BETSCHEIDER BACHTAL

AUS ZUVERLÄSSIGER QUELLE

Bei der Vorstellung der neuen Brücke über den Betscheider Back gab es trotz Schmuddelwetters nur zufriedene Gesichter. (Foto: Stadt Leichlingen)
Bei der Vorstellung der neuen Brücke über den Betscheider Back gab es trotz Schmuddelwetters nur zufriedene Gesichter. (Foto: Stadt Leichlingen)
Besucher des Bergischen Landes vergessen gelegentlich, dass das Tal der Wupper, so idyllisch es streckenweise wirkt, ein altes Industrierevier ist. Es mag zwar dünner besiedelt sein, aber die Traditionen von Bergbau, Wasserkraftnutzung und Metallverarbeitung reichen hier viel weiter zurück als im Ruhrgebiet zwischen Duisburg und Dortmund. Anders als im "Pott" blieb allerdings mehr Platz für die Natur. Ein reizvolles Waldgebiet mit mehreren besonders sauberen Quellbächen erstreckt sich entlang der Hochflächen und Hänge zwischen Remscheid und Leichlingen.

Über viele Kilometer begleiten die Wälder als fast geschlossenes Band die Wupper und reichen an vielen Stellen von den Höhen bis in die Aue. Eichen und Buchen, Bergahorne, Erlen, Eschen und Fichten verschränken sich zu einem luftigen Dach. Ökologen freuen sich über das Nebeneinander unterschiedlicher Waldtypen mit eingestreuten Felsen, Quellen und Fledermausstollen. Dass man nur drei Kilometer vom Zentrum Solingens entfernt ist, vergisst man hier völlig. Ein abwechslungsreicher Wanderweg folgt dem Tal, mal fast am Ufer des Flusses, meist aber auf halber Höhe am Hang.

Blick in ein grünes Séparée

Das Bergische Land mit seinem luftfeuchten, wintermilden Klima ist bekannt für seinen Reichtum an Moosen und Farnen. Einer von ihnen ist der Rippfarn mit seinen zwei unterschiedlichen Wedeltypen. (Foto: Günter Matzke-Hajek)
Das Bergische Land mit seinem luftfeuchten, wintermilden Klima ist bekannt für seinen Reichtum an Moosen und Farnen. Einer von ihnen ist der Rippfarn mit seinen zwei unterschiedlichen Wedeltypen. (Foto: Günter Matzke-Hajek)
Wie die Finger einer Hand vereinigen sich die Quellbäche vom Birkenberg, Wolfstaller Bach, Eulenpütz und der Kohlkuhle und münden dann als Betscheider Bach nördlich von Witzhelden. Bevor man das schmale Gewässer kreuzt, kurvt der Weg vom Wupperhang kommend in das Kerbtal hinein. Der kleine Schlenker erspart den Wanderern ein paar Höhenmeter und gibt Gelegenheit zu einem Blick in einen verwunschenen "Nebenraum". Die höhere Luftfeuchtigkeit befördert üppiges Mooswachstum, im Falllaub und zwischen Felsblöcken sprießen dunkelgrüne Farne. Die kurzen Bäche, die der Wupper aus dem Wald zufließen, sind in der Vergangenheit nie angetastet worden. So konnte in ihren Sickerquellen auch eine höchst anspruchsvolle Gehäuseschnecke (siehe Kastentext) überleben, die vom guten Zustand der kleinen Siefen und ihres Wassers zeugt.

Vor 45 Jahren: "Stinkefrei" am schwarzen Fluss

Dabei litten die Wälder im Bergischen jahrhundertelang unter einer viel zu häufigen Nutzung – der Hunger der Schmieden nach Holzkohle ließ keine Zeit zur Regeneration. Erst das Zeitalter der Steinkohle verhalf dem Waldbestand zu einem etwas höheren Alter, wenngleich die grüne Lunge jetzt unter Stäuben und Abgasen litt. Auch die einst für ihren Fischreichtum gerühmte Wupper krankte mehr als ein Jahrhundert lang an übermäßiger Verschmutzung. Sie war "der schwarze Fluss, der sich trüb und übel riechend über die eingebauten Wehre stürzte ...", wie 1905 der Schriftsteller Rudolf Herzog schrieb. Noch fast 70 Jahre später gab es in den Schulen in Kohlfurth und Leichlingen "stinkefrei", wenn der Geruch der Abwässer wieder einmal den Unterricht unmöglich machte. Mit schärferen Gesetzen, modernen Kläranlagen und besserer Abgasfilterung besserte sich der Zustand schließlich. Inzwischen sind die Wupper und ihre Zuflüsse so sauber wie in den letzten 150 Jahren nicht, und der Wald ergrünt in alter Frische.

Stiller Wanderweg statt Forstpiste

Dass die Wupperhänge bei Witzhelden heute ein Idyll bieten, ist eigentlich die Folge eines alten Nutzungskonflikts. Die Eigentümer von privaten Waldparzellen wünschten sich in den 1990er-Jahren neue, breitere Fahrwege zu ihren verstreut an den Hängen liegenden Parzellen. Ein Teil der Steillagen und die Quellsiefen wären dadurch buchstäblich unter die Räder gekommen. Die NRW-Stiftung konnte das drohende Szenario abwenden, indem sie den Privatwaldbesitzern die Grundstücke abkaufte und dem Naturschutz widmete. Im Verbund mit anderen naturnahen Waldflächen und Abschnitten der Wupperaue ist das Betscheider Bachtal heute Teil des europäischen Schutzgebietssystems "Natura 2000".

Text: Günter Matzke-Hajek
RHEINLÄNDERIN MIT SANFTEN RUNDUNGEN

So klein wie ein Streichholzkopf ist das Haus von Dunkers Quellschnecke. Die Art lebt in sauberen Sickerquellen des Rheinischen Schiefergebirges. (Foto: Klaus Borgon)
So klein wie ein Streichholzkopf ist das Haus von Dunkers Quellschnecke. Die Art lebt in sauberen Sickerquellen des Rheinischen Schiefergebirges. (Foto: Klaus Borgon)
Die meisten Menschen würden das drei Millimeter große Gehäuse der Quellschnecke Bythinella dunkeri vermutlich für ein Steinchen halten, wenn man es ihnen in die Hand legte, so unscheinbar ist es. Der Winzling braucht sehr sauberes und kalkarmes Wasser. Trocknet eine Quelle im Sommer oberfl ächlich aus, verkriechen sich die Schnecken in feine Hohlräume im Untergrund und überstehen so die Durststrecke. Das Verbreitungsgebiet der Art geht nur wenig über das Rheinische Schiefergebirge hinaus, die kleine Schnecke mit den sanften Rundungen ist also eine waschechte Rheinländerin. Aber es kommt noch besser: Als Zoologen die Art um die Mitte des 19. Jahrhunderts für die Wissenschaft entdeckten, stammten ihre ersten Exemplare aus einer Quelle am Nützenberg im Stadtgebiet von Elberfeld, nur etwa 500 Meter von der Wupper entfernt. Unter anderem sammelte sie dort auch der Entdecker des Neandertaler Menschen, der Lehrer Johann Carl Fuhlrott.

Stand der Angaben: 2016 / Nr. 1





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Die NRW-Stiftung erwarb 40 Hektar Wald an den Wupperhängen nördlich von Witzhelden, um die ökologisch wertvollen Flächen dauerhaft für den Naturschutz zu sichern. Das Gebiet ist durch einen Wanderweg erschlossen. Damit dieser auch bei feuchter Witterung benutzbar bleibt, beteiligte sich die Stiftung an den Kosten für eine Brücke über den Unterlauf des Betscheider Bachs. Die schlichte, stabile Stahl-Eichenholz-Konstruktion ersetzte eine morsche Brücke an gleicher Stelle.
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