MIT DEN ORCHIDEENSCHÜTZERN UNTERWEGS

EDELSTEINE UNSERER FLORA

Die "Biene" unter den Orchideen: Die Orchideenart Bienenragwurz ist zwar kein Insekt, aber ihre Blüte hat eine große Ähnlichkeit mit den Weibchen bestimmter Bienenarten.
Die "Biene" unter den Orchideen: Die Orchideenart Bienenragwurz ist zwar kein Insekt, aber ihre Blüte hat eine große Ähnlichkeit mit den Weibchen bestimmter Bienenarten.
"Da ist eine Biene!" Dr. Michael Luwe deutet mit dem Zeigefinger in die lückige Krautschicht, aber ein Insekt ist dort beim besten Willen nicht zu sehen. Was Luwe, der Leiter des "Arbeitskreises Heimische Orchideen"(AHO), entdeckt hat, ist auch keine Imme, sondern eine unscheinbare, kaum handhohe Pflanze, an der jeder Laie achtlos vorübergehen würde: "Wenn wir von der ,Biene‘ sprechen, meinen wir die Bienen-Ragwurz, eine Orchideenart. Die hier wird erst in ein paar Tagen aufblühen ..."

Heute hat sich Dr. Luwe mit befreundeten Amateur-Botanikern getroffen. Die Eheleute Ortrud und Volker Hasenfuß wollen überprüfen, wie sich die Orchideenbestände in der Nähe ihres Wohnortes Haan nach den Pflegemaßnahmen des letzten Winters entwickelt haben. Bevor sie die Vorkommen der seltenen Arten durch gezielte Biotopverbesserungen stützen konnten, mussten sie allerdings erst einmal feststellen, wo Bienen-Ragwurz, Weißes Waldvögelein oder Helm-Knabenkraut überhaupt noch wuchsen. Und das tun sie und andere ehrenamtliche Mitarbeiter des AHO regelmäßig: In Wäldern, Wiesen und Magerrasen suchen und dokumentieren sie seit über 20 Jahren "die Edelsteine der heimischen Flora", wie sie selbst sagen, überprüfen alte Fundangaben oder erkunden Gebiete, über deren Orchideen nur wenig bekannt ist. Besonders im Bergischen Land, aber auch in Teilen des Münsterlandes und des Niederrheins gibt es noch Kenntnislücken. Alle Funde melden die AHO-Mitarbeiter an ihre "Zentrale": Günter Westphal aus Hattingen hält die Datenbank für NRW mit den Verbreitungsangaben aktuell. Die Informationen stellen sie dann den Biologischen Stationen und Naturschutzbehörden zur Verfügung. Denn nur wenn die erfahren, wo die gefährdeten Pflanzen wachsen, können sie auch etwas für deren Schutz tun.

Orchideenkunde ist kein "Orchideenfach"

Ein freudiger Anblick für jeden Botaniker und Naturfreund: das Sumpf-Stendelwurz.
Ein freudiger Anblick für jeden Botaniker und Naturfreund: das Sumpf-Stendelwurz.
Als "Orchideenfach" bezeichnet man ein Studium oder ein Themengebiet, mit dem sich nur wenige Spezialisten beschäftigen. Menschen mit dem Steckenpferd Orchideenkunde sind jedoch keine seltenen Exoten, wie das Image der Orchideen glauben machen könnte. Das betont auch Ortrud Hasenfuß: "Wir sehen durchaus nicht alles durch die ,Orchideenbrille‘, sondern wir betreiben Lebensraumschutz und kümmern uns auch um andere Organismen. Wenn wir einen Magerrasen wegen der Knabenkräuter pflegen und dort etwa Büsche entfernen, dann nehmen wir dabei auch Rücksicht auf die Lebensgrundlagen von Schmetterlingen und Heuschrecken." Michael Luwe ergänzt: "Wir haben einen anderen Zugang zu den Pflanzen als die Orchideensammler, -züchter und -zimmergärtner, die sich mit fremdländischen Arten beschäftigen. Uns liegen ja die Erforschung und der Schutz der einheimischen Orchideen am Herzen, damit nachfolgende Generationen diese Pflanzen auch noch in natura genießen können." Die Herkunft der Interessierten beschreibt er so: "Unsere rund 260 AHOMitarbeiter sind ganz normale Leute aus vielen unterschiedlichen Berufen. Manche kommen von der Fotografie – sie haben die Orchideen als faszinierende Bildmotive entdeckt. Etliche finden auch erst mit dem Eintritt in den Ruhestand zu uns, weil sie dann Zeit haben."

Sex and Crime beim Blütenbesuch

Orchideen faszinieren auch als farbenprächtige Bildmotive.
Orchideen faszinieren auch als farbenprächtige Bildmotive.
Für Michael Luwe – wie für alle anderen – sind es nicht unbedingt Formen und Farben, die die Orchideen interessant machen, sondern eher ihre faszinierende Biologie: "Wer zum ersten Mal eine der heimischen Arten sieht, sagt vielleicht: ,Was, so klein sind die?‘, aber wenn die Leute etwas über den Bestäubungsvorgang erfahren, dann kommen sie aus dem Staunen nicht mehr heraus. Orchideen haben nämlich verblüffende Tricks entwickelt, um Insekten als Pollenkuriere einzuspannen." Die Blüten der Ragwurzarten beispielsweise haben Ähnlichkeit mit den Weibchen bestimmter Bienenoder Wespenarten – finden jedenfalls die liebeshungrigen Insektenmänner. Die wollen immer wieder die vermeintlichen Partnerinnen begatten und bekleben sich an den Blüten, ohne es zu wollen, gleich mit einem ganzen Pollenpaket. Bei erneuten Kopulationsversuchen an einer anderen Blüte streifen sie den Pollen dort ab und sichern so die Bestäubung. Wo "normale" Pflanzen ihre Besucher mit Nektar locken, bieten manche Orchideen also Sex – oder die Illusion davon. "Die Pflanze verströmt sogar denselben Duftstoff wie die Wespenweibchen – für die Männchen auf Brautschau ein unwiderstehliches Signal." Aber Luwe relativiert diese Strategie: "Man darf weder den Pflanzen eine Täuschungsabsicht andichten noch die Insekten als Betrugsopfer sehen. Das ist einfach das Ergebnis einer engen gemeinsamen Evolution." Luwe schildert einen weiteren Orchideenkrimi: "Genauso wenig darf man einer Frauenschuh- Orchidee Freiheitsberaubung vorwerfen, nur weil sie die kleinen Bienen, die ihre Blüten besuchen, vorübergehend gefangen nimmt."

Bienen sind nicht nachtragend

Ein "Edelstein der heimischen Flora": das Kleine Knabenkraut.
Ein "Edelstein der heimischen Flora": das Kleine Knabenkraut.
Auf der Suche nach der Duftquelle setzen die sich nämlich auf den engen, glänzenden Rand des "Schuhs" und rutschen dabei in die Blüte. An den glatten Innenwänden gibt es keinen einfachen Weg in die Freiheit, nur einen durch Haare markierten Umweg. Doch auf dem berühren die Bienen zwangsweise die Narbe und werden anschließend noch mit Pollen beladen. Dann erst dürfen sie die "Kesselfalle" verlassen. "Aber die haben wohl ein kurzes Gedächtnis", nimmt Luwe an. "Viele wiederholen ihren Fehler an der nächsten Pflanze gleich wieder und sorgen so für die Bestäubung etlicher Blüten." In Nordrhein-Westfalen kommen etwas mehr als 40, allesamt streng geschützte Orchideenarten vor. Diese überschaubare Anzahl macht die Orchideenkunde als Einstieg in die Botanik besonders reizvoll. Einige Arten sind allerdings so selten, dass sich die Zahl ihrer Nachweise an einer Hand abzählen lässt: Der Blattlose Widerbart, die Korallenwurz oder das Kleine Zweiblatt sind solche Raritäten. Ihre Vorkommen werden geheim gehalten wie die Aufenthaltsorte von potenziellen Entführungsopfern. Andere sind noch ungefährdet oder häufig, zum Beispiel die Breitblättrige Stendelwurz, das Große Zweiblatt oder das Gefleckte Knabenkraut.

In ungedüngten Feuchtwiesen wachsen mehrere Orchideenarten.
In ungedüngten Feuchtwiesen wachsen mehrere Orchideenarten.
Die Mehrzahl der Arten ist allerdings auf bestimmte Gebiete beschränkt und im Rückgang begriffen, weil viele Standorte heute drainiert, stärker gedüngt oder häufiger im Jahr gemäht werden als früher. Am artenreichsten sind die Orchideen noch in den Kalkgebieten vertreten, wie im nördlichen Sauerland, in Ostwestfalen oder in den Beckumer Bergen. "In Nordrhein-Westfalen ist natürlich die Nordeifel das ,gelobte Land‘, schwärmt Heinz Baumann, der zusammen mit seiner Frau Angelika die Arbeitsgruppe Eifel leitet. Vergleichbare Gruppen Interessierter gibt es auch in anderen Regionen des Landes. Sie treffen sich regelmäßig zu Orchideenexkursionen und führen gemeinsame Biotoppflegeeinsätze durch. Der AHO, der vor 23 Jahren innerhalb des Bundes für Umweltund Naturschutz gegründet wurde, ist ihre gemeinsame Plattform. Neben vielen persönlichen Kontakten tauschen sich die Mitglieder über das Internet und ein eigenes Mitteilungsblatt aus. Für wenige Euro Portopauschale erhalten alle Interessierten die Rundschreiben und eine Zeitschrift.

Quelle: Stiftungsmagazin 2/2006




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Die NRW-Stiftung unterstützte den Arbeitskreis Heimische Orchideen e.V. mehrfach bei Veröffentlichungen über die Orchideenvielfalt in NRW.
Arbeitskreis Heimische Orchideen (AHO) NRW,
c/o Peter Rolf,
Theodor-Heuss-Str. 47,
50374 Erftstadt,
Telefon und Fax (0 22 35) 413418
www.aho-nrw.de
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