SPECHTE IM STIFTUNGSWALD

WER KLOPFT?

Mittelspechte sind wählerisch, sie wollen alte Eichen.<br />
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Bild: Stefan Ott / piclease
Mittelspechte sind wählerisch, sie wollen alte Eichen.

Bild: Stefan Ott / piclease
Spechte sind zuverlässige Informanten: Jede Art hat ganz charakteristische Ansprüche an ihren Lebensraum. Durch ihre Anwesenheit oder ihr Fehlen teilen uns die gefiederten Zimmerleute also viel über den Zustand eines Waldes oder einer alten Parkanlage mit. Als sogenannte "Zeigerarten" sind Spechte auch deshalb gut geeignet, weil man sie ganzjährig beobachten kann. Im Gegensatz zu vielen anderen Insektenfressern unter den Vögeln ziehen sie im Herbst nicht nach Süden. Selbst wenn man sie nicht "persönlich" in ihrem Revier antrifft, kann man immer noch ihre typischen Spuren finden: aufgemeißeltes Totholz, Nisthöhlen oder Spechtschmieden.

Von Dezember bis März lassen sich Spechte sogar besonders gut beobachten, weil die kahlen Bäume einen besseren Durchblick erlauben. Außerdem beginnen viele Spechte bei klarem Wetter schon ab Januar mit der akustischen Reviermarkierung. Für ihre artspezifischen Trommelwirbel benutzen sie am liebsten abgestorbene Äste im Wipfel einer Baumkrone. Wo Totholz fehlt, testet der Buntspecht schon mal Dachantennen oder Blechverkleidungen auf ihre Resonanz.

Der Buntspecht - Ein Allrounder

Dass der Große Buntspecht alle anderen Verwandten an Häufigkeit weit überflügelt, dürfte daran liegen, dass er nicht ausschließlich Insekten frisst, sondern auch pflanzliche Nahrung verwertet. Im Winter können Sämereien fast die Hälfte seiner Diät ausmachen – man muss als Specht nur gelernt haben, wie man etwa die Samen aus sperrigen Fichtenzapfen herausholen kann: Dazu erweitert er an Baumstümpfen kleine Spalten, klemmt dann das Werkstück ein und bearbeitet es anschließend mit dem Schnabel. Unter einer solchen Spechtschmiede sammelt sich nicht selten eine ganze Halde geleerter Fruchtstände. Einige Buntspechte haben darüber hinaus ein Faible für Flüssiges. Sie können im Frühjahr die Rinde von Birken, Linden oder Eichen löchern und lecken dann den zuckerreichen Blutungssaft. Die Technik solcher "Schluckspechte" wird Ringeln genannt, weil die Zapflöcher meist dicht nebeneinanderliegen und einen Ring um den Stamm bilden können.

Mit Harpune und Leimrute

Der spatzengroße Kleinspecht ruft ähnlich wie ein Turmfalke "kikikikikiki".<br />
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Bild: Hans Glader / piclease
Der spatzengroße Kleinspecht ruft ähnlich wie ein Turmfalke "kikikikikiki".

Bild: Hans Glader / piclease
Der Titel als Zimmermeister des Waldes gebührt zweifellos dem krähengroßen Schwarzspecht. Dabei steht die Zimmerfrau dem Zimmermann in Sachen Holzbearbeitung nicht nach, denn beide Partner wechseln sich beim Bau ihrer Höhle ab. Für diese dreiwöchige Arbeit in einem lebenden dicken Buchen- oder Kiefernstamm müssen sie im Schnitt über 150.000-mal zuhacken. Auch bei der Nahrungssuche ist der Schwarzspecht nicht zimperlich. Er meißelt die Verstecke von holzbewohnenden Käfer- und Wespenlarven so lange auf, bis er diese harpunieren und aus ihren Gängen ziehen kann. Dafür ist seine Zunge am Ende mit kleinen Häkchen besetzt. Anders als Schwarz- und Buntspecht, die im Wald leben, liebt der Grünspecht alte Obstwiesen, Parks oder Flussauen mit Pappeln. Früher betrachtete man seinen lachenden Balzruf als Ankündigung für Regenwetter. Tatsächlich rufen Grünspechte von Februar bis April besonders intensiv, wenn eine Warmfront mit Niederschlägen anrückt. Beim Nestbau nimmt der Grünspecht den Weg des geringsten Widerstands, er bessert vorhandene Baumhöhlen einfach aus oder sucht Stämme mit Fäulnisherden. Sein Schnabel ist nämlich weniger ein Meißel als vielmehr ein Kombiwerkzeug aus Stechbeitel und Pinzette. Damit kann er morsches Holz aufhebeln oder die Gänge von Insekten erweitern. Seine Zunge ist von zähem Speichel überzogen, an dem die Kerbtiere wie an Fliegenpapier hängen bleiben. Den Grünspecht als Vogel der Täler und des Tieflandes vertritt im Mittelgebirge der Grauspecht. Beide haben eine ausgeprägte Vorliebe für Erdameisen und sind deshalb auch viel am Boden unterwegs. Ameisennester können sie sogar unter dem Schnee wiederfinden, vorausgesetzt, sie haben sich deren Lage schon im Herbst gemerkt.

Übrigens, wer glaubt, die Gefieder unserer Spechte seien verräterisch farbig, der hat noch nie den Buntspecht an einer Birke oder den Grauspecht an einem bemoosten Buchenstamm gesucht. Solange die Vögel bewegungslos verharren, sind sie praktisch unsichtbar. Dafür sind ihre lauten Rufe umso auffälliger.
Wussten Sie schon ...

... dass Spechte ihre Schwanzfedern beim Klettern wie ein drittes Bein benutzen? Sie sind erheblich steifer als normale Federn. Als elastisches Widerlager helfen sie, in senkrechter Sitzhaltung das Körpergewicht zu verteilen.

... dass die Innenzehen der Spechte fast um 180 Grad drehbar sind? Der Wendezeh kann wahlweise nach vorn oder nach hinten gerichtet sein. Das sorgt in jeder Position für optimalen Halt.

... dass der Grünspecht die längste Zunge aller heimischen Vogelarten hat? Er kann sie bis zu zehn Zentimeter weit aus dem Schnabel vorstrecken, das entspricht einem Drittel seiner eigenen Körperlänge. Damit kann er Ameisen aus ihren Gängen holen, ohne deren Bau aufbrechen zu müssen.

... dass die Trommelwirbel des Schwarzspechts bis zu zwei Kilometer weit hörbar sind? Diese Reichweite entspricht etwa dem Radius des Reviers. Fremde Artgenossen werden so schon an der Reviergrenze "fernmündlich" gewarnt.

... dass die Spechtjungen in der Höhle anfangs zu einer sogenannten Wärmepyramide zusammenrücken? Auf diese Weise kühlen sie nicht aus, wenn die Eltern auf Futtersuche sind.

... dass Spechte nicht nur in der Brutzeit, sondern ganzjährig in Baumhöhlen schlafen? Die meisten haben in ihrem Revier mehrere "Schlafzimmer", zwischen denen sie unregelmäßig wechseln. Schlafhöhlen sind oft einfacher gebaut und nicht so tief wie die für die Kinderstube.

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 2013/3





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Die NRW-Stiftung besitzt etwa 1.500 Hektar Wald und Obstwiesen, in denen alle sechs heimischen Spechtarten vorkommen. So etwa der Grünspecht im Rotbachtal und der Grauspecht im Urfttal in der Eifel, der Schwarzspecht zum Beispiel in der Buchennaturwaldzelle Hermannsberg im Teutoburger Wald.

Projektbericht NSG Rotbachtal
www.nrw-stiftung.de/projekte/projekte.php?pid=699

Projektbericht Naturwaldzellen NRW
www.nrw-stiftung.de/projekte/projekt.oho?pid=045

Projektbericht NSG Stolzenburg und Achelnochhöhle
www.nrw.nrw-stiftung.de/projekte/projekte.php?pid=212

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