SYNAGOGEN UND JÜDISCHE SAMMLUNGEN

LEBENSWEGE UND TREFFPUNKTE – JÜDISCHE KULTUR IN NRW

Sind Gummibärchen koscher? Stimmt es, dass neunarmige Leuchter eigentlich nur acht Arme haben? Und wie kommt Superman in den Synagogensaal? Auf Fragen zur jüdischen Religion und Kultur gibt es in Nordrhein-Westfalen viele spannende Antworten. Unterwegs stößt man auf sehenswerte Bauwerke, außergewöhnliche Ausstellungen und lebendige Treffpunkte. Weite Fahrten durchs Land lohnen sich dabei ebenso wie lokale Erkundungen zu Fuß, per Fahrrad oder gar per Tanzschritt. Die Begegnung mit der Vielfalt jüdischen Lebens schließt das Gedenken an die Opfer antijüdischer Verbrechen mit ein.

Wer nach den frühesten Spuren jüdischen Lebens im heutigen NRW sucht, ist in der archäologischen Zone am Kölner Rathaus an der richtigen Adresse. Denn hier geht es nicht nur "mit dem Fahrstuhl in die Römerzeit", wie ein Bestseller einst titelte, man begegnet auch den Überresten des mittelalterlichen Kölner Judenviertels, dessen Anfänge weit über 1.000 Jahre zurückreichen. Auf dem Areal mit der Mikwe, dem Ritualbad aus dem 13. Jahrhundert, entsteht derzeit ein neues Museum. Ein guter Anlass, sich an einige Fakten zu erinnern: Jahrtausendelang waren Juden von Verfolgungen bedroht, so zum Beispiel um 1350, als Christen sie wegen angeblicher Brunnenvergiftung für die Pest verantwortlich machten und deswegen viele grausame Morde begingen. Vollberechtigte Bürger wurden die jüdischen Einwohner Deutschlands erst mit der Reichsgründung von 1871. Gleichzeitig aber begann sich der Antisemitismus immer stärker politisch zu organisieren. Am Ende stand der Vernichtungsterror im Nationalsozialismus.

Westfälische Lebenswege in Dorsten

Das "Jüdische Museum Westfalen" in Dorsten. (Foto: Bernd Hegert)
Das "Jüdische Museum Westfalen" in Dorsten. (Foto: Bernd Hegert)
Weil diesem Terror zusammen mit den Menschen meist auch ihre Bauwerke und Kulturgüter zum Opfer fielen, wurde die jüdische Geschichte Deutschlands nach dem Krieg weitgehend unsichtbar. So auch im westfälischen Dorsten, wo sich in den 80er-Jahren aber eine Gruppe engagierter Bürger mit historischer Forschung gegen das Vergessen stemmte und sich zugleich für die Einrichtung einer Dokumentationsstelle einsetzte. Unterstützt vom damaligen Ministerpräsidenten Johannes Rau, der NRW-Stiftung, dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe und der Stadt Dorsten konnte so 1992 das "Jüdische Museum Westfalen" in einer kleinen Jugendstilvilla eröffnen. 2001 erhielt es einen modernen Erweiterungsbau.

Das Museum erläutert anhand kostbarer Kultgegenstände wie Thorarollen und Thoraschmuck das Selbstverständnis einer großen Buchreligion, es schildert westfälisch-jüdische Geschichte aber auch im Spiegel konkreter Lebenswege. Die enge Verbindung zwischen Menschen und religiösen Objekten verkörpert dabei besonders der 1877 in Dortmund geborene und 1960 in London verstorbene Künstler Benno Elkan. Er schuf den fünf Meter hohen siebenarmigen Leuchter, der heute vor dem israelischen Parlament in Jerusalem steht. Schon im antiken Jerusalemer Tempel, der 70 n. Chr. von den Römern zerstört wurde, gab es eine siebenarmige "Menora".
Kinder bestaunen den Chanukkaleuchter. (Foto: Bernd Hegert)
Kinder bestaunen den Chanukkaleuchter. (Foto: Bernd Hegert)
Sie stand der Überlieferung nach vor über 2.000 Jahren, als jüdische Rebellen soeben fremde Herren aus dem Tempel verjagt hatten, sogar im Mittelpunkt eines Wunders. Ein kleiner Rest geweihten Öls, ausreichend für nur einen Tag, speiste die Menora, die niemals verlöschen sollte, damals acht Tage lang – bis neues Öl beschafft war. Juden erinnern sich beim achttägigen Chanukkafest an das zeichenhafte Geschehen und stellen dabei einen achtarmigen Leuchter ans Fenster. Eigentlich hat eine "Chanukkia" sogar neun Arme, doch der mittlere trägt nur das Hilfslicht, mit dem man die Hauptlichter ansteckt.

Synagogen werden sichtbar

Die restaurierte Synagoge im sauerländischen Neheim. (Foto: Dieter Meth)
Die restaurierte Synagoge im sauerländischen Neheim. (Foto: Dieter Meth)
Nach traditioneller jüdischer Auffassung kann es einen Tempel nur in Jerusalem geben. Als Bet- und Versammlungshäuser dienen die Synagogen, von denen in Deutschland über 200 existierten, bevor die meisten von den Nationalsozialisten zerstört wurden. Doch selbst da, wo die Gebäude überdauerten, verschleierten später neue Nutzungen meist die Vergangenheit. So diente etwa die Synagoge im sauerländischen Neheim nach dem Krieg lange als Lagerhalle. In den 1980er-Jahren wurde das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt und restauriert, beherbergte aber auch danach noch einen Laden, in dem sich Wandinschriften hinter Tapeten verbargen. Das alles änderte sich 2001 durch die Neheimer Jäger – keine Waidmänner, sondern ein Schützenverein. Mit Billigung des Landesrabbiners erwarben sie die Synagoge als Vereinsheim und machten sie zugleich zur Begegnungsstätte. Indem sie dem Haus dabei sein historisches Gesicht zurückgaben, ehrten sie auch eines ihrer Gründungsmitglieder, den Unternehmer Noah Wolff, auf dessen Initiative hin die Synagoge 1876 erbaut worden war.

Im Innern des jüdischen Bethaus in Petershagen. (Foto: Stefan Ziese)
Im Innern des jüdischen Bethaus in Petershagen. (Foto: Stefan Ziese)
Nicht angezündet, aber 1938 trotzdem angegriffen und ausgeplündert wurde auch die kleine Landsynagoge in Petershagen an der Weser. Übrig blieben hier lediglich Wand- und Deckenbemalungen sowie alte Fußbodenplatten und Eisensprossenfenster. Der Backsteinbau, der 1846 einen Fachwerkvorgänger ersetzt hatte, diente bis in die 90er-Jahre hinein als gewerblicher Lagerraum. Erst der "Trägerkreis ehemalige Synagoge Petershagen" vermochte darin ein Informationszentrum zur regionalen jüdischen Geschichte zu etablieren. Rauminstallationen und Markierungen erinnern an die früheren Standorte von Thoraschrein und Bima, dem Pult für die Thoralesung, Vitrinen und Tafeln erläutern historische Hintergründe. Auch die Mikwe von 1796 und das Schulhaus, durch das man die Synagoge früher betrat, blieben erhalten.

Mit Trickfilm und Tanz

Der wuchtige Muschelkalkbau der Essener Synagoge betonte bürgerliches Selbstbewusstsein. (Foto: Stefan Ziese)
Der wuchtige Muschelkalkbau der Essener Synagoge betonte bürgerliches Selbstbewusstsein. (Foto: Stefan Ziese)
So dörflich-schlicht das Bethaus in Petershagen, so großstädtisch-monumental wirkt die 1913 eingeweihte Synagoge in Essen. Der wuchtige Baukörper und die Tatsache, dass man einen christlichen Architekten engagiert hatte, unterstrichen das souveräne gesellschaftliche Selbstverständnis der jüdischen Bauherren. Doch schon 25 Jahre später zerstörte die Reichspogromnacht jede vaterländische Normalität. Äußerlich ragte die Synagoge nach dem Krieg weitgehend unversehrt aus den Trümmern Essens hervor. Was fehlte, waren die Menschen, für die der Saal mit seinen 1.500 Plätzen erbaut worden war. Erst seit den 1990er-Jahren haben Flüchtlinge, vor allem aus Russland, die jüdischen Gemeinden Deutschlands wieder stärker anwachsen lassen, was etwa in Wuppertal-Barmen zur Errichtung der großen Bergischen Synagoge von 2002 führte. Die Essener Synagoge war aber bereits 1959 an die Stadt verkauft worden, und das dortige Gemeindezentrum hatte längst eine andere Adresse.

In der Essener Synagoge war nach dem Krieg lange Zeit ein Designmuseum untergebracht, was den Raumcharakter völlig veränderte. Im jetzigen "Haus jüdischer Kultur" ist er jedoch wieder erlebbar geworden. (Foto: Lars Langemeier)
In der Essener Synagoge war nach dem Krieg lange Zeit ein Designmuseum untergebracht, was den Raumcharakter völlig veränderte. Im jetzigen "Haus jüdischer Kultur" ist er jedoch wieder erlebbar geworden. (Foto: Lars Langemeier)
Die Stadt Essen stellte den Muschelkalkbau 1960–1980 zunächst einem Designmuseum zur Verfügung, dem "Haus Industriereform", das heute als "red.dot-Museum" in der Zeche Zollverein beheimatet ist. Erst in den Folgejahren begann man die Synagoge immer mehr als Erinnerungsstätte zu begreifen und den Innenraum mit dem großen Thoraschrein und der hebräischen Inschrift "Wisse, vor wem du stehst" allmählich wieder in den ursprünglichen Zustand zu versetzen.
Ungewöhnlich: Liegebänke laden dazu ein, sich buchstäblich "in Ruhe" auf jüdische Geschichte zu besinnen. (Foto: Lars Langemeier)
Ungewöhnlich: Liegebänke laden dazu ein, sich buchstäblich "in Ruhe" auf jüdische Geschichte zu besinnen. (Foto: Lars Langemeier)
Zum Kulturhauptstadtjahr 2010 wurde die Synagoge als "Haus jüdischer Kultur" neu eröffnet. In den fünf Ausstellungsbereichen geht es nicht nur um Religion, sondern auch um den jüdischen Alltag – und den Zusammenhang zwischen beiden. Der Rundgang sorgt für manche Überraschung: Zeichentrickfilme über koschere Lebensmittel hat sicher noch nicht jeder gesehen, und ein Superman-Shirt lässt erst beim zweiten Hinschauen den Davidstern statt des Superhelden-Logos erkennen. Wer mag, kann sogar mit lebensgroßen virtuellen Tanzpartnern ein paar Schritte wagen. Bleibt die Frage nach den Gummibärchen, die 1922 bekanntlich in Bonn und damit auf NRW-Boden erfunden worden sind. Es gibt sie auch in koscheren Varianten, mit Fisch- statt Schweinegelatine. Lust auf mehr Entdeckungen? Die Alte Synagoge hält auch einen Fahrradführer bereit: "Auf jüdischen Spuren".
Begegnungen in Wuppertal

In erzählerischer Weise soll Interesse und Offenheit für das Judentum geweckt werden. (Foto: Christoph Schoenbach)
In erzählerischer Weise soll Interesse und Offenheit für das Judentum geweckt werden. (Foto: Christoph Schoenbach)
Anders als in Essen wurde die 1865 eingeweihte Synagoge in Wuppertal-Elberfeld bei den Pogromen von 1938 völlig zerstört. Auf dem lange brachliegenden Grundstück erhebt sich seit 1994 die "Begegnungsstätte Alte Synagoge". Bodenplatten aus Granit und ein alter Mauerrest bezeichnen dabei die Lage des zerstörten Bethauses. Die Begegnungsstätte ist einer von 25 Lernorten, die im Arbeitskreis "NS-Gedenkstätten in NRW" zusammenge-schlossen sind, und zugleich das einzige jüdische Museum in der bergischen Region. Außer zur Ausstellung "Thora und Textilien" lädt es zu Stadtexkursionen und
Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal. (Foto: Christoph Schoenbach)
Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal. (Foto: Christoph Schoenbach)
vielen anderen Veranstaltungen ein. In erzählerischer Weise soll Interesse und Offenheit für das Judentum nicht zuletzt auch bei Kindern und Jugendlichen gefördert werden, gleichgültig ob christlicher, muslimischer oder sonstiger Prägung. Denn wie Museumsleiterin Dr. Ulrike Schrader betont: Die Begegnungsstätte beschäftigt sich zwar mit dem Judentum, ist aber nicht das Eigentum einer Religion, sondern ein Ort für alle Bürgerinnen und Bürger. Kurz: ein Treffpunkt für Menschen.

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 2015/2





An mehreren Orten in Nordrhein-Westfalen förderte die NRW-Stiftung Museen und Initiativen, die sich mit jüdischer Geschichte, Religion und Kultur sowie mit dem jüdischen Alltagsleben befassen. Die Einrichtungen verstehen sich dabei auch als Veranstaltungsorte, Begegnungsstätten und Treffpunkte.

Neben gedruckten Informationen stehen umfangreiche Internetauftritte zur Verfügung.

Jüdisches Museum Westfalen in Dorsten: www.jmw-dorsten.de
Alte Synagoge in Essen, Haus jüdischer Kultur: www.alte-synagoge.essen.de
Alte Synagoge in Neheim: www.jaegerverein-neheim.de
Alte Synagoge in Petershagen: www.synagoge-petershagen.de
Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal: www.alte-synagoge-wuppertal.de

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