DIE URDENBACHER KÄMPE BEI DÜSSELDORF

ZURÜCK IM ALTEN BETT

Haus Bürgel mit der Biologischen Station, dem Römermuseum und einer Kaltblutzucht liegt im Zentrum der Urdenbacher Kämpe.<br />
<small>Bild: Joschka Meiburg</small>
Haus Bürgel mit der Biologischen Station, dem Römermuseum und einer Kaltblutzucht liegt im Zentrum der Urdenbacher Kämpe.
Bild: Joschka Meiburg
Im weiten Bogen zieht sich ein verlandeter Flussarm um die Rheinaue zwischen Urdenbach und Baumberg. Die alte Flutrinne wurde in den vergangenen Jahrzehnten nur noch bei hohen winterlichen Hochwassern vom Rhein durchspült. Die meiste Zeit lag der einst amphibische Lebensraum auf dem Trockenen. Seit 1956 hielt ein kilometerlanger Damm steigendes Wasser des Altrheins und des Garather Mühlenbachs auf Distanz. Damit ist es jetzt vorbei: Nach zwei Deichöffnungen darf der Mühlenbach wieder frei fließen und den Altrheinarm fluten. Nicht nur Flora und Fauna profitieren davon. Für Anwohner und Besucher im Düsseldorfer Süden präsentiert sich der Urdenbacher Altrhein wieder als wahres Naturparadies.

<small>Bild: Joschka Meiburg</small>
Bild: Joschka Meiburg
Vor 60 Jahren hatten Landnutzer und der Wasserbau noch andere Prioritäten. Seinerzeit wollte man verhindern, dass die Wiesen der Urdenbacher Kämpe bei sommerlichen Hochwassern absaufen – die Heuernte sollte nicht durch die Launen der Natur in Gefahr geraten. Man begradigte deshalb den Garather Mühlenbach, der das alte Rheinbett der Länge nach durchfließt, und drängte ihn hinter einen Sommerdeich. Den Altarm selbst entwässerte man über zwei große Gräben. Heute darf die Natur wieder zu ihrem Recht kommen. Die mit der Öffnung des Deiches eingeleitete Renaturierung dient dem Schutz hochgradig bedrohter Lebensgemeinschaften. Damit passt sie hervorragend zu den Zielen der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie. Diese sieht vor, möglichst alle Gewässer wieder in einen guten ökologischen Zustand zu bringen. Im Fall der Rheinaue ist das zugleich ein Beitrag zum Hochwasserschutz, denn längst ist bekannt, dass naturnahe Auen viel mehr Wasser aufnehmen können als technisch verbaute Uferabschnitte. Die Gefahren für die Flussanlieger im Unterlauf werden so entschärft.

ALTRHEIN RELOADED

In einem östlichen Bogen um diese Auenlandschaft zieht sich die Rinne des Urdenbacher Altrheins. Seit einem Jahr führt sie wieder reichlich Wasser und darf sich ihren Lauf selbst suchen.<br />
<small>Bild: Joschka Meiburg</small>
In einem östlichen Bogen um diese Auenlandschaft zieht sich die Rinne des Urdenbacher Altrheins. Seit einem Jahr führt sie wieder reichlich Wasser und darf sich ihren Lauf selbst suchen.
Bild: Joschka Meiburg
Während der Garather Mühlenbach in den vergangenen 60 Jahren wie in einer Abflussrinne in Richtung Rhein geeilt war, machte er es sich schon kurz nach der Deichöffnung wieder in seinem alten Bett bequem. Er ging auffällig in die Breite, verringerte seine Fließgeschwindigkeit und setzte wieder mehr Sediment ab. Für viele Organismen schafft er auf diese Weise neue Ansiedlungs-möglichkeiten, ideal für seltene Uferpflanzen, Fische, Wasserschnecken und Vögel. "Genau so haben wir es uns vorgestellt", freut sich Elke Löpke, Leiterin der benachbarten Biostation Haus Bürgel. "So ein frei fließendes, abwechs-lungsreiches Niederungsgewässer am Rand der Rheinaue ist ein echtes Juwel, und das Beste ist, dass man vom Dammweg aus ganz toll ins Gebiet hineinschauen kann!" Tatsächlich haben die Naturschützer und Ingenieure die Renaturierung so geplant, dass der alte Sommerdeich auf 2,5 Kilometer Länge als Wander, Rad- und Beobachtungsweg bestehen bleibt. Die beiden Deichlücken, die den Bach zum "Freigänger" machen, wurden mit stabilen Brücken von je 20 Meter Länge überspannt. Zusätzlich wurde beim Durchlass Hellerhof eine Aussichtsplattform angelegt. Auch das künstliche Bachbett hinter dem Deich wurde aufgewertet: Mehrere Schwellen aus Sand verhindern, dass das Quellwasser, welches aus der Böschung drückt, sofort zum Rhein abfließt. Stattdessen speist es jetzt eine Kette von Tümpeln. "Damit schaffen wir Laichgewässer für Amphibien wie den Kammmolch und den Kleinen Wasserfrosch."

ERST BEISPIELLOS, JETZT VORBILDLICH

Seit die Rinne des Urdenbacher Altrheins wieder reichlich Wasser führt, findet der Graureier deutlich mehr Nahrung.<br />
<small>Bild: Joschka Meiburg</small>
Seit die Rinne des Urdenbacher Altrheins wieder reichlich Wasser führt, findet der Graureier deutlich mehr Nahrung.
Bild: Joschka Meiburg
Die Herausforderung für das Projekt im Düsseldorfer Süden bestand darin, dass es für das Planungsziel kein lebendes Vorbild gab. Infolge von Begradigungen und technischem Gewässer-ausbau waren naturnahe Bäche vom Typ "Niederungsgewässer in Stromtälern" nicht nur in Nordrhein-Westfalen, sondern in ganz Nordwestdeutschland praktisch verschwunden. Doch in solchen Fällen hilft sich die Natur selbst, sobald nur die Weichen richtig gestellt sind. Ökologen schauen jetzt staunend zu, wie rasch die Lebensgemeinschaften auf die Wiederherstellung der alten Bedingungen reagieren und mit welcher Dynamik sich das Mosaik aus Sand- und Schlammbänken, Schwimmpflanzen, Flutrasen und Röhrichten verändert. In den strömungsberuhigten Abschnitten tummelt sich die Fischbrut in einer Fülle, wie man sie hier lange nicht gesehen hat. Im flachen Wasser machen Graureiher und Eisvogel entsprechend reiche Beute. Und selbst ganz heimlich lebende Arten wie die Wasserralle haben sich sofort auf das verbesserte Angebot eingestellt. "Vier Brutpaare haben wir in diesem Jahr schon gezählt", berichtet Elke Löpke begeistert.
Obstwiesen in der Urdenbacher Kämpe

Apfelernte auf den Streuobstwiesen bei Haus Bürgel.
Apfelernte auf den Streuobstwiesen bei Haus Bürgel.
Wissen die Rheinländer eigentlich, dass Kaiser Wilhelm kein Berliner, sondern ein echtes Düsseldorfer Gewächs war? Eine Apfelsorte mit dem Namen der deutschen Majestät stammt nämlich aus der Rheinaue bei Monheim. Die Biologische Station Haus Bürgel lässt den Kaiserapfel deshalb wieder hochleben und kümmert sich vorbildlich um den Erhalt landschaftsprägender Obstgehölze.

Als die NRW-Stiftung im Jahr 1990 begann, die ersten Streuobstwiesen südlich von Düsseldorf für Naturschutzzwecke zu erwerben, wusste man zwar um deren ökologische Bedeutung, doch kaum jemand konnte sagen, welche Apfel- und Birnbäume hier versammelt waren. Das änderte sich, als Rudi Schörmann erste Bestandsaufnahmen machte. Unter den rund 50 Sorten, die der Langenfelder Obstkenner in den Rheinwiesen zwischen Urdenbach und Baumberg fand, waren auch einige alte Bäume des Kaiser-Wilhelm-Apfels, einer Sorte, die mit Haus Bürgel aufs Engste verbunden ist: Aus dem Garten des geschichtsträchtigen Anwesens stammte nämlich der Baum, der als Allererster auf den Namen des großen Monarchen getauft wurde und auf den alle heute vorhandenen Exemplare dieser Sorte zurückgehen.

Vom Hofmarschall geadelt

Entdeckt wurde der Einzelgänger aus der Renetten-Verwandtschaft dort im Jahr 1864 von Carl Hesselmann, einem Volksschullehrer aus Witzhel den bei Solingen. Der Lehrer konnte den starkwüchsigen Baum mit den wohlschmeckenden Früchten seinerzeit keiner bekannten Sorte zuordnen. Auch alle Fachkollegen, die der Obstkundler fragte, reagierten nach einer Inspektion des namenlosen Rotbäckchens mit Achselzucken. "Der Mann konnte davon ausgehen, dass er eine zufällig entstandene, noch unbekannte Sorte vor sich hatte", erzählt Land schaftspfleger Ralf Badtke, selbst Spezialist in Sachen heimischer Apfelvielfalt. "Hesselmann war ein hervorragender Apfelkenner – er hat in seinem Heimatort Hunderte verschiedener Obst gehölze kultiviert."

Die Biologische Station Haus Bürgel kümmert sich vorbildlich um den Erhalt landschaftsprägender Obstgehölze.
Die Biologische Station Haus Bürgel kümmert sich vorbildlich um den Erhalt landschaftsprägender Obstgehölze.
Das reiche Aroma des gut lagerfähigen Apfels und seine Anspruchslosigkeit veranlassten Hesselmann, die Sorte gezielt zu vermehren. Da die Renette von Haus Bürgel aber nur zögernd Interesse fand, griff Hesselmann im Dezember 1875 zur Schreibfeder und adressierte ein Paket nach Berlin: "Allerdurchlauchtigster, Großmächtigster Kaiser!", begann er seinen devoten Begleitbrief, "… ich habe mir die große Freude erlaubt, einer neuen Apfelsorte, die unter meinen 500 Obstsorten die wertvollste ist, Allerhöchst ihren erhabenen Namen Kaiser Wilhelm beizulegen und Eurer Majestät 35 Früchte derselben für Allerhöchst Ihren Weihnachtstisch zu übersenden". Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Das Königliche Hofmarschall-Amt übermittelte den "besonderen Dank seiner Majestät" und bat um ein Bäumchen für den Babelsberger Park bei Potsdam.

Aufstieg, Fall und Rettung

Der neue Name machte das rheinische Früchtchen schlagartig bekannt: Baumschulen nahmen "Kaiser Wilhelm" in ihr Sortimentauf, und landauf, landab pflanzten Obstbauern den Baum mit dem adeligen Image. Selbst im fernen Sachsen machte der Düsseldorfer Karriere. Dass die Sorte heute nur noch ein Nischendasein fristet, liegt daran, dass für viele Verbraucher und Händler niedrige Preise wichtiger sind als Charakter, Aroma und Lagerfähigkeit. Der Kaiser kann mit der Ware aus modernen Niederstamm-Plantagen nicht konkurrieren, weil er wegen seiner Höhe per Leiter geerntet werden muss. Auch in der Urdenbacher Rheinaue hatten deshalb nur wenige alte Bäume überlebt. Mittlerweile haben die Mitarbeiter der Biologischen Station durch Nachpflanzen und Pflege junger Hochstämme wieder eine neue Generation gesichert.

Ralf Badtke ist zuversichtlich, dass die Nachfrage nach Pflanzgut, Frischobst und Saft weiter zunimmt: "Auch unsere Kurse zum Obstschnitt und zur Sortenbestimmung sind jedesmal ausgebucht." Besondere Freude macht es der Leiterin der Station, Elke Löpke, wenn sich Besucher beim Klang der Namen, beim Riechen oder beim Biss in einen Apfel plötzlich lang vergessener Geschmackserlebnisse erinnern. "Die bekommen leuchtende Augen – so als wenn sich alte Freunde ganz unerwartet wiederfinden." Für die Fans des Kaiser-Wilhelm-Apfels gibt es übrigens bald eine besondere Gaumenfreude, kündigt Elke Löpke an: "Der Jahrgang 2008 hat uns so viel Obst beschert, dass wir erstmals einen sortenreinen ,Kaiser-Wilhelm-Apfelbrand‘ destillieren lassen."

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 2014/2





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Die Urdenbacher Kämpe und der Urdenbacher Altrhein im Süden von Düsseldorf gehören zu den letzten großen Auenbereichen am Niederrhein, die regelmäßig bei Hochwasser überschwemmt werden. Sie genießen als sogenannte Fauna-Flora-Habitat-Gebiete einen strengen gesetzlichen Status nach europäischem Recht. Schon vor der Unterschutzstellung begann die NRW-Stiftung seit den 1990er-Jahren mit dem Ankauf von insgesamt 130 Hektar Land, vorwiegend Feuchtwiesen.

Auf der Basis des Grunderwerbs wurde jetzt die Renaturierung eines Niederungsgewässers von 2,5 Kilometer Länge eingeleitet. Wie schnell die Wiederbesiedlung mit den auentypischen Pflanzen, Tieren und Lebensgemeinschaften erfolgt, wird durch eine mehrjährige wissenschaftliche Beobachtung dokumentiert. An der Planung, Durchführung und Finanzierung beteiligten sich neben der Nordrhein-Westfalen-Stiftung unter anderem die Stadt Düsseldorf, die Biologische Station Haus Bürgel und der Bergisch-Rheinische Wasserverband.

Biologische Station Haus Bürgel
Stadt Düsseldorf
Kreis Mettmann e.V.
Telefon: 0211 9961-212
Telefax: 0211 9961-213
info@biostation-D-ME.de
www.biostation-D-ME.de


Öffnungszeiten Biologische Station:

Montags bis donnerstags
9-17 Uhr, freitags 9-13 Uhr.
Am Wochenende ist die Station nicht besetzt.
Exkursionstermine und Führungen können telefonisch abgefragt und vereinbart werden.

Das Naturschutzgebiet erstreckt sich zwischen Düsseldorf und Monheim am Rhein.

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