WEISSSTÖRCHE IM KREIS MINDEN-LÜBBECKE

STORCHENSOMMER AN DER WESER

In der Baumkrone einer Esche hat dieses Weißstorchenpaar seinen Horst. Ob die Jungen flügge werden, hängt auch von der Witterung im Mai und Juni ab. (Foto: Frank Marske)
In der Baumkrone einer Esche hat dieses Weißstorchenpaar seinen Horst. Ob die Jungen flügge werden, hängt auch von der Witterung im Mai und Juni ab. (Foto: Frank Marske)
Diese Eltern haben ein bemerkenswertes Arbeitspensum: Kaum aus dem Winterurlaub zurück, müssen sie ihr Haus renovieren und dabei die neidischen Nachbarn auf Distanz halten. Ist das Gelege aus zwei bis fünf Eiern vollständig, heißt es 32 Tage lang stillsitzen und brüten – bis die Jungen schlüpfen. Ohne Pause folgt die stressigste Phase der Elternzeit, denn die Kleinen haben von morgens bis abends Appetit. Etwa zwei Monate lang müssen Regenwürmer, Insekten und kleine Wirbeltiere apportiert werden – dann erst ist der Nachwuchs flügge und verlässt das Nest.
Bis die Kinder sich endgültig von den Altvögeln trennen, vergeht ein weiterer Monat. In dieser Zeit gehen die Jungen bei den Erwachsenen in die Schule, lernen, woran man nahrungsreiche Wiesen erkennt, gucken sich bei ihnen ab, wie man Beute macht und welche Gefahren man meiden sollte, damit das Storchenleben nicht vorzeitig endet.

Ungeahnter Auftrieb

Ein Storchenpaar baut über Jahrzente an seinem Horst, er kann eine Höhe von mehreren Metern und ein Gewicht von zwei Tonnen erreichen. (Foto: Frank Marske)
Ein Storchenpaar baut über Jahrzente an seinem Horst, er kann eine Höhe von mehreren Metern und ein Gewicht von zwei Tonnen erreichen. (Foto: Frank Marske)
Der Engpass in der Umwelt der Störche ist nicht etwa die begrenzte Zahl der Horstplätze, es ist der Mangel an Biotopen, in denen es genug Nahrung gibt. Pro Brutpaar werden etwa 200 Hektar feuchtes offenes Gelände gebraucht, sonst wird eine Storchenfamilie nicht satt. Von solchen Lebensräumen gibt es in vielen Gegenden seit Jahrzehnten zu wenig. Immer mehr Wiesen und Weiden sind im vergangenen Jahrhundert drainiert oder zu Ackerland umgebrochen worden. Ende der 1980er Jahre erreichte der Storchenbestand einen Tiefpunkt. Für die gerade gegründete NRW-Stiftung war das Anlass, ein Weißstorch-Programm ins Leben zu rufen, begleitet von der Gründung des Aktionskomitees "Rettet die Weißstörche im Kreis Minden-Lübbecke" e.V. Erhebliche Fördermittel flossen in den Ankauf von Grünland in den Niederungen von Weser und Bastau. Die Flächen wurden wiedervernässt und an Landwirte verpachtet, die bereit waren, auf Dünger zu verzichten und erst spät zu mähen. Zusätzlich installierte man dort Nisthilfen, wo Störche durch wiederholte Besuche ihr Interesse an einer Immobilie bekundeten. Durchschritten war die Talsohle aber erst Mitte der 1990er Jahre. Nach einem Allzeit-Tief von nur drei Brutpaaren nahm die Population anschließend zwanzig Jahre stetig zu. Mit 55 brütenden Paaren und 95 ausgeflogenen Jungstörchen im Kreisgebiet war das Jahr 2016 die zweitbeste Storchensaison überhaupt.

Der frühe Vogel ...

Ein Gelege besteht im Durchschnitt aus zwei bis fünf Eiern. (Foto: Frank Marske)
Ein Gelege besteht im Durchschnitt aus zwei bis fünf Eiern. (Foto: Frank Marske)
Erfreulicherweise ist Adebars Renaissance nicht auf den Kreis Minden-Lübbecke beschränkt, auch in anderen Regionen geht es aufwärts, nur deutlich langsamer. Möglicherweise hängt das auch mit veränderten Zuggewohnheiten zusammen. Der Anteil der nordrhein-westfälischen Störche, die über den Balkan ins Winterquartier fliegen, nimmt nämlich ab, während die Zugroute Richtung Südwesten en vogue ist. Viele Störche reisen auch nicht mehr bis Afrika, sie bleiben immer öfter in Frankreich oder Spanien. Die Rückkehr erfolgt dann bereits zum Ende des Winters. Schon im Februar stehen die ersten Frühbucher auf ihren alten Nestern. Das verschafft den Tieren zwar einen Vorsprung gegenüber den "Last-minute"-Türkeifliegern, ein Brutbeginn im März ist jedoch ein Vabanquespiel. Gibt es nach dem Schlüpfen der Jungen einen Kälteeinbruch, droht dem Nachwuchs das Erfrieren oder Verhungern, denn Altvögel, die Futter suchen, können nicht gleichzeitig als Heizkissen auf dem Nest sitzen.

Text: Günter Matzke-Hajek
Ein Kinderspiel: Storch auf der Probe

Das storchenmuseum in Windheim ist ein liebevoll restaurierter 300 Jahre alter Hof. (Foto: Designstudio Minden)
Das storchenmuseum in Windheim ist ein liebevoll restaurierter 300 Jahre alter Hof. (Foto: Designstudio Minden)
Wer das Storchenparadies im Kreis Minden-Lübbecke richtig genießen möchte, dem sei die Storchenroute, ein markierter 46 Kilometer langer Fahrradweg, ans Herz gelegt. Beobachtungen von Störchen, die zwischen den Wiesen und ihren Dörfern pendeln, die sich schnabelklappernd auf ihrem Nest begrüßen und ihre Jungen füttern, sind garantiert. Epizentren der Storchenroute sind die Stadt Petershagen mit der größten Zahl besetzter Nester und das Örtchen Windheim mit seinem Westfälischen Storchenmuseum. Es ist in einem über 300 Jahre alten Bauernhof untergebracht, der 1998 gerade noch vor dem Abriss gerettet werden konnte. Mit finanzieller Unterstützung der NRW-Stiftung gelang die Restaurierung und die Einrichtung des Museums. Neben Exponaten zur Lebensweise der Störche und ihrem Schutz wird der Storch als Märchengestalt und als Symboltier für Fruchtbarkeit und Kindersegen vorgestellt. Unter dem gleichen Dach sind ein Cafe, ein Dorfladen und ein Museumsshop eingezogen. Neuerdings befindet sich gleich nebenan ein Spielplatz. Hier können Kinder einmal in die Storchenrolle schlüpfen: Im Matsch waten, auf Stelzbeinen laufen oder aus der Nestschaukel in den Himmel gucken.

Stand der Angaben: 1/2017





Mit dem Kauf wertvoller Auengebiete schaffte die NRW-Stiftung schon kurz nach ihrer Gründung gute Voraussetzungen für den Schutz der Weißstörche an der Weser. Bei zahlreichen weiteren Maßnahmen konnten die Naturschützer ebenfalls auf die Hilfe der NRW-Stiftung setzen.
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