DIE ROTE COUCH UNTERWEGS IN NRW

BILD FÜR BILD ZUM NRW-PORTRÄT MIT COUCH

Die Rote Couch in unterirdischen Tropfsteinwelten: Dr. Stefan Niggemann, Corinna Hoff und Rasmus Dreyer vom Team der Dechenhöhle in Iserlohn-Letmathe haben zum Fototermin Platz genommen. (Foto: Horst Wackerbarth)
Die Rote Couch in unterirdischen Tropfsteinwelten: Dr. Stefan Niggemann, Corinna Hoff und Rasmus Dreyer vom Team der Dechenhöhle in Iserlohn-Letmathe haben zum Fototermin Platz genommen. (Foto: Horst Wackerbarth)
Sind Sie schon der Roten Couch begegnet? An vielen Orten Nordrhein Westfalens hat der Fotograf Horst Wackerbarth sein weltberühmtes Möbel bereits aufgestellt, um Menschen darauf Platz nehmen zu lassen und ihnen seine "universellen Fragen" zu stellen. Schritt für Schritt entsteht so aus Fotos und Videointerviews das künstlerische Landesporträt zum 70. Geburtstag von NRW und zum 30. Geburtstag der NRW Stiftung. Die Ausstellung "heimat.nrw" wird ab September in Düsseldorf gezeigt und geht später auf Reisen. Bereits jetzt lassen viele Bilder erkennen, wie Wackerbarth bei dem Projekt arbeitet.

Patrick Mösch arbeitet für das "Naturschutzzentrum Märkischer Kreis", von dem das Naturschutzgebiet "Steinbruch Helmke" in Iserlohn betreut wird. (Foto: Judith Büthe)
Patrick Mösch arbeitet für das "Naturschutzzentrum Märkischer Kreis", von dem das Naturschutzgebiet "Steinbruch Helmke" in Iserlohn betreut wird. (Foto: Judith Büthe)
Fotografie fängt das Licht ein – doch es muss nicht immer von glänzenden Oberflächen stammen. Horst Wackerbarth möchte mit dem Landesporträt jedenfalls auch Zusammenhänge erhellen, die nicht so leicht ins Auge fallen. Es ist ähnlich wie bei vielen Förderprojekten der NRW-Stiftung, die gefährdete Kultur oder Natur bewusst in den Blick rücken, um sie vor dem Vergessen oder Verschwinden zu bewahren. Die "Helmke" zum Beispiel, eine Steinbruchlandschaft bei Iserlohn, sah vor rund 30 Jahren alles andere als glanzvoll aus, denn sie wurde als Schrottplatz missbraucht – trotzdem erkannten engagierte Anwohner ihr Potenzial als wertvolles Naturschutzgebiet und nahmen den Steinbruch in ihre Obhut. Mit Erfolg, denn heute sichert er vielen Tieren und Pflanzen geeigneten Lebensraum. Einen der Betreuer des Areals bat Wackerbarth zum Interview. Die Frage nach dem Ursprung des Universums beantwortete der 26-jährige Patrick Mösch dabei augenzwinkernd so: "Ich würde ja gerne sagen, ich war’s. Aber ich war’s leider nicht." Womit er unterstreicht, dass man im Lichte der Tatsachen immer am klarsten sieht – mit oder ohne Kamera.

Die Republik und das Büdchen

Das "Bonner Büdchen" mit Inhaber Jürgen Rausch auf der Couch und Konrad Adenauer im Porträt - dazu Horst Wackerbarth in Aktion. Viele Unterstützer wünschen sich eine Rückkehr des Büdchens in das ehemalige Regierungsviertel. (Foto M. L. Preiss)
Das "Bonner Büdchen" mit Inhaber Jürgen Rausch auf der Couch und Konrad Adenauer im Porträt - dazu Horst Wackerbarth in Aktion. Viele Unterstützer wünschen sich eine Rückkehr des Büdchens in das ehemalige Regierungsviertel. (Foto M. L. Preiss)
In einem wenig glanzvollen Zustand befindet sich derzeit auch das legendäre "Bundesbüdchen", das trotzdem einer der charmantesten Zeitzeugen der sogenannten Bonner Republik ist. Jahrzehntelang stand es mitten im Bonner Regierungsviertel. Politiker, Journalisten und Parlamentsangestellte kauften hier ihre Zeitungen, Zigaretten oder Comics, aßen Bratwurst, bestellten Getränke und nutzten die Gelegenheit zum Plausch und zum Tausch von Informationen. Erst 2006 musste das nierenförmige Büdchen, das von der Familie Rausch betrieben worden war, dem World Conference Center Bonn weichen. Es wurde jedoch nicht abgerissen, sondern per Tieflader zu einem Bauhof verfrachtet. Seitdem wartet Inhaber Jürgen Rausch, der derzeit einen Imbiss führt, auf die schon häufig versprochene, aber bislang nie eingelöste Wiederkehr des denkmalgeschützten Bauwerks – das inzwischen sogar einen eigenen Förderverein hat. Horst Wackerbarth fotografierte das Büdchen zusammen mit einem extra vom Petersberg herbeigeholten Adenauer-Porträt. Aus der Erinnerung an eine Ära, der Symbolik eines entwurzelten Baudenkmals und der Idee des Neubeginns entstand so ein spannender Beitrag zur "heimat.nrw".

Die Couch und die Kathedralen

Die rote Couch hoch oben am Kölner Dom mit Prof. Barbara Schock-Werner, die bis 2012 Dombaumeisterin war und Vorstandsmitglied der NRW-Stiftung ist. (Foto: Dominik Elstner)
Die rote Couch hoch oben am Kölner Dom mit Prof. Barbara Schock-Werner, die bis 2012 Dombaumeisterin war und Vorstandsmitglied der NRW-Stiftung ist. (Foto: Dominik Elstner)
Wie viele Bundesbüdchen man stapeln müsste, um die gewaltigen Dimensionen des Kölner Doms zu erreichen, hat vermutlich noch niemand errechnet. Gegenüber der riesigen Kathedrale und ihrer fast 800-jährigen Geschichte wirkt eigentlich alles winzig – selbst eine weltberühmte Couch. Der Dom ist die meistbesuchte deutsche Sehenswürdigkeit, die aber trotzdem viele weniger bekannte Seiten hat. Weil Horst Wackerbarth in luftiger Höhe einen kleinen Fetzen aus dem roten Bezugsstoff seines Sofas schnitt und für eine Nahaufnahme verwendete, geraten in seinem Porträt die Dommauern nicht in ihrer Monumentalität in den Blick, sondern als Biotop für Mikroalgen, Flechten und Moose. Dass auf der Kathedrale fast 1.000 Tonnen Biomasse (inklusive größerer Pflanzen und Tiere) vermutet werden, hört sich rekordverdächtig an. Es veranlasste die NRW-Stiftung vor einigen Jahren dazu, eine Broschüre über die Dom-Ökologie zu fördern. Horst Wackerbarths Blick auf die Mikrowelten des berühmten Bauwerks widmet sich also einem Thema, das größer ist, als es scheint.

Die Lüdenscheider Schützenhalle aus dem Jahr 1900 wurde zum Treffpunkt mit Mithat Gedik, Westfale mit türkischen Wurzeln und Schützenkönig muslimischen Glaubens. (Foto: Judith Büthe)
Die Lüdenscheider Schützenhalle aus dem Jahr 1900 wurde zum Treffpunkt mit Mithat Gedik, Westfale mit türkischen Wurzeln und Schützenkönig muslimischen Glaubens. (Foto: Judith Büthe)
Wie eine Kathedrale wirkt auch die "Neue Schützenhalle" in Lüdenscheid aus dem Jahr 1900. Sie ist zwar keine Kirche, folgt aber dem Grundriss einer Basilika. Zahlreiche prominente Künstler traten hier schon auf, von Marika Rökk bis zur Rockband Deep Purple. Horst Wackerbarth wählte die Halle als Treffpunkt für seine Begegnung mit dem Westfalen Mithat Gedik – vor zwei Jahren wurde er erster muslimischer Schützenkönig innerhalb des katholischen "Bundes der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften". Gedik schoss den Vogel allerdings nicht in der Lüdenscheider Festhalle ab (deren Schützen nicht zum BHDS gehören), sondern in seinem Wohnort Werl-Sönnern. Während man dort sein Bekenntnis zu Allah nicht als Hinderungsgrund für eine vollgültige Königswürde betrachtete, sorgte die Leitung des BHDS mit ihrer abweichenden Ansicht für ein gewaltiges Medienecho. So riesig, dass der mit einer Katholikin verheiratete Gedik, der auch Vater von vier Kindern ist, in der Roten Couch zunächst nur eine Vorbotin neuerlichen Rummels vermutete. Zum Glück ließ er sich nach genauerer Information über das NRW-Porträt doch noch für das Projekt gewinnen – während der in Köln ansässige BHDS inzwischen einen vorsichtigen Öffnungskurs angekündigt hat.

Verliebt in NRW

Die Renaturierung der Lippeauen im Kreis Soest wird von der NRW-Stiftung gefördert. Im Bild Matthias Scharf von der "Arbeitsgemeinschaft Biologischer Umweltschutz Soest" mit Taurusrind Laura. (Foto: Judith Büthe)
Die Renaturierung der Lippeauen im Kreis Soest wird von der NRW-Stiftung gefördert. Im Bild Matthias Scharf von der "Arbeitsgemeinschaft Biologischer Umweltschutz Soest" mit Taurusrind Laura. (Foto: Judith Büthe)
Wir sind am Ende dieses kurzen Werkstattberichts. Zitieren wir zum Schluss noch den in Belgien geborenen und in Soest aufgewachsenen Snowboardfan Roel Lessinnes, der auf dem verschneiten Kahlen Asten zu Protokoll gab, er sei "verliebt in NRW". Und hören wir auch noch kurz auf Dr. Norbert Tenten von der Biologischen Station Haus Bürgel, der vier Jahre lang in China forschte, Nordrhein-Westfalen jedoch schon wegen der karnevalistischen fünften Jahreszeit als unverwechselbare Heimat betrachtet. Für diese und viele andere Details aus dem Projekt "heimat.nrw" bleibt hier nur die Empfehlung, dem Beispiel Horst Wackerbarths zu folgen – und sich selbst ein Bild von der Sache zu machen.

Text: Ralf J. Günther
DREI FRAGEN AN HORST WACKERBARTH

Horst Wackerbarth fragt die Menschen auf der roten Couch stets nach Glück, Heimat und Universum. (Foto: Judith Büthe)
Horst Wackerbarth fragt die Menschen auf der roten Couch stets nach Glück, Heimat und Universum. (Foto: Judith Büthe)
Den Menschen auf der Roten Couch stellt Horst Wackerbarth stets seine "universellen Fragen" nach Glück und Unglück, Heimat und Universum. Wir stellen drei konkrete Fragen an Horst Wackerbarth selbst.

In Nordrhein-Westfalen leben nicht ganz, aber annähernd so viele Menschen wie in der Metropolregion New York und fast doppelt so viele wie in Schweden, das dreizehnmal so groß ist. Wie viel Welt lässt sich in NRW porträtieren?

Allein von Köln bis Dortmund gibt es genauso viele kulturelle Angebote wie in Los Angeles, Paris oder London – vermutlich mehr. Nach langen Reisen rund um den Globus bin ich inzwischen in NRW zum Entdecker geworden. Mein Begriff von Heimat hat sich dadurch verändert, früher bin ich ihm ausgewichen, jetzt passt er für mich zu Vielfalt und zu Begegnungen mit Menschen aus aller Welt. Man braucht nur an das Ruhrgebiet mit seiner langen Zuwanderungsgeschichte zu denken.

Was bedeutet künstlerische Fotografie in einer Zeit der digitalen Bilderfluten?

So wie die Malerei durch die Fotografie herausgefordert wurde, wird es nun die Fotografie durch die Digitalisierung. Die alte Idee "Jeder Mensch ein Künstler" scheitert heute nicht mehr an fehlender Technik. Man muss aber auch das Sehen lernen. Gute Fotos sind das Ergebnis von Auswahl und bewusster Entscheidung. Datenmüll wird sogar Familienerinnerungen eher verschütten als bewahren.

Beim Film heißen nicht verwendbare Szenen "Outtakes". Was ist beim NRW-Porträt anders gelaufen als geplant?

Im Gegensatz zu Dreharbeiten nach starrem Plan kann ich als Fotograf schnell auf die Umstände vor Ort reagieren, das verhindert allzu viele Pannen. Die Frage, ob ein Bild zur Ikone wird oder eher eine Gurke bleibt, zeigt aber erst die Zeit. Auch Absagen kommen vor – ich hätte gern die Miele-Familien in das NRW-Porträt einbezogen, denn Miele ist ja nicht nur eine weltbekannte Marke aus Westfalen, sondern auch der interessante Fall eines "Zweifamilienunternehmens". Leider gab es keine Zusage.
HEIMAT.NRW – TERMINE UND INFORMATIONEN

Das fotografische Landesporträt zeigt NRW in unterschiedlichen Jahreszeiten. Die blühenden Narzissenwiesen in der Eifel gehören mit zum NRW-Frühling. (Foto: Ella Rothmann)
Das fotografische Landesporträt zeigt NRW in unterschiedlichen Jahreszeiten. Die blühenden Narzissenwiesen in der Eifel gehören mit zum NRW-Frühling. (Foto: Ella Rothmann)
2016 feiert NRW seinen 70. Geburtstag und die NRW-Stiftung wird 30 Jahre alt, zusammen sind das "100 Jahre Heimat". Aus diesem Anlass entsteht ein fotokünstlerisches Porträt landestypischer Themen, Menschen und Orte – inklusive zahlreicher Stiftungsprojekte. Der Künstler Horst Wackerbarth fotografiert für "heimat.nrw" ein Jahr lang in den Regionen, seine berühmte Rote Couch kehrt damit nach vielen internationalen Reisen heim. Das Projekt der NRW-Stiftung wird von der RAG-Stiftung und der Firma Evonik unterstützt.

Die Ausstellung "Wackerbarth: Heimat NRW" ist in Teilen ab 13. September 2016 im NRW-Landtag und mit allen Werken dann vom 17. September bis zum 30. Oktober 2016 im NRW-Forum in Düsseldorf zu sehen. Danach wandert sie durch Nordrhein- Westfalen. Auch aus Berlin und Brüssel liegen bereits Anfragen vor. Das Buch zu dem Projekt kostet 49 Euro und ist ab Mitte September im Buchhandel erhältlich. Ein Kunstkalender mit den neuen Motiven wird für 59 Euro angeboten.

Weitere Informationen unter:
www.nrw-heimat.de
www.facebook.com/theredcouch
www.horst-wackerbarth.com

Stand der Angaben: 2016 / Nr. 1





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