NSG QUARZSANDGRUBE IM RHEIN-SIEG-KREIS

KINDERZIMMER MIT SEIDENTAPETE

Die längste Zeit ihres Lebens verbringen die Frühlings-Seidenbienen im Boden. (Foto: Michael Schäfer)
Die längste Zeit ihres Lebens verbringen die Frühlings-Seidenbienen im Boden. (Foto: Michael Schäfer)
"Habitat in Terra sabulosa", zu Deutsch: Sie wohnt in sandiger Landschaft – so schrieb Carl von Linné vor mehr als 250 Jahren über die Frühlings-Seidenbiene. In einem Buch über die Tierwelt Schwedens taufte der berühmte Naturforscher die neu entdeckte Art auf den wissenschaftlichen Namen Apis cunicularia, was übersetzt so viel wie "Kaninchenartige Biene" bedeutet. Wahrscheinlich sahen die winzigen Nesteingänge der Insekten für Linné aus wie die Erdlöcher einer Kaninchenkolonie. Die interessante Wildbienenart gibt es auch bei uns. In einer stillgelegten Sandgrube bei BornheimBrenig im RheinSiegKreis kümmern sich Naturschützer darum, dass sie bei uns gute Lebensbedingungen behält.

Dutzende von Nesteingängen können auf einem einzigen Quadratmeter nebeneinanderliegen – es geht also richtig betriebsam zu in der Kolonie der Seidenbienen. Trotzdem gelten die Tiere nicht als soziale Insekten, denn sie bauen weder Gemeinschaftsnester noch kennen sie Arbeitsteilung. Sie gehören vielmehr zu den sogenannten Solitärbienen.

Ungeduldige Verehrer

Jedes Weibchen gräbt eigene Neströhren für bis zu sechs Nachkommen, sammelt darin "Babynahrung" in Form eines Pollen-Nektar- Gemischs und legt jeweils ein Ei an die genau bemessenen Futterportionen. Im Unterschied zur gewöhnlichen Honigbiene bauen Seidenbienen nicht mit Wachs. Stattdessen bespannen sie die winzigen Einzelzimmer ihres Nestes mit einer durchsichtigen Seidentapete. Die stellen sie her wie einen Zweikomponentenkleber. Aus einer Drüse am Hinterleib scheidet die weibliche Biene den fl üssigen Grundstoff aus. Während sie diesen mit den Mundwerkzeugen auf der Wand verstreicht, sorgen Enzyme aus ihrem Speichel dafür, dass sich die molekularen Bausteine in langen Ketten anordnen und dabei zu einem elastischen Gewebe gerinnen. Es stabilisiert nicht nur die Wände, sondern schützt auch vor Nässe und Schimmel. Gut geborgen wachsen die Larven darin bis zum Herbst zu erwachsenen Bienen heran. Sie verbleiben aber noch bis zum folgenden Frühjahr in ihren kleinen Kinderzimmern. Erst wenn die Strahlen der Märzsonne den Boden erwärmen, arbeiten sich die Winterschläfer ins Freie. Besonders die jungen Weibchen werden schon sehnsüchtig erwartet. Kaum sind sie an die Oberfl äche gekrochen, werden sie von den jungen Männchen in Empfang genommen. Die sind schon ein paar Tage früher aktiv. Mithilfe ihrer feinen Sinne können sie wahrnehmen, wo eine Bienendame auftauchen wird. Die Paarung lässt dann meist nicht lange auf sich warten.

Ersatzheimat Sandgrube

Wenn im April die Weiden aufhören zu blühen, endet auch bald die Flugzeit der Frühlings-Seidenbienen. In Größe und Gestalt ähneln sie Honigbienen, aber ihre Fühler wirken länger und stärker gekrümmt. (Foto: Andreas Haselböck/naturspaziergang.de)
Wenn im April die Weiden aufhören zu blühen, endet auch bald die Flugzeit der Frühlings-Seidenbienen. In Größe und Gestalt ähneln sie Honigbienen, aber ihre Fühler wirken länger und stärker gekrümmt. (Foto: Andreas Haselböck/naturspaziergang.de)
Während andere Seidenbienenarten Sommertiere sind und erst durch die Gegend summen, wenn ein vielfältiges Blütenangebot besteht, fl iegt die Frühlings-Seidenbiene zwischen Mitte März und Ende April. Ihre Aktivitätsphase ist genau mit der Blüte von Salweide, Grauweide und den anderen Weidenarten synchronisiert. Die Tiere sind nämlich auf den Pollen und Nektar dieser Pfl anzen spezialisiert. Wenn deren Kätzchen nichts mehr hergeben, beenden auch die Seidenbienen ihre bienenfl eißige Vorratshaltung für die nächste Generation. Dass die Seidenbienen ausgerechnet in einer Sandgrube leben, ist kein Zufall. Ihre eigentliche Heimat waren die Hochufer und Sandaufwehungen unregulierter Flüsse. Seit Fließgewässer aber begradigt und ihre Ufer befestigt sind, fehlen solche Biotope. Und auch die sogenannte "freie Landschaft" hält längst nicht mehr, was ihr Name verspricht: Offene Brachfl ächen gibt es kaum noch – was nicht asphaltiert oder überbaut ist, wird landwirtschaftlich intensiv genutzt. Zur Schicksalsgemeinschaft der heimatvertriebenen Auenbewohner gehören bei uns deshalb auch Vögel wie der Flussregenpfeifer und Amphibien wie Kreuz- und Wechselkröte. Gäbe es die Sand- und Kiesgruben nicht, wären sie bei uns wohl bereits ausgestorben.

Text: Günter Matzke-Hajek
RHEINISCHE FRUCHTFOLGE, EINMAL ANDERS

Der Aussichtsturm am Ende der Grube bietet Besuchern einen guten Überblick. (Foto: Achim Baumgartner)
Der Aussichtsturm am Ende der Grube bietet Besuchern einen guten Überblick. (Foto: Achim Baumgartner)
Scherzhaft spricht man von der "Rheinischen Fruchtfolge", wenn es Grundeigentümern gelingt, aus ein und derselben Fläche mehrmals nacheinander Kapital zu schlagen. Bei Bornheim-Brenig lief es anders, denn hier profitiert kein Geschäftemacher, sondern die Natur. Statt Gerste – Grube – Golfplatz hieß es hier: Weideland – Sandabbau – Artenschutz. Die rund 20 Hektar große Quarzsandgrube bei Bornheim-Brenig steht nämlich seit 1996 unter Naturschutz. Tonschichten im Untergrund begünstigen die Entstehung von Tümpeln, in denen sich im Frühjahr die Larven des Springfroschs tummeln. An den Ufern wachsen seltene Blütenpfl anzen wie Schlammling und Schuppenmiere, und die sandigen Böschungen sind der Lebensraum vieler Tiere, die auf offene, warme Standorte angewiesen sind. Auch für Fledermäuse ist die Grube attraktiv: Die BUND-Kreisgruppe Rhein-Sieg, die das Gebiet fachkundig pfl egt und betreut, hat einen alten Wasserbunker zu einer Fledermausunterkunft umgebaut. Einen guten Geländeüberblick können sich Besucher jederzeit verschaffen, wenn sie den Aussichtsturm am Nordostende der großen Grube besteigen. Er wurde vom Landschafts-Schutzverein Vorgebirge (LSV) errichtet. Außerhalb der Vogelbrutzeit werden regelmäßig Führungen in die Grube und ihre Umgebung angeboten.

Stand der Angaben: 2016 / Nr. 1





Die NRW-Stiftung ermöglichte der BUND-Kreisgruppe Rhein-Sieg den Kauf von Grundstücken in der Quarzsandgrube Brenig, die oberhalb von Bornheim zwischen Köln und Bonn liegt. Kombiniert mit Fördergeldern der EU wurde die Grube naturschutzgerecht renaturiert, um sie für gefährdete Offenlandarten zu erhalten.
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