ARCHIVE UND SAMMLUNGEN IN NORDRHEIN-WESTFALEN

VON SCHATZKAMMERN UND GEDÄCHTNISSPEICHERN

Das Landesarchiv Nordrhein-Westfalen besitzt mehrere, über die Regionen des Landes verteilte Standorte: Die Abteilung Rheinland, die sich früher in Düsseldorf befand, hat neuerdings einen ehemaligen Speicher am Duisburger Innenhafen bezogen, ... <br />
<small>Bild: Peter Fröhlich, Landesarchiv NRW</small>
Das Landesarchiv Nordrhein-Westfalen besitzt mehrere, über die Regionen des Landes verteilte Standorte: Die Abteilung Rheinland, die sich früher in Düsseldorf befand, hat neuerdings einen ehemaligen Speicher am Duisburger Innenhafen bezogen, ...
Bild: Peter Fröhlich, Landesarchiv NRW
Für Computerbenutzer ist es eine Schreckensvorstellung: Die Technik versagt, Sicherheitskopien fehlen – und zusammen mit Texten und Fotos verschwinden unwiederbringliche Erinnerungen. Doch nicht nur Privatpersonen, sondern auch Institutionen und Organisationen, ja, ganze Städte und Länder wären ohne Text-­ und Bilddokumente aus der Ver­gangenheit praktisch gedächtnislos. Archive bergen einen wesentlichen Teil unseres kulturellen Erbes. Zugleich sind sie Schatzkammern, in denen sich spannende Spuren der Geschichte freilegen lassen. Doch was haben sie mit Hühnerställen und Tabakstüten zu tun? Die Antwort liefert eine Reise durch das sammelnde und sortierende Nordrhein­-Westfalen.

... die Abteilung Westfalen liegt in Münster (siehe Bild), die Abteilung Ostwestfalen-Lippe findet man in Detmold.<br />
<small>Bild: Gerhard Miltin</small>
... die Abteilung Westfalen liegt in Münster (siehe Bild), die Abteilung Ostwestfalen-Lippe findet man in Detmold.
Bild: Gerhard Miltin
Münster im Frühjahr 1534: In der westfä­lischen Stadt haben die "Täufer" die Macht an sich gerissen, Anhänger einer radikalen Reformations­bewegung, die alle bestehenden Ordnungen für gottlos halten. Sie plündern Kirchen, zerstören Kunstwerke – und verbrennen demonstrativ sämtli­che Dokumente des Münsteraner Ratsarchivs. Dass die vor dem Rathaus aufgehäuften Privilegien, Pro­tokolle und Rechnungsbücher dem Feuer mehrere Tage lang Nahrung boten, mag eine Legende sein. Wahr aber ist: Wir befinden uns in einer Zeit, in der die Schriftlichkeit bereits erheblichen Umfang angenommen hatte. Während im Mittelalter lange Zeit Einzelurkunden vorgeherrscht hatten, setzte sich in der frühen Neuzeit (also im 16. bis 18. Jahr­hundert) das "Aktenzeitalter" endgültig durch.

Geheimstrategie Chaos

Ein eindrucksvolles Beispiel für den Wert von Archivarbeit in vielen Heimat- und Kulturvereinen: Im ehemaligen Kuhstall des denkmalge-schützten Tuppenhofs <br />
in Kaarst bei Neuss wurden 1990 zahlreiche Dokumente über das Leben und Arbeiten auf dem Hof gefunden. Sie reichten von 1685 bis in die 1980er-Jahre und gaben einen wichtigen Impuls zur Einrichtung einer "musealen Begegnungsstätte". In Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv Kaarst kümmert man sich auf dem Tuppenhof mit viel Engagement um die Erschließung des historischen Materials. Im Bild: Knut Fischer, Reinhard Mohr und Astrid Langer vom Museums-Förderverein Kaarst e. V. <br />
<small>Bild: Werner Stapelfeldt</small>
Ein eindrucksvolles Beispiel für den Wert von Archivarbeit in vielen Heimat- und Kulturvereinen: Im ehemaligen Kuhstall des denkmalge-schützten Tuppenhofs
in Kaarst bei Neuss wurden 1990 zahlreiche Dokumente über das Leben und Arbeiten auf dem Hof gefunden. Sie reichten von 1685 bis in die 1980er-Jahre und gaben einen wichtigen Impuls zur Einrichtung einer "musealen Begegnungsstätte". In Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv Kaarst kümmert man sich auf dem Tuppenhof mit viel Engagement um die Erschließung des historischen Materials. Im Bild: Knut Fischer, Reinhard Mohr und Astrid Langer vom Museums-Förderverein Kaarst e. V.
Bild: Werner Stapelfeldt
Urkunden und Akten wurden ursprünglich nicht archi­viert, um historische Erinnerungen zu pflegen, sondern um Rechte und Besitztümer abzusichern. Die Täufer vernichteten also Dokumente, die für Münster konkrete Bedeutung hatten. Trotzdem hegten nicht nur religiöse Fanatiker, sondern auch ganz normale Münsteraner Bürger ein gewisses Misstrauen gegen das Ratsarchiv, wo zwar wichtige Unterlagen aufbewahrt, im gewissen Sinne aber auch vor den Menschen versteckt wurden. Denn Geheimhaltung, ja verstiegene Geheimnis-krämerei spielte im frühneuzeitlichen Archivwesen eine große Rolle, keineswegs nur in Münster. Selbst chaotisches Durch­einander wurde zuweilen als probate Geheimhaltungs­strategie gerechtfertigt – schließlich lasse sich nicht ausspionieren, was gar nicht erst aufzutreiben sei. Allerdings geriet so mancher Archivbesitzer selbst ins Schwitzen, wenn zum Beispiel dringend benötigte Prozessunterlagen irgendwann in der papiernen und pergamentenen Wirrnis nicht mehr aufzufinden waren.

Das Täuferreich zu Münster zerstörte das städtische Archiv, später kam das Blatt mit den Käfigen für die hingerichteten Anführer aber selbst dorthin.
Das Täuferreich zu Münster zerstörte das städtische Archiv, später kam das Blatt mit den Käfigen für die hingerichteten Anführer aber selbst dorthin.
Dem 1749 geborenen Urkundenforscher Nikolaus Kindlinger, der die Urkunden und Akten zahlreicher rheinisch­-westfälischer Adels­häuser, Klöster und Behörden ordnete, verdanken wir anschauliche Schilderungen über die skurrilen Zustände, die noch im späten 18. Jahrhundert in vielen Archiven anzutreffen waren. So stieß Kindlinger 1775 im Domarchiv zu Münster auf einen Hühnerstall, in dem eine eisenbeschlagene Eichenkiste unter zentimeterdicken Vogel-exkrementen allmählich zu verschwinden drohte. Nach dem Öffnen kamen zahlreiche alte Briefschaften zum Vorschein, die der Finder eifrig zu sichten begann – jedoch nur um zu erleben, dass sie vom Domküster, der sie für Makulatur hielt, später zu Tabaks­tüten verarbeitet wurden.

Der 1819 verstorbene Nikolaus Kindlinger lebte zu Zeiten der Fran­zösischen Revolution und der Ära Napoleons. Damals kam es 1806 zur Auflösung des "Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation" und 1815 zur politischen Neuordnung Europas auf dem Wiener Kon­gress. Zusammen mit anderen Faktoren (wie der Säkularisierung von Klöstern und Stiften) zerschnitten diese Umbrüche uralte Rechtstraditionen. Die Folge: Unzählige Archivalien aus Mittelalter und früher Neuzeit verloren ihre Rechtswirksamkeit, weil die Verhältnisse, auf die sie sich bezogen, nicht mehr existierten. Die Do­kumente verwandelten sich dadurch in historisches "Kulturgut", mit dem sich fortan fast ausschließlich die Geschichtsforscher und nur noch selten die Juristen befassten.

Würdig fürs Archiv

In Tecklenburg half sie, den Nachlass des Heimatforschers Friedrich Ernst Hunsche im ehemaligen Gasthof Prigge zu archivieren. Die NRW-Stiftung unterstützte das Kölner Edith-Stein-Archiv, das den Nachlass der 1942 in Auschwitz-Birkenau ermordeten Karmelitin Edith Stein bewahrt. Sie war vom jüdischen zum katholischen Glauben übergetreten und wurde 1998 heiliggesprochen. Stiftungshilfe für das Düsseldorfer Heine-Institut gab es beim Kauf von Heine-Autografen.<small>Bild: Werner Stapelfeldt</small>
In Tecklenburg half sie, den Nachlass des Heimatforschers Friedrich Ernst Hunsche im ehemaligen Gasthof Prigge zu archivieren. Die NRW-Stiftung unterstützte das Kölner Edith-Stein-Archiv, das den Nachlass der 1942 in Auschwitz-Birkenau ermordeten Karmelitin Edith Stein bewahrt. Sie war vom jüdischen zum katholischen Glauben übergetreten und wurde 1998 heiliggesprochen. Stiftungshilfe für das Düsseldorfer Heine-Institut gab es beim Kauf von Heine-Autografen.Bild: Werner Stapelfeldt
Große Teile der Überlieferung aus der Zeit des alten Reiches – soweit sie NRW­Gebiet betreffen – findet man heute im "Landesarchiv Nord­rhein-­Westfalen", das Standorte in Duisburg, Münster und Detmold hat. Das Landesarchiv ist aber nicht nur eine Schatzkammer schriftlicher Altertümer, die bis in das 7. Jahrhundert zurückreichen. Es ist auch das Gedächtnis des modernen Bundes-landes Nordrhein-Westfalen. Um dieses Gedächtnis zu füttern, dürfen NRW­-Behörden die von ihnen nicht mehr benötigten Unterlagen nicht einfach vernich­ten. Das Landesarchiv überprüft vielmehr zunächst, inwieweit das Ma­terial von bleibender Aussagekraft und damit "archivwürdig" ist.
Das Westfälische Wirtschaftsarchiv in Dortmund bewahrt Dokumente von Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten der westfälisch-lippischen Wirtschaft. Die NRW-<br />
Stiftung unterstützte seinerzeit den Ausbau. <small>Bild: Bernd Hegert</small>
Das Westfälische Wirtschaftsarchiv in Dortmund bewahrt Dokumente von Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten der westfälisch-lippischen Wirtschaft. Die NRW-
Stiftung unterstützte seinerzeit den Ausbau. Bild: Bernd Hegert
Zwar wird nur ein geringer Prozentsatz tatsächlich dauerhaft aufbewahrt, in absoluten Zahlen kann das aber immer noch einen jährlichen Zuwachs von bis zu 2,2 Regalkilometern bedeuten! Die Öffent-lichkeit hat auf die Unterlagen unter anderem aus Gründen des Daten-schutzes erst nach jahrzehntelangen Sperrfristen Zugriff. Man sieht: Ganz hat sich die Geheimhaltung selbst aus modernen, der Öffentlichkeit zugäng-lichen Archiven noch nicht verabschiedet, mögen die Motive auch andere sein als im 18. Jahrhundert.

Die "Vereinigten Adelsarchive im Rheinland e. V." konnten mithilfe der NRW-Stiftung das Depot auf Schloss Ehreshoven in Engels-kirchen ausbauen. Hier werden wertvolle Archivbestände, die nicht an den Adelssitzen selbst betreut werden können, nach modernen fachlichen Gesichtspunkten bewahrt.<br />
<small>Bild: Harald Soehngen</small>
Die "Vereinigten Adelsarchive im Rheinland e. V." konnten mithilfe der NRW-Stiftung das Depot auf Schloss Ehreshoven in Engels-kirchen ausbauen. Hier werden wertvolle Archivbestände, die nicht an den Adelssitzen selbst betreut werden können, nach modernen fachlichen Gesichtspunkten bewahrt.
Bild: Harald Soehngen
So wie das Landesarchiv auf der Grundlage des NRW­-Archivgesetzes arbeitet, sind auch die hiesigen Stadt­ und Gemeindearchive gesetz­lich verpflichtet, ihr Archivgut sachgerecht zu sichern und zugäng­lich zu machen. Wie aber sieht es mit Urkunden und Akten in Privat­besitz aus? In einem Bundesland, in dem so viele Burgen, Schlösser, Firmen, Verbände und Einzel-personen Geschichte geschrieben haben wie in NRW, ist das eine wichtige Frage. Natürlich kann niemand gezwungen werden, private Dinge preiszugeben. Das Beispiel der Adelsarchive demonstriert aber ein der Allgemeinheit nutzendes Zusammen-spiel von privaten Besitzern, öffentlichen Einrichtungen und Förderern wie der NRW-Stiftung.

Die Rettung der Plunderkammern

Natur wird archiviert: Im Bonner Museum Koenig dokumentieren Käfer- und Schmetterlings-sammlungen die Vielfalt der Arten. ... <br />
<small>Bild: ZFMK, Bonn</small>
Natur wird archiviert: Im Bonner Museum Koenig dokumentieren Käfer- und Schmetterlings-sammlungen die Vielfalt der Arten. ...
Bild: ZFMK, Bonn
Als in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg die rechtliche Sonder­stellung des Adels durch die Weimarer Republik aufgehoben wurde, versuchten viele betroffene Familien das Gefühl des Bedeutungsver­lustes durch eine Hinwendung zur eigenen Geschichte zu kompen­sieren. Gleichzeitig kam die Befürchtung auf, stark vernachlässigte Hausarchive – von denen es etliche gab – könnten behördlich beschlagnahmt werden. Vor diesem Hintergrund startete man damals im münsterländ-ischen Schloss Velen eine bemerkenswerte Initiative. Das Ziel: Die westfälischen Adelshäuser sollten die Dinge selbst in die Hand nehmen und gemeinsam "Plunderkammern mit alten, vermoderten Pergament­- und Papiermassen" in gepflegte Akten-­ und Urkundenbestände verwandeln. So entstanden 1923 die "Vereinigten Westfälischen Adelsarchive", die noch heute existieren. Seit vielen Jahrzehnten kooperieren sie eng mit dem in Münster ansässigen Archivamt des Landschaftsverbandes Westfalen­-Lippe.

... Vor allem ältere Sammlungen, bei deren Ankauf die NRW-Stiftung dem Museums-Förderverein half, sind von großer Bedeutung für spätere Auswertungen. <br />
<small>Bild: ZFMK, Bonn</small>
... Vor allem ältere Sammlungen, bei deren Ankauf die NRW-Stiftung dem Museums-Förderverein half, sind von großer Bedeutung für spätere Auswertungen.
Bild: ZFMK, Bonn
In den Räumen des Archivamtes können sich Forscher auf Antrag Unterlagen aus Adels-­ und anderen nicht staatlichen Archiven vor­legen lassen. Ganz ähnlich ist die Situation am Rhein, auch wenn die "Vereinigten Adelsarchive im Rheinland" erst 1982 gegründet wurden. Kooperationspartner ist hier die Archivberatungsstelle des Landschaftsverbandes Rheinland in Pulheim bei Köln. Die NRW­-Stiftung konnte die für die Landesgeschichte so bedeutsamen rheinischen und westfälischen Adelsarchive schon mehrfach unterstüt­zen, so bei der Aufbereitung der Bestände von Haus Marck, einem Wasserschloss nahe Tecklenburg, in dem einst Vorverhandlungen zum Westfälischen Frieden von 1648 stattfanden.

Sammlungen und Ansammlungen

Der Autodidakt José Verkest (1917–2005) fertigte etwa 126.000 Bilder von Insekten und Spinnen an. Sie werden mithilfe der NRW-Stiftung digitalisiert und öffentlich zugänglich gemacht. <br />
<small>Bild: ZFMK, Bonn</small>
Der Autodidakt José Verkest (1917–2005) fertigte etwa 126.000 Bilder von Insekten und Spinnen an. Sie werden mithilfe der NRW-Stiftung digitalisiert und öffentlich zugänglich gemacht.
Bild: ZFMK, Bonn
Zwar ist im Zusammenhang mit Archiven häufig von "Sammelgebie­ten" die Rede, doch nimmt man es ganz genau, dann sind Archivare eigentlich keine Sammler. Sie betreuen vielmehr Material, das sich im laufenden Geschäftsgang von Behörden und anderen Institutionen bereits von selbst angesammelt hat. Sammlungen im engeren Sinn müssen hingegen durch das gezielte Zusammen-tragen von Material erst einmal "aufgebaut" werden. Viele Archive haben ihre Aktivitäten zwar mittlerweile in diese Richtung erweitert, trotzdem handelt es sich im Kern um eine Tätigkeit, die für eine andere "Gedächtnis-institution" viel typischer ist – das Museum. Letzteres hat seine Wurzeln unter anderem in den Sammlungen fürstlicher "Wunderkammern" aus der Renaissance-­ und Barockzeit. Dazu zählten auch die "aller­hand Merkwürdigkeiten und Missgeburten", die im 16. Jahrhundert im kurfürstlichen Schloss zu Bonn angehäuft waren.

Das Rheinische Herbar des Naturhistorischen Vereins der Rheinlande und Westfalens dokumentiert mit ca. 70.000 Belegen Farn- und Blütenpflanzen von 1805 bis 1935. <br />
<small>Bild: Renate Schmitz</small>
Das Rheinische Herbar des Naturhistorischen Vereins der Rheinlande und Westfalens dokumentiert mit ca. 70.000 Belegen Farn- und Blütenpflanzen von 1805 bis 1935.
Bild: Renate Schmitz
Im geschichtsbegeisterten 19. Jahrhundert eröffneten sich der Sammelleidenschaft neue Perspektiven. Angesichts der fortschreitenden Industrialisierung sorgten sich damals viele Menschen um das Traditions-­ und Heimatbewusstsein, und vor allem seit der Reichs­gründung von 1871 bemühten sich immer mehr Geschichts­- und Heimatvereine, dem befürchteten Identitäts-verlust mithilfe von zu­sammengetragenen "Altertümern" entgegenzuwirken. So mancher leer stehende Raum in Schulen, Rathäusern oder Gaststätten füllte sich alsbald mit Münzen, alten Büchern, Waffen, Trachten und archäologischen Funden, die man dem interessierten Publikum in Vorträgen und Artikeln näher erläuterte. Es klingt zwar kurios, wenn dabei im zeittypischen Pathos vom "hingebenden Streben für die Ergründung und Erschließung verrauschter Väterzeit" die Rede ist. Aber solchem Enthusiasmus verdanken auch viele Kulturein­richtungen ihre Entstehung, die sich aus NRW heute nicht mehr wegdenken lassen. So etwa das Dortmunder Museum für Kunst und Kultur-geschichte, an dessen Beginn im Jahr 1883 der bemer­kenswerte Beschluss stand, eine "Sammelstelle"(!) für historische und künstlerische Gegenstände einzu-richten. Nicht zu vergessen sind natürlich die Spuren, die bedeutende Einzel-persönlichkeiten durch ihre Sammeltätigkeit in NRW hinterlassen haben, wie etwa der Hagener Kunstmäzen Karl Ernst Osthaus (1874 – 1921) oder der in Bottrop tätige Arno Heinrich.

Auch heute noch werden "Sammelstellen" ins Leben gerufen – manchmal sogar, um thematische Lücken bei den bereits vorhande­nen Gedächtnisinstitutionen bewusst zu schließen. Besonders eindrucksvoll zeigt das die 1996 gegründete "Stiftung Naturschutz­geschichte" auf Schloss Drachenburg im Siebengebirge. Der Hintergrund: Die deutsche Naturschutzbewegung, wie sie sich seit dem 19. Jahrhundert entwickelte, verdankt dem ehrenamtlichen Einsatz engagierter Menschen bis heute wesentliche Impulse. Da öffentliche Archive sich aber primär um die Überlieferung von Behörden küm­mern, finden sich dort kaum Quellen zur Geschichte solchen Engage­ments. Die Stiftung Naturschutzgeschichte kompensiert das, indem sie Korrespondenzen, Statistiken, Zeichnungen, Fotos und Filme von Naturschützerinnen und Naturschützern sammelt und zu Forschungs­zwecken archiviert und aufbereitet. Zugleich veranschaulicht sie der Öffentlichkeit ihr Thema durch ein Museum in der Vorburg von Schloss Drachenburg. Viele andere Stiftungen in Deutschland und nicht zuletzt in NRW verfügen ebenfalls über bedeutsame Sammlun­gen bzw. Archive. Einen ersten Überblick darüber vermittelt die Web­seite "Stiftungsarchive" des Bundes-verbandes Deutscher Stiftungen. Hier findet man etwa – um nur einige Beispiele zu nennen – Links zur Kunstsammlung NRW, zum Westfälischen Wirtschafts-archiv, zur Fliedner­-Kulturstiftung in Kaiserswerth und natürlich zur soeben ge­schilderten Stiftung Naturschutzgeschichte.

Sammeln digital

Das "Archiv, Forum und Museum zur Geschichte des Naturschutzes" auf dem Drachenfels bei Königswinter bewahrt und präsentiert historische Zeugnisse der Naturschutzbe-wegung. Der Drachenfels gilt als einer der Geburtsorte des deutschen Naturschutzes. <br />
<small>Bild: Stiftung Naturschutzgeschichte</small>
Das "Archiv, Forum und Museum zur Geschichte des Naturschutzes" auf dem Drachenfels bei Königswinter bewahrt und präsentiert historische Zeugnisse der Naturschutzbe-wegung. Der Drachenfels gilt als einer der Geburtsorte des deutschen Naturschutzes.
Bild: Stiftung Naturschutzgeschichte
Gesammelt und dokumentiert wird im 21. Jahrhundert mehr als je zuvor, und die Digitalisierung spielt dabei eine zunehmende Rolle. Auch das wohl größte Genie, das auf dem Gebiet des heutigen NRW geboren wurde, hat sich posthum das Internet erobert. Gemeint ist Ludwig van Beethoven. Das eindrucksvolle "Digitale Archiv" des Bonner Beethovenhauses besteht aus Noten, Briefen und Bildern in über 37.000 Farbscans, mehr als 1.500 Audio-­ und fast 8.000 Text­dateien. Es ist ein herausragendes Beispiel für den im Internet in­ zwischen fest etablierten Begriff Archiv im Sinne von Online-samm­lung. Bildarchive eignen sich dabei für Monitore und Displays besonders gut und rechtfertigen durch ihre praktischen Vorteile die aufwendige Digitalisierung großer Mengen traditioneller Fotos. So etwa die Sammlung "Verkest": In über 100.000 Dias, die in einem Zeitraum von fast 50 Jahren vornehmlich in NRW aufgenommen wurden, vermittelt sie einen wertvollen Überblick über die Verbrei­tung von Insekten und Spinnentieren – und beweist zugleich, dass Biologen ebenfalls ihre Archive haben.

<small>Bild: Bildarchiv Foto Marburg</small>
Bild: Bildarchiv Foto Marburg
Das Digitalzeitalter stellt auch die klassischen Archive vor eine Vielzahl neuer Herausforderungen. Einerseits, weil die Langzeit­speicherung von Daten ganz andere Fragen aufwirft als die Auf­bewahrung von Papieren und Pergamenten. Andererseits, weil immer mehr Nutzer Archivbesuche durch Netzrecherchen ersetzen oder wenigstens effektiv vorbereiten möchten. Die Website "Archive in NRW" bietet ihnen die geeignete Anlaufstelle. 450 Einrichtungen sind hier bereits vertreten, teilweise mit elektronischen Findbüchern. Digitalisierte Originale werden in absehbarer Zeit hinzukommen. Nicht zu verwechseln damit ist das im Aufbau befindliche "Digitale Archiv Nordrhein­-Westfalen", das Lösungen zur dauerhaften Erhal­tung digitaler Kultur­- und Archivgüter anbieten will. Da es aber noch nicht in Betrieb gegangen ist, bietet es uns die Gelegenheit, unser Thema hier mit ein wenig Zukunftsmusik ausklingen zu lassen.
Widergeburt eines Archivs

Der Einsturz des Kölner Stadt-archivs verursachte schwerste Schäden am Archivgut. Manches ist für immer verloren, doch das meiste wird in den kommenden Jahren und Jahrzehnten wieder restauriert werden. <br />
<small>Bild: picture alliance / AP / Mark Keppler</small>
Der Einsturz des Kölner Stadt-archivs verursachte schwerste Schäden am Archivgut. Manches ist für immer verloren, doch das meiste wird in den kommenden Jahren und Jahrzehnten wieder restauriert werden.
Bild: picture alliance / AP / Mark Keppler
Als am 3. März 2009 um 13:58 Uhr mit dem Kölner Stadtarchiv eines der bedeutendsten Kommunalarchive Europas einstürzte und dabei zwei Anwohner auf tragische Weise starben, schien der Großteil der verschütteten Archivalien für immer verloren zu sein. Zu ihnen zählten zum Beispiel die bis ins hohe Mittelalter zurückgehenden Kölner Schreinsbücher, die einzigartige Einblicke in die Entwicklung des Grundbuchwesens vermitteln. Doch nicht nur die Schreinsbücher, sondern sogar 95 Prozent des gesamten Archivbestands konnten schließlich geborgen werden. Eine Reihe besonders wertvoller Stücke ist bereits wiederhergestellt, insgesamt werden die Restaurierungsarbeiten aber noch Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Ohne Kooperationspartner wären sie überhaupt nicht zu bewerkstelligen. Noch bis zum 11. Januar 2015 zeigt derzeit die Ausstellung "Die Wiedergeburt eines Archivs. Westfalen hilft Köln" im Stadtmuseum Münster, wie stark sich westfälische Einrichtungen – darunter das LWL-Archivamt für Westfalen – an den Rettungsarbeiten beteiligen und welche Methoden dabei zum Einsatz kommen.

Zu den Verlusten des Kölner Archivs gehören auch Fotos von Elizabeth "Lee" Miller (1907 – 1977), einer amerikanischen Bildjournalistin, die im Zweiten Weltkrieg dokumentarisch tätig war und dabei im März 1945 das zerstörte Köln fotografierte. Diese seltenen Aufnahmen liegen neuerdings in einem von der NRW-Stiftung unterstützten Bildband vor: Lee Miller, Köln im März 1945, herausgegeben von der Historischen Gesellschaft und dem Zentralen Dombauverein Köln. Greven Verlag 2013.
ISBN 978-3-7743-0618-9

Stand der Angaben: Stifungsmagazin 2014/2





Seit ihrer Gründung konnte die NRW-Stiftung mehrfach helfen, Sammlungen und Archive aufzubauen oder zu pflegen. Das Spektrum reicht von der Sicherung und Erschließung kompletter Handschriftenbestände wie im Falle des Aachener Lyrikers Ernst Meister (1911 – 1979) über den Ankauf einzelner Autografen weltberühmter Künstler wie Heinrich Heine oder Robert Schumann bis hin zur Bewahrung von nachgelassenen Dokumenten des westfälischen Schriftstellers und Heimatforschers Friedrich Ernst Hunsche (1905 – 1994).

An vielen Orten kümmern sich Heimatvereine und Kulturinitiativen – unterstützt von der NRW-Stiftung – um die Pflege von Archiven und Sammlungen. Ein ungewöhnliches Beispiel bietet etwa das Jakob-Imig-Archiv in Louisendorf bei Kleve, wo Texte einer pfälzischen Sprachinsel am Niederrhein bewahrt werden. Auch die Arbeit der Friedrich-Wilhelm-Weber-Gesellschaft im ostwestfälischen Bad Driburg unterstützte die NRW-Stiftung mehrfach beim Ankauf wertvoller Dokumente des Arztes, Politikers und Dichters, der 1894 in Nieheim starb. Dort erinnert heute eine Gedenkstätte an sein Wirken.

Auch die Sammelarbeit für den Naturschutz erhielt Unterstützung von der NRW-Stiftung. So haben Insekten- und Käferkundler oft eindrucksvolle Archive zu wichtigen Teilen unserer Tierwelt angelegt. Mithilfe der NRW-Stiftung erworbene Pflanzensammlungen wie das Rheinische Herbar in Bonn dokumentieren für spätere Generationen zudem historische Zustände der heimischen Flora.
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