WO VERBRINGEN UNSERE STÖRCHE DEN WINTER?

AFRIKAREISE ODER SPANIENTRIP?

In ihren klassischen Winterquartieren südlich der Sahara ernähren sich Störche meist von Heuschrecken und Eidechsen. <br />
<small>Bild: picture alliance/Arco Images GmbH/K. Wothe</small>
In ihren klassischen Winterquartieren südlich der Sahara ernähren sich Störche meist von Heuschrecken und Eidechsen.
Bild: picture alliance/Arco Images GmbH/K. Wothe
Storchenpaare bleiben sich ein Leben lang treu, füttern ihre Jungen mit Fröschen und fliegen im Herbst nach Afrika. So etwa lauten gängige Klischees von der Lebensweise unserer Weißstörche. In Wirklichkeit sind Partnerwahl, Nahrungsspektrum und Winterquartier von Meister Adebar viel variabler. Im Spannungsfeld der sich wandelnden Umwelt bewegen sich die Störche auf einem schmalen Grat zwischen genetischem Erbe und der Notwendigkeit zur Anpassung. Auch im Zugverhalten der nordrhein­-westfälischen Störche gibt es offenbar keine ewig gültigen Gesetze, wie die Beobachtungen der letzten Jahre zeigen.

Eine erfreuliche Nachricht vorweg: Mit dem Brutbestand der Weißstörche in unserem Land geht es weiter bergauf. Allein im Kreis Minden­-Lübbecke, der Storchen-Hochburg in unserem Land, stieg die Zahl der Horstpaare auf 54, sieben mehr als im Jahr zuvor. Gemessen an der Zahl der flüggen Jungstörche war es allerdings keine gute Saison. Ausgerechnet im Mai machte kühle Witterung mit wiederholtem Starkregen den Störchen schwer zu schaffen.
 In dieser Zeit sind die Jungen so groß und hungrig, dass die Eltern ständig auf Nahrungssuche gehen müssen. Dabei können sie den Nachwuchs nicht permanent gegen das Auskühlen schützen. Verhungern oder Erfrieren – für die Storcheneltern ist nasskaltes Wet­ter wie die Wahl zwischen Pest und Cholera.

WARMLUFT ALS VERKEHRSMITTEL

Früher überwinterten fast alle Störche südlich der Sahara. <br />
<small>Bild: Aktionskomitee "Rettet die Weißstörche"</small>
Früher überwinterten fast alle Störche südlich der Sahara.
Bild: Aktionskomitee "Rettet die Weißstörche"
Ganz gleich, wie gut oder schlecht die Fortpflanzungssaison läuft, etwa Mitte August werden die Störche von der Zugunruhe erfasst und brechen Richtung Winterquartier auf. Eilig haben sie es nicht, die Tagesetappen können mehrere dutzend Kilometer lang sein, bei gutem Flugwetter aber auch mehrere Hundert. Wenn die Sonne die Luft erwärmt, lassen sich die großen Vögel wie von einem Lift nach oben tragen, um anschließend möglichst weite Strecken zu gleiten.
Das Mittelmeer meiden sie, denn über großen Wasserflächen fehlt jegliche Thermik und die Tiere müssten in einen kräfteraubenden Ruderflug wechseln. Je nachdem, ob ihre Route über Spanien oder über die Türkei führt, teilt man sie in West­- und Ostzieher. Eigent­lich ist mit der Überquerung der Meerenge bei Gibraltar bzw. des Bosporus aber noch nicht einmal die Hälfte der Fernreise geschafft. Das klassische Ziel liegt nämlich südlich der Sahara, zum Beispiel in den Sümpfen und Savannen des Tschads oder in Südafrika. Doch die Reisetradition scheint sich zu wandeln – weg von der Langstrecke, hin zum Spanientrip. Die Vögel, die den Winter in Südwesteuopa oder allenfalls in Marokko verbringen, haben nämlich im Frühjahr einen Vorsprung bei der Horst-­ und Partnerwahl.

UNROMANTISCHE NAHRUNGSQUELLEN

Heute fliegen viele nur noch bis Nordafrika oder Spanien, wo ihnen Müllkippen reichlich Nahrung bieten. <small>Bild: Holger Schulz</small>
Heute fliegen viele nur noch bis Nordafrika oder Spanien, wo ihnen Müllkippen reichlich Nahrung bieten. Bild: Holger Schulz
Und wo entlang fliegen die NRW­-Störche? Im Kreis Minden-­Lübbe­cke gibt es sowohl West­- als auch Ostzieher, Mittel­- und Langstreck­ler. Die Zugscheide verläuft genau durchs Gebiet, ist aber nicht starr wie eine Demarkationslinie. Ossis und Wessis lassen sich am Rück­kehrdatum erkennen, die Spanienflieger haben den Schnabel vorn: "Wer vor dem 24./25. März da ist, ist mit ziemlicher Sicherheit ein Westzieher, die Oststörche brauchen länger, die kommen vielfach erst im April", erläutert Dr. Dr. Alfons Bense, der bekannte Experte des Aktionskomitees "Rettet die Weißstörche im Kreis Minden­-Lübbecke" e. V.
Das Zugverhalten ist allerdings nicht starr. "Wir beobachten in den letzten Jahren, dass die Zahl der Westzieher bei uns zunimmt, die Zugscheide verschiebt sich also gerade etwas nach Osten."

Dass die Weststörche in den letzten Jahren häufiger wurden, muss eine Ursache haben. Experten haben festgestellt, dass immer mehr Westzieher die gefahrvolle Reise bis in die Savannen und Sümpfe südlich der Sahara meiden, ja oft nicht einmal mehr bis Afrika flie­gen. Beispielsweise bleibt bereits die Hälfte der Schweizer Störche im Winter in Spanien. Ein Teil von ihnen findet in den abgeernteten Reisfeldern ausreichend Nahrung. Andere haben die großen, offenen Hausmülldeponien für sich entdeckt. Statt Storchen­-Winterdiät wie Heuschrecken, Eidechsen, Würmer oder Mäuse zu suchen, bal­gen sie sich jetzt zwischen Möwen und Schwarzmilanen um Essens­reste und andere organische Abfälle. Auf manchen Deponien in Ka­talonien und Andalusien finden sie sich regelmäßig in vierstelliger Zahl ein. Mit diesem zweifelhaften Angebot dürfte es aber bald vor­ bei sein: In Zukunft müssen die organischen Abfälle aussortiert und in Biogasanlagen kompostiert werden. Ein EU­-Gesetz will so die großen Mengen an klimaschädlichem Methan reduzieren, die sonst bei der Verrottung ausgasen. Ob das auch einen Einfluss auf die Storchenpopulation in Deutschland haben wird?

VON EHELICHER TREUE KEINE SPUR

Nach der Rückkehr ins Brutgebiet muss zunächst die Paarbindung erneuert werden.<br />
<small>Bild: picture alliance/Arco Images GmbH/B. Lamm</small>
Nach der Rückkehr ins Brutgebiet muss zunächst die Paarbindung erneuert werden.
Bild: picture alliance/Arco Images GmbH/B. Lamm
Auch im Kreis Minden-­Lübbecke überwintern Störche, die dann gern Abfalldeponien besuchen, aber ihre Zahl nimmt ab. "Im Win­ter 2013/14 hielten sich bis zu sieben Weißstörche im Kreisgebiet auf", weiß Alfons Bense zu berichten. "Daneben gibt es eine be­grenzte Zahl von Winterflüchtern, die nicht richtig ziehen, sondern einem strengen Winter nur mehr oder weniger weit ausweichen." Was der wahre Grund dieses Verhaltens ist, wird von Biologen noch diskutiert. Oft stammen solche Tiere aus menschlicher Obhut oder ihr Zugtrieb ist durch unnatürliche Fütterungen abgeschwächt. Frühe Ankunft am Horst ist im Einzelfall auch keine Garantie für eine ungestörte und erfolgreiche Brut. Schließlich gibt es unter den später eintreffenden Störchen streitbare Naturen, die nicht einfach abdrehen, wenn ihr Wunschquartier schon besetzt ist. Im vergangenen Jahr etwa starb in Petershagen ein brütendes Weibchen nach den Attacken einer spät heimgekehrten Rivalin. Der Storchenmann trauerte nur einen Tag, dann vermählte er sich mit der Neuen. Einehe unter Störchen ist also ein Märchen. Zutreffend ist dagegen diese Regel: Je länger Störche leben, desto stärker binden sie sich an einen Ort oder einen einzelnen Horst. "Die Neue" entpuppte sich übrigens als alte Bekannte, es war die Witwe des legendären Peters­häger Veteranen "Peterchen", der es in 20 aktiven Storchenjahren auf mindestens neun verschiedene Partnerinnen gebracht hatte.




Die Nordrhein-Westfalen-Stiftung hat an den Ufern von Weser und Bastau über 400 Hektar Land zum Schutz der frei lebenden Weißstörche im Kreis Minden-Lübbecke gekauft. Vom großflächigen Schutz des Lebensraumes der Weißstörche profitieren auch viele andere Tiere und Pflanzen wie Kiebitz, Schafstelze und Löffelenten, Fieberklee, Orchideen und der Lungen-Enzian.
Weitere Informationen beim Projektbericht:
www.nrw-stiftung.de/projekte/projekt.php?pid=180
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