ZUR RETTUNG ARTENREICHER WIESEN IN WESTFALEN

SAG MIR, WO DIE BLUMEN SIND

Das Ausbringen von lokalem Saatgut, Wiesenheu oder Heudrusch verbessern die Chancen der Arnika.
Das Ausbringen von lokalem Saatgut, Wiesenheu oder Heudrusch verbessern die Chancen der Arnika.
Der Rückgang der biologischen Vielfalt in vielen Wiesen und Weiden schreitet fort, ein Trend, der sich auch durch zahlreiche Positivbeispiele innerhalb von Naturschutzgebieten bislang nicht aufhalten ließ. Hauptursache ist nach wie vor eine zu intensive Bewirtschaftung mit hohen Düngergaben, häufigem Mähen oder hoher Besatzdichte mit Weidevieh. Jedes Plus an Dünger geht mit einem Minus an heimischer Vielfalt einher. Statt blumenbunter, kräuterreicher Wiesen dominieren immer öfter artenarme Grasäcker. Das ist kein böser Wille der Landwirte, sondern eine Folge der ökonomischen Rahmenbedingungen. Eine Initiative von mehreren Biologischen Stationen in Westfalen möchte dem galoppierenden Schwund etwas entgegensetzen. Ihre Ideen und Praxiserfahrungen geben Hoffnung.

Die Heilziest sollte auch weiterhin bunte Wiesen verzieren.<br />
Die Heilziest sollte auch weiterhin bunte Wiesen verzieren.
Wurde auf den Wiesen früher nur ein- oder zweimal pro Jahr Heu gemacht, um Winterfutter für das Stallvieh zu gewinnen, werden die gleichen Flächen heute oft schon viermal gemäht, um aus dem jungen Gras Silage herzustellen. Die Folge: In den Vielschnittwiesen überleben nur wenige hoch ertragreiche Futtergräser – auf der Strecke bleiben Kräuter und Stauden wie Flockenblume, Storchschnabel und Wiesenknopf. Viele charakteristische Wiesenpflanzen sind heute aus den Flächen verschwunden, mit Glück haben sie an Wegrändern oder Böschungen überlebt. "Wenn du früher in Westfalen einen Strauß Margeriten pflücken wolltest, konntest du überall in die nächstbeste Wiese gehen, heute suchst du die im Tiefland meist vergeblich", weiß Werner Schubert, Leiter der Biostation Hochsauerlandkreis.

Die Monotonie der Einheitswiese

Ist der Wiesensalbei einmal verschwunden, hat er es schwer, von allein wieder einzuwandern.
Ist der Wiesensalbei einmal verschwunden, hat er es schwer, von allein wieder einzuwandern.
Der rapide Schwund der Biodiversität hat neben den hohen Düngegaben und dem häufigeren Schnitt noch eine weitere Ursache: Viel zu oft wird bei der Neueinsaat von Grünland auf Saatgut fremder Herkunft zurückgegriffen, teilweise stammt es von riesigen Zuchtbetrieben in Übersee. Es liegt auf der Hand, dass solch "globalisiertes" Samenmaterial zu einer starken Verarmung führt, denn die regionale Identität der heimischen Wiesen weicht dadurch mehr und mehr der Monotonie von Einheitswiesen. Auch im Rahmen großer Bauvorhaben, zum Beispiel bei der Anlage neuer Straßen oder bei der Rückverlegung von Deichen, entstehen oft hektarweise kahle Böschungen oder breite, unbewachsene Randstreifen. Dort bestünde die Chance, die Landschaftswunden mit regional-typischen Pflanzen zu lindern, statt sie mit nicht standortheimischem Importsaatgut zu verpflastern.
"Wir brauchen dringend die naturraumtypische Saatgutmischung aus eng umgrenzten, regionalen Herkünften, entsprechendes Material ist aber bisher nur schwer zu bekommen und alternative Verfahren wie die Übertragung von Heumulch sind noch nicht überall bekannt."


Spenderflächen stehen bereit

Im Nuhnetal bei Hallenberg verfügt die NRW-Stiftung über intakte, artenreiche Glatthaferwiesen.
Im Nuhnetal bei Hallenberg verfügt die NRW-Stiftung über intakte, artenreiche Glatthaferwiesen.
Genau diesem Mangel wollen die westfälischen Naturschützer abhelfen. Ihr Plan: Durch den Aufbau eines leistungsfähigen Netzes geeigneter Spenderflächen soll in Zukunft in allen Naturräumen gebietsheimisches Saatgut oder Heumulch angeboten werden können. In enger Zusammenarbeit mit den örtlichen Landwirten soll eine Lieferkette aufgebaut werden, damit zum Beispiel Heumulch oder Heudrusch von artenreichen Spenderflächen für die Neuanlage von Grünland ortsnah und in ausreichender Menge zur Verfügung steht. Außerdem wünschen sich die Initiatoren ein Forum, auf dem sich alle Beteiligten, also Landwirte, Biologische Stationen, amtliche und ehrenamtliche Naturschützer, Genehmigungsbehörden und Planer austauschen können. "Nur so können wir die Wege kurz und den Aufwand überschaubar halten."

Solange es kein funktionierendes Netzwerk gibt, das den Bedarf an hochwertigem Naturschutz-Saatgut bedienen kann, wird sich langweiliges Einheitsgrün weiter breitmachen. Diese Einschätzung entspringt nicht dem pauschalen Lamento von "Früher-war-doch-alles-besser"-Nörglern. Sie kann in den regelmäßig nach Brüssel gemeldeten amtlichen Berichten über den Zustand unserer Wiesenbiotope nachgelesen werden. Dort wird den früher ganz "gemeinen" Pflanzengesellschaften wie Gold- und Glatthaferwiesen inzwischen ein schlechter Erhaltungszustand attestiert.

Die NRW-Stiftung findet die Idee eines Wiesensaatgut-Netzwerks deshalb jeder Unterstützung wert. Dank ihres Grundeigentums in vielen Wiesenschutzgebieten des Landes und des ausgezeichneten Erhaltungszustandes der dort wachsenden Bestände kann sie in mehreren Naturräumen sofort geeignete Spenderflächen in das Projekt einbringen. Beispiele hierfür sind die stiftungseigenen Goldhaferwiesen auf der Lipper Höhe im Siegerland oder die Berg-Glatthaferwiesen an der Nuhne im Raum Hallenberg.

Nach dem Vorbild der Alten

Der in einer benachbarten Wiese geerntete Heumulch wird auf einer vorbereiteten Empfängerfläche wieder ausgebracht.
Der in einer benachbarten Wiese geerntete Heumulch wird auf einer vorbereiteten Empfängerfläche wieder ausgebracht.
Die Vorstellung, dass Spenderflächen durch die Entnahme von Saatgut selbst geschwächt werden könnten, ist übrigens irrig. "Das ist nicht wie bei einer Organspende. Einem Kirschbaum oder einer Himbeerstaude schadet es auch nicht, wenn man ihre Früchte erntet." Im Gegenteil, anderswohin transportiert zu werden, zu keimen und sich so erfolgreich zu vermehren ist ja letztlich die natürliche Bestimmung von Früchten und den darin enthaltenen Pflanzensamen – so auch von denen in einer bunten Wiese. Im Grunde haben die Bauern schon früher nichts anderes gemacht, wenn sie eigenes Grünland neu einsäen wollten, ohne viel Aufwand zu treiben, erklärt Peter Fasel von der Biostation Siegen-Wittgenstein: "Der Bauer hat einfach den Besen genommen und an den Stellen der Scheune, wo er vorher das Heu liegen hatte, alle Reste zusammengekehrt. Dieser Heu-Kehricht enthielt genau die Samen der Wiesenpflanzen, die er als Mischung brauchte, und die hat er draußen wieder ausgestreut!"
Wiesen als Samenspender

Auch Wald-Storchschnabel und Schwarze Teufelskralle sind lokal im Rückgang und verdienen Schutz.
Auch Wald-Storchschnabel und Schwarze Teufelskralle sind lokal im Rückgang und verdienen Schutz.
Um der biologischen Verarmung und Florenverfälschung unserer Wiesen durch gebietsfremdes oder artenarmes Saatgut entgegenzuwirken, gibt es inzwischen gute Erfahrungen zur Neuanlage von artenreichem, naturraumtypischem Grünland. Die hierfür benötigten Pflanzensamen werden auf sogenannten Spenderflächen gewonnen und dann dort wieder ausgesät, wo eine neue blumenbunte Wiese entstehen soll (=Empfängerflächen). Spenderflächen sind traditionell bewirtschaftete Wiesen, in denen die für die Region charakteristischen Gräser und Blumen in großer Zahl und bunter Mischung wachsen. Als mögliche Empfängerflächen bieten sich schon früher landwirtschaftlich genutzte, aber heute verarmte Wiesen oder Weiden an. Es können auch zwischenzeitlich als Weihnachtsbaumplantagen bepflanzte Brachen oder im Rahmen von Baumaßnahmen frei gebliebene Böschungen und Randstreifen in Nachbarschaft zu Straßen und Wegen sein. Grundsätzlich sollten Spender- und Empfängerfläche möglichst nahe beieinander liegen und ähnliche Bodenverhältnisse aufweisen.

In der Praxis stehen drei Verfahren zur Auswahl:

Grün- oder Heumulch-Übertragung
Schnittfrisches oder angetrocknetes Mahdgut einer artenreichen Wiese mit allen darin enthaltenen Samen wird direkt als Grün- bzw. Heumulchdecke auf eine Empfängerfläche aufgebracht. Dabei werden auch Dauerstadien von Kleintieren übertragen, was durchaus erwünscht ist. Grün- oder Heumulch von nur einem Schnitttermin enthält keine Samen von erst später reifenden Arten. Nur durch eine zeitlich und räumlich gestaffelte Mahd der Spenderfläche lässt sich deren gesamtes Artenpotenzial ausnutzen.

Heudrusch-Übertragung
Hierbei wird das Mahdgut der Spenderfläche ausgedroschen und nur der "Drusch", also die beim Dreschen gewonnenen Samen, Früchte und Fruchtstände, auf der Empfängerfläche verteilt. Auch hierfür ist die Staffelmahd zu empfehlen, um möglichst Frühjahrs- und Sommerblüher zu übertragen. Der Drusch kann entweder zeitsparend mithilfe eines Mähdreschers schon während der Mahd oder später, nach Trocknung und Lagerung des Heus, gewonnen werden.

Regiosaatgut
Samen ausgewählter Wildpflanzenarten werden von Hand gesammelt und gärtnerisch weitervermehrt. Das so produzierte Saatgut wird zertifiziert und darf nur in seiner Herkunftsregion ausgebracht werden. Das arbeits- und kostenintensive Verfahren liefert bisher nur geringe Mengen. Es kommt vor allem dann zum Einsatz, wenn bestimmte Zielarten gefördert werden sollen oder wenn es in einer Region keine geeigneten Spenderflächen für die Produktion von Heumulch oder Heudrusch gibt. Kritische Stimmen, darunter auch eine Reihe von Biologischen Stationen in NRW, halten die für Deutschland abgegrenzten Regiosaatgut-Herkunftsräume allerdings für zu weit gefasst. Dadurch könnte die Eigenständigkeit lokal angepasster Pflanzenrassen unnötig gefährdet werden.

Fotos: Axel Schulte

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 2015/2





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Fachleute der Biologischen Stationen, des amtlichen und des ehrenamtlichen Naturschutzes in NRW streben eine Kooperation zum Schutz und zur biologischen Aufwertung artenreicher Wiesen und Weiden an. Ausgangspunkt soll der Aufbau eines Netzes geeigneter Grünlandflächen zur Gewinnung von naturraumtypischem Saatgut sein (sogenannte Spenderflächen). Die NRW-Stiftung unterstützt diese Initiative, indem sie stiftungseigene Wiesenflächen als genetische Reservate in das Spenderflächen-Kataster einbringt.
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