfalen bietet dazu zahlreiche spannende Programme, angefangen bei großen und kleinen Ausstellungen bis hin zu Theaterabenden, Lesungen und einem Pop- Oratorium. Überall im Land gibt es etwas zu entdecken, darunter gleich mehrere von der NRW-Stiftung geförderte Projekte. Grund genug also, sich aufzumachen – getreu Luthers Mahnung, "mit eigenen Augen zu sehen" und zu "suchen, was wir noch nicht kennen". Als Martin Luther 1517 seine berühmten 95 Thesen veröffentlichte, bekämpfte er damit den Verkauf jener "Ablassbriefe", von denen die Menschen eine Verkürzung des Fegefeuers für sich oder ihre Angehörigen erhofften. Der Papst finanzierte mit dem lukrativen Geschäft unter anderem den Neubau des Petersdoms in Rom. Luther erschien die Vorstellung einer käuflichen Erlösung jedoch als widersinnig – für ihn gründete sich das Heil nicht einmal auf "gute Taten", sondern allein auf den Glauben und die Gnade Gottes. Wegen seiner scharfen Kritik an der römischen Kirche wurde er schließlich exkommuniziert und geächtet. Bei vielen seiner Zeitgenossen stieß er aber trotzdem auf offene Ohren.

Verliebte und Radikale

Verhör Martin Luthers durch Kardinal Cajetan in Augsburg im Oktober 1518. Kolorierter Holzschnitt.
Verhör Martin Luthers durch Kardinal Cajetan in Augsburg im Oktober 1518. Kolorierter Holzschnitt.
Auf dem Gebiet des heutigen NRW fanden Luthers Lehren zuerst in Städten wie Minden und Wesel ein positives Echo. Später entwickelten sogar manche Bischöfe reformatorische Neigungen. Besonderes Aufsehen erregte der Fall des Kölner Erzbischofs Gebhard Truchsess. Verliebt in ein evangelisches Stiftsfräulein trat er 1582 zum Protestantismus über, wollte das Erzstift Köln aber trotzdem weiterregieren. Seinen Untertaten stellte er die Wahl zwischen dem katholischen und dem lutherischen Bekenntnis frei. Doch diese tolerante Auslegung des Prinzips "cuius regio, eius religio" – sprich: der Landesherr bestimmt die Konfession des Landes – widersprach dem "geistlichen Vorbehalt" des Augsburger Religionsfrieden von 1555. Danach waren Bischöfe, die zum Protestantismus wechselten, grundsätzlich verpflichtet, einem katholischen Nachfolger Platz zu machen. Weil Gebhard das nicht akzeptierte, kam es 1583-89 zu verheerenden Kriegszügen, die erst mit seiner Flucht endeten. Schon lange vor Gebhard Truchsess hatten die "Täufer" für nicht minder schwere Konflikte gesorgt, nachdem sie 1534/35 Herren über die Stadt Münster geworden waren. Das münstersche Täuferreich mit seiner radikalen Ablehnung aller bestehenden Ordnungen blieb zwar eine kurze, am Ende blutig niedergeschlagene Episode. Die Reaktionen darauf werfen aber auch Schlaglichter auf die Vorstellungen, in denen Martin Luther lebte. Der hielt die rigorose Verfolgung des Täufertums ebenso für gerechtfertigt, wie er sich auch sonst keineswegs von allen Vorurteilen seiner Zeit löste. Luther predigte gegen Türken, hetzte gegen Juden, betrachtete Behinderungen als Werk des Teufels und glaubte an Hexen. Es ist längst selbstverständlich geworden, auch diese Seiten seiner Persönlichkeit nicht zu verschweigen.

Geteilter Himmel

Die "bergische Simultankirche" - der Altenberger Dom. (Foto: Alexander Glaser)
Die "bergische Simultankirche" - der Altenberger Dom. (Foto: Alexander Glaser)
Am Ende des 16. Jahrhunderts war die rheinisch-westfälische Welt konfessionell gespalten. In den Fürstbistümern hatte sich der Katholizismus wieder fest etabliert, in einigen weltlichen Territorien war hingegen die Reformation erfolgreich geblieben. Im 19. Jahrhundert, als fast das ganze heutige NRW – ausgenommen das Fürstentum Lippe – vom protestantischen Preußenkönig regiert wurde, mischte sich die konfessionelle Landkarte dann noch einmal neu. Ein Sinnbild dafür ist der Altenberger Dom im Bergischen Land. Seit 1856 diente er auf königliche Anordnung zum "Simultangebrauch" – bis heute finden hier sowohl katholische als auch evangelische Gottesdienste statt. Bedeutenden Aufschwung nahm der Protestantismus im heutigen NRW durch viele Arbeiter, die seit dem 19. Jahrhundert ins boomende Ruhrgebiet kamen. Dies ist eins der Themen, denen sich das Gladbecker "Lutherforum" widmet. Seine 2010 eröffnete und seitdem mehrmals ergänzte Ausstellung "Reformation und Ruhrgebiet" fragt nach den Hintergründen unserer heutigen, von unterschiedlichsten Glaubensrichtungen
Die Ausstellung "Der geteilte Himmel" im Ruhrmuseum auf der Essener Zeche Zollverein. (Foto: Ruhr Museum / Deimel + Wittmar)
Die Ausstellung "Der geteilte Himmel" im Ruhrmuseum auf der Essener Zeche Zollverein. (Foto: Ruhr Museum / Deimel + Wittmar)
geprägten, zugleich aber säkularen Gesellschaft. Der Besucher gewinnt beim Rundgang auch mancherlei Alltagserkenntnisse: Fußball ist zwar für einige Fans selbst schon Religion, dass es die Bibel auch in einer Schalke 04-Edition gibt, dürfte vielen aber nicht bewusst sein. Ebenfalls im Ruhrgebiet, genauer gesagt im Ruhrmuseum der Essener Zeche Zollverein, ist bis Ende Oktober die Schau "Der geteilte Himmel" zu sehen, die sich mit Reformation und Religion im Revier seit dem Spätmittelalter befasst. Doch hat sich das religiöse Leben Nordrhein-Westfalens natürlich nicht nur im Kohlenpott zu einer kaum noch überschaubaren Vielfalt entwickelt. Daher wurde 2012 im westfälischen Telgte das "Réligio" eröffnet – das "Westfälische Museum für religiöse Kultur". Christliche und nichtchristliche Glaubenswelten werden hier unter anderem am "Tisch der Religionen" erläutert. Zum Reformationsjubiläum zeigt das Museum die Ausstellung "Gott3 – Juden, Christen und Muslime in ihrer Begegnung von Luther bis heute". Wie oftmals im Lutherjahr 2017 ist es nicht zuletzt das Thema der religiösen Toleranz, das dabei einen Schwerpunkt bildet.

Mach´s Maul auf

Blick in das RELíGIO, das Westfälische Museum für religiöse Kultur in Telgte bei Münster. (Foto: Andreas Lechtape / Religio)
Blick in das RELíGIO, das Westfälische Museum für religiöse Kultur in Telgte bei Münster. (Foto: Andreas Lechtape / Religio)
Martin Luther hat die deutsche Sprache um eine Vielzahl von Redewendungen und Begriffen bereichert, die längst zu unserem Alltag gehören, zum Beispiel "Lückenbüßer" oder "Machtwort". Auch Museumsleute dürfen den Reformator daher ruhig einmal wörtlich nehmen: "Mach‘s Maul auf" heißt die Ausstellung, die ab September im frisch renovierten Weserrenaissance-Museum im Lemgoer Schloss Brake zu sehen ist. Sie beschäftigt sich mit dem reformatorischen Aufbegehren in den Städten des Weserraums, das nicht selten mit zerstörten Altären und zerschlagenen Heiligenbildern endete. Auch die "neuen Medien" der Lutherzeit wie gedruckte Flugblätter werden vorgestellt. Unsere Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Inzwischen gibt es sogar ein "Pop-Oratorium" über Martin Luther, das in verschiedenen NRW-Städten gastiert. Lohnend erscheinen aber auch Spurensuchen abseits von Events und
Auch in Luthers Wittenberg grassierte die Seuche. Die Pestmaske kann im Lutherforum in Gladbeck begutachtet werden. (Foto: Lars Langemeier)
Auch in Luthers Wittenberg grassierte die Seuche. Die Pestmaske kann im Lutherforum in Gladbeck begutachtet werden. (Foto: Lars Langemeier)
Veranstaltungen. In Düsseldorf etwa erinnern mit der Neander- und der Bergerkirche zwei "versteckte" Gotteshäuser an die Zeit, als in der Stadt protestantische Kirchen noch nicht direkt an öffentlichen Straßen und Plätzen stehen durften. In Unna verweist das Philipp-Nicolai-Haus auf den Mann, der hier 1596-1601 als lutherischer Stadtprediger wirkte und der vor allem als Kirchenlieddichter bekannt geworden ist – ähnlich wie Joachim Neander (1650-80), der nicht nur der Namenspatron der Neanderkirche, sondern auch des weltberühmten Neandertals ist. Doch damit genug der Tipps. Den besten Rat für Entdecker hält Martin Luther selbst parat: "Es gilt nicht, sich im Winkel zu verkriechen".

Stand der Angaben: 1/2017





Die NRW-Stiftung förderte das Luther-Forum in Gladbeck, das RELÍGIO in Telgte, das Weserrenaissance‐Museum in Lemgo (Brake), das Philipp-Nicolai-Haus in Unna, den Altenberger Dom und andere Einrichtungen.

Weitere Hinweise zu "Luther 2017" in NRW unter:
www.nrw-tourismus.de/500-jahre-reformation-in-nrw
www.lutherforum-ruhr.de
www.museum-telgte.de
www.machs-maul-auf.de
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