BARRIEREFREI IN NRW

HEIMAT OHNE HINDERNISSE

Durch die Modelle des Bildhauers Egbert Broerken lassen sich Stadtbilder ertatsten. Die NRW-Stiftung fördert ein Modell für die Stadt Nideggen.<br />
(Foto: Kreis Soest, Guide4Blind)
Durch die Modelle des Bildhauers Egbert Broerken lassen sich Stadtbilder ertatsten. Die NRW-Stiftung fördert ein Modell für die Stadt Nideggen.
(Foto: Kreis Soest, Guide4Blind)
Erleben, was nah und wichtig ist, mitmachen bei Kultur- und Naturschutz – das sind Ziele, die allen Menschen offenstehen sollten. Doch selbst das Naheliegende ist nicht immer leicht erreichbar, zum Beispiel weil die Wege dorthin nicht jeder bewältigen kann oder weil notwendige Informationen nicht für jedermann verständlich aufbereitet sind. Barrierefreiheit und Inklusion sind die beiden Strategien, um solche Hürden zu beseitigen und Teilhabe für alle zu ermöglichen. Zahlreiche von der NRW-Stiftung geförderte Projekte bauen schon seit Jahren Brücken zu einer Heimat ohne Hindernisse. Sie veranschaulichen die vielen Aspekte einer Aufgabe, von deren Lösung alle profitieren können.

Durch das Große Torfmoor bei Lübbecke und Hille in Ostwestfalen führt ein drei Kilometer langer Erlebnispfad, der auch mit Kinderwagen oder Rollstühlen zu befahren ist. (Foto: Stefan Ziese)
Durch das Große Torfmoor bei Lübbecke und Hille in Ostwestfalen führt ein drei Kilometer langer Erlebnispfad, der auch mit Kinderwagen oder Rollstühlen zu befahren ist. (Foto: Stefan Ziese)
Es gibt Handicaps, die von Geburt an bestehen, doch die meisten körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen, mit denen Menschen rechnen müssen, entwickeln sich im Alter oder infolge von Krankheiten und Unfällen. Völlig verschont zu bleiben, ist meist eine vergebliche Hoffnung. Augen, Gehörsinn, Beweglichkeit oder Geisteskraft lassen irgendwann bei fast jedem nach und nicht immer gibt es Maßnahmen dagegen. Der Wunsch nach einer Welt mit möglichst wenigen Hindernissen ist also nicht das Resultat seltener Ausnahmesituationen, sondern alltäglicher Erfahrungen. Im Übrigen kann dieser Wunsch sogar ausgesprochen erfreuliche Gründe haben. Zum Beispiel, wenn Eltern ihren Nachwuchs möglichst hürdenfrei per Kinderwagen transportieren möchten. Das Erste, was man beim Thema Inklusion und Barrierefreiheit überwinden sollte, ist daher das Unbehagen vor vermeintlich lauter bedrückenden Dingen.

Kaffee, Kunst und Kommunikation

Das Engagement der Bewohner Bürvenichs, Menschen mit Behinderung ins Dorfleben einzubeziehen, würdigte die NRW-Stiftung 2015 beim Wettbewerb "Unser Dorf" mit dem Sonderpreis Inkusion. (Foto: Anke Schirocki)
Das Engagement der Bewohner Bürvenichs, Menschen mit Behinderung ins Dorfleben einzubeziehen, würdigte die NRW-Stiftung 2015 beim Wettbewerb "Unser Dorf" mit dem Sonderpreis Inkusion. (Foto: Anke Schirocki)
Gegen Hemmnisse in den Köpfen sind gute Erfahrungen das beste Mittel. Erfahrungen, wie sie das "Café Alte Werkstatt" auf der barocken Hofanlage im ostwestfälischen Hiddenhausen ermöglicht. Jeden Mittwoch werden hier die Gäste von Schülerinnen und Schülern einer Förderschule für geistige Entwicklung bewirtet. Die Lehranstalt – das Johannes-Falk-Haus in Hiddenhausen – hat Hauswirtschaft als Schwerpunkt, sodass die Arbeit im Café den jungen Leuten Praxis und Selbstvertrauen vermittelt. "Zugleich", so Anna von Consbruch, Vorsitzende des Hiddenhausener Denkmalvereins, "ist ein Ort der Begegnung entstanden, an dem unterschiedliche Menschen miteinander arbeiten und ins Gespräch kommen." Das engagierte Projekt war der NRW-Stiftung einen der Sonderpreise für Inklusion wert, die sie seit 2015 beim Wettbewerb "Unser Dorf hat Zukunft" verleiht. Die gleiche Auszeichnung erhielt auch Bürvenich, ein Stadtteil von Zülpich, in dem die Bundesvereinigung Lebenshilfe ein großes Heilpädagogisches Zentrum betreibt. Menschen mit Lernschwierigkeiten, Autismus und anderen Handicaps finden dort Unterstützung und Wohnraum. Zugleich sind sie Teil einer funktionierenden Dorfgemeinschaft, denn eine lange Tradition gemeinsamer Feste, Wanderungen und Karnevalssitzungen hat in Bürvenich für ein beispielhaftes Miteinander gesorgt. Es bereitete auch den Boden für ein Kunstprojekt, bei dem Menschen mit und ohne Behinderung als Regisseure, Maler oder Darsteller aktiv werden konnten. Der in Bürvenich aufgewachsene, jetzt in Shanghai lebende Joseph-Beuys-Schüler Rolf A. Kluenter setzte die kreativen Selbstinszenierungen ins Bild, eine Agentur nutzte die Fotografien anschließend für einen ambitionierten Inklusions-Werbefeldzug. Mit Erfolg: Die Kampagne gewann den "Comprix-Gold-Award für innovative Kommunikation" in Berlin und erreichte den dritten Platz in der Kategorie "Gesundheitseinrichtungen und -dienste" bei den "Global Awards" in New
York.

Wege zur Natur

Die Holzstele veranschaulicht die Geologie der Eifel in Form eines Tastmodells.
Die Holzstele veranschaulicht die Geologie der Eifel in Form eines Tastmodells.
Von Bürvenich aus ist es nicht weit in die Eifel, eine der NRW-Regionen, die man nicht zuletzt wegen ihrer beeindruckenden Natur gern erkundet. Wer gut zu Fuß ist, versucht es dabei manchmal über Stock und Stein, oft zum Kummer von Naturschützern, die Wege bekanntlich nicht nur als Möglichkeit zur Erschließung von Landschaften verstehen, sondern auch als Instrument zur Lenkung von Besucherströmen und damit zur Schonung empfindlicher Flächen.

Der altväterliche Hinweis "Wanderer, bleib auf dem Wege" hat also durchaus seine guten Gründe. Wenn die vorgeschlagenen Wegstrecken außerdem noch barrierefrei sind, wie etwa bestimmte Plankenpfade durch Hochmoorgebiete, dann profitieren davon nicht nur die viel zitierten Rollstuhlfahrer, sondern auch Familien mit kleinen Kindern, ältere Menschen oder Personen mit vorübergehend verminderter Mobilität – immerhin ein gutes Drittel aller Besucher.

Die NRW-Stiftung unterstütze das Naturschutzzentrum Arche Noah in Menden durch Infotafeln mit Brailleschrift und Tastmodellen. (Foto: Arche Noah e.V.)
Die NRW-Stiftung unterstütze das Naturschutzzentrum Arche Noah in Menden durch Infotafeln mit Brailleschrift und Tastmodellen. (Foto: Arche Noah e.V.)
Sehbehinderte und Blinde bedürfen speziellerer Unterstützung. Buchstäblich richtungsweisend ist in dieser Hinsicht der 2006 eröffnete barrierefreie Landschaftspfad an der Eifelhöhenklinik in Nettersheim-Marmagen. Unter Einbeziehung von Tast-, Geschmacks-, Klang- und Dufterlebnissen schildert er an zwölf Stationen unter anderem das Leben auf einer Kalkmagerwiese, die Insektenwelt, aber auch Themen aus der Römerzeit. Zugleich illustriert seine Entstehung die große Vielfalt des Themas Barrierefreiheit: Sehbehinderte profitieren von den Führungskanten und Tastmodellen des Pfades, während für Hörgeschädigte am Tag der Einweihung ein Gebärdendolmetscher bereitstand. Die Kaffeepause nach einer Wanderung ist dank der entsprechend ausgestatteten Gastronomie der nahen Klinik ebenfalls nicht in Gefahr. Trotzdem bleiben auch für dieses Vorzeigeprojekt noch Zukunftsaufgaben, ist doch ein Aussichtsturm am Wegesrand für Gehbehinderte bislang nicht hürdenfrei zu erreichen.

Im Naturschutzgebiet Rieselfelder Windel ermöglicht eine rollstuhlgerechte Aussichtskanzel Tierbeobachtungen am Wasser. (Foto: Biologische Station Gütersloh/Bielefeld e.V.)
Im Naturschutzgebiet Rieselfelder Windel ermöglicht eine rollstuhlgerechte Aussichtskanzel Tierbeobachtungen am Wasser. (Foto: Biologische Station Gütersloh/Bielefeld e.V.)
Landschaftserlebnisse für alle sind selbstverständlich kein Monopol der Eifel. So hat die NRW-Stiftung zum Beispiel auch am sauerländischen Aussichtsturm "Hohe Bracht" einen behindertengerechten Naturerlebnispfad gefördert. Im Bielefelder Naturschutzgebiet Rieselfelder Windel wurde hingegen 2013 eine barrierefreie Aussichtskanzel eingeweiht, die Vogelbeobachtungen direkt am Gewässer ermöglicht. Wie Jürgen Schleef von der Biologischen Station Gütersloh berichtet, profitierte auch ein auf den Rollstuhl angewiesener Praktikant bereits von dieser Kanzel – was uns daran erinnert, dass Barrierefreiheit und Inklusion nicht nur das Dabeisein, sondern vor allem auch das aktive Tun erleichtern sollen. Für Mitarbeiter eines Projektes kann das ebenso gelten wie für interessierte Gäste, etwa wenn auf dem Landschaftshof Baerlo im rheinischen Nettetal blinde Menschen an Korbflechtkursen teilnehmen.

Bauwerke zwischen damals und heute

Die rund 1.000 Jahre alten Überreste der Kreuzkirchen auf dem Wittekindsberg nahe Porta Westfalica liegen unter einem Schutzbau. (Foto: Gesellschaft zur Förderung der Archäologie in Ostwestfalen e. V.)
Die rund 1.000 Jahre alten Überreste der Kreuzkirchen auf dem Wittekindsberg nahe Porta Westfalica liegen unter einem Schutzbau. (Foto: Gesellschaft zur Förderung der Archäologie in Ostwestfalen e. V.)
In einem Land mit so reicher Kulturgeschichte wie Nordrhein-Westfalen führen selbst Ausflüge mitten ins Grüne fast immer auch zu historischen Schauplätzen. Dabei könnte man zum Beispiel auf die Überreste der gut 1.000 Jahre alten Kreuzkirche auf dem Wittekindsberg nahe der Porta Westfalica stoßen. Die in Europa überaus seltenen Mauerreste in Form eines griechischen Kreuzes präsentieren sich dem Betrachter unter einem gläsernen Schutzbau mit rollstuhlgerechtem Metallpodest. Betreten kann man die Ausgrabung nicht, was sie für unser Thema als Ausnahmefall kennzeichnet, denn gerade die bessere Betret- und Begehbarkeit motiviert ja besonders häufig Veränderungen an historischen Bauten. Entsprechende Maßnahmen fügen den Gebäuden dabei Eigenschaften hinzu, die sie ursprünglich nicht besaßen – keine mittelalterliche Burg und kein barockes Kloster wurden je unter dem Gesichtspunkt der Barrierefreiheit errichtet. Allerdings: Sie hatten auch keine modernen Brandschutzvorrichtungen, keine Ticketschalter, keine Museumsshops, keine WCs, keine Audioguides, keine Infotafeln und keine nächtlichen Illuminationen mit elektrischen Scheinwerfern. Barrierefreiheit ist also nur einer von vielen Faktoren, die historische Bauwerke modern überformen und dadurch verändern können. Ohne Barrierefreiheit wären solche Bauwerke für viele Menschen allerdings gar nicht erst erlebbar.

Ein neuer Aufzug-Anbau ermöglicht ungehinderten Zutritt zu allen Etagen des Moerser Peschkenhauses. (Foto: Agentur Berns)
Ein neuer Aufzug-Anbau ermöglicht ungehinderten Zutritt zu allen Etagen des Moerser Peschkenhauses. (Foto: Agentur Berns)
Dass der Denkmalschutz bisweilen Grenzen ziehen muss, leuchtet ein. Die rollstuhlgerechte Asphaltierung der "römischen Hafenstraße" in Köln mit ihren groben antiken Pflastersteinen hat aber wohl auch noch niemand vorgeschlagen. Viel Kopfzerbrechen bereiten hingegen Aufzugsanlagen, die zu den häufigsten Anforderungen an die Barrierefreiheit zählen. So war es auch beim Moerser Peschkenhaus, einem mittelalterlichen Kaufmannshaus mit klassizistisch veränderter Fassade. Moerser Bürger setzten sich in den letzten Jahren erfolgreich für den Erhalt des Hauses als Kunstgalerie mit historischem Flair ein. An einer Sanierung mit energetischer Erneuerung, Brandschutz, Barrierefreiheit und statischer Stabilisierung ging aber gerade deshalb kein Weg vorbei. In Absprache mit der Denkmalpflege wurde dabei ein seitlicher Anbau aus dem 19. Jahrhundert entfernt und durch einen Treppenhausneubau mit Liftanlage ersetzt. Nur so konnte im Innern des Hauses selbst eine Beeinträchtigung der historischen Raumanordnung und des repräsentativen Originaltreppenhauses vermieden werden – und gleichzeitig das Peschkenhaus zu einem Gebäude mit ungehindertem Zugang für alle werden.

Barrierefreie Umbauten kosten Geld. Wird es knapp, drohen sie trotz des dahinterstehenden Anliegens nicht selten dem Rotstift zum Opfer zu fallen: Das Bonner Wohn- und Atelierhaus, in dem der expressionistische Maler August Macke vor dem Ersten Weltkrieg vier Jahre lang gelebt und gearbeitet hatte, wird bereits seit 1991 als Museum genutzt. Die Museumsarbeit litt aber immer mehr unter der erheblichen Enge. Ein Erweiterungsbau mit Platz für Wechselausstellungen, Büros, Gastronomie, Magazine und Museumspädagogik sollen den Betrieb nun für die Zukunft sichern. Das 6,5-Millionen- Euro-Projekt wurde 2013 von der NRW-Stiftung mit 400.000 Euro unterstützt. Trotzdem gerieten ausgerechnet die Maßnahmen zur Barrierefreiheit erneut in eine finanzielle Sackgasse. Daher sprang die Stiftung im Dezember 2015 mit einem weiteren Zuschuss von 50.000 Euro für einen behindertengerechten Aufzug ein.

Orientierung, Information und gute Unterhaltung

Die NRW-Stiftung fördert barrierefreie Liftanalgen für die Zeche Auguste Victoria in Marl. (Foto: Jürgen Metzendorf)
Die NRW-Stiftung fördert barrierefreie Liftanalgen für die Zeche Auguste Victoria in Marl. (Foto: Jürgen Metzendorf)
Mit allen Sinnen genießen – kaum ein Slogan wird von Werbeleuten so unverdrossen immer wieder aufgewärmt wie dieser. Doch wenn Auge oder Ohr beeinträchtigt sind, kann es manchmal empörend schwierig sein, lediglich an ein paar dürre Informationen zu gelangen. Für Blinde gibt es heutzutage zwar ein ständig wachsendes Angebot an Hörtexten. Bei grafischen Medien nutzt das aber wenig, denn wie hört sich zum Beispiel ein Stadtplan an? In vielen Museen stößt man daher inzwischen auf Tastmodelle, die Stadtbilder buchstäblich begreifbar machen sollen. Auch Dauerinstallationen unter freiem Himmel kommen infrage, wenn sie gegen Wind und Wetter unempfindlich sind. Hartwachsüberzogene Bronze erfüllt dieses Kriterium, ist allerdings nicht billig. Das war der Grund, warum sich das Lions-Hilfswerk und der Heimatverein Nideggen jüngst zusammentaten, um mit großem Engagement Spenden für ein Modell der historischen Altstadt Nideggens im Maßstab 1:600 einzuwerben. Auch die NRW-Stiftung gewährte einen Zuschuss.

Auch die Volksbühne am Rudolfplatz in Köln wird in Zukunft allen Besuchern einen problemlosen Zugang ermöglichen. (Foto: Walter Thiess)
Auch die Volksbühne am Rudolfplatz in Köln wird in Zukunft allen Besuchern einen problemlosen Zugang ermöglichen. (Foto: Walter Thiess)
Was das Zuhören angeht, so steht am Ende dieses Rundgangs durch das noch lange nicht von Barrieren freie, aber immerhin an Barrieren schon etwas ärmere NRW ein Theaterbesuch auf dem Programm. Keine Angst, die Kölner Volksbühne, sprich: das Millowitsch-Theater, tischt uns keine schwere Kost auf. Selbst der vergnüglichste Schwank kann allerdings nicht für heitere Stimmung sorgen, wenn er nicht zu verstehen ist. Am heimischen Fernseher rücken Menschen diesem Problem meist erst einmal per Lautstärkeregler, später dann per Hörgerät zu Leibe. In großen Sälen ist die Sache nicht so einfach, da Raumakustik und Nebengeräusche sogar gute Hörhilfen schnell überfordern. Einen Ausweg bieten sogenannte Induktionsschleifen, das heißt magnetische Wechselfelder, die durch Drähte in den Wänden oder im Fußboden erzeugt werden. Hörgeräte können diese Felder zu Tonsignalen verarbeiten – mit sehr geringen Störungen. Beim barrierefreien Umbau des Millowitsch-Theaters wurde für einen Teil der Sitzreihen eine solche Hörschleife installiert. Aus gutem Grund: Denn dass der rheinische Humor unbedingt mit zum Kulturgut für alle gehört, demonstrieren sicherlich auch Westfalen gerne durch erfreutes Zuhören.

Text: Ralf J. Günther
NRW INKLUSIV: "ES IST NORMAL , ANDERS ZU SEIN."

Mit dem Handbike unterwegs am Niederrhein - auch beim Erkunden der NRW-Landschaften sollte das Ziel für alle sein: "Mittendrin statt nur dabei!" (Foto: NatKo/Benjamin Suth)
Mit dem Handbike unterwegs am Niederrhein - auch beim Erkunden der NRW-Landschaften sollte das Ziel für alle sein: "Mittendrin statt nur dabei!" (Foto: NatKo/Benjamin Suth)
Am 13. Dezember 2006 wurde die "UN-Behindertenrechtskonvention" verabschiedet, die in Deutschland den Rang eines Bundesgesetzes hat. Sie fordert die Unterzeichnerstaaten auf, "den vollen und gleichberechtigten Genuss aller Menschenrechte und Grundfreiheiten durch alle Menschen mit Behinderungen zu fördern, zu schützen und zu gewährleisten und die Achtung der ihnen innewohnenden Würde zu fördern". Eine Behinderung wird dabei nicht als persönliche Eigenschaft verstanden, sondern als Wechselwirkung mit vorhandenen Barrieren. Kurz: Ein Mensch ist nicht behindert – er wird behindert. Beim Begriff Barriere ist nicht nur an Hürden für die Beweglichkeit, sondern an alle Arten von Ausgrenzungen zu denken. Schon 1994 wurde im Grundgesetz das Verbot von Diskriminierung aufgrund einer Behinderung verankert.

Eine Gesellschaft für alle

In NRW leben derzeit rund 2,6 Millionen Personen, die nach dem Gesetz als Menschen mit Behinderungen anerkannt werden. Das sind rund 15 Prozent der Bevölkerung, die faktische Zahl dürfte noch höher liegen. Mit dem Aktionsplan "Eine Gesellschaft für alle – NRW inklusiv" wurde vom Land die Umsetzung der UN-Konvention begonnen. Die Überprüfung geltender Rechtsnormen beendete dabei unter anderem die eigenartige Unterscheidung zwischen der "Benutzung" und dem "Besuchen" eines öffentlichen Gebäudes. Daher müssen zum Beispiel öffentliche Schulen fortan nicht mehr nur in Bereichen des allgemeinen Besucherverkehrs (etwa auf Fluren zur Aula), sondern in allen Räumen barrierefrei gestaltet sein.

Ministerpräsidentin Hannelore Kraft fasste die Orientierung der Landespolitik in folgende Worte: "Es ist normal, anders zu sein – diesen Leitgedanken der UN-Behindertenrechtskonvention wollen wir in Nordrhein-Westfalen leben. Alle Menschen mit Behinderungen sollen endlich ihren Platz mitten in der Gesellschaft haben – ganz nach dem Motto ‚Mittendrin statt nur dabei!‘ "

Die vom Land geförderte Agentur Barrierefrei NRW hält ein umfassendes Informationsangebot bereit: www.ab-nrw.de
SCHRANKENLOSE EIFELERLEBNISSE

Der "Wilde Weg" ist ein 1.500 Meter langer barrierefreier Naturerkundungspfad mit zehn interaktiven Erlebnisstationen im Nationalpark Eifel. (Foto: A. Geist)
Der "Wilde Weg" ist ein 1.500 Meter langer barrierefreier Naturerkundungspfad mit zehn interaktiven Erlebnisstationen im Nationalpark Eifel. (Foto: A. Geist)
Seit 2003 gibt es die Initiative "Eifel barrierefrei", die der deutsch-belgische Naturpark Hohes Venn-Eifel zum Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderung startete. Zahlreiche Ausflugsziele wurden seitdem ausgewiesen – darunter leicht erreichbare Punkte im Netz der spektakulären "Eifel-Blicke", aber auch "Natura 2000"-Flächen von europäischem Rang wie der Wilde Kermeter im Nationalpark. Jan Lembach, der die Initiative auf deutscher Seite entwickelte: "Für ihren Aufenthalt sind Gäste mit Behinderung auf eine abgestimmte touristische Servicekette angewiesen. Von der Erstinformation über die Anfahrt, die Unterkunft, die Versorgung bis zur Mobilität vor Ort muss diese Kette lückenlos sein, damit der Gast die Region und seinen Aufenthalt genießen kann." Die Webseite www.eifel-barrierefrei.de bietet ausführliche Infos.
WILLKOMMEN IN MEINEM UNIVERSUM

Das Projekt "Expressionismus 2.0" nutzt die Kunst als "Sprache der Inklusion".
Das Projekt "Expressionismus 2.0" nutzt die Kunst als "Sprache der Inklusion".
"Expressionismus 2.0" heißt das Projekt, das der Beuys-Schüler Rolf A. Kluenter und die Agentur Brand Health mit Menschen im Heilpädagogischen Zentrum Bürvenich realisierten. Kunst wurde dabei zur "Sprache der Inklusion". Teils unterstützt von Prominenz wie dem "Bond-Girl" Christina Ladas-Hennig lernten Menschen mit Behinderung und Autismus-Symptomen, sich als Dirigenten, Maler, Bildhauer oder Rapper auszudrücken und in den sozialen Medien mitzuteilen. Zur Sponsorenwerbung dienten Schwarzweißbilder mit gelben Klecksen. Das Motto "Klick, Klecks – Welt öffne dich!" fordert zu neuen Einblicken in innere Welten auf. Die Kampagne gewann den Comprix-Gold-Award in Berlin und einen dritten Platz bei den Global Awards in New York.

www.express20.de
www.facebook.com/Expressionismus20

Stand der Angaben: 2016 / Nr. 1





Seit 2013 hat die NRW-Stiftung in ihrer Satzung festgeschrieben, dass auch die Inklusion bei der Erfüllung der Satzungszwecke Naturschutz und Heimat- und Kulturpflege berücksichtigt werden soll. Wenn also Vereine oder gemeinnützige Einrichtungen als Förderpartner der NRW-Stiftung agieren, um beispielsweise Denkmäler zu restaurieren, Museen auszustatten oder kulturelle Begegnungsstätten einzurichten, dann können dabei Maßnahmen zur barrierefreien Erschließung besonderen Stellenwert erhalten. Das gilt selbstverständlich auch im Bereich Naturschutz, wenn etwa Naturerlebnispfade angelegt oder Naturschutzzentren eröffnet werden sollen. In der Praxis sind viele förderungswürdige Maßnahmen denkbar – die barrierefreie Gestaltung von Wegen und Zugängen, Informationstafeln mit Blindenschrift, Tastmodelle, Lifteinbauten oder auch Einrichtungen für Hör- und Sehbehinderte in Theatern bilden nur einige Beispiele für eine Vielzahl möglicher Vorhaben.
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