FLEDERMAUSFREUNDLICHE HÄUSER

LICHTSCHEUE WOHNGEMEINSCHAFTEN

Das evangelische Pfarrhaus in Eitorf trägt als erstes Haus den Titel "Fledermausfreundliches Haus".
Das evangelische Pfarrhaus in Eitorf trägt als erstes Haus den Titel "Fledermausfreundliches Haus".
Vielerorts gibt es Herbergen für spezielle Zielgruppen. Die einen präsentieren sich besonders radfahrerfreundlich, andere haben ein Herz für Reisende mit Vierbeinern. Seit dem vergangenen Jahr gibt es in NRW auch das Qualitätssiegel "Fledermausfreundliches Haus". Die Fledermäuse selbst können diese Empfehlung zwar nicht lesen, sie suchen die Gebäude aber dennoch Jahr für Jahr gezielt auf, um unter dem Dach ihre Jungen aufzuziehen. Die Toleranz und Aufgeschlossenheit der Besitzer gegenüber den gefährdeten Mitbewohnern verdient Anerkennung und ist gutes Beispiel für Artenschutz im eigenen Haus.

In Eitorf, einem 10.000-Einwohner-Ort an der Sieg, ist das alte evangelische Pfarrhaus gut bekannt. Schon mehrfach berichtete die Presse über seine nachtaktiven Dachbewohner. Die waren lange Zeit unentdeckt geblieben, bis vor einigen Jahren einem Dachdecker Fledermauskot in einem Zwischenraum unter den Dachpfannen auffiel. Hinzugezogene Fachleute stellten fest, dass hier eine in NRW stark gefährdete Fledermausart ihre Wochenstube hatte.

Name des Mieters: Mausohr

Mit Infrarotstrahler, Nachtsichtgerät und Handzähler "bewaffnet" ist sie regelmäßig zur Stelle, um die zu ihrer nächtlichen Jagd ausfliegenden Tiere zu zählen. (Foto: Heidrun Brieskorn)
Mit Infrarotstrahler, Nachtsichtgerät und Handzähler "bewaffnet" ist sie regelmäßig zur Stelle, um die zu ihrer nächtlichen Jagd ausfliegenden Tiere zu zählen. (Foto: Heidrun Brieskorn)
Als die Mansardenwohnung frei wurde, bot sich die Gelegenheit für einen fledermausfreundlichen Umbau. Rigipswände wurden teilweise entfernt, Fenster verdunkelt, zusätzliche Hangplätze aus rauem Holz und schützende Nischen geschaffen. "Den Holzfußboden haben wir mit einer Plastikfolie und Malerkrepp abgedeckt. Wenn die Tiere im Herbst in ihre Winterquartiere umgezogen sind, ist hier Großreinemachen angesagt", erzählt Heidrun Brieskorn, eine engagierte Eitorfer Naturschützerin. Stubenrein sind Fledermäuse nämlich nicht und bei mehreren Hundert Tieren türmen sich unter den Lieblingsplätzen fußhohe Haufen aus krümelig-schwarzem Kot. Kein Wunder, fängt doch eine einzelne erwachsene Fledermaus pro Nacht 10 bis 15 Gramm Insekten, was etwa einem Drittel ihres Körpergewichts entspricht. "Zu Beginn der Saison zählen wir regelmäßig über 400 Weibchen – damit ist die Eitorfer Kolonie die zweitgrößte ihrer Art im Rheinland." Besonders erfreulich findet Heidrun Brieskorn, dass die Jungtiere jetzt ihre ersten Flugübungen unterm Dach machen können. An vielen Abenden sitzt die Expertin vor dem Haus und zählt die ausfliegenden Mausohren mithilfe eines Nachtsichtgeräts. "Wenn man die Gewohnheiten der Tiere kennt, muss man sich auch nicht die halbe Nacht um die Ohren schlagen. Die verlassen das Dach meist innerhalb von einer Stunde."

Traditionsbewusste Bewohner

Noch besser als ein städtisches Pfarrhaus passt sicher ein anderes Gebäude ins Klischee eines Fledermausquartiers: ein aus Naturstein gemauerter Gebäudekomplex, dessen Geschichte Jahrhunderte zurückreicht. Im Kreis Düren am Rand der Eifel gelegen, ist das vorbildlich restaurierte Baudenkmal vielleicht schon seit dem Mittelalter ein angestammtes Mausohrquartier. Über 500 Weibchen teilen sich den Dachboden über einem vermieteten Nebengebäude. Hier gab es zwar keine Platzprobleme wie in Eitorf, aber der Fußboden unter der Kolonie ließ sich nicht gut reinigen. Über kurz oder lang drohte der Kot Schäden an der darunterliegenden Decke zu verursachen. Die Umsiedlung in ein Nachbargebäude akzeptierten die Fledermäuse nicht, sie hielten treu an "ihrem" Quartier fest. Um die gedeihliche Nachbarschaft von Fledermäusen und ihren Untermietern nicht zu gefährden, förderte die NRW-Stiftung auch hier eine fledermausgerechte Sanierung des Dachbodens.

Wohnungsnot und Nahrungsmangel

Beim Renovieren und Dämmen alter Häuser werden Fledermäuse oft übersehen und ihre Einschlupföffnungen im Dach dichtgemacht. Dabei ist die Wohnungsnot nicht die einzige Bedrohung: Infolge der intensiven Landwirtschaft sind ihre Beutetiere, nachtaktive Insekten, deutlich seltener geworden. Durchweg positiv gewandelt hat sich dagegen das Image der Fledermäuse. Von geheimnisvollen Gruselgeschöpfen hin zu Zugpferden des Naturschutzes. Über mangelndes Besucherinteresse bei ihren Fledermausexkursionen können sich Heidrun Brieskorn und ihre Mitstreiter jedenfalls nicht beklagen.
Wussten Sie schon ...?

Das Gedränge unter dem Dach ist normal. In der Wochenstube suchen die Tiere Körperkontakt. (Foto: Karl Kugelschafter)
Das Gedränge unter dem Dach ist normal. In der Wochenstube suchen die Tiere Körperkontakt. (Foto: Karl Kugelschafter)
... dass die Flügelspannweite des Großen Mausohrs so groß ist wie die Breite eines aufgeschlagenen DIN-A4 Heftes? Damit ist Myotis myotis die größte heimische Fledermaus.
... dass das Mausohr nicht nur im Luftraum jagt, sondern auch Insekten am Boden fängt? Es registriert die Eigengeräusche von Beutetieren, zum Beispiel von krabbelnden Laufkäfern, landet neben ihnen am Waldboden und packt sie mit der Schnauze.
... dass Mausohren je nach Lufttemperatur unterschiedliche Stellen eines Dachbodens bevorzugen? Bei kühler Witterung rücken sie dicht zusammen und hängen unter dem First, wo sich aufsteigende Warmluft sammelt. Ist es dort im Sommer zu heiß, wechseln sie an niedrigere Balken oder neben gemauerte Wände.

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 2015/2





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Der NABU NRW verlieh dem evangelischen Pfarrhaus in Eitorf als erstem Haus in NRW den Titel "Fledermausfreundliches Haus", nachdem die NRW-Stiftung entsprechende Umbauten in den Dachstühlen gefördert hatte. Ein altes Gebäude im Kreis Düren kam ebenfalls zu dieser Ehre. Die Fledermauskolonien in beiden Häusern gehören zu den größten ihrer Art in NRW. Besucher und Passanten erkennen an außen angebrachten Schildern, dass die Bedürfnisse der gefährdeten Fledermäuse hier besonders vorbildlich beachtet werden.
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